Montag, 1. März 2010

Vermisst und verwirrt

Das idyllische Bild ganz oben habe ich Ende Dezember bei Curanipe aufgenommen. Curanipe liegt in der Maule-Región und wenige Kilometer vom Epizentrum des großen Bebens entfernt. Die Stärke der Erdstöße an dieser Stelle (8,8) mag man sich gar nicht vorstellen, aber schlimmer als die Erschütterungen waren in Curanipe und den benachbarten Küstenorten die Flutwellen, die eine Viertelstunde später den Uferstreifen verwüsteten. Viele Menschen haben offenbar direkt nach dem Beben das einzig Richtige getan und sind landeinwärts bzw. bergauf geflüchtet. Alle schafften das leider nicht - oder hielten es in Ermangelung einer Warnung nicht für nötig.

Ob die zuständige Einheit der Marine (der Servicio Hidrográfico y Oceanográfico de la Armada de Chile, Kürzel: SHOA) tatsächlich einen folgenschweren Irrtum beging und direkt nach dem Beben die Gefahr eines Tsunamis ausschloss, oder ob die Regierung eine entsprechende Warnung nicht weiterverbreitet hat, ist derzeit heiß umstritten. Freilich stellt sich die Frage, ob eine offizielle Auforderung, aus der Gefahrenzone zu flüchten, die Menschen überhaupt bzw. rechtzeitig erreicht hätte. Bislang werden 50 Tote aus der Gegend um Curanipe gemeldet - in Wirklichkeit dürften es noch viel mehr sein.

Wir wohnten im Dezember in einer von einem deutsch-argentinischen Paar betriebenen Ferienanlage, wunderschön etwa 15 Meter oberhalb des menschenleeren Strandes gelegen. Diese 15 Meter könnten den beiden und etwaigen Gästen das Leben gerettet haben, aber wir wissen es nicht. Die chilenische Google-Seite hat einen Personenfinder eingerichtet, wo jeder Informationen über vermisste Menschen hinterlegen kann. Leider finden sich dort bis jetzt nur Suchanzeigen.

Derweil treibt noch eine andere Debatte die Chilenen um: Wie kann es sein, dass so viele Menschen die Naturkatastrophe ausnutzen, um an sich zu reißen, was nicht niet- und nagelfest ist? Wenn man den Fernsehbildern und Reporterberichten Glauben schenken darf, geht es ja nicht nur um Plünderung und Brandstiftung in einzelnen großen Supermärkten, auch längst nicht nur um die Aneignung von Lebensmitteln. Ausgeweidet werden auch zerstörte Häuser und Autos, selbst in den kleineren Orten. In Concepción und anderswo glauben Einwohner sich mit bewaffneten Bürgerwehren vor marodierenden Banden schützen zu müssen. Die Angst vor den Anderen überwiegt mancherorts die Angst vor der Natur.

Aber kann man den Fernsehbildern trauen? Wer mit den Mechanismen der Berichterstattung ein wenig vertraut ist, ertappt sich ständig dabei, erst diese Bilder und dann wieder die eigene Skepsis in Frage zu stellen. Sicher, da wird immer das eine Haus in Trümmern gezeigt, neben dem, unsichtbar für den Zuschauer, hundert andere stehen, die weit weniger in Mitleidenschaft gezogen wurden. Da hält der Fotograf die Kamera ein paar Zentimeter über den Boden, und schon sieht der kleine Riss im Asphalt aus wie eine abgrundtiefe Erdspalte. Vielleicht handelt es sich auch bei den plündernden Horden nur um ein dreckiges Dutzend, und zwei Straßen weiter filmt niemand, wie sich die Menschen beim Überleben helfen? Wer weiß. Die Luftaufnahmen aus den vom Tsunami betroffenen Küstenorten wie Curanipe sprechen allerdings eine eigene Sprache - die lassen sich auch durch dramatische Hintergrundmusik kaum noch schlimmer machen.

Hinter vorgehaltener Hand (bisweilen auch ganz explizit) wird derweil analysiert, was das Desaster für die scheidende und für die nachfolgende Regierung bedeutet. Man könnte es, ein wenig kalt und zynisch, so ausdrücken: In den ersten Tagen hat sich Sebastián Piñera möglicherweise geärgert, dass das Megabeben - wenn es denn schon sein musste - nicht in die ersten Monate seiner Amtszeit fiel. So konnte die Concertación in den letzten Tagen ihrer Existenz noch einmal beweisen, was sie für das Land zu tun imstande war.

Inzwischen hat sich das Blatt allerdings gewendet: Die Kritik an der amtierenden Regierung, zu spät und nicht konsequent genug zu handeln, wird immer stärker. Ob sie berechtigt ist, steht dahin, schließlich sind in solchen Notsituationen alle gleichzeitig der Meinung, gerade ihnen müsse zuallererst geholfen werden. Aber wenn Michelle Bachelet in dieser und der kommenden Woche nicht noch Handlungsfähigkeit demonstriert, wird das Erdbeben ihrem Ansehen und dem der gesamten 20 Regierungsjahre der Concertación sehr schaden - während Piñera sich als Mann des Wiederaufbaus in Szene setzen und gleichzeitig viele seiner vollmundigen Wahlversprechen zurückschrauben kann. Die Begeisterung, mit der viele in Concepción die einrückenden Soldaten begrüßten, die dort für Ruhe und Ordnung sorgen sollen, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass Piñeras angekündigte Politik der harten Hand auf sehr fruchtbaren Boden fallen wird.

Sonntag, 28. Februar 2010

Kontrollierte Plünderung

Auf dem Weg zum Supermarkt spricht der intendente im Radio. Der regionale Regierungschef lädt die Bürger von Puerto Montt dazu ein, sich solidarisch mit dem Rest des Landes zu zeigen, der vor exakt 50 Jahren mit der verwüsteten Hafenstadt ebenso solidarisch war. Der intendente hat sich eine griffige Formel ausgedacht: ALP. Das heißt agua, leche, pañales - Wasser, Milch und Windeln. Warum nicht Mehl, Öl oder Zucker gesammelt werden, weiß ich nicht, vielleicht sammeln das andere Städte. Bei "Jumbo" kaufe ich drei Kilo Milchpulver, fahre auf dem Rückweg bei der Abgabestelle vorbei und bin einer der ersten Spender. Man filmt mich.

Überhaupt: Wer sollte eigentlich spenden, wieviel und warum? Natürlich helfe ich gern, Solidarität ist wichtig. Aber haben die betroffenen Regionen, hat die Zentralregierung keine Lebensmittellager für den Katastrophenfall? Chile ist ja nicht Haiti, in normalen Zeiten ist hier nicht Unterernährung ein verbreitetes Problem, sondern Fettleibigkeit. Und wenn schon die öffentlichen Stellen eine notleidende Bevölkerung nicht zeitnah versorgen können, sollte man nicht zwischenzeitlich die riesigen Warenlager der Supermarktketten konsfiszieren?

Das denken einige in Concepción und anderen vom Beben stark betroffenen Städten auch. In Conce haben sie heute morgen kurzerhand einen "Líder"-Supermarkt geknackt. Zuerst setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, dann beugte sie sich dem Druck der Masse und ließ die Leute kontrolliert plündern. Ähnlich großformatige Aneignungsversuche in anderen Städten sind bislang gescheitert.

Wenn die sprichwörtliche öffentliche Ordnung durch ein Naturphänomen ausgehebelt wird, wirft das interessante und ethisch komplexe Fragen auf. Kann man eine arme Frau, in deren Wohnsiedlung es kein Wasser und keinen Strom gibt, ernsthaft daran hindern, ein paar Grundnahrungsmittel unbezahlt aus dem Laden zu tragen? Wohl kaum. Dass der Mann, der vor laufenden Fernehkameras einen originalverpackten Kühlschrank aus dem Geschäft trägt, nicht vom Überlebensdrang geleitet wird, dürfte auch klar sein. Aber wie steht es mit den beiden da, aus deren Einkaufswagen ein kompletter Serrano-Schinken und Spirituosenflaschen ragen? Und was, wenn - wie berichtet - die geplünderten Waren zu Wucherpreisen weiterverkauft werden?

Die Szenen in Concepción uns anderswo erzählen natürlich auch davon, dass Chile kein armes, aber weiterhin ein in Arm und Reich gespaltenes Land ist. Ein Land, in dem andererseits der Konsum so groß geschrieben wird, dass die, die daran unter normalen Bedingungen kaum teilhaben können, jede Chance ergreifen. Heute Mittag hat die Präsidentin erst einmal den Ausnahmezustand über Concepción verhängt - nächtliche Ausgangssperre und Militärpräsenz einbegriffen.

Samstag, 27. Februar 2010

Morgengrauen

Während ich dies hier schreibe, scheint draußen die Sonne. Vögel zwitschern, beim Nachbar wird der Brennholzvorrat für den Winter abgeladen. Die Normalität ist verblüffend, wenn gleichzeitig der Fernseher läuft. Chile ist ein langes Land.

Ganz so normal ist das Leben heute aber auch nicht in Puerto Montt: An den Tankstellen stehen lange Autoschlangen. Die Menschen hamstern Benzin, man weiß ja nie. Auch das Brot ist ausverkauft. Wasser fließt nur spärlich.

Die Fakten über das schwere Erdbeben lese man hier oder anderswo. Ich erzähle nur schnell, wie wir das Beben erlebt haben:

Wir schlafen in einem Hostel in Cucao, an der wilden Westküste von Chiloé. Ein traumhaft ruhiger Ort, nur das Meer tost immer vernehmlich im Hintergrund. Dann bebt es, schwach, aber ungewöhnlich lange. Umdrehen, versuchen weiterzuschlafen. Irgenwann bebt es wieder. Hose an, draußen nachsehen. Das Licht geht nicht. Dafür schreien Leute auf der anderen Straßenseite, unten am Fluss. Autos fahren an, Scheinwerfer flackern im Dunkeln. Und die Nachricht, die letzte, die unsere Gastgeber per Telefon erreicht: starkes Erdbeben weiter nördlich. Jetzt erfasst auch uns die Panik. Was, wenn der Tsunami kommt? Eine Frau, die bei uns im Hostel wohnt, weint und fleht uns an, sie, ihren Mann und ihren Sohn mit dem Auto wegzubringen. Machen wir.

Die eigenen Kinder packen wir halb schlafend ins Auto, zu siebt verlassen wir den dunklen Ort. Ich fahre mit zusammengekniffenen Augen, meine Brille habe ich in der Eile nicht gefunden. In Chonchi, das wir erreichen, als gerade die Sonne aufgeht, weiß niemand etwas. Die Polizisten in der Wache zucken düster mit den Schultern, sie sind ebenso ahnungslos wie wir. Schließlich treffen wir einen Lastwagenfahrer an der Tankstelle, der auf Mittelwelle einen Sender aus Valparaíso empfängt. Während die Zeit vergeht, fällt die Spannung von uns etwas ab - zumindest wird es wohl erst einmal keinen Tsunami geben, nicht hier. Also zurück nach Cucao, im schönsten Morgenlicht. Gefrühstückt, bezahlt und nichts wie weg.

Unterwegs erkennt man keinerlei Schäden. Und zu Hause sind selbst die Shampooflaschen auf dem Badewannenrand stehen geblieben. Gelitten hat nur meine Brille: Ich finde sie wieder, in dem ich darauftrete.

Alles in Ordnung also - nur nicht für Millionen Menschen weiter nördlich.

PS: Ist es zynisch, an diesem Tag an das "Erdbeben in Chili" zu erinnern? Wie soeben gemeldet wird, konnten 260 Insassen des Gefängnisses von Chillán flüchten, weil eine Mauer der Anstalt zusammenbrach. Siehe Kleist.

Samstag, 13. Februar 2010

Nachtreten im Wald


Das Cochamó-Tal ist von Puerto Montt gerade einmal 50 Kilometer Luftlinie entfernt, aber weil dazwischen ein Vulkan, ein See, ein Fjord und undurchdringlicher Wald liegen, dauert die Fahrt dorthin (das letzte Drittel über Schotterstraße) mindestens zwei Stunden. Tourismusveranstalter preisen es als eines von "Chile's best kept natural secrets", und auch wenn sich das Geheimnis langsam herumspricht - die Unzugänglichkeit des Andentals bewahrt es wohl noch für viele Jahre vor dem Massentourismus.

Wir waren für zwei Nächte im Campo Aventura abgestiegen, einem wun­der­ba­ren, rustikalen Hostel am Taleingang, das nach deutschen und luxem­bur­gi­schen Betreibern heute von einem US-Amerikaner und einer Inderin geleitet wird, die zuletzt lange in Südafrika gelebt haben. Von hier aus geht es noch ein paar Kilometer mit dem Auto, dann nur noch auf dem Pferd oder zu Fuß weiter. Weil uns die erste Methode zu teuer war und man mit der zweiten in ein paar Stunden nicht allzu weit kommt, blieb uns die eigentliche Attraktion des Tals verborgen: die Granitfelsen rund um den Weiler La Junta, die schon als das "Yosemite von Chile" beworben werden und für Profi-Kletterer auf der ganzen Welt ein Muss sein sollen.

Schön ist es aber auch ohne Kletterhaken und Seil - etwa, wenn man sich auf steilen Wegen in ein Seitental vorarbeitet, wo ein einsames Bauernpaar lebt und sich mit Motorsäge und Machete dem mühsamen Geschäft der Urbarmachung widmet. Direkt an die gerodeten Flächen schließt sich dann wieder praktisch unberührter Urwald an, durch den Bäche mit kristallklarem Wasser fließen.

Nicht so schön ist die Begegnung mit den tábanos. Die großen, schwarzen Pferdebremsen terrorisieren in den Sommermonaten die gesamte patagonische Region. Manch ein Reisender hat schon seine Route geändert, nachdem er die Bekanntschaft mit dem lästigen Insekt gemacht hat (ein weiteres Foto hier).


Der tábano verhält sich zur Stubenfliege wie ein Chinook-Hubschrauber der US Army zu einem Helikopter des ADAC. Die drei bis vier Zentimeter langen Tiere summen und brummen um den Wanderer herum, sobald der aus dem Schatten des Waldes ins Sonnenlicht tritt, zumal wenn Wasser in der Nähe ist. Dunkle Kleidung übt einen geradezu magnetischen Effekt auf den tábano aus, der sein Opfer schlauerweise immer von hinten anfliegt und sich durch Wedeln oder Schlagen niemals vertreiben lässt. Zum Glück ist die Riesenbremse in anderer Hinsicht ziemlich dumm: Sie versucht immer, durch das Kleidungsstück, das ihr beschränkter Intellekt wohl für Fell hält, hindurchzustechen, anstatt sich ein paar Zentimeter weiter auf der schweißnassen Haut des Opfers niederzulassen. Und deshalb wird der tábano selbst auch relativ leicht zum Opfer.

Abschließend zwei Tipps für alle Patagonien-Urlauber, die wie ich in einem schwarzen T-Shirt unterwegs sein sollten (Veganer und Buddhisten bitte nicht weiterlesen): Erstens muss man dem tábano nach der Landung einige Sekunden Zeit lassen, seine Stech- und Saugwerkzeuge auszufahren. Das beschäftigt ihn so sehr, dass man ihn problemlos mit der Hand erschlagen kann. Zweitens: Man kann den tábano nicht problemlos mit der Hand erschlagen. Die Tiere stecken selbst einen Volltreffer weg, fallen vielleicht zu Boden, berappeln sich aber und starten einen neuen Angriff. Hier bekommt der Begriff des Nachtretens eine neue Bedeutung. Schön ist das Knirschen des Chitinpanzers nicht, aber danach herrscht endlich Stille. Eine Stille, in die sich das Glucksen des chucao mischt, das Rauschen des Flusses, das Säuseln der Blätter, das Summen ... Summen? Oh nein, nicht schon wieder.