Freitag, 25. Dezember 2009

Feuchte Nacht, heulende Nacht

Oberflächlich betrachtet bietet Weihnachten auf der Südhalbkugel das Kon­trast­pro­gramm zum winterkalten Norden, wo man ja auch das entsprechende Zu­be­hör (Lichter, Rentiere usw.) erfunden hat. Bei sommerlichen Temperaturen schwit­zen­de Männer in roten Anzügen und falschen Bärten sind ein beliebtes Mo­tiv der Bildagenturen. Nur unser südchilenisches Mikroklima spielt mal wieder nicht mit: Wenn abends der Regen ans Fenster trommelt und die Briketts im Ofen fla­ckern, merkt man kaum einen Unterschied zum deutschen Weih­nachts­tau­wet­ter.

Der Baum ist aus Plastik und muss beim Aufstellen nicht angespitzt, sondern aufgebogen werden. Das Käsefondue funktioniert auch mit hiesigen Zutaten und im Aluminiumtopf, als Rechaud dient der Campingkocher. Das Viertel wirkt aus­ge­stor­ben. Viele sind über den Feiertag weggefahren, die Nachbarin bat uns kon­spi­ra­tiv, ein Auge auf ihr Haus zu werfen. Im Haus gegenüber ist eine Hündin läu­fig. Die streundenden Rüden, allen voran der Dalmatiner, versuchen seit Tagen ver­zwei­felt, sich unterm Zaun durchzugraben. Nachts halten sie Wache und heulen.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Fall Frei: Die Wahrheit kommt ans Licht


Was für ein Timing: Als der Untersuchungsrichter Alejandro Madrid Anfang Dezember Haftbefehle gegen sechs Personen wegen Mordes an Eduardo Frei Montalva ausstellen ließ, war das genau sechs Tage vor der Prä­si­dent­schaftswahl - zu der Eduardo Frei Ruiz-Tagle, Sohn des früheren Prä­si­den­ten und selbst Ex-Präsident, als Kandidat antrat. Dass die seit Jahren laufenden Er­mitt­lungen ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt in der Nennung mutmaßlicher Schul­di­ger gipfelten, wurde von Vertretern der rechten Opposition sofort als Wahl­be­ein­flus­sung gerügt. Wegen dieses zumindest nicht völlig abwegigen Ver­dachts ist höchst fraglich, ob der Fall Frei dem Kandidaten in der anstehenden Stich­wahl eher hilft oder schadet.

Dabei ist die nunmehr offizielle Feststellung, dass Frei Montalva 1982 Opfer eines Giftmords wurde, eine mittlere Sensation. Der Christ­de­mo­krat war eine wichtige Oppositionsfigur unter Pinochet, als er sich in einer Pri­vat­kli­nik einer harmlosen Leistenbruchoperation unterzog. Mehrere Wo­chen später war er tot - aufgrund unvorhersehbarer Komplikationen durch eine Bauchfellentzündung mit anschließender Sepsis. Erst zu Anfang des neuen Jahrtausends schalteten Freis engste Angehörige aufgrund neuer Verdachtsmomente die Justiz ein. Frei Montalvas Überreste wurden 2004 exhumiert und von zwei Spezialistinnen der Universidad de Chile untersucht - die prompt Spuren von Senfgas und dem hochgiftigen Schwermetall Thallium fanden.

Das wiederum deutet auf eine Beteiligung des Militärgeheimdienstes DINA hin - in Person des Chemikers Eugenio Berríos, der Substanzen wie das Nervengift Sarin herstellte. Aussagen kann er freilich nicht mehr, er wurde 1993 in Uruguay ermordet, möglicherweise um ebendies schon damals zu verhindern. Die kom­ple­xen personellen Zusammenhänge der Frei-Ermordung hat die Journalistin Mó­ni­ca González akribisch ver­folgt und in einem hervorragenden Dossier

Jetzt neigt sich die Waage wieder in die andere Richtung: Richter Madrid wur­de wegen mutmaßlicher Befangenheit von einem höherinstanzlichen Ge­richt vorläufig vom Verfahren suspendiert, und der Oberste Gerichtshof könn­te am kommenden Montag mehreren Beschwerden stattgeben und die verhängten Haft­befehle gegen beteiligte Ärzte und Komplizen auf­he­ben. Eine Verurteilung liegt noch in weiter Ferne. Immerhin wird Se­bas­tián Piñera, wenn er am 17. Januar die Stich­wahl gegen Frei jr. gewinnen sollte, die Untersuchungen entschlossen vo­ran­trei­ben. Hat er gesagt.

Foto (dpa): E. Frei (Sohn) steigt aus dem Grab von E. Frei (Vater)

Samstag, 19. Dezember 2009

Junge Frauen wählen anders

Kleine Wahl-Nachlese: Als am vergangenen Sonntag die Stimmen ausgezählt wur­den, hatten wir uns einer uns persönlich bekannten Gruppe von Wahl­be­ob­ach­tern in Santiago angeschlossen. Es handelte sich um ein kleines, qua­si familiäres Kommando der PPD, Teil der Concertación und somit Un­ter­stüt­ze­rin des Kan­di­da­ten Eduardo Frei. Umso größer war die Bestürzung unserer Freunde, als an der ersten mesa (dem Wahl-Tisch, von dessen Art es rund zwanzig in jener Schule im Stadtteil Cerrillos gab, in die es uns verschlagen hatte) der abtrünnige Sozialist Marco Enríquez-Ominami (MEO) nicht nur Frei, sondern sogar den Oppositionskandidaten Sebastián Piñera überflügelte. Der galt zu Recht als Favorit im ersten Wahlgang mit vier Kandidaten. MEO hingegen sollte laut allen Umfragen deutlich hinter Frei landen, und so war es dann ja auch. Nur nicht an diesem einen Tisch.

Die Gründe dafür kann man in einigen Besonderheiten des chilenischen Wahl­pro­ze­de­res suchen. Hier treffen sich in einem Wahllokal nicht nur Menschen aus demselben Viertel und somit demselben sozioökonomischen Umfeld (wie in Deutschland und anderswo auch), gewählt wird getrennt nach Geschlechtern und gestaffelt nach Alter. Es gibt Männer-Tische und Frauen-Tische, und weil man ein ganzes Wählerleben lang an seine mesa gebunden ist, sterben die mit den niedrigen Nummern langsam aus, während immer wieder neue, höher nummerierte Tische aufgemacht werden. Beim besagten Tisch handelte es sich um den "jüngsten" in einem Frauen-Wahllokal. Fazit: Junge Frauen der unteren Mittelschicht entschieden sich mehrheitlich für den jungen Marco. Warum, das muss jeder für sich selbst beantworten.

PS: Chilenische Wahlzettel müssen nach einem ganz bestimmten Prinzip entlang vorgegebener Linien zusammengefaltet und am Ende mit einer selbstklebenden Marke zu einem Briefchen verschlossen werden. Auf Nachfrage gaben die be­frag­ten Chilenen zu Protokoll, sie hatten es für eine weltweit übliche Praxis ge­hal­ten, Wahlzettel entlang vorgebebener Linien zu falten und mit selbstklebenden Mar­ken zuzukleben. Die Gründe für das Falten und Kleben sind offenbar in Ver­ges­sen­heit geraten.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Die Stimme der 80er



An diesem Sonntag trifft Chile nicht nur eine Vorentscheidung über seinen künftigen Präsidenten - es gibt auch ein Jubiläum zu feiern: Vor exakt 25 Jahren veröffentlichte das Mini-Kassetten-Label "Fusión" das allererste Album der Prisioneros, "La voz de los 80". Nicht mehr und nicht weniger als 1.000 Kopien kamen auf den Markt - aber der Erfolg der Gitarre-Bass-Drums-Formation vom Stadtrand Santiagos war so phä­no­me­nal, dass ein halbes Jahr später EMI zugriff und nach­leg­te.


Zusammen mit den sozialkritischen Texten von Sänger Jorge González traf der punkige New-Wave-Sound der Band den Nerv der bis dahin blei­schwe­ren chilenischen Achtzigerjahre. Und Klassiker wie "La­ti­no­amé­ri­ca es un pueblo al sur de Estados Unidos", "¿Quién mató a Marilyn?" oder "Sexo" klingen noch erstaunlich frisch. Rührend mutet dagegen heute der selbst zusammengeschnipselte Videoclip an. Lus­ti­ger­wei­se fanden es die Chilenen damals völlig normal, dass González für die Kamera zum Schein in ein verkabeltes Mikrofon sang.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Private Landschaft

Wer Chiles Landschaften für sich erschließen will, hat zwei ernstzunehmende Gegner: das Privateigentum und die Wildnis.

Die Sache mit dem Eigentum ist einfach: Es gibt in Chile zwar ein Gesetz, das den öffentlichen und kostenlosen Zugang zu allen (Meer-, See- und Fluss-) Stränden garantiert, aber leider kein vergleichbares für Wald und Flur. Wie kostbar die deutschen Wald- und Wegerechte sind, die den Wanderer in seinem Bewegungsdrang weitgehend unbehelligt lassen, wird einem hier bald klar, wenn die Idylle abseits der Straße mal wieder eingezäunt und unzugänglich ist: Privatbesitz, Betreten verboten. Das gilt für kultivierte wie für Brachflächen. Die Furcht vor illegalen Aneignungen spielt dabei in einem Land mit einer extremen Kluft zwischen Arm und Reich eine große Rolle.

Sicher, man kann den Eigentümer fragen, ob er den Durchgang gestattet. Man kann auch einfach durch den Stacheldraht schlüpfen. Mit Konsequenzen, evtl. in Form eines bissigen Hundes, muss man freilich rechnen. Umso lobenswerter sind deshalb öffentliche Initiativen wie der noch unter Präsident Ricardo Lagos ins Leben gerufene Sendero de Chile. Das Projekt, Chile auf seiner gesamten Länge durch einen allgemein zugänglichen Wanderweg zu erschließen, wurde zwar im Hinblick auf die Zweihundertjahrfeier der Republik im kommenden Jahr erdacht, wird aber wohl selbst hundert Jahre für seine Verwirklichung benötigen. Die Arbeitsgruppe der nationalen Tourismusbehörde, die mit dem "Sendero" betraut ist, muss mit wenig Mitteln den Ausbau in ausgewählten Regionen vorantreiben und dabei ständig mit Landbesitzern um die Erteilung von Durchgangsrechten kämpfen.

Und dann die Wildnis: Was jenseits des land- und forstwirtschaftlich genutzten Gebiets liegt, ist, zumindest im regenreichen Süden Chiles, von atemberaubender Undurchdringlichkeit. Dass es in den riesigen Nationalparks oft nur wenige Kilometer Wanderwege gibt, liegt an der mühevollen und langwierigen Arbeit, in der die Waldarbeiter mit Motorsägen Pfade ins Dickicht schneiden, Stege zimmern und hölzerne Treppenstufen in die matschigen Urwaldhänge hauen. Auch hier gilt: Vom Weg abweichen gibt's nicht, weil: geht nicht.


Freitag, 4. Dezember 2009

Víctors letzter Auftritt


Jetzt bekommt der chilenische Sänger Víctor Jara doch noch ein wür­di­ges Begräbnis: Seit Donnerstag und noch bis Samstag sind die sterb­li­chen Überreste des 1973 vom Militär ermordeten Sängers in der nach ihm benannten Stiftung in Santiago aufgebahrt. Hunderte haben bislang schon Totenwache gehalten, allen voran Jaras Witwe Joan und die beiden Töchter. Am Samstag soll Jara mit allen Ehren auf dem Hauptfriedhof beigesetzt werden. Dort lag er bereits seit seiner heimlichen Bestattung am 18. September 1973. Vor mehreren Monaten hatte ein Un­ter­su­chungs­rich­ter die Exhumierung angeordnet.

Hier eine Fotogalerie von Jaras Totenwache (Foto oben: dpa).

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Prost Weihnacht

So richtig gut kennt mich mein Supermarkt eben auch wieder nicht.

Montag, 30. November 2009

Korrekt gekleidet im Dienste des Friedens


Wer so schöne Spitzenkleidchen und rote Schuhe trägt, bekommt na­tür­lich nur ungern Konkurrenz von weiblichen Besuchern. Deswegen hat­ten sich Cristina Fernández und Michelle Bachelet für ihre Papstvisite am Samstag in pro­to­kol­la­risch-züchtiges Schwarz gehüllt, Bachelet als be­ken­nen­de Agnostikerin ver­zich­te­te aber im Gegensatz zu Fernández auf eine Verschleierung. Der Besuch im Vatikan diente der Erinnerung an den vor 25 Jahren hier unterzeichneten "Freundschafts- und Frie­dens­ver­trag" zwischen Argentinien und Chile, der die endgültige Beilegung des Beagle-Konflikts bedeutete. Benedikts Vorgänger Johannes Paul und der italienische Kardinal Antonio Samorè hatten seit 1979 zwischen den verfeindeten Militärjuntas vermittelt.

Nachdem Bachelet und Fernández jeweils eine Viertelstündchen mit dem Papst geplaudert und in den einstigen Verhandlungsräumen eine Ge­denk­ta­fel enthüllt hatten, auf denen sie - offenbar latinisiert - als "Mi­cha­ela" und "Christina" verewigt worden waren, gab die chilenische Prä­si­den­tin der Presse zu Protokoll, dass "Chile ein Land ist, welches bei Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn immer dem Dialog und fried­li­chen Konfliktlösungsmechanismen Vorrang einräumt". Das sieht Perus Präsident Alan García, der am heutigen Montag zur Audienz beim Papst ist, anders: Er wirft Chile seit langem eine mehr oder minder verdeckte Aufrüstung vor, die gegen sein Land gerichtet sei. Tatsächlich sind die Pro-Kopf-Militärausgaben Chiles in Lateinamerika absolute Spitze, und daran wird voraussichtlich auch ein Gesetz wenig ändern, das die exklusive Ver­wen­dung von 10 Prozent des Erlöses der staatlichen Kup­fer­un­ter­neh­mens Codelco durch die Streitkräfte aufheben soll und ge­ra­de im Parlament verhandelt wird.

García, der in den vergangenen Wochen Chile wegen eines mut­maß­li­chen Spio­na­ge­falls verbal aufs Schärfste angegriffen hatte, wird Ba­che­let später auf dem Iberoamerikanischen Gipfel in Portugal be­geg­nen. Mal sehen, ob der päpst­liche Segen dann ein erneutes Ver­söh­nungs­wun­der bewirkt.

Foto: dpa

Samstag, 28. November 2009

Eine linke Handbewegung

Alejandro Goic, Regisseur und Schauspieler sowie seit den Sieb­zi­ger­jah­ren be­ken­nen­der Sozialist, unterstützt im Wahlkampf Jorge Arrate. Vor­her hat­te er sich für die Kandidatur von Alejandro Navarro ins Zeug ge­legt, bis der Senator aufgab und Marco Enríquez-Ominami zur neuen lin­ken Hoff­nung kürte. Das hält Goic für einen schlechten Scherz: "MEO instrumentalisiert das Erbe derer, die sich unter der Diktatur aufgeopfert haben, solidarisch waren, sich für die Armen und die Würde der Arbeiter eingesetzt haben. Dieses Erbe, diese Tradition verunglimpft er. Er ist der Prototyp des Yuppie, des rechten Liberalen. Als Unternehmer gehorcht er diesem kulturellen Paradigma."

Dass "MEO" von vielen Chilenen als De-facto-Rechter betrachtet wird, liegt auch an manch un­durch­sich­ti­ger Figur in dessen Wahl­kampf­kom­man­do: etwa Max Marambio, einst Mitglied der politischen Leibwache Allendes (der GAP), der später auf und mit Kuba äußerst lukrative Geschäfte machte und Carlos Cardoen dort einführte, einen Mann, der sich unter Pinochet mit der Herstellung von Streubomben und anderen Rüstungsgütern hervortat. Oder Rodrigo Danús, ein umtriebiger Un­ter­neh­mer im Medien- und Energiebusiness, der sich heute liberal gibt, aber Anfang der Achtziger einer ultrarechten Studenten-Gruppe an­ge­hör­te, die Pinochets Regime gegen aufrührerische Kommilitonen verteidigen woll­te. MEOs Anhänger drehen das natürlich ins Positive: Wer, wenn nicht Marco, so fragen sie, brächte Menschen zusammen, die früher ultimativ verfeindeten La­gern angehörten? Aber das ist Schönfärberei, und Leute wie Marambio und Da­nús haben heute ohnehin genug Gemeinsamkeiten, z. B. die Liebe zum Por­sche­fah­ren.



Vielleicht um sein in dieser Hinsicht kippelndes Image wieder ein wenig nach links zu tarieren, hat Enríquez-Ominami jetzt auch Angehörige von verschleppten und ermordeten Diktaturopfern in seine Spots geholt. Auch biografische Schnipsel verweisen auf die linke Sozialisation des Kan­di­da­ten. Was hier sehr merkwürdig ins Auge fällt, ist die Duplizität einer simplen Geste: Wie sein von Pinochets Killern erschossener Vater, der MIR-Gründer Miguel Enríquez, streicht Marco sich gerne die glatten schwarzen Haare zurück - eine Handbewegung, die im Rahmen seiner Kampagne einen selbstironisch-ikonischen Charakter erlangt hat. Aber unabhängig davon, ob das Durch-die-Haare-Fahren genetisch bedingt ist, ob MEO eine Geste seines Erzeugers kopiert hat oder ob Miguel Enríquez sich gar nicht so leidenschaftlich wie sein Sohn das Haupthaar glättete und der im Werbspot ausgestrahlte Filmschnipsel ein Zufallsfund ist - die Parallele wird bewusst hergestellt. Politisch-ideologisch gibt es aber herzlich wenig Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Mit diesem Bild eine wie auch immer geartete "Nachfolge" des legendären Vaters zu suggerieren, ist daher einfach nur dreiste Taktik von MEOs Managern.



Screenshots von youtube: Claudius Prößer

Montag, 23. November 2009

Der 200-Jahr-Köter

Von den unzähligen Hunden, die auf den Straßen von Puerto Montt leben, war hier schon die Rede. Aber auch jenseits der Anden, in Argentinien, gibt es eine kläffende Parallelgesellschaft, namentlich in Ushuaia, ganz unten auf Feuerland. Davon erfahren haben wir am Wochenende bei einem Miniatur-Filmzyklus, den das argentinische Konsulat im Kulturhaus veranstaltete. Der Film "Gordos Reise ans Ende der Welt" hat einen deutschen Regisseur und erzählt die Geschichte eines Schoßhunds aus Buenos Aires, das aus Versehen in einen Lastwagen gerät und nach Ushuaia mitgenommen wird - wo er sich mehr schlecht als recht durch­schlägt, bis ihn am Ende doch noch ein gutmeinender Mensch aufgabelt.

Das klingt ein bisschen einfältig, aber der Film beeindruckt trotzdem, weil die meisten Aufnahmen gleichzeitig dokumentarischen Charakter haben und das Stra­ßenhundeleben mit allen pikanten Details nachzeichnen: Wahrscheinlich handelt es sich um den weltweit ersten Kinderfilm (in der deutschen Fassung spricht Peter Lustig den Off-Kommentar), der ganz freimütig kopulierende Hunde zeigt. Auch sonst fehlt nichts: weder das Anbetteln der Kreuzfahrt-Touristen, noch der Live-Wurf zwischen Kisten und Gerümpel, noch das waghalsige Spiel der Reifenbeißer. Die gibt es übrigens auch in unserer Straße: zwei Köter, die den lieben langen Tag und nach einem unbekannten Auswahlprinzip vorbeifahrende Autos verfolgen und nach deren Rädern schnappen.

Die eigentümliche Beziehung der Chilenen zu ihren Straßenhunden, die zwischen Abneigung, Mitleid und Sympathie oszilliert, fängt jetzt auch ein Fotowettweberb auf: El Quiltro del Bicentenario, der Zweihundertjahrfeier-Köter, ist Teil einer Reihe von künstlerischen Wettbewerben anlässlich des 200. Jubiläums der Republik im kommenden Jahr. Ich habe mich entschlossen auch teilzunehmen (in Chile lebende Ausländer sind zugelassen) - mit dem Bild unten. Dieses in einer leeren Baumscheibe friedlich schlafende Tier versinnbildlicht für mich die Neh­mer­qua­litäten der chilenischen Straßenhunde: Auch unter widrigsten Be­ding­ungen verlieren sie nicht die Nerven.


Nachtrag: Nach einer aktuellen Recherche der Nación gibt es allein in Santiago de Chile 250.000 "echte" Straßenhunde und ebenso viele, die zwar einen Besitzer haben, aber die meiste Zeit auf der Straße verbringen. In ganz Chile sollen es anderthalb Millionen frei lebende Hunde sein. Natürlich haben die Behörden das Problem als solches erkannt - nur die Maßnahmen sind umstritten. In dieser Woche gab es ein Arbeitstreffen des Verbands der chilenischen Stadtverwaltungen. Am Ende einigte man sich auf folgende Grobziele: verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, die Hundebesitzer zu verantwortlicher Haltung bewegen soll, und mehr Geld für Ste­ri­li­sie­rungs­kam­pag­nen. Zwar ist eine Sterilisierung nicht allzu teuer (der Preis be­wegt sich zwischen umgerechnet 12 bis 20 Euro), angesichts der großen Zahl von Tieren können sich die betroffenen Städte das aber kaum leisten. Interessant ist, dass trotzdem fast niemand eine Tötung der Hunde in Erwägung zieht. Le­dig­lich der Tierärzteverband schlägt das als letztes Mittel vor, wenn sich ein Tier gar nicht anders unterbringen lasse.

Sonntag, 22. November 2009

Wenn Männer Händchen halten

Nun hat er es doch getan: Sebastián Piñera, der Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der rech­ten Opposition in Chile, zeigt für ein paar Se­kun­den in einem seiner TV-Spots ein schwules Paar. Einer der beiden Händ­chen hal­ten­den jungen Männer flüstert Piñera etwas ins Ohr, so wie es im sel­ben Clip weitere Repräsentanten ge­sell­schaftlicher Randgruppen tun - eine Mapuche, ein Kind mit Down-Syndrom, ein alter Mann, eine Seh­be­hin­der­te usw. usf. Woraufhin sich der Kandidat (Achtung, Me­ta­pher!) zur de­ren Stimme macht. Im Fall der beiden gays sagt er sinn­ge­mäß: "Unsere Mitmenschen akzeptieren uns schon - jetzt wollen wir, dass uns auch der Staat respektiert."


Drei Männer, zwei Schwule, ein Kandidat (um den Clip zu sehen: Bild anklicken)


Wie soll man diese Geste einschätzen? Einerseits ist es gerade für ei­nen rechten Politiker in Chile ein Wagnis, Schwule als das zu zeigen, was sie sind: ganz normale Menschen. So richtig akzeptiert werden sie nämlich noch lange nicht, und schon gar nicht von den vielen Hardlinern in den eigenen Reihen. Als der Inhalt des Spots vor ein paar Wochen durchgesickert war, hatten Politiker beider rechten Parteien (der ul­tra­ka­tholischen UDI und der eher traditionell-oligarchisch geprägten RN) hef­tig protestiert und zum Teil mit ihrem Ausstieg aus der Piñera-Kampagne gedroht. So betrachtet hat der Kandidat Mut bewiesen. Umgekehrt wird eine Mogelpackung draus: Mag Piñera sich noch so tolerant zeigen - am Ende wird er, wenn er denn regiert, auf Minister und Abgeordnete an­ge­wie­sen sein, denen alles Gleichgeschlechtliche ein Gräuel ist. Was sol­len sich Homosexuelle von einer solchen Regierung versprechen?

Daran, dass Homosexualität irgendwie auch zum Leben gehört, wird sich die Ultrarechte aber gewöhnen müssen, und der Piñera-Spot ist vielleicht ein kleiner Schritt auf dem Weg dahin. Wie auch zu erfahren war, handelt es sich bei einem der beiden schwulen Männer um Luis Larraín Stieb, den Sohn von Luis Larraín Arroyo, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Universidad Católica und stell­ver­tre­ten­der Leiter des UDI-Thinktanks Libertad y Desarrollo. Das vermeintliche Pro­b­lem tritt also durchaus in den eigenen Reihen auf, und das ist bekanntermaßen auch gut so.

Mittwoch, 18. November 2009

Onkel, Tante, Nachbar

Eine höchst erfreuliche Eigenart des Spanischen ist das umfangreiche Arsenal an Anredeformen, mit denen man nie in Verlegenheit gerät. Vielleicht ist es auch gar kein Privileg des Spanischsprachigen, sondern nur umgekehrt ein deutsches Problem - jenes merkwürdige, seit Jahrzehnten grassierende Anredesterben. Womit nicht das Verschwinden obsoleter Unterwürfigkeitsfloskeln gemeint ist, sondern die peinliche Unfähigkeit, sich verbal an Menschen zu richten, die man nicht mit Namen kennt.

Der Klassiker in Deutschland: Wie rufe ich nach der Bedienung in Café, Bar, Res­taurant? Der "Ober" ist zumindest im urbanen Kontext genau so obsolet wie das "Frollein", und weil an deren Stelle nichts anderes getreten ist, behilft man sich mit einem stotternden "Äh, hallo", das allerdings genausogut einem anderen Gast oder dem eigenen Handy gelten könnte und oft ungehört verhallt. Hierzulande tun es ein simples señor, eine señora oder auch eine señorita. Wenn man bezahlen möchte (wozu jeder chilenische Kellner immer erst eine Rechnung vom separat agierenden Kassenwart holen muss), reicht auch eine Geste, die noch aus großer Entfernung verstanden wird: ein horizontales In-die-Luft-Kritzeln, das für schriftliches Ad­die­ren oder aber für die Unterschrift auf einem Scheck stehen könnte.

Das ist aber noch nicht alles. Genauso unkompliziert ist die Anrede fremder Menschen auf der Straße, wo man in Chile aus dem señor nach Belieben einen caballero machen kann (aber, warum auch immer, aus der señora nie eine dama). Gleichaltrige, informell gekleidete Menschen darf man ruhig auch als amigo bezeichnen, ohne dass die sich gleich belästigt fühlen. Jeden Nachbarn kann man einfach als "Nachbar" (vecino) adressieren - und wenn man den Menschen, der einen vor der Haustür oder an der Supermarktkasse als vecino anspricht, noch nie bewusst gesehen hat, weiß man spätestens dann, woher man ihn eigentlich kennen müsste.

Das sind nur Details, aber sie erleichtern den Alltag. Auch Kinder haben eine praktische Anrede in petto, die die Älteren möglicherweise auch im deutschen Sprachraum noch erlebt haben: den Onkel und die Tante. Ausnahmslos jeder Erwachsene, sei es der Vater des Klassenkameraden oder die Zei­tungs­verkäuferin, heißt im Kindermund tío bzw. tía, und das klingt nicht nach Knicks und Diener, sondern ganz normal und unbekümmert.

In der E-Mail-Kommunikation unter Menschen mit vergleichbarem sozialen Status gibt es jetzt sogar eine neue Anredeform. Wem ein Querido XY ("lieber XY") zu intim, ein Estimado XY ("sehr geehrter XY") aber übertrieben scheint, beginnt die Mail einfach mit "Estimado:", ohne Namen. Das schafft eine Art legerer, au­gen­zwin­kern­der Distanz, und man darf dann trotzdem duzen, ohne umständlich um Erlaubnis zu bitten.

Montag, 16. November 2009

Böses Blut im Kino

Das hat bislang noch kein chilenischer Film geschafft: "La Nana" von Se­bas­tián Silva wurde nicht nur beim Sundance Festival 2009 prämiert, sondern hatte in den USA bis Anfang November bereits knapp 150.000 Dollar eingespielt. Schon deswegen fand Regisseur Silva, sein Werk habe verdient, als chilenischer Kandidat für den besten ausländischen Film der Oscar-Akademie ins Rennen zu gehen. Aber die zuständige Jury nominierte Miguel Littins "Dawson - Isla 10", und seitdem gibt es viel böses Blut unter Chiles Cineasten.

Silva versuchte Littin mit einem nächtlichen Telefonat davon zu über­zeu­gen, seinen Film zurückzuziehen, der war selbstverständlich tief ge­kränkt, und mancher unterstellte der Jury, sich vor einen politischen Kar­ren spannen zu lassen. Dabei bedurfte es gar keiner Einflussnahme von oben, um "Dawson" durchzusetzen, den Film, der von dem Lager erzählt, das die Militärs nach dem Putsch von 1973 für hochrangige Politiker der Unidad Popular auf einer patagonischen Insel einrichteten. Der Film ist alles andere als herausragend, aber Oscar-Juroren sind eben leichter mit groß angelegten Dramen und Durchhaltegeschichten zu beeindrucken, als mit kleinen, psychologisch exakten Gesellschaftsstudien.


Wie auch immer - an dieser Stelle sei jedenfalls eine schöne neue Web­site emp­fohlen: "Cine Chile", die "Enzyklopädie des chilenischen Films" hat sich zur Aufgabe gemacht, ein möglichst komplettes und über­sicht­li­ches Archiv aus technischen Daten, Kritiken, Interviews und Trai­lern bereitzuhalten. Das hat der chilenische Film auch längst verdient, der in den vergangenen beiden Jahrzehnten mehrere Dutzend Premieren junger Regisseure erlebte - auch dank vergleichsweise üppiger Förderung durch die staatliche BancoEstado. Darunter war viel Seichtes und auch hand­werk­lich Schlechtes, aber mit der Zeit kristallisieren sich Namen und Ge­sich­ter heraus, die eine spannende eigene Sprache sprechen. Wer sich für den chilenischen Film interessiert, für den ist "Cine Chile" ganz gro­ßes Kino.

Samstag, 14. November 2009

Politik mit Streifen

Einen Monat vor den chilenischen Präsidenten- und Parlamentswahlen am 13. De­zem­ber darf im Wahlkampf endlich geworben werden. Nach­dem verfrühte Pla­ka­te diesmal recht konsequent abgehängt wurden, ta­pe­zieren die Teams der Kan­di­da­ten und Parteien seit Freitagmorgen Straßen und Plätze. Mit echter Span­nung dagegen haben die Chilenen die franja electoral erwartet, die epischen TV-Spots, die ab jetzt Tag für Tag aus­ge­strahlt werden, und in die die jeweiligen Teams viel Kreativität und noch mehr Geld investieren. Die Popularität der franja geht auf das Jahr 1988 zurück, als das Plebiszit über die Verlängerung der Pinochet-Herr­schaft den Chilenen zum ersten Mal in ihrer Geschichte politische Fern­seh­wer­bung be­scher­te - die im Fall des "No" so gut gemacht war, dass der Erfolg der An­ti-Pinochet-Kampagne zum Teil auch auf ihr Konto ging.

Hier die ersten vier je fünfminütigen "Streifen" zur anstehenden Wahl: Op­po­si­tions­kandidat Sebastián Piñera, der in den Umfragen mit knapp vierzig Prozent führt, hat sich kurzerhand die Farben und Ideen der regierenden Concertación angeeignet, die seinerzeit einen Regenbogen im Logo führte. Bei Piñera ist es ein hübscher bun­ter Stern aus Blumen oder Häkelgarn, der die behauptete Diversität seiner Re­gie­rung unterstreichen soll, den Soundtrack liefern Straßenmusikanten. Der Rest ist Inszenierung: Piñera zutiefst nachdenklich im Kreise seiner Think-Tanker, Piñera oba­ma-gleich als Redner vor Tausenden, der mit einem Blick gen Himmel um "Gottes Hilfe" für sein Projekt bittet.



Bei Konkurrent Eduardo Frei (Concertación) macht eine rührende Ge­schich­te den Anfang: von einer jungen Frau, die als Schülerin schwan­ger wird, die Schule abbrechen muss und dann, als Prä­ze­denz­fall, doch noch ihre Ausbildung beenden darf. Was wohl als Exem­pel dafür herhalten soll, dass Chile unter der Con­cer­ta­ción immer so­zia­ler wird und die Politik immer nah an den Menschen bleibt. Auch Freis Kampagne spielt mit bunen Farben, hier in Form eines Pfeils, der in den un­ter­schied­lichs­ten Zusammenhängen auftaucht - sogar beim Vorspiel eines Lie­bes­paars. Solche Einfälle sollen das dröge Image Freis aufpeppen.



Bei Marco Enríquez-Ominami ("MEO"), dem abtrünnigen concertacionista und Ex-Sozialisten, merkt man, wie schwierig es ist, mit Spaß, aber wenig Geld einen 5-Minuten-Spot kohärent zu füllen. Lustig: MEO lässt sich von einem "Wis­sen­schaftler" im Rahmen eines "Experiments" ohr­fei­gen. Peinlich: die tragende Rol­le von MEOs Frau, der deutsch­stäm­mi­gen Fernsehmoderatorin Karen Dog­gen­wei­ler, die für den Gla­mour-Effekt sorgen soll. Tenor insgesamt: Ich, Ich, Ich.



Sympathisch und unprätentiös schließlich die franja von Jorge Arrate, dem Kan­di­da­ten der außerparlamentarischen Linken. Arrate selbst darf gentlemanlike vor sei­nen häuslichen Bücherwänden sitzen und über Vaterlandsliebe rä­so­nie­ren, ein paar bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen machen Kla­mauk für ihn, unter an­de­rem im Rahmen einer fiktiven Telenovela.



In den kommenden Wochen werden diese Spots immer weitergesponnen werden, die Strategen der einzelnen Kommandos werden ihre Tage damit verbringen, die Produkte der Konkurrenz zu analysieren und an allen verfügbaren Schräubchen des eigenen zu drehen. Ob und wie sehr die franja den Wahlausgang beeinflusst, ist offen - dass die Chilenen unbändig neugierig auf ihre "Streifen" sind, kann keiner verhehlen.

Sonntag, 8. November 2009

Glos und die Generäle


Michael Glos hält den "Bolivarismus" von Hugo Chávez für eine Be­dro­hung - nicht, weil Chávez gerade erklärt hat, dass er nur drei Mi­nu­ten zum Duschen braucht, sondern weil er "seine Ideen auch in anderen la­tein­ame­ri­kanischen Län­dern finanziert". Der ehemalige Bun­des­wirt­schafts­minister ist gerade mit einer De­le­ga­tion der Hanns-Seidel-Stiftung zu Besuch in Chile. Dem Mercurio hat er ein kleines Interview gegeben.

El Mercurio: Und wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in der Region?

Michael Glos: Was das betrifft, ist Chile ein vorbildliches Land. Ich weiß, dass die Generäle sich selbst in wirtschaftlichen Dingen für nicht allzu kompetent hielten und deshalb Experten ins Land geholt haben. Das hat dazu geführt, dass die Wirtschaft hier eine sehr positive Entwicklung durchgemacht hat, dass Chile in der Region führend ist. Natürlich ent­schuldigt das nicht, dass es in diesem Land Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gegeben hat. Aber es ist auch eine Tat­sa­che, dass hier die Basis dafür gelegt wurde, dass Chile heute eine Vor­bild­funk­tion für die gesamte Region innehat.

Merke: Nicht nur die Chicago Boys haben den Generälen seinerzeit unter die Arme gegriffen, sondern auch die Hanns-Seidel-Stiftung, für die der Staatsrechtler Die­ter Blumenwitz nach 1979 Chile reiste. Er leistete den Generälen Schüt­zen­hilfe bei der Ausarbeitung der am 11. September 1980 mit einem frag­wür­di­gen Ple­bis­zit verabschiedeten und (mit Mo­di­fi­ka­tionen) bis heute gül­ti­gen Verfassung.

Donnerstag, 5. November 2009

Alerce Andino



Die Alerce, der namensgebende Baum des 20 Kilometer östlich von Puerto Montt gelegenen Nationalparks Alerce Andino, ist keine Lärche, wie der Name andeutet, den europäische Botaniker ihr einst gaben. "Patagonische Zypresse" ist die korrektere deutsche Bezeichnung des riesigen, sehr langsam wachsenden Baumes, der bis zu 50 Meter hoch und - aufgepasst! - über 3000 Jahre alt werden kann.

In Chile findet man ihn nur noch in Nationalparks und abgelegenen Bergregionen, sein rötliches, feinmaseriges Holz, das sehr feuchtigkeitsunempfindlich ist, war einfach zu begehrt. Jetzt steht die Alerce neben einer Handvoll anderer Baumarten im Anhang I des CITES-Artenschutz-Abkommens: Jeglicher kommerzielle Handel ist streng verboten. Auch in Chile darf niemand eine Alerce fällen - wie man hört, verleiten die astronomischen Preise, die sich mit dem Holz erzielen lassen, manche Menschen dennoch dazu. Eine effektive Kontrolle durch den Staat ist aufgrund der Weitläufigkeit und Unzugänglichkeit des Verbreitungsgebiets kaum möglich.

Um die erste große Alerce in "unserem" Nationalpark zu Gesicht zu bekommen, muss man mehrere Kilometer weit über eine schmale Holperpiste fahren und dann noch eine Stunde laufen. Die nächsten lebenden Exemplare finden sich erst viel weiter oben zwischen den Bergen. Aber auch sonst gibt es unzählige endemische Pflanzen des Valdivianischen Regenwalds zu bestaunen.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Meine Zeit mit Elisa


Uff. Jetzt ist er doch tot, mausetot. Mit Schlafmittel betäubt und dann ein Schuss in den offenen Mund. Dabei wollte Bruno Alberti sich doch zusammen mit Consuelo, seiner Frau, der Polizei stellen. Dumm nur, dass Consuelo ihn im Verdacht hatte, seine Haut als Kronzeuge gegen sie retten zu wollen. Schließlich hatte sie ihre Nichte Elisa erschossen und nicht Bruno, der erst eine Affäre mit der Min­der­jäh­ri­gen anfing und sie dann wochenlang in einem abgelegenen Som­mer­haus gefangen hielt. Gestorben wäre Alberti in dieser Nacht aber allemal, denn sein rachsüchtiger Schwager Raimundo, Elisas Vater, und Nicolás, Raimundos Freund und Geschäftspartner, wollten ihn ebenfalls töten. Letzterer, weil er in Bruno den Mörder seiner Freundin Juanita zu erkennen glaubte, derselben Juanita, mit der Raimundo kurz zuvor seine Frau Francisca betrogen hatte, die dafür eine heimliche Beziehung mit Camilo einging, dem Kriminalkommissar, der schließlich die sterbende Elisa fand.

Kompliziert? Ja, aber nur ein winziger Ausschnitt von "¿Dónde está Elisa?", meiner telenovela. Meiner novela! Als eine von S. Kolleginen im vergangenen Mai nach Deutschland zurückging, hinterließ sie uns ihren Fernseher. Kurz darauf begann mein heroischer Selbstversuch: eine telenovela von Anfang bis Ende durch­zu­ste­hen. Genau genommen habe ich den Anfang verpasst, aber das macht nichts, denn "¿Dónde está Elisa?" hatte bis jetzt um die hundert Folgen. Von Montag bis Donnerstag, pünktlich um 22 Uhr, gab es eine halbe Stunde Intrigen, Leidenschaft, Geheimnisse und Gewalt, zuzüglich Werbepausen. Und einen Plot, der sich, dem Genre entsprechend, wie ein riesiger Kaugummi in die Länge zog. Handlungsstränge, die auf falsche Fährten führten, im Nichts endeten, nach Wochen wieder aufgenomen wurden, Nebendarsteller, die plötzlich autauchten, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden. Die Frage, wo Elisa wohl sei, war nach der Hälfte schon beantwortet, aber nicht die Frage nach dem Täter und unendlich viele Fragen mehr.

Dass ich trotzdem durch­ge­hal­ten habe, hat mehrere Gründe. Zuallererst eine Por­tion Narzissmus: Wenn man als Ausländer zu verstehen gibt, dass man die derzeit beliebteste novela regelmäßig sieht, wenn man mit Detailwissen und Theorien über die weitere Entwicklung der Handlung aufwarten kann, schlägt einem Un­gläu­big­keit, aber auch Bewunderung entgegen. Vielleicht hat mancher mich auch für verrückt gehalten, aber das war es wert. Denn man kann die novela ja auch auf einer Metaebene als Spiegelbild der Gesellschaft lesen, in die man da eintaucht. Nicht als reales Spiegelbild, sondern als eines, das die kollektive Selbst­wahrnehmung, aber auch Mythen über die eigene Identität repräsentiert. Spä­tes­tens wenn man mit Chilenen die vergangenen Folgen, die Charaktere und die Glaubwürdigkeit der Story analysiert, ist ohne Belang, ob das Ding ein halbindustrielles Erzeugnis zur Schaffung eines erstklassigen Werbeumfelds ist. Sag mir, was du über "Elisa" denkst, und ich weiß schon eine ganze Menge über dich.

Und dann dieser Lindenstraßen-Effekt. "¿Dónde está Elisa?", eine Produktion des staatlichen Senders TVN mit preisgekröntem Drehbuchautor, begabten Schau­spie­lern und experimentierfreudigen Regisseuren, hat ein paar Themen in Um­lauf gebracht, über die man in Deutschland vielleicht lächeln würde - zu Un­recht, denn der erste schwule Kuss in einer deutschen TV-Produktion ist auch noch keine zwanzig Jahre alt. "Elisa" hat nun unter anderem das Verdienst, erstmals Schwule als ganz normale Menschen zu zeigen (auch wenn ihr Leben nur aus Problemen besteht, denn Ignacio, der Ehemann von Olivia, Raimundos Schwester, hat sich nie geoutet und musste sich ausgerechnet in Javier verlieben, Olivias Ex aus Studentenzeiten, der nach einem längeren Aufenthalt in New York als offener gay zurückgekehrt ist). Keine affektierten Tunten mit abgespreizten Fingern, die bislang das offizielle Abbild des gewöhnlichen Homosexuellen im Fernsehen waren, dafür ein Kuss in einer Schwulendisco an Heiligabend. Nicht übel.

Überhaupt kann man Hoffnung haben, dass das relativ neue Genre der telenovela nocturna, der anspruchsvolleren Schwester jener seichten Nachmittagsserien, die längst auch in ARD und ZDF Einzug gehalten haben, irgendwann die Plastikwelt der Schönen und Reichen verlässt, in der sie jetzt noch zuverlässig angesiedelt ist. Das wäre wirklich eine spannende Entwicklung - wenn sich die Chilenen allabendlich selbst zu Gesicht bekämen und nicht nur Menschen wie den "Vorsitzenden eines der bedeutendsten Konzerne des Landes" (die Figur Raimundo laut TVN). Für die novela, die "Elisa" nahtlos ablösen wird, gilt das nicht, es handelt sich um eine Vampirsaga, die im ländlichen Chile des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Darin geht es um - klar: Intrigen, Leidenschaft, Geheimnisse und Gewalt. Ich für meinen Teil schalte dann mal ab.

Samstag, 24. Oktober 2009

Feinste Unterschiede

Eigentlich unterscheiden wir uns überhaupt nicht voneinander. Trotz der gewaltigen Entfernung, trotz Sprache und Geschichte und aller weiteren kulturellen Nuancen, die wir nicht teilen, fällt es kaum einem Deutschen schwer, sich in Chile zurechtzufinden. Man isst hier weder Hunde noch Insekten, niemand muss sich das Gesicht verhüllen, und wer den Kopf schüttelt, meint tatsächlich "nein".

Trotzdem stößt man immer wieder mal auf kleinste Differenzen, die signalisieren: Hier tickt dieses Land ein bisschen anders, hier hat sich eine abweichende Kulturtechnik etabliert. Glücklicherweise besitzen diese Dinge nicht genügend Tiefgang, um die gegenseitige Toleranz ernsthaft auf die Probe zu stellen. Kleinere Reibungsverlsute sind dennoch nicht ausgeschlossen.

"Und ich hatte so einen Hunger", stöhnt S., als sie von einer Einladung zum Kuchen bei einer Kollegin zurückkommt. Dass das Gebäck, das dank teutonischer Einwanderung tatsächlich "Kuchen" heißt, selten so schmeckt wie daheim in Deutschland - geschenkt. Rätselhaft für unsereins ist dagegen die Sitte, Gäste eine gefühlte Ewigkeit mit Smalltalk hinzuhalten, obwohl die Kaffeetafel längst gedeckt im Nebenraum wartet. A propos gedeckt: Beim Frühstück oder am Nachmittag steht in Chile die Tasse vorne und der Teller hinten, also weiter weg vom Essenden (wenn statt Tassen Gläser gedeckt sind, etwa auf dem Mittagstisch, ist dagegen alles "normal"). Warum das so ist, konnte uns bislang noch niemand erklären. Vielleicht mögen Chilenen lieber Krümel im Tee als Tropfen auf dem Brötchen?

Auch auffällig bei gegenseitigen Besuchen ist nicht etwa die Unpünktlichkeit (eine Disziplin, in der viele Deutsche inzwischen locker mithalten können), sondern die Sache mit den Schuhen. In Deutschland gehört es mittlerweile fast zum guten Ton, sich gleich hinter der fremden Wohnungstür seiner Treter zu entledigen - oder das zumindest anzubieten. In Chile würde man freiwilliges Schuheausziehen unter der Rubrik "Grober Unfug" verbuchen. Weil Füße eben unangenehm riechen, wie man mir auf Nachfrage kategorisch erklärte. Deshalb traut sich auch niemand, auf einer Nachtfahrt im Überlandbus die Zehen frische Luft schnuppern zu lassen.

Besonders auffällig sind die kleinen Unterschiede im Straßenverkehr. Ein lediglich kurioses Detail: Wer langsamer fahren will als der Hintermann, deutet diesem mit dem Blinker an, er möge doch bitte überholen. Genau wie in Deutschland - nur blinkt man hier links und nicht rechts. Also: "Da sollst du an mir vorbeiziehen" und nicht "Ich bleib hier schön am Rand". Unangenehmer für den Zugewanderten ist die Tatsache, dass man in Chile das Reißverschlussverfahren nicht kennt. Und zwar im Wortsinn: Man kennt das Konzept einfach nicht, dem Verkehrsteilnehmer von der Nebenspur, die etwa an einer Baustelle endet, das Einfädeln zu ermöglichen. Wer zuerst kommt, fährt zuerst. Sollte es daran liegen, dass hohe Verkehrsaufkommen in Chile noch ein recht junges Phänomen sind? Vielleicht muss nur mal jemand den entsprechenden Begriff in Umlauf bringen.

Es gibt noch ein paar solcher Kleinigkeiten. Etwa die Art, mit den Fingern zu zählen. Hier fängt niemand bei "eins" mit dem Daumen an - es gibt die Variante "Vom kleinen Finger aufwärts", die gerne unter Zuhilfenahme der anderen Hand gebraucht wird, sowie eine zweite, komplexere, die mit dem Zeigefinger beginnt. Und (das geht dann doch schon in Richtung "Kopfschütteln") um jemanden heranzuwinken, schaufelt man sich nicht Luft ins Gesicht, sondern streckt die Hand aus, Innenseite nach unten, und macht mit den Fingern eine kratzende Bewegung.

Mir passierte letztens folgendes: Mein Freund Chany, der zurzeit in Santiago bei einem Institut arbeitet, das Methoden der Schul- und Berufsbildung evaluiert, hatte mich gebeten, stellvertretend für ihn auf einer Fortbildungsveranstaltung für Lehrer in Puerto Montt eine schriftliche Umfrage zu machen. Eigentlich ging es nur darum, Fragebögen zu verteilen und wieder einzusammeln. Das tat ich auch - und verstand nicht, weshalb die Seminarleiterin, eine ältere Dame, so pikiert war. Irgendetwas hatte ich falsch gemacht.

Nach eingehender Selbstprüfung und Rücksprache mit Santiago fand ich die Lösung. Es war so: Weil man mir den Fragebogen erst kurz vor dem vereinbarten Termin mailte und ich ihn außerdem in großer Zahl kopieren musste, war keine Zeit gewesen, je vier Blätter aneinanderzuheften. Deshalb hatte ich die in einem Konferenzraum versammelten Lehrer gebeten, die vier Stapel durch die Reihen gehen zu lassen und sich jeweils ein Blatt zu nehmen - eine Technik, die man in Deutschland spätestens seit der siebten Klasse beherrscht. Aber hier nicht: "Wir sind da sehr paternalistisch eingestellt", sagt eine chilenische Freundin, "wir erwarten, dass jemand durch den Saal geht und jedem genau das in die Hand drückt, was er braucht."

Deshalb hatte das Verteilen so lange gedauert, hatten manche Teilnehmer so verwirrt gewirkt, hatte ich die Seminarleiterin dabei beobachtet, wie sie, leise fluchend, Blätter austeilte und immer wieder fragte, wem noch dieses oder jenes fehle. Mein Verhalten dagegen war - aus ihrer Sicht - leicht unverschämt: Platzt in die Veranstaltung und lässt andere seine Zettel austeilen. Glücklicherweise beinhaltete der Arbeitsauftrag noch ein längeres mündliches Interview mit mehreren Lehrern, was auch hervorragend funktionierte. Wenn man drüber spricht, geht eben alles.

Freitag, 23. Oktober 2009

Wetter aktuell

Endlich hat der Neid ein Ende.

Freitag, 16. Oktober 2009

Musikalische Momente


Gemein wäre es, Eduardo Gatti als One-Hit-Wonder zu bezeichnen, weil kaum jemand ein anderes Lied von ihm kennt als "Los Momentos". Schließlich ist Gatti seit den Sechzigerjahren und bis heute musikalisch aktiv, seinerzeit als Mitglied der legendären Blops, einer 1970 gegründeten Progrock-Exklave der Nueva Canción Chilena.

Die melancholischen "Momentos" aber trällern chilenische Jugendliche noch heute an jedem Lagerfeuer. Mit einer Coverversion neu belebt haben den Song Philippe Boisier (Icalma) und Daniel Riveros AKA Gepe, zwei Vertreter der jungen Musikszene Santiagos, die irgendwo auf dem weiten Feld zwischen Elektromusik und Neofolklore herumexperimentieren. Sie haben "Los Momentos" für den Sound­track von "Turistas" eingespielt, den zweiten Spielfilm von Alicia Scher­son, der gerade auf dem Filmfest Hamburg zu sehen war und heute in Chile angelaufen ist.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Auffrischungsarbeiten

In Puerto Montt stehen die Zeichen auf Frühjahrsputz. Im November legen die ers­ten Kreuzfahrtschiffe an, und auch wenn die Stadt den Touristen aus USA und Europa nicht viel zu bieten hat - aufgeräumt soll's wenigstens sein. Hier und da wird an Dächern und Fassaden das Makeup aufgefrischt, und auch die gelben Straßenränder zieht ein städtisches Expertenteam nach. Der bunte Straßen-Strich erfüllt in Chile einen simplen Zweck: Er markiert auf die einfachste und dabei of­fen­sichtlichste Weise ein Parkverbot. Dass die Spritzmaschine mal ein bisschen da­ne­ben­kleckert, damit muss man leben. Hauptsache, die Farbe ist trocken, wenn die Besucher kommen.

¡Santo Ya!

Mit dem heutigen 1:0 gegen Ecuador hat sich die bereits für die WM-Teil­nahme qualifizierte chilenische Nationalmannschaft noch einen run­den Abschluss der eliminatorias gegönnt. Auf Platz zwei der Liste hat sich die Roja hochgearbeitet, nur ein hauchdünner Punkt trennt sie von den Brasilianern. Nach zwölf Jahren endlich wieder vom Weltmeistertitel träumen! Natürlich wird jetzt gefeiert.


Einer, der nach Ansicht vieler Chilenen ein gerüttelt Maß an Ver­ant­wor­tung für diesen Erfolg trägt, ist Trainer Marcelo Bielsa. Dieser Ta­ge dürfte sich der Argentinier kaum auf die Straße wagen: Man würde ihm am liebsten ununterbrochen die Füße küssen dafür, eine junge Mannschaft ohne Stars wie Marcelo Salas oder Iván Zamorano mit liebevoller Strenge und bedingungsloser Hingabe an den Fußball zu einem Team aufgebaut zu haben, das verblüffend gut funktioniert. So groß ist die Hingabe des rosarino, wie ihn die Presse nach seiner Heimatstadt Rosario gerne nennt, dass man ihn seit August 2007, als er die selección von Nelson Acosta übernahm, ausschließlich im Trainingsanzug gesehen hat.

Jetzt hatten ein paar Fußballfanatiker die hübsche Idee, den Loco Bielsa, so sein eigentlicher Spitzname, gebührend zu ehren: Sie wollen ihn vom Vatikan zu Chiles Fußballheiligem erheben lassen. Aber das geht be­kann­termaßen nicht so ohne weiteres, sondern nur unter Vorlage von min­destens drei Wundern. Eines - die Qualifizierung - ist ja schon voll­bracht. Wenn nun (Nr. 2) Chile die Vorrunde übersteht und an­schlie­ßend (Nr. 3) die Weltmeisterschaft für sich entscheidet, kann eigentlich auch der Papst nichts mehr gegen die Kanonisierung vorbringen.

Aber wenn die Latte so hoch liegt, hat Marcelo Bielsa eigentlich doch nichts zu befürchten. Aber schön gemacht ist die Seite, auf der die einfachen Ballgläubigen ihrem Idol eine Kerze im Halbdunkel entzünden und ein paar Worte des Dankes - gracias por favor concedido - widmen können. Die ganz reale Gesetzesinitiative einiger Abgeordneter, mit der Bielsa im Eilverfahren die chilenischen Staats­bürgerschaft verliehen werden sollte, wurde von ihren Autoren gestern klein­laut wieder zu­rück­gezogen - zu viele Kollegen hatten für derartigen Op­por­tu­nismus nur Spott übrig gehabt.

Freitag, 9. Oktober 2009

Zeit der Überraschungen

Der chilenische Wahlkampf läuft inzwischen auf Hochtouren und bringt manche Überraschung mit sich. Etwa die, dass nach einhelliger Meinung der meisten Be­ob­ach­ter Jorge Arrate, der Kandidat der außerparlamentarischen Linken, die erste Fern­seh­de­bat­te der verbliebenen vier Kandidaten eindeutig für sich entschieden hat. Das wird dem silberhaarigen Ex-Sozialisten zwar nicht in den Prä­si­den­ten­pa­last verhelfen - die besten Umfragewerte für ihn liegen bei vier Prozent der Stimmen -, aber der linken Sache schadet es gewiss nicht. Arrate, der von den Kommunisten und den "allendistischen" Sozialisten unterstützt wird, punktete mit sicherem, entspanntem und humorvollem Auftreten, aber auch mit glasklaren Aussagen zum größten Skandalon im Chile von heute: der abgrundtiefen sozialen Ungleichheit, die allen löblichen Gesundheits- und Rentenreformen zum Trotz das Land spaltet.



Im Mittelfeld bewegten sich Marco Enríquez-Ominami, der Querschläger aus den Reihen der Sozialistischen Partei, dessen jugendlich-rebellisches Image unter dem stark reglementierten TV-Format litt, und Ex-Präsident Eduardo Frei, Kandidat der regierenden Concertación, bei dem man nicht genau weiß, ob man seinen Habitus als empathiearm oder cool bezeichnen soll. Vermutlich wüsste er es selbst nicht.

Aus Sicht der Zuschauer klarer Verlierer war hingegen Sebastián Piñera, der für die rechte Alianza por Chile Präsident werden und das rechte Trauma überwinden will, seit 50 Jahren keine Wahl mehr gewonnen zu haben. "Sebastián Piñera, Presidente 2010-2014" steht über seiner Kampagnenwebsite, aber so sicher kann er sich des Erfolgs nicht sein, allen Abnutzungserscheinungen der Concertación zum Trotz. Piñera war schlecht gekleidet, drosch Phrasen und zeigte Nerven. Letzteres hatte auch damit zu tun, dass Transparency International am selben Tag seinen "Global Corruption Report 2009" vorgestellt hatte, und er selbst, also Piñera, im von Chile Transparente (CT) verfassten Länderkapitel namentlich auftauchte - als Unternehmer, der 2006 ein dickes Aktienpaket der Flug­ge­sell­schaft LAN möglicherweise auf der Grundlage von Insiderinformationen gekauft hat.

Frei schmierte das seinem Konkurrenten ungerührt aufs Brot - direkt vor dem Werbeblock. Der Geschmähte konnte sich erst viel später verteidigen, und auch das gelang ihm nur mit Mühe. Für Chile Transparente hatte die Geschichte freilich ein Nachspiel: Piñera schoss in den Folgetagen aus allen Rohren zurück, und der Vorstand von CT entschied schließlich nach einer Sondersitzung, sich von den Aussagen des eigenen Berichts teilweise zu distanzieren. Begründung: Für den Text seien allein dessen Autoren verantwortlich. Alles in allem ein eher undurchsichtiger Vorgang und insofern kein Ruhmesblatt für die NGO.

Inzwischen hat sich Sebastián Piñera freilich als wahrer Erbe des Widerstands gegen Pinochet geoutet. In einem Video auf seinem Youtube-Kanal be­glück­wünsch­te er sich und seine Mitbürger zu 21 Jahren "No" - am 5. Oktober 1988 war Pinochet daran gescheitert, sich per Plebiszit acht weitere Jahre an der Macht zu halten. Richtig ist, dass Piñera aus einer zutiefst christdemokratischen Familie kommt, genauer: Sein Vater José war einer der Gründer der chilenischen Christdemokraten. Richtig ist auch, dass Sebastián damals offen bekannte, gegen die Fortführung der "Militärregierung" zu stimmen. Dennoch ist die Verklärung seiner Vergangenheit, die der Kandidat der Rechten betreibt, doppelt absurd. Links von ihm nimmt sie ihm keiner ab, rechts von ihm (wo noch viel Raum bis zum Ende des Spektrums ist), rümpft man die Nase.

Vollends absurd wird es, wenn Piñera als Beweis seiner Affinität zum "No" ein wenige Sekunden langes Video zeigt, auf dem er am Rande einer Demonstration zu sehen ist. Um was für eine Demo es sich genau handelt, erfährt man nicht, auch nicht, warum der junge Mann sich entgegen den anderen De­mons­tra­tions­teil­nehmern bewegt, und schon gar nicht, warum er ein so gänzlich un­op­po­si­tio­nel­les Outfit zur Schau trägt (weißes Hemd und Blouson, Kurz­haar­schnitt und Sonnenbrille). So liefen damals doch Spitzel herum, sagen alle unisono, und auch wenn man das Piñera nicht unterstellen möchte - vielleicht ist es ein Augenzwinkern in Richtung seiner rechten Unterstützer, die subtile Andeutung, seine Rolle könnte damals ja, rein theoretisch natürlich, eine ganz andere gewesen sein? Wer weiß.


Sonntag, 4. Oktober 2009

Cantora

Als in diesem Jahr der zweite Teil ihres Doppelalbums "Cantora" he­raus­kam, ging es der gestern verstorbenen Mercedes Sosa ge­sund­heit­lich schon lange nicht mehr gut. Vielleicht war ihr bewusst, dass die 35 Studioaufnahmen ihre letzten sein würden. Jeden Titel hat sie ge­mein­sam mit einem oder mehreren befreundeten Künstlern produziert - ein Tribut an die jüngeren Generationen und gleich­zei­tig deren Lie­bes­er­klä­rung an die große Sängerin aus Tucumán.

Deren letzte Version von Silvio Rodríguez' Lied "La Maza" ist (nach dem Original) vielleicht die beste. Sosa singt zusammen mit Shakira: zwei denk­bar ungleiche Frauen, zwei Stimmen, zwischen denen hörbar Jahr­zehn­te liegen - eine Kombination, die Gänsehaut macht.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Dumm gebohrt


Das Geysirfeld El Tatio in der Atacamawüste ist von lunarer Schönheit. Aus vielen kleinen Kratern brodelt oder schießt heißes Wasser in die Höhe. Manche Geysire sind ständig aktiv, manche unregelmäßig, andere brechen mit großer Pünktlichkeit im Abstand von wenigen Minuten aus. Seit zwei Wochen hat die auf über 4.000 Metern gelegene Touristenattraktion etwas ganz Spektakuläres im Angebot: eine 60 Meter hohe und an der Austrittsstelle zwei Meter breite Dampffontäne.

So richtig froh ist freilich niemand über den Riesen, denn der erzeugt viel Krach und lässt die übrigen Geysire versiegen. Und er ist menschengemacht: Die Dampfsäule tritt aus einer Probebohrung des Unternehmens Geotérmica del Norte (GDN) aus, an dem vor allem der italienische Energiekonzern ENEL und die staatliche chilenische Ölfördergesellschaft ENAP beteiligt sind. GDN experimentiert seit Ende 2008 trotz aller Proteste von Umweltaktivisten und Bewohnern der Atacama in unmittelbarer Nähe des Geysirfeldes herum. Geplant ist die Errichtung eines Geothermiekraftwerks, das rund 40 Megawatt erzeugen soll.

Auch wenn die Verantwortlichen für das ökologische und touristische Desaster dessen Tragweite kleinreden - die öffentliche Akzeptanz geht inzwischen gegen Null. Der Consejo de Pueblos Atacameños, in dem die indigenen Bewohner der umgebenden Dörfer organisiert sind, will rechtliche Schritte gegen das Unternehmen einleiten. Der Rat der Ureinwohner spricht von einem "Attentat auf das Leben", Flora und Fauna des einzigartigen Ökosystems seien gefährdet.

Am Donnerstag hat die regionale Umweltkommission (Corema) die sofortige und unbefristete Einstellung der Probebohrungen gefordert. Die GDN soll bis Mitte Oktober eine Lösung für das von ihr geschaffene Problem präsentieren.

Flavia Liberona, Direktorin der Umweltstiftung Fundación Terram, lässt selbstredend kein gutes Haar an dem Projekt und seinen dampfenden Kol­la­te­ral­schä­den - vor denen nicht wenige vergeblich gewarnt hatten. Natürlich hat sie Recht. Problematisch ist allerdings, wenn sie betont, alle zuständigen Behörden ließen sich "für nur 40 MW" Leistung kleinkriegen. Denn normalerweise kritisieren Organisationen wie Terram oder Greenpeace Chile genau das Gegenteil, nämlich Megaprojekte wie die geplanten Staudämme in Patagonien. Da wird dann gerne argumentiert, Chiles Energiebedarf müsse durch viele kleine, dezentrale Projekte gedeckt werden. Auch wenn sich das Tatio-Debakel nicht rechtfertigen lässt - man muss seine eigenen strategischen Aussagen auch ernst nehmen.

Hier noch ein paar Tatio-Bilder aus dem eigenen Fundus:



Foto oben: http://www.flickr.com/photos/efrei/ / CC BY 2.0

Samstag, 26. September 2009

Apathische Revolutionäre, abgründige Dienstmädchen

Schade. "Dawson - Isla 10", Miguel Littíns Film über das Konzentrationslager, das Pinochets Junta für hochrangige Politiker der Unidad Popular auf einer patagonischen Insel einrichtete, enttäuscht die Erwartungen. Und die waren hoch, denn noch gibt es nicht viele Filme, die die dramatischen Ereignisse rund um den Putsch von 1973 erzählen. Außerdem ist Littín so etwas wie der Altmeister des chilenischen Films und ein einsamer dazu - zwischen ihm und den vielen Jungfilmern, die heute dank einer vergleichsweise generösen Förderung ein Debüt nach dem anderen abliefern, klafft eine große, leere Lücke.

Leider ist Littín, was Erzähltechniken und Experimentierfreude angeht, auch irgendwo in den Siebzigern hängen geblieben. "Dawson - Isla 10", der auf dem autobiografischen Buch des ehemaligen Häftlings Sergio Bitar beruht, ist ein Film ohne jede Überraschung, eine Aneinanderreihung von Begebenheiten, die Bitar tagebuchartig aufgeschrieben hat, letztlich ein Kostümfilm, dessen Ende man schon vorher kennt. Langeweile im Kino ist da programmiert, auch wenn viele Chilenen es vielleicht als bewegend empfinden, wenn den großen Namen der Unidad Popular (wie José Tohá, Orlando Letelier, Clodomiro Almeyda) auf der Leinwand neues Leben eingehaucht wird.

Littín zeigt sorgfältig komponierte, am Originalort gedrehte Bilder, aber es gelingt ihm nicht im Geringsten, eine realistische Stimmung des Lagerlebens zu zeichnen. Da stecken fünfzig Männer in einer Häftlingsbaracke, die gerade eben noch leidenschaftlich Politik gemacht haben, die man gewaltsam aus einer der dramatischsten Phase der chilenischen Geschichte gerissen hat - aber sie schlurfen apathisch, ja autistisch herum, als verbrächten sie schon Jahre in der Isolation. Nur einmal gibt es Streit um irgendeine Lappalie, und plötzlich stehen sich Sozialisten, Kommunisten und Miristas hasserfüllt gegenüber und raufen wie die Schuljungen. Mit einem derart simplen Dreh werden schnell auch noch die ideologischen Verwerfungen innerhalb der verhinderten Revolutionäre abgehakt.

Absolut erfreulich und sehendswert ist dagegen "La Nana", ein Film von Sebastián Silva, der auf dem Sundance Festival 2009 den Großen Preis der Jury in der Kategorie "World Cinema Dramatic" erhielt. Eine vollkommen verdiente Auszeichnung, denn Silvas psycho- und soziologische Studie setzt neue Maßstäbe des Realismus im chilenischen Film, der traditionell zu Stilisierungen neigt. "La Nana" ("The Maid" auf englisch, obwohl die Bezeichung für die chilenischen Hausmädchen an das englische "Nanny" angelehnt ist) seziert den Alltag einer Hausangestellten, die seit mehr als zwanzig Jahren in einer Familie der chilenischen Upper-Class lebt. Die nana puertas adentro, das Dienstmädchen, das mit den Arbeitgebern im selben Haus wohnt, ist auch heute noch häufig in den besseren Vierteln Santiagos anzutreffen - auch wenn immer weniger Chileninnen und immer mehr Peruanerinnen diesen Job erledigen.

Eine Peruanerin wird dann auch zur Verstärkung ins Haus geholt, als Raquel, die die vier Kinder der Valdés' aufzieht, kocht, wäscht, saugt und den patrones morgens das Frühstück ans Bett bringt, gesundheitliche Probleme bekommt. Sie wird von Depressionen und Migränen geplagt, will aber auf keinen Fall ihre vermeintliche Position als zusätzliches Familienmitglied riskieren, denn ein eigenes Leben, das wird bald klar, hat sie längst nicht mehr. Hinter den alltäglichen Verrichtungen im Haushalt, die Silva minutiös abbildet, tut sich ein Abgrund auf, und das Festivalpublikum in den USA soll ständig damit gerechnet haben, dass die nana zum Pürierstab greift und ein tarantineskes Blutbad anrichtet. Genau das passiert aber nicht, der Film endet so unspektakulär wie anrührend.

Für die Chilenen wirkt dieser Blick auf ein sehr reales gesellschaftliches Phänomen bestürzend authentisch. Das kommt vielleicht auch daher, dass der 30-jährige Silva die "Nana" stark an seine eigene nana angelehnt hat. Auf alle Fälle ein extrem erhellender, aufklärerischer Film, von dessen Art Chile noch viele braucht.

Bilder: Dawson - Isla 10 und Sundance Festival 2009