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Sonntag, 10. Mai 2009

Teuer gratis surfen

Screenshot: www.telefonicachile.cl

Chile ist vernetzter als jedes andere lateinamerikanische Land, so viel steht fest. Die Dichte hochwertiger, also schneller Internetanschlüsse ist enorm, aber noch bleiben große Lücken in der Fläche. Vor allem ärmere Haushalte können es sich nicht leisten, sich das Netz ins Haus zu holen - aber jetzt hat sich Telefónica Chile, Tochter der spanischen Telefónica und landesweit größter Anbieter, etwas ganz Innovatives ausgedacht und seit Wochen aggressiv beworben: Banda Ancha Libre heißt es, sprich: Breitband für lau. "Surf gratis - und das für immer" lautet der Slogan, und beim Produkt-Launch in der vergangenen Woche war auch Pablo Bello da, Staatssekretär für Telekommunikation, der sich persönlich als Speerspitze der Digitalisierung versteht und im Vorstand der Stiftung País Digital sitzt.

Inzwischen haben viele aufmerksame Blogger das Kostenlos-Internet analysiert (hier, hier oder hier ) und als großen Schwindel gebrandmarkt. Dass man für einmal Modem-Kaufen à 29.900 Peso (knapp 40 Euro) mitnichten einen lebenslangen Freipass ins WWW, sondern bloß ins Chilean Wide Web erhält, ist der Werbung zumindest noch klar zu entnehmen: Nur Sites mit der Länderkennung ".cl" kann man gratis ansteuern, da fällt das meiste, was heute so Spaß macht - von Youtube bis Facebook - schon mal weg. Weniger deutlich erkennbar ist, dass sich der Zugriff auf dieses chilenische Intranet mit 300 kbps ehrlicherweise kaum als "Breitbandzugang" definieren lässt. Richtig gemein wird es bei den Bedingungen, unter denen die Frei-Nutzer ihren Zugang temporär aufs Weltnetz ausdehnen und gleichzeitig beschleunigen können. Das wird nämlich ganz schnell ganz teuer, und hätte Telefónica nicht eine Kappung bei 15.000 Pesos (30 Euro) pro Monat eingebaut, landeten die armen Billigsurfer ganz schnell in der Schuldenfalle.

Den ganz Armen bleibt für die Überwindung der "digitalen Kluft" immerhin der Gang in eines der vielen telecentros comunitarios, wo sie (auch bei uns in Puerto Montt) kostenlos ins Netz eingewiesen werden und surfen können - völlig kostenlos.

Freitag, 5. Dezember 2008

Wenn Bürger schreiben

Wenn das mal keine ungleichen Partner sind: CNN Chile und das chilenische Netzwerk Bürgerjournalismus sind eine "strategische Allianz" eingegangen, von der beide Medien profitieren sollen. "Netzwerk Bürgerjournalismus" ist ein wenig eingedeutscht, es müsste eigentlich "Netz der Bürgerzeitungen" (Red de Diarios Ciudadanos) heißen, aber das klingt so altbacken.

Dabei handelt es sich um ein faszinierendes Unterfangen, das in Lateinamerika, aber auch in Europa seinesgleichen sucht. Was vor drei Jahren mit dem Morrocotudo, einem diario ciudadano in Chiles nördlichster Stadt Arica begann, umfasst inzwischen mittlerweile zehn Webauftritte in verschiedenen Regionen des Landes. Die Bürgerzeitungen sind nämlich alle virtuell, quasi Kollektiv-Blogs mit redaktioneller Betreuung. Vergleichbar in Deutschland wäre vielleicht der Hauptststadtblog, der freilich sehr viel subjektiver daherkommt.

Bezeichnend für die chilenischen Online-Bürgerzeitungen ist auch, dass die allermeisten in der Provinz entstehen - vielleicht eine Reaktion auf das verbreitete Gefühl, von den "großen" Medien nicht wahrgenommen zu werden, die thematisch immer um die Hauptstadt kreisen, aber auch der Versuch, den verschnarchten Regionalzeitungen etwas in Eigeninitiative entgegenzusetzen. Und offenbar haben viele Bürger Spaß daran, ein wenig Lokaljournalismus zu betreiben und die Themen, die sie anderswo vermissen, selbst aufs Tapet zu heben.

Und was steht drin? An einem ganz normalen Tag berichtet der Repuertero, das diario ciudadano für Puerto Montt und die Llanquihue-Provinz von Gehwegen, die während des Kommunalwahlkampfs schnell, aber nicht behindertengerecht saniert wurden, vom Tag der offenen Tür in einem Jugendkulturzentrum, von einem Treffen der Opfer des Vulkanausbruchs von Chaitén und von einer Kreditlinie des Bauministeriums, die den Erwerb von Wohneigentum fördern soll. Nichts Weltbewegendes, aber Themen, die die Leute vor Ort etwas angehen. Entsprechend fleißig nutzen diese die Kommentarfunktion.

Weil die Webseiten dennoch professionell gemanagt werden, kosten sie auch Geld. Eine Menge lässt sich über Werbung refinanzieren, das Startkapital stellte die von Fernando Flores gegründete Stiftung Fundación Mercator zur Verfügung, die sich die Verbreitung digitaler Kultur zur Aufgabe gemacht hat. Flores, heute unabhängiger Senator, war einer der jüngsten Minister Allendes, in den Anfangszeit der Diktatur jahrelang inhaftiert und später in Kalifornien exiliert.

Die Kooperation mit CNN Chile, einem TV-Sender, der in diesen Tagen startet, sieht offenbar wie folgt aus: Der Medienriese stellt den Medienzwergen nationale und internationale Nachrichten (bzw. "Contents") zur Verfügung und darf im Gegenzug auf das Material zurückgreifen, das die schreibenden, fotografierenden und filmenden Bürger bienenfleißig zusammentragen. Man ahnt: CNN interessiert sich nicht für, sagen wir, Relexionen über den neuen Bebauungsplan in einer chilenischen Provinzstadt, dafür aber für exklusiv nutzbares Videomaterial, wenn mal wieder irgendwo etwas in die Luft fliegt, absäuft oder sonstwie Schaden nimmt. Wenn's der guten Sache dient.

Dienstag, 23. September 2008

Religiöse Spinner, remixed

Religiosität hat viele Gesichter, eines der gruseligsten sind die fa­na­ti­schen Pre­dig­ten evangelikaler Christen. Auch in Chile gehören ihre thea­tra­li­schen Tiraden zum akus­ti­schen Inventar der Innenstädte und der ar­men Peripherie, während die Ober­schicht eher diskreten Sekten wie dem Opus Dei zugeneigt ist.

Ein besonders krasses Exemplar geistert seit einiger Zeit durchs In­ter­net: Nezareth Casti Rey, ein kleiner peruanischer Junge, der vor Tau­sen­den die Irr­leh­ren der Evo­lution verdammt (und was man als Evan­ge­likaler noch so alles geißelt).


Zum Glück ist das Internet nicht nur in der Lage, solcherlei zu mul­ti­pli­zie­ren, es bie­tet auch Raum für Parodien, die das Grauen an­ge­nehm ent­schär­fen. Nezareth, der mittlerweile 17 ist, aber mun­­ter weiterpredigt, wur­de schon vielfach re­mixt, unter anderem von einem chilenischen DJ. Kei­ne große Kunst, aber doch lustig:

Montag, 8. September 2008

Champions im Wahlkampf

Nirgendwo kann man das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophe­zeiung derzeit besser nachvollziehen als bei Youtube-Hypes: Irgendwer lädt ein lustiges Filmchen ins Netz und jemand anderes schreibt eine On­line-Meldung, dass alle ganz verrückt nach diesem Filmchen sind. Wer das liest, will natürlich wissen, was die anderen daran finden, und prompt explodiert die Klickrate. So geschieht es gerade in Chile mit diesem Clip:


Das Queen-Cover ist Teil der Kampagne, die Ricardo Jeldes, derzeit Leiter des Grünflächenamts von Quilpué und Kandidat der rechten Partei Renovación Nacional (RN), bei den Kommunalwahlen am 26. Oktober in den Bür­ger­meis­ter­ses­sel und den am­tieren­den Sozia­listen hinaus­­ka­ta­pultieren soll. Der neue Text ist leicht zu merken, im Refrain heißt es:

Ricardo Jeldes wird / der neue Bürgermeister von Quilpué. / Ricardo Jeldes, / Ricardo Jeldes, / dies ist die Zeit / von Ricardo Jeldes / in Quilpué.

So schlecht der Clip gemacht ist, so eingängig bleibt die Melodie, und nach drei­maligem Anhören (für diesen Post) klebt der bescheuerte Song dem Autor schon im Ohr.

Gesungen hat der 56-jährige Jeldes übrigens nicht selbst - dabei kann er das auch bzw. tut es gern. Auf Youtube stehen einige Knödeleien von ihm herum, wie die­se italienische Schnulze, die er mit Bildern seiner letzten Italienreise unterlegt hat:


Letzteres sollten nur ganz Hartgesottene anklicken.

Dienstag, 26. August 2008

Richter, General und Folterknecht

Unbedingt ansehen: Nur noch bis zum 2. September ist der, wie ich finde, hervorragende US-Dokumentarfilm "The Judge and the General" im Netz abrufbar. Die für den Public Broadcasting Service (PBS) produzierte Doku beschreibt, wie der chilenische Richter Juan Guzmán ab 1998 und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2005 gegen Augusto Pinochet und andere Täter der Diktatur ermittelte. Guzmán hatte 1998 eine Sammelklage von Angehörigen Ermordeter und Verschleppter übernommen, nicht weil er sich besonders für diese Fälle interessiert hätte, sondern weil es das interne Turnusverfahren des Gerichtshofs so ergab.

Die eigentliche Geschichte, die der Film erzählt, steckt denn auch weniger in der Tatsache, dass Guzmán erreicht hat, die Selbstamnestie der Militärs aufzuhebeln (was spannend genug ist), sondern in seiner Wandlung von einem stillen Befürworter des Pinochet-Regimes hin zu einem seiner gefährlichsten Verfolger. Der Richter, der weite Teile der Doku aus dem Off in sauberem Englisch selbst kommentiert, ist ein Schöngeist, ein Mann mit Siegelring und Manschetten, ein Antiquitätensammler. Einer, der ursprünglich Diplomat werden wollte. Die Begegnung mit den Opfern der Diktatur und die Indizien der fürchterlichen Verbrechen, die er im Laufe der Ermittlungen findet, öffnen ihm die Augen für eine Geschichte der Unmenschlichkeit, die er vorher völlig ausgeblendet hatte. "Ich hätte nie gedacht, dass unsere ehrenhafte Armee in solche Vorgänge verwickelt gewesen wäre", sagt Guzmán, "ich hatte das immer für kommunistische Propaganda gehalten."

Die Autoren des Films haben sich auf zwei Fälle konzentriert, in denen Juan Guzmán ermittelt hat: eine als Unfall kaschierte Hinrichtung im Rahmen der sogenannten Caravana de la Muerte sowie Folterung, Tötung und Verschwindenlassen zweier junger MIR-Aktivisten. Besonders perfide im letzteren Fall das Vorgehen des militärischen Geheimdienstes, der DINA: Die Agenten zwangen die Mutter der Ermordeten, den Aufenthaltsort des Paars preiszugeben, indem sie damit drohten, ihr die Enkelin - die Tochter der Ermordeten - wegzunehmen. "Ich hatte die Abgründe der menschlichen Natur durch die Literatur kennen gelernt", sagt Guzmán, "aber so viel Bösem hatte ich selbst nie ins Auge gesehen." Bei seiner Ermittlungsarbeit, etwa wenn er sich im forensischen Institut erklären lässt, weshalb die Bruchstellen am Schädel eines exhumierten Opfers auf eine Schussverletzung hinweisen, wirkt Guzmán hoch konzentriert, professionell interessiert, eher unbewegt. Seine Gegner haben ihm Profilierungssucht vorgeworfen, dieser Film belegt das nicht.

Kaum auszuhalten ist eine Szene, die den "Guatón Romo", den zu lebenslänglicher Haft verurteilten und im vergangenen Jahr gestorbenen Folterer Osvaldo Romo im Gefängnis zeigt: ein schmuddeliger, untersetzter Mann, der das Knastessen gierig in sich hineinschaufelt und kein Problem damit hat, die von ihm praktizierten Methoden zu erklären. Wie gesagt: unbedingt ansehen.

Montag, 25. August 2008

Allende in Klötze

Puerto Montt, unsere kleine, verregnete Stadt im Süden des Landes, besitzt etwas, was in Chile noch lange nicht Normalität ist: eine Salvador-Allende-Straße. Die steil ansteigende und ziemlich unansehnliche Ausfallstraße, die kürzlich bis zur Uferpromenade verlängert wurde (im Rahmen des Infrastrukturprogramms zur 200-Jahr-Feier der chilenischen Unabhängigkeit) dürfte sogar eine der größten und längsten im Lande sein. In Santiago gibt es lediglich eine Avenida Salvador Allende weit draußen an der Peripherie, dafür aber immer noch eine Avenida 11 de Septiembre zur dankbaren Erinnerung an den Putsch von 1973.

Was in Chile rar ist, gibt es andernorts zuhauf. Diese hübsche Website hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Salvador-Allende-Straßen und -Gassen, -Ruen und -Avenuen der Welt fotografisch zu dokumentieren. Auch Schulen, Krankenhäuser und Bibliotheken sind dabei, sowie ein Öltanker namens Pablo Neruda und ein Planet namens Víctor Jara. Mit Abstand führend bei der Allende-Ehrung per Straßenschild ist Frankreich. Weit abgeschlagen dahinter Deutschland, das, dem Osten sei Dank, immerhin an die zwei Dutzend Nennungen beisteuern kann. Wir erfahren von einer Allende-Schule in 38486 Klötze, aber auch von einem Allende-Haus in 45739 Oer-Erkenschwick. Das FDGB-Erholungsheim Salvador Allende im Templin ist freilich längst geschlossen und dem Verfall preisgegeben.