Samstag, 13. Februar 2010

Nachtreten im Wald


Das Cochamó-Tal ist von Puerto Montt gerade einmal 50 Kilometer Luftlinie entfernt, aber weil dazwischen ein Vulkan, ein See, ein Fjord und undurchdringlicher Wald liegen, dauert die Fahrt dorthin (das letzte Drittel über Schotterstraße) mindestens zwei Stunden. Tourismusveranstalter preisen es als eines von "Chile's best kept natural secrets", und auch wenn sich das Geheimnis langsam herumspricht - die Unzugänglichkeit des Andentals bewahrt es wohl noch für viele Jahre vor dem Massentourismus.

Wir waren für zwei Nächte im Campo Aventura abgestiegen, einem wun­der­ba­ren, rustikalen Hostel am Taleingang, das nach deutschen und luxem­bur­gi­schen Betreibern heute von einem US-Amerikaner und einer Inderin geleitet wird, die zuletzt lange in Südafrika gelebt haben. Von hier aus geht es noch ein paar Kilometer mit dem Auto, dann nur noch auf dem Pferd oder zu Fuß weiter. Weil uns die erste Methode zu teuer war und man mit der zweiten in ein paar Stunden nicht allzu weit kommt, blieb uns die eigentliche Attraktion des Tals verborgen: die Granitfelsen rund um den Weiler La Junta, die schon als das "Yosemite von Chile" beworben werden und für Profi-Kletterer auf der ganzen Welt ein Muss sein sollen.

Schön ist es aber auch ohne Kletterhaken und Seil - etwa, wenn man sich auf steilen Wegen in ein Seitental vorarbeitet, wo ein einsames Bauernpaar lebt und sich mit Motorsäge und Machete dem mühsamen Geschäft der Urbarmachung widmet. Direkt an die gerodeten Flächen schließt sich dann wieder praktisch unberührter Urwald an, durch den Bäche mit kristallklarem Wasser fließen.

Nicht so schön ist die Begegnung mit den tábanos. Die großen, schwarzen Pferdebremsen terrorisieren in den Sommermonaten die gesamte patagonische Region. Manch ein Reisender hat schon seine Route geändert, nachdem er die Bekanntschaft mit dem lästigen Insekt gemacht hat (ein weiteres Foto hier).


Der tábano verhält sich zur Stubenfliege wie ein Chinook-Hubschrauber der US Army zu einem Helikopter des ADAC. Die drei bis vier Zentimeter langen Tiere summen und brummen um den Wanderer herum, sobald der aus dem Schatten des Waldes ins Sonnenlicht tritt, zumal wenn Wasser in der Nähe ist. Dunkle Kleidung übt einen geradezu magnetischen Effekt auf den tábano aus, der sein Opfer schlauerweise immer von hinten anfliegt und sich durch Wedeln oder Schlagen niemals vertreiben lässt. Zum Glück ist die Riesenbremse in anderer Hinsicht ziemlich dumm: Sie versucht immer, durch das Kleidungsstück, das ihr beschränkter Intellekt wohl für Fell hält, hindurchzustechen, anstatt sich ein paar Zentimeter weiter auf der schweißnassen Haut des Opfers niederzulassen. Und deshalb wird der tábano selbst auch relativ leicht zum Opfer.

Abschließend zwei Tipps für alle Patagonien-Urlauber, die wie ich in einem schwarzen T-Shirt unterwegs sein sollten (Veganer und Buddhisten bitte nicht weiterlesen): Erstens muss man dem tábano nach der Landung einige Sekunden Zeit lassen, seine Stech- und Saugwerkzeuge auszufahren. Das beschäftigt ihn so sehr, dass man ihn problemlos mit der Hand erschlagen kann. Zweitens: Man kann den tábano nicht problemlos mit der Hand erschlagen. Die Tiere stecken selbst einen Volltreffer weg, fallen vielleicht zu Boden, berappeln sich aber und starten einen neuen Angriff. Hier bekommt der Begriff des Nachtretens eine neue Bedeutung. Schön ist das Knirschen des Chitinpanzers nicht, aber danach herrscht endlich Stille. Eine Stille, in die sich das Glucksen des chucao mischt, das Rauschen des Flusses, das Säuseln der Blätter, das Summen ... Summen? Oh nein, nicht schon wieder.

Kommentare:

  1. Wir erinnern uns an drei Tage im Januar 2001 im Campo Aventura: Völlig durchgeregnet und nass in allen Teilen von einem Treck am Lago Todos Santos war das Campo das reinste Paradies. Dach über dem Kopf, etwas Gutes zu essen und eine Sauna! Was machte es, dass der Regen noch 3 weitere Tage rauschte und weder zu Fuß noch zu Pferd der alte Fluchtweg der "Wild-bunch"-Gang zu begehen war. Auch von den Granitfelsen nichts zu sehen. Am letzten Tag kam die Sonne raus und mit ihr die Tabanos. Mein Rekord war 56 an einem Tag erschlagen....R@R

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