Montag, 23. November 2009

Der 200-Jahr-Köter

Von den unzähligen Hunden, die auf den Straßen von Puerto Montt leben, war hier schon die Rede. Aber auch jenseits der Anden, in Argentinien, gibt es eine kläffende Parallelgesellschaft, namentlich in Ushuaia, ganz unten auf Feuerland. Davon erfahren haben wir am Wochenende bei einem Miniatur-Filmzyklus, den das argentinische Konsulat im Kulturhaus veranstaltete. Der Film "Gordos Reise ans Ende der Welt" hat einen deutschen Regisseur und erzählt die Geschichte eines Schoßhunds aus Buenos Aires, das aus Versehen in einen Lastwagen gerät und nach Ushuaia mitgenommen wird - wo er sich mehr schlecht als recht durch­schlägt, bis ihn am Ende doch noch ein gutmeinender Mensch aufgabelt.

Das klingt ein bisschen einfältig, aber der Film beeindruckt trotzdem, weil die meisten Aufnahmen gleichzeitig dokumentarischen Charakter haben und das Stra­ßenhundeleben mit allen pikanten Details nachzeichnen: Wahrscheinlich handelt es sich um den weltweit ersten Kinderfilm (in der deutschen Fassung spricht Peter Lustig den Off-Kommentar), der ganz freimütig kopulierende Hunde zeigt. Auch sonst fehlt nichts: weder das Anbetteln der Kreuzfahrt-Touristen, noch der Live-Wurf zwischen Kisten und Gerümpel, noch das waghalsige Spiel der Reifenbeißer. Die gibt es übrigens auch in unserer Straße: zwei Köter, die den lieben langen Tag und nach einem unbekannten Auswahlprinzip vorbeifahrende Autos verfolgen und nach deren Rädern schnappen.

Die eigentümliche Beziehung der Chilenen zu ihren Straßenhunden, die zwischen Abneigung, Mitleid und Sympathie oszilliert, fängt jetzt auch ein Fotowettweberb auf: El Quiltro del Bicentenario, der Zweihundertjahrfeier-Köter, ist Teil einer Reihe von künstlerischen Wettbewerben anlässlich des 200. Jubiläums der Republik im kommenden Jahr. Ich habe mich entschlossen auch teilzunehmen (in Chile lebende Ausländer sind zugelassen) - mit dem Bild unten. Dieses in einer leeren Baumscheibe friedlich schlafende Tier versinnbildlicht für mich die Neh­mer­qua­litäten der chilenischen Straßenhunde: Auch unter widrigsten Be­ding­ungen verlieren sie nicht die Nerven.


Nachtrag: Nach einer aktuellen Recherche der Nación gibt es allein in Santiago de Chile 250.000 "echte" Straßenhunde und ebenso viele, die zwar einen Besitzer haben, aber die meiste Zeit auf der Straße verbringen. In ganz Chile sollen es anderthalb Millionen frei lebende Hunde sein. Natürlich haben die Behörden das Problem als solches erkannt - nur die Maßnahmen sind umstritten. In dieser Woche gab es ein Arbeitstreffen des Verbands der chilenischen Stadtverwaltungen. Am Ende einigte man sich auf folgende Grobziele: verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, die Hundebesitzer zu verantwortlicher Haltung bewegen soll, und mehr Geld für Ste­ri­li­sie­rungs­kam­pag­nen. Zwar ist eine Sterilisierung nicht allzu teuer (der Preis be­wegt sich zwischen umgerechnet 12 bis 20 Euro), angesichts der großen Zahl von Tieren können sich die betroffenen Städte das aber kaum leisten. Interessant ist, dass trotzdem fast niemand eine Tötung der Hunde in Erwägung zieht. Le­dig­lich der Tierärzteverband schlägt das als letztes Mittel vor, wenn sich ein Tier gar nicht anders unterbringen lasse.

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