Samstag, 5. April 2008

Trinkgeld

Sich in den Alltag eines anderen Landes zu katapultieren, bringt tausend kleine Unwägbarkeiten mit sich – selbst wenn man einigermaßen mit dem Terrain vertraut ist. Manchmal ist es aber auch der eigene soziale Status, der sich verändert hat und das Erlernen neuer Kulturtechniken erfordert. Etwa beim Trinkgeld.

Bei unseren früheren Aufenthalten in Chile gehörten wir im weitesten Sinne der Backpacker-Klasse an, die sich um eine korrekte propina wenig Gedanken machen muss. Erstens weil man selbst nicht allzu viel hat, zweitens, weil man die möglicherweise düpierten Empfänger so schnell nicht wiedersieht. Jetzt sind wir – ebenfalls im weitesten Sinne – Teil der chilenischen Mittelschicht, mit Haus und Auto und einem für hiesige Verhältnisse überdurchschnittlichen Auskommen. Außerdem werden wir für geraume Zeit am Ort bleiben. Das erfordert überlegtes Handeln.


Was gibt man denn den freundlichen jungen Menschen, die einem im Jumbo-Supermarkt demütig die Einkäufe in Plastiktüten stecken? Universitario steht auf ihren Polo-Shirts, und Studieren ist in Chile ein teurer Spaß. Also lassen wir uns nicht lumpen. Aber was heißt das konkret? Sind 100 Pesos (14 Cent) wirklich genug? Wären 500 gnadenlos übertrieben, ließe sich das vielleicht als Geste der Herablassung missdeuten? Man müsste überschlagen, wie viele Kunden pro Schicht durch eine dieser Kassen kommen. Ach, lieber nicht.

Wir pendeln uns bei 150 Pesos ein. Susanne, die seit anderthalb Jahren hier lebt, gibt das Doppelte, um sich so, wie sie selbstironisch sagt, ein reines Gewissen zu kaufen: „Ich finde es immer noch ziemlich irritierend, in einem Entwicklungsland zu den Besserverdienenden zu gehören.“ Da hat sie Recht. Die Studenten im Jumbo stecken das Geld übrigens ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. Das wurde ihnen wahrscheinlich als unschöne Geste untersagt.


So geht es weiter. Im Restaurant ist es noch am einfachsten, da gilt die Zehn-Prozent-Faustregel, die in jedem Reiseführer steht. Aber erwartet der Tankwart, dass man ihm zusätzlich zu dem glatten Betrag, für den man hier üblicherweise das Auto auffüllen lässt, noch ein paar Münzen durchs Fenster reicht? Wenn es sich nicht um eine Routineleistung handelt, kann man wenigstens ganz naiv fragen – wie den netten Mann neben der staubigen Zapfsäule am Rande des Vicente-Pérez-Rosales-Nationalparks, der uns Luft auf die Reifen pumpt und den Druck in Ermangelung eines Messgeräts per Fußtritt ermittelt. Cuánto le debo, was bin ich Ihnen schuldig? So einfach geht das. Lo que Usted estime conveniente, lautet die sibyllinische Antwort: Was Sie für angemessen erachten. Wir sind so schlau wie zuvor.


Dem Bettler auf der Straße, der nach einer gambita fragt, kann sofort geholfen werden, schließlich gibt er den gewünschten Betrag (gamba = Slang für 100 Pesos) selbst an. Der kleinen Frau, die vor ein paar Tagen mit einem Müllsack vor unserer Haustür stand und höflich nach „irgendeiner Hilfe, Essen oder Kleidung“ fragte, schenkte ich dagegen nach kurzem Überlegen mehrere Packungen Grillwürste, die bei einer Party übriggeblieben waren. Sie waren noch frisch und von guter Qualität, aber in Wirklichkeit wollte sie niemand von uns essen. Wie nennt man so etwas? Nächstenliebe mit Köpfchen? Abgebrühtheit? Ich habe keine Ahnung.


Freitag, 4. April 2008

Letzte Meldungen

Das chilenische Verfassungsgericht hat am Mittwoch einen folgenschweres Urteil gefällt: Es folgte mit knapper Mehrheit (5 zu 4) der Beschwerde einer rechtskatholischen Parlamentariergruppe vom Februar 2007, die den Verkauf der píldora del día después, der „Pille danach“, insbesondere aber deren kostenlose Abgabe durch staatliche Gesundheitseinrichtungen untersagen will. Damit haben die Rechten einen Kampf gewonnen, den sie seit der Zulassung des Medikaments im Jahr 2001 durch die regierende Mitte-Links-Koalition führen.


Die Veröffentlichung des Richterspruchs steht noch aus. Zu befürchten ist, dass auf seiner Grundlage nicht nur die „Pille danach“, sondern sogar die Spirale und orale Kontrazeptiva – also die „normale“ Pille - verboten werden müssten. Wenn's nicht ganz so dick kommt, könnte zumindest die Abgabe der "Pille danach" an staatlichen Polikliniken oder Krankenhäusern ein Ende haben. Betroffen wären nach allen verfügbaren Studien vor allem die armen Chileninnen, die sich ein solches Medikament im freien Verkauf nicht leisten können. Laut Gesundheitsministerium bekommt in den ärmsten Bevölkerungsschichten eine von fünf jungen Frauen unter 20 Jahren ein Kind, am oberen Ende der Wohlstandsskala ist es nur eine von dreißig.


Vertreter der Regierungsparteien haben sich bereits geäußert und prognostizieren einen dramatischen Anstieg ungewollter Schwangerschaften und heimlicher Abbrüche. Der Vorsitzende des chilenischen Instituts für Reproduktionsmedizin ICMER, Horacio Croxatto, der zur „Pille danach“ forscht, hält laut Tercera das Urteil für das „gravierendste Ereignis des laufenden Jahrhunderts“: „Damit hat wieder einmal die Kirche über Wissenschaft und Menschenrechte gesiegt. In Chile wird eine moralische Diktatur errichtet.“


Bislang ist die „Pille danach“ weltweit lediglich in vier Staaten verboten: in Ecuador, Costa Rica, Uganda und den Philippinen. Alles Länder, in denen die katholische Kirche eine wichtige Rolle spielt oder das religiöse Monopol innehat.


Derweil erinnert das Editorial des Llanquihue, unserer Lokalzeitung, an den Besuch von Karol Wojtyła in Puerto Montt vor exakt 21 Jahren. Am 4. April 1987 flog der damalige Papst für einen Vier-Stunden-Besuch ein, schipperte durch die Bucht, las eine Messe auf der Uferpromenade und bekam dafür später ein eigenes Museum - das einzige in der Stadt. Durch seine Visite habe seine Heiligkeit so viel Liebe und Zuneigung für die Puertomontinos bewiesen, schreibt das Blättchen, dass es höchste Zeit sei, an der Stelle, wo seinerzeit der Altar stand, ein Denkmal für Johannes Paul II. zu errichten.


Löschexperten

Das Thema Sicherheit genießt an Chiles Tankstellen einen hohen Stellenwert.

Donnerstag, 3. April 2008

Was das hier soll

Wenn Geschichte sich wiederholt, muss das keine Farce sein: Es kann sich auch um einen glücklichen Zufall handeln.


Mein erster Aufenthalt in Chile begann im Juli 1989 und endete im März 1991. Diesseits der Anden ging die Ära Pinochet zu Ende, in Deutschland die DDR, wovon ich kaum etwas mitbekam. Es hieß damals, ich leiste einen „Anderen Dienst im Ausland“. Das muss wohl so gewesen sein. Woran ich mich deutlicher erinnern kann, sind Begegnungen mit wunderbaren Menschen, traumhafte Landschaften, allerlei Anekdotisches und eine Sprache, die mir mindestens so gut gefiel wie meine eigene. Von nun an war Chile eine Konstante in meinem Leben – auch wenn die Abstände meiner Besuche immer größer wurden.

Dass S.* und ich die Leidenschaft für dieses Land teilen, traf sich hervorragend. Man könnte auch sagen: Ohne Chile würden wir uns gar nicht kennen. Die Chance, gemeinsam mit unseren Kindern wenigstens zwei Jahre in Chile verbringen zu können, hätten wir noch vor einem guten Jahr für recht unwahrscheinlich gehalten. Ermöglicht hat es uns die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Köln, womit nicht zuletzt bewiesen wäre, dass Köln auch Vorzüge hat.


An einer der deutschen Tradition und Sprache verpflichteten Bildungseinrichtung bringt S. nun Jugendlichen die Sprache ihrer Urgroßeltern wieder nahe - oder das, was daraus inzwischen geworden ist. Mein Dienst ist diesmal der Dienst an der Familie, den ich mit Freuden leiste. Weil ich aber in den vergangenen 17 Jahren unter anderem ein wenig schreiben gelernt habe, nutze ich die Gelegenheit und die technologische Entwicklung, mit diesem Blog ein paar Eindrücke und Überlegungen weiterzugeben.


Das wird nicht jeden interessieren. Mit Sicherheit jedenfalls wird keinen potenziellen Leser alles interessieren, was mir zu notieren einfällt. Muss es auch nicht. Wenn jemand irgendeinen meiner Gedanken oder eines meiner Bilder bedenkens- oder betrachtenswert findet, will ich zufrieden sein. In jedem Fall sind alternative Informationsquellen nur einen Klick entfernt. Stellte sich hingegen Feedback in Form von Kommentaren oder Mails ein, wäre mein Glück vollkommen.


Nun denn: manos a la obra.


* Diese Texte erscheinen im Internet, also an einem öffentlichen Ort. Das hat viele Vor- und einige Nachteile. Aus Gründen der Diskretion habe ich mich entschieden, die Namen von Familienangehörigen und Freunden entweder durch ein Kürzel oder ein Alias zu ersetzen. Mein Name ist ja bekannt.