Montag, 30. Juni 2008

Nochmal: Allende

Wer war eigentlich dieser Allende? Sehr erhellend fand ich die Antworten chilenischer Teenager, die letztens im TV zu sehen waren. Sie zeigten zweierlei: dass es immer noch ein paar hoch politisierte junge Leute in Chile gibt, das Gros der Unter-18-Jährigen aber keinen Schimmer hat, was die sozialistische Regierung der Unidad Popular (UP), den Putsch und die Diktatur angeht. "Ich weiß, dass er in der Moneda ums Leben gekommen ist", sagte ein Mädchen. "Aber was er da gemacht hat - keine Ahnung." Andere rätselten, ob Allende ein linker oder ein rechter Präsident war. Oder ein Politiker aus der Pinochet-Ära? Oder doch ein Dichter? Das erinnert stark an ähnliche Umfragen in Deutschland, Thema "Was war noch mal die DDR?" Da vermuten Schüler bekanntlich auch die absurdesten Dinge, und man kann es ihnen nicht einmal vorwerfen, denn es kommt ja vielmehr darauf an, wer ihnen was und in welcher Form vermittelt. Bei politisch heiklen Themen, wie es die jüngste Vergangenheit Chiles zweifellos ist, wird die Informationslage dann oft gefährlich dünn. Wir werden darauf zurückkommen.


Brille und Bourgeoisie: Allende mal in Farbe

Ein ganz anderer Aspekt: Im Vergleich zu seinen südamerikanischen Nachbarn hat der chilenischen Staat zurzeit wenig finanzielle Sorgen. Das liegt zu großen Teilen am exorbitanten Kupferpreis, denn Chile ist nach wie vor weltgrößter Kupferexporteur, der Rohstoff begehrt wie nie zuvor und die chilenische Kupferförderung in staatlicher Hand. Dank Allende. Die
nacionalización del cobre, die Enteignung der US-amerikanischen Kupfergesellschaften, war wohl die einzige Maßnahme der UP, die Pinochet nicht rückgängig gemacht hat. Mit gutem Grund, denn die Einnahmen sprudeln und wollen nicht versiegen. Dass ausgerechnet die Chinesen mit einem quasi-kapitalistischen Boom den Kupferpreis in solche Höhen treiben würden (zurzeit kostet die Tonne über 8.500 Dollar, vor fünf Jahren waren es noch 2.000 Dollar), damit allerdings hat Allende wohl kaum gerechnet.


Weil "Rohstoff" irgendwie nach Unterentwicklung klingt, hat sich in den chilenischen Medien übrigens der Begriff commodity eingebürgert. Was in einem spanischsprachigen Kontext Eindruck schindet, aber letztlich auch nichts anderes bedeutet.

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