Montag, 6. Juli 2009

Hormoneller Aufruhr

Der Gesundheitsausschuss des chilenischen Abgeordnetenhauses gleicht dieser Tage einem Seminar der Reproduktionsmedizin. Experten - durch die Bank Männer - werden angehört, die in länglichen Powerpoints den Menstruationszyklus zerpflücken und Kurven hormoneller Ausschüttungen interpretieren. Dabei geht es nur um eine Frage: Ist die "Pille danach" eine Abtreibungspille oder nicht?

Die Vorgeschichte wurde im Blog schon angedeutet - es geht um den erbitterten Kampf der katholischen Ultrarechten gegen das Hormon Levonorgestrel, das etwa unter dem Markennamen "Postinor 2" Schwangerschaften auch noch nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr verhindern kann. Der Wirkstoff bzw. die entsprechenden Präparate sind fast in jedem Land der Welt erhältlich, die WHO empfiehlt ihre Rezeptfreiheit als probates Mittel zur Vorbeugung ungewollter Schwangerschaften.

In Chile, wo Abtreibung selbst dann unter Strafe steht, wenn die Frau vergewaltigt wurde oder durch die Schwangerschaft gesundheitlich gefährdet ist, hat eine Gruppe rechter Parlamentarier im vergangenen Jahr eine Beschwerde eingereicht, der das Verfassungsgericht entsprach. Seitdem dürfen Einrichtungen des staatlichen Gesundheitswesens die píldora del día después nicht mehr abgeben. Nach einer Entscheidung des chilenischen Rechnungshofs vom April dieses Jahres darf das Präparat auch nicht mehr von quasistaatlichen Einrichtungen wie Stadtverwaltungen oder NGOs bereitgehalten werden. Verboten ist es deswegen noch lange nicht, aber gerade arme Frauen, die eine ungewollte Schwangerschaft am meisten in Bedrängnis bringt, haben am wenigsten Chancen, es in einer Apotheke käuflich zu erwerben.

Das Argument der beschwerdeführenden Abgeordneten: Die Pille danach sei "abortiv", also eine Abtreibungspille - und seine Abgabe damit nicht verfassungsgemäß. Tatsächlich ist der Stand der Wissenschaft ein anderer: Das hoch dosierte Levonorgestrel verhindert kurzfristig den Eisprung und somit überhaupt die Befruchtung (hier ein ausführlicher Bericht). Die von den Gegnern bemühten Experten können das Gegenteil nicht beweisen, argumentieren aber, es bestehe zumindest fallweise die Möglichkeit, dass die Pille die Einnistung eines bereits befruchteten Eis verhindere. Für einen rechten Katholiken ist das natürlich - wenn es denn so ist - Mord.

Hormon der Zwietracht: Levonorgestrel (Quelle: Wikipedia)

Dass sich das Parlament jetzt wieder mit dem Thema beschäftigt, liegt an einem von Präsidentin Michelle Bachelet im Eilverfahren auf den Weg gebrachten Gesetzentwurf, der eine klare gesetzliche Grundlage für Beratung und medizinische Betreuung von Frauen in Fortpflanzungsfragen legen soll - die Abgabe von Notfall-Kontrazeptiva durch öffentliche Einrichtungen eingeschlossen. Am 30. Juni wurde der Entwurf an den Kongress überwiesen, beide Kammern haben jeweils zehn Tage Zeit zur Beratung.

Die Eil-Initiative hat auch mit dem Wahlkampf zu tun: Der Kandidat der rechten "Alianza por Chile", Sebastián Piñera - in Wertefragen deutlich liberaler eingestellt als viele Politiker seines Lagers -, hatte angekündigt, einer Neuregulierung der Abgabe nicht im Weg zu stehen. Irgendetwas gewinnt Bachelet also auf jeden Fall: Entweder das Gesetz geht durch den Kongress, in dem die regierende Concertación keine Mehrheit mehr hat, oder Piñera blamiert sich als General ohne Truppen. Andererseits: Auch wenn das Gesetz durchkommt, werden die fanatischen Pillengegner erneut den juristischen Weg einschlagen. Das haben sie bereits angekündigt.

Hinter diesen Parlamentariern steht ein fundamentalistisch-katholisches Netzwerk. Darin spielen Organisationen wie das "Opus Dei" und die "Legionäre Christi" eine wichtige Rolle, die in der chilenischen Oberschicht höchst populär sind. Wie die "Pro-Vida"-Fraktion tickt, kann erahnen, wer diese Liste betrachtet, auf der vermeintliche Instituciones Anti-Vida aufgeführt, also "lebensfeindliche Einrichtungen": von Amnesty International und Unicef bis Weltbank und EU.

Der Gerechtigkeit halber muss man sagen: Es gibt auch Kirchenleute, die sich tatsächlich um die Probleme der Menschen kümmern - wie Felipe Berríos. Der Jesuit hat vor gut zehn Jahren die Organisation "Un Techo para Chile" (Ein Dach für Chile) ins Leben gerufen, ein Freiwilligenwerk großen Ausmaßes. Es hat sich zum Ziel gesetzt, bis zur Zweihundertjahrfeier der chilenischen Republik im September 2010 den campamentos - Slums - durch den Bau einfacher, menschenwürdiger Häuser ein Ende zu bereiten. Berríos klagt über "Taliban" in der katholischen Kirche, die die "Pille danach" verteufeln, anstatt pragmatisch zu handeln.

"Ich mache mir Gedanken darüber, was mit den Menschen geschieht, wenn sie geboren sind" sagt Berríos gerne, und dass er am liebsten ein Plakat drucken würde, das Bewohner eines Slums zeigt und dazu die Worte "Auch sie sind befruchtete Eizellen". Um den Schutz letzterer kümmerten sich viele seiner Mitbrüder nämlich mit großem Eifer - aber nicht um das Elend derer, die daraus erwachsen.

Sonntag, 5. Juli 2009

Böse Simpsons

Wenn die Kinder von Ned Flanders, dem christlich-fundamentalistischen Nachbarn der Simpsons, etwas Obszönes gesehen haben, bekommen sie die Augen mit Seife ausgewaschen. In Ecuador hat die Rund­funk­auf­sichts­be­hörde Conartel jetzt die Ausstrahlung der "Simp­sons" vor den späten Abendstunden untersagt.

Die Conartel beschied dem Sender Teleamazonas am Donnerstag mit sofortiger Wirkung, er dürfe die Serie lediglich zwischen 21 und 6 Uhr übertragen, solange die Behörde die Wirkung der Fernsehserie auf Kinder und Heranwachsende prüfe. Die Maßnahme diene dem Schutz min­der­jähriger Zuschauer vor dem Einfluss von "Programmen und Bot­schaf­ten, die Gewalt und Rassen- oder Ge­schlech­ter­dis­kri­minierung pro­pa­gieren", hieß es in der offiziellen Mitteilung. Der Sender, gegen den die Conartel bereits mehrere Sanktionsverfahren in anderen Angelegenheiten an­gestrengt hat, teilte daraufhin mit, er werde die "Simpsons" ab sofort um 5.30 Uhr ausstrahlen.

Anlass für das Sendeverbot am Tag soll die Folge "Lisas Krieg" gewesen sein, die am 22. Mai über den Bildschirm ging. Hier habe es "Ge­walt­szenen, Waf­fen­ge­brauch durch Kinder und sexuell dis­kri­mi­nie­rende Dialoge" gegeben.

Ecuador vollzieht damit den gleichen Schritt wie Venezuela, dessen Rund­funk­be­hörde im April 2008 ebenfalls einen Privatsender (Televen) dazu ver­don­ner­te, die gelben Vierfinger zum Schutz von Kindern aus dem Ta­ges­pro­gramm zu neh­men.

Ausgerechnet die Simpsons. Diese von jedem strammen Republikaner gehasste Serie, die wie keine andere die Widersprüche der US-Ge­sellschaft aufdeckt, karikiert und ins Lächerliche zieht, diese sub­versive Institution soll nun auch ve­ne­zolanischen und ecua­do­ri­ani­schen Kin­der­au­gen schaden? Dazu passt nur ein Kommen­tar:

D'oh!


Donnerstag, 2. Juli 2009

Applaus, Applaus

Was letztes Jahr ganz an uns vorbeigegangen ist: Puerto Montt hat ein Internationales Theaterfestival. Auf der frisch renovierten städtischen Bühne stehen jeden Abend im Juli Ensembles aus Chile, Argentinien, Peru, Brasilien, Kuba, Honduras, Uruguay, Paraguay, Venezuela und ... Deutschland. Nun, es handelt sich wohl um eine chilenische Laiengruppe aus Deutschland. Aber immerhin.

Dass das hiesige Publikum noch Nachhilfe in Sachen Theater-Etikette benötigt, ließe sich aus dem Reglement schließen, welches man am Eingang in die Hand gedrückt bekommt (der Eintritt ist frei). Keine Handys, keine Zigaretten, kein vernehmliches Kaugummikauen usw. Und: "Der Erfolg einer Theateraufführung bemisst sich im Applaus, der am Ende gespendet wird. Je öfter die Schauspieler dadurch auf die Bühne zurückgeholt werden, desto größer der Erfolg."

Ich finde das niedlich.

Montag, 29. Juni 2009

Vatertag


Der Chilene, das hat eine Umfrage der Zeitung La Tercera ergeben, will kein Macho mehr sein. Hier ein paar Zahlen:

76 Prozent der befragten Männer finden nicht, dass Hausarbeit reine Frauensache ist (schon einmal gebügelt hat aber nur die Hälfte),
74 Prozent sind der Ansicht, dass Verhütung und Familienplanung auch den Mann etwas angehen,
69 Prozent meinen, dass eine verheiratete Frau durchaus auch Männer als Freunde haben darf,
aber nur 14 Prozent würden behaupten, dass eine Frau ihrem Ehemann nie widersprechen darf.

Sicher: Da ist noch mehr drin.

Aufschlussreich ist die Befragung in Bezug auf die sozioökonomische Verteilung der Einstellungen. Je wohlhabender (und jünger), desto liberaler, je ärmer (und älter), desto konservativer sind Chiles Männer in Sachen Ge­schlech­ter­ge­rech­tigkeit. Aber das dürfte auch anderswo so sein.

An der Montessori-Schule, die B. und J. besuchen, bewegen wir uns ver­gleichs­wei­se auf extrem liberalem und politisch progressivem Terrain. Trotzdem wird der día del padre nicht nur hier gebührend gefeiert, es gibt landesweit denselben Bohei wie um den Muttertag, was natürlich auch aufs Konto des Einzelhandels geht.

Mir haben die beiden Söhne weder einen Werkzeugkasten noch ein Grillbesteck geschenkt, dafür Basteleien und unvergessliche Augenblicke. J. hat bunt an­ge­mal­te Farfalle-Nudeln um ein Foto von sich geklebt (eine auch in Berliner Kitas ver­brei­tete Technik), Stullen geschmiert und ein Gedicht in der Gruppe aufgesagt. B.s Klasse hat, ihrem Alter entsprechend, ein anspruchsvolleres Programm auf die Beine gestellt.

Gekommen sind praktisch alle Väter, auf Arbeit ist gerade Mittagspause. Die Mütter am Muttertag waren schon um 11 Uhr vormittags eingeladen. Nacheinander tragen die Jungen und Mädchen Gedichte und Lieder vor, die mit großem Applaus quittiert werden. B.s Gedicht lautet auszugsweise so:

Papacito lindo de mi corazón,
soy el doble tuyo
y tu eres mi orgullo
y me llenas de amor.

Dann werden die Geschenke überreicht: Die Kinder haben in den vergangenen Tagen eifrig Skulpturen aus Pappmaschee gebastelt, welche die Vorlieben oder Hobbys der Väter symbolisieren. Francos Vater ist Polizist (und in Uniform erschienen), er bekommt ein großes "U", das für einen populären Fußballverein steht. Sofías Vater trägt Glatze und Piercing, er bekommt etwas Quadratisches mit der Aufschrift "Pink Floyd" ("Eigentlich höre ich ja Rammstein, aber Sofía wusste wohl nicht, wie man das schreibt", sagt er anschließend). Es gibt Gitarren, die aussehen wie Tennissschläger, und umgekehrt. Ich bekomme einen Teller mit Essen, natürlich auch aus Pappe.

Den krönenden Abschluss bildet ein Playbackkonzert. Franco macht den Sänger, Inti den Gitarristen, Alonso hält den Bass, ein paar andere sind die Rhyth­mus­gruppe. B. steht am Keyboard. Gespielt wird "Que nadie se entere", eine Cumbia der Gruppe "La Noche", die in den vergangenen Sommern einige Hits und bei der letzten Teletón einen großen Auftritt hatte. Das Lied stammt vom Album "Amor entre sábanas" (Liebe zwischen Bettlaken) und geht so:

Nadie nunca se enterará
en ese cuarto de hotel
que nos amamos los dos
juntos al amanecer.

Y no le digas jamás
a tu hombre ni a mi mujer
que el mundo no entenderá
que nos deseamos (...)

Una otra y otra vez
que nadie se entere
a escondidas devorarnos de placer.

Una otra y otra vez
que nadie se entere
nuestra reunión será un secreto dulce miel.

Benjamin trällert es jetzt immer beim Autofahren. Verstanden hat er es natürlich von allen Beteiligten am wenigsten. Immerhin - das abschließend zum Thema machismo - beschreibt der Song eine einvernehmliche, sprich: gleichberechtigte Sexualhandlung, sprich: Seitensprung.