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Montag, 1. März 2010

Vermisst und verwirrt

Das idyllische Bild ganz oben habe ich Ende Dezember bei Curanipe aufgenommen. Curanipe liegt in der Maule-Región und wenige Kilometer vom Epizentrum des großen Bebens entfernt. Die Stärke der Erdstöße an dieser Stelle (8,8) mag man sich gar nicht vorstellen, aber schlimmer als die Erschütterungen waren in Curanipe und den benachbarten Küstenorten die Flutwellen, die eine Viertelstunde später den Uferstreifen verwüsteten. Viele Menschen haben offenbar direkt nach dem Beben das einzig Richtige getan und sind landeinwärts bzw. bergauf geflüchtet. Alle schafften das leider nicht - oder hielten es in Ermangelung einer Warnung nicht für nötig.

Ob die zuständige Einheit der Marine (der Servicio Hidrográfico y Oceanográfico de la Armada de Chile, Kürzel: SHOA) tatsächlich einen folgenschweren Irrtum beging und direkt nach dem Beben die Gefahr eines Tsunamis ausschloss, oder ob die Regierung eine entsprechende Warnung nicht weiterverbreitet hat, ist derzeit heiß umstritten. Freilich stellt sich die Frage, ob eine offizielle Auforderung, aus der Gefahrenzone zu flüchten, die Menschen überhaupt bzw. rechtzeitig erreicht hätte. Bislang werden 50 Tote aus der Gegend um Curanipe gemeldet - in Wirklichkeit dürften es noch viel mehr sein.

Wir wohnten im Dezember in einer von einem deutsch-argentinischen Paar betriebenen Ferienanlage, wunderschön etwa 15 Meter oberhalb des menschenleeren Strandes gelegen. Diese 15 Meter könnten den beiden und etwaigen Gästen das Leben gerettet haben, aber wir wissen es nicht. Die chilenische Google-Seite hat einen Personenfinder eingerichtet, wo jeder Informationen über vermisste Menschen hinterlegen kann. Leider finden sich dort bis jetzt nur Suchanzeigen.

Derweil treibt noch eine andere Debatte die Chilenen um: Wie kann es sein, dass so viele Menschen die Naturkatastrophe ausnutzen, um an sich zu reißen, was nicht niet- und nagelfest ist? Wenn man den Fernsehbildern und Reporterberichten Glauben schenken darf, geht es ja nicht nur um Plünderung und Brandstiftung in einzelnen großen Supermärkten, auch längst nicht nur um die Aneignung von Lebensmitteln. Ausgeweidet werden auch zerstörte Häuser und Autos, selbst in den kleineren Orten. In Concepción und anderswo glauben Einwohner sich mit bewaffneten Bürgerwehren vor marodierenden Banden schützen zu müssen. Die Angst vor den Anderen überwiegt mancherorts die Angst vor der Natur.

Aber kann man den Fernsehbildern trauen? Wer mit den Mechanismen der Berichterstattung ein wenig vertraut ist, ertappt sich ständig dabei, erst diese Bilder und dann wieder die eigene Skepsis in Frage zu stellen. Sicher, da wird immer das eine Haus in Trümmern gezeigt, neben dem, unsichtbar für den Zuschauer, hundert andere stehen, die weit weniger in Mitleidenschaft gezogen wurden. Da hält der Fotograf die Kamera ein paar Zentimeter über den Boden, und schon sieht der kleine Riss im Asphalt aus wie eine abgrundtiefe Erdspalte. Vielleicht handelt es sich auch bei den plündernden Horden nur um ein dreckiges Dutzend, und zwei Straßen weiter filmt niemand, wie sich die Menschen beim Überleben helfen? Wer weiß. Die Luftaufnahmen aus den vom Tsunami betroffenen Küstenorten wie Curanipe sprechen allerdings eine eigene Sprache - die lassen sich auch durch dramatische Hintergrundmusik kaum noch schlimmer machen.

Hinter vorgehaltener Hand (bisweilen auch ganz explizit) wird derweil analysiert, was das Desaster für die scheidende und für die nachfolgende Regierung bedeutet. Man könnte es, ein wenig kalt und zynisch, so ausdrücken: In den ersten Tagen hat sich Sebastián Piñera möglicherweise geärgert, dass das Megabeben - wenn es denn schon sein musste - nicht in die ersten Monate seiner Amtszeit fiel. So konnte die Concertación in den letzten Tagen ihrer Existenz noch einmal beweisen, was sie für das Land zu tun imstande war.

Inzwischen hat sich das Blatt allerdings gewendet: Die Kritik an der amtierenden Regierung, zu spät und nicht konsequent genug zu handeln, wird immer stärker. Ob sie berechtigt ist, steht dahin, schließlich sind in solchen Notsituationen alle gleichzeitig der Meinung, gerade ihnen müsse zuallererst geholfen werden. Aber wenn Michelle Bachelet in dieser und der kommenden Woche nicht noch Handlungsfähigkeit demonstriert, wird das Erdbeben ihrem Ansehen und dem der gesamten 20 Regierungsjahre der Concertación sehr schaden - während Piñera sich als Mann des Wiederaufbaus in Szene setzen und gleichzeitig viele seiner vollmundigen Wahlversprechen zurückschrauben kann. Die Begeisterung, mit der viele in Concepción die einrückenden Soldaten begrüßten, die dort für Ruhe und Ordnung sorgen sollen, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass Piñeras angekündigte Politik der harten Hand auf sehr fruchtbaren Boden fallen wird.

Sonntag, 28. Februar 2010

Kontrollierte Plünderung

Auf dem Weg zum Supermarkt spricht der intendente im Radio. Der regionale Regierungschef lädt die Bürger von Puerto Montt dazu ein, sich solidarisch mit dem Rest des Landes zu zeigen, der vor exakt 50 Jahren mit der verwüsteten Hafenstadt ebenso solidarisch war. Der intendente hat sich eine griffige Formel ausgedacht: ALP. Das heißt agua, leche, pañales - Wasser, Milch und Windeln. Warum nicht Mehl, Öl oder Zucker gesammelt werden, weiß ich nicht, vielleicht sammeln das andere Städte. Bei "Jumbo" kaufe ich drei Kilo Milchpulver, fahre auf dem Rückweg bei der Abgabestelle vorbei und bin einer der ersten Spender. Man filmt mich.

Überhaupt: Wer sollte eigentlich spenden, wieviel und warum? Natürlich helfe ich gern, Solidarität ist wichtig. Aber haben die betroffenen Regionen, hat die Zentralregierung keine Lebensmittellager für den Katastrophenfall? Chile ist ja nicht Haiti, in normalen Zeiten ist hier nicht Unterernährung ein verbreitetes Problem, sondern Fettleibigkeit. Und wenn schon die öffentlichen Stellen eine notleidende Bevölkerung nicht zeitnah versorgen können, sollte man nicht zwischenzeitlich die riesigen Warenlager der Supermarktketten konsfiszieren?

Das denken einige in Concepción und anderen vom Beben stark betroffenen Städten auch. In Conce haben sie heute morgen kurzerhand einen "Líder"-Supermarkt geknackt. Zuerst setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, dann beugte sie sich dem Druck der Masse und ließ die Leute kontrolliert plündern. Ähnlich großformatige Aneignungsversuche in anderen Städten sind bislang gescheitert.

Wenn die sprichwörtliche öffentliche Ordnung durch ein Naturphänomen ausgehebelt wird, wirft das interessante und ethisch komplexe Fragen auf. Kann man eine arme Frau, in deren Wohnsiedlung es kein Wasser und keinen Strom gibt, ernsthaft daran hindern, ein paar Grundnahrungsmittel unbezahlt aus dem Laden zu tragen? Wohl kaum. Dass der Mann, der vor laufenden Fernehkameras einen originalverpackten Kühlschrank aus dem Geschäft trägt, nicht vom Überlebensdrang geleitet wird, dürfte auch klar sein. Aber wie steht es mit den beiden da, aus deren Einkaufswagen ein kompletter Serrano-Schinken und Spirituosenflaschen ragen? Und was, wenn - wie berichtet - die geplünderten Waren zu Wucherpreisen weiterverkauft werden?

Die Szenen in Concepción uns anderswo erzählen natürlich auch davon, dass Chile kein armes, aber weiterhin ein in Arm und Reich gespaltenes Land ist. Ein Land, in dem andererseits der Konsum so groß geschrieben wird, dass die, die daran unter normalen Bedingungen kaum teilhaben können, jede Chance ergreifen. Heute Mittag hat die Präsidentin erst einmal den Ausnahmezustand über Concepción verhängt - nächtliche Ausgangssperre und Militärpräsenz einbegriffen.

Samstag, 27. Februar 2010

Morgengrauen

Während ich dies hier schreibe, scheint draußen die Sonne. Vögel zwitschern, beim Nachbar wird der Brennholzvorrat für den Winter abgeladen. Die Normalität ist verblüffend, wenn gleichzeitig der Fernseher läuft. Chile ist ein langes Land.

Ganz so normal ist das Leben heute aber auch nicht in Puerto Montt: An den Tankstellen stehen lange Autoschlangen. Die Menschen hamstern Benzin, man weiß ja nie. Auch das Brot ist ausverkauft. Wasser fließt nur spärlich.

Die Fakten über das schwere Erdbeben lese man hier oder anderswo. Ich erzähle nur schnell, wie wir das Beben erlebt haben:

Wir schlafen in einem Hostel in Cucao, an der wilden Westküste von Chiloé. Ein traumhaft ruhiger Ort, nur das Meer tost immer vernehmlich im Hintergrund. Dann bebt es, schwach, aber ungewöhnlich lange. Umdrehen, versuchen weiterzuschlafen. Irgenwann bebt es wieder. Hose an, draußen nachsehen. Das Licht geht nicht. Dafür schreien Leute auf der anderen Straßenseite, unten am Fluss. Autos fahren an, Scheinwerfer flackern im Dunkeln. Und die Nachricht, die letzte, die unsere Gastgeber per Telefon erreicht: starkes Erdbeben weiter nördlich. Jetzt erfasst auch uns die Panik. Was, wenn der Tsunami kommt? Eine Frau, die bei uns im Hostel wohnt, weint und fleht uns an, sie, ihren Mann und ihren Sohn mit dem Auto wegzubringen. Machen wir.

Die eigenen Kinder packen wir halb schlafend ins Auto, zu siebt verlassen wir den dunklen Ort. Ich fahre mit zusammengekniffenen Augen, meine Brille habe ich in der Eile nicht gefunden. In Chonchi, das wir erreichen, als gerade die Sonne aufgeht, weiß niemand etwas. Die Polizisten in der Wache zucken düster mit den Schultern, sie sind ebenso ahnungslos wie wir. Schließlich treffen wir einen Lastwagenfahrer an der Tankstelle, der auf Mittelwelle einen Sender aus Valparaíso empfängt. Während die Zeit vergeht, fällt die Spannung von uns etwas ab - zumindest wird es wohl erst einmal keinen Tsunami geben, nicht hier. Also zurück nach Cucao, im schönsten Morgenlicht. Gefrühstückt, bezahlt und nichts wie weg.

Unterwegs erkennt man keinerlei Schäden. Und zu Hause sind selbst die Shampooflaschen auf dem Badewannenrand stehen geblieben. Gelitten hat nur meine Brille: Ich finde sie wieder, in dem ich darauftrete.

Alles in Ordnung also - nur nicht für Millionen Menschen weiter nördlich.

PS: Ist es zynisch, an diesem Tag an das "Erdbeben in Chili" zu erinnern? Wie soeben gemeldet wird, konnten 260 Insassen des Gefängnisses von Chillán flüchten, weil eine Mauer der Anstalt zusammenbrach. Siehe Kleist.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Dumm gebohrt


Das Geysirfeld El Tatio in der Atacamawüste ist von lunarer Schönheit. Aus vielen kleinen Kratern brodelt oder schießt heißes Wasser in die Höhe. Manche Geysire sind ständig aktiv, manche unregelmäßig, andere brechen mit großer Pünktlichkeit im Abstand von wenigen Minuten aus. Seit zwei Wochen hat die auf über 4.000 Metern gelegene Touristenattraktion etwas ganz Spektakuläres im Angebot: eine 60 Meter hohe und an der Austrittsstelle zwei Meter breite Dampffontäne.

So richtig froh ist freilich niemand über den Riesen, denn der erzeugt viel Krach und lässt die übrigen Geysire versiegen. Und er ist menschengemacht: Die Dampfsäule tritt aus einer Probebohrung des Unternehmens Geotérmica del Norte (GDN) aus, an dem vor allem der italienische Energiekonzern ENEL und die staatliche chilenische Ölfördergesellschaft ENAP beteiligt sind. GDN experimentiert seit Ende 2008 trotz aller Proteste von Umweltaktivisten und Bewohnern der Atacama in unmittelbarer Nähe des Geysirfeldes herum. Geplant ist die Errichtung eines Geothermiekraftwerks, das rund 40 Megawatt erzeugen soll.

Auch wenn die Verantwortlichen für das ökologische und touristische Desaster dessen Tragweite kleinreden - die öffentliche Akzeptanz geht inzwischen gegen Null. Der Consejo de Pueblos Atacameños, in dem die indigenen Bewohner der umgebenden Dörfer organisiert sind, will rechtliche Schritte gegen das Unternehmen einleiten. Der Rat der Ureinwohner spricht von einem "Attentat auf das Leben", Flora und Fauna des einzigartigen Ökosystems seien gefährdet.

Am Donnerstag hat die regionale Umweltkommission (Corema) die sofortige und unbefristete Einstellung der Probebohrungen gefordert. Die GDN soll bis Mitte Oktober eine Lösung für das von ihr geschaffene Problem präsentieren.

Flavia Liberona, Direktorin der Umweltstiftung Fundación Terram, lässt selbstredend kein gutes Haar an dem Projekt und seinen dampfenden Kol­la­te­ral­schä­den - vor denen nicht wenige vergeblich gewarnt hatten. Natürlich hat sie Recht. Problematisch ist allerdings, wenn sie betont, alle zuständigen Behörden ließen sich "für nur 40 MW" Leistung kleinkriegen. Denn normalerweise kritisieren Organisationen wie Terram oder Greenpeace Chile genau das Gegenteil, nämlich Megaprojekte wie die geplanten Staudämme in Patagonien. Da wird dann gerne argumentiert, Chiles Energiebedarf müsse durch viele kleine, dezentrale Projekte gedeckt werden. Auch wenn sich das Tatio-Debakel nicht rechtfertigen lässt - man muss seine eigenen strategischen Aussagen auch ernst nehmen.

Hier noch ein paar Tatio-Bilder aus dem eigenen Fundus:



Foto oben: http://www.flickr.com/photos/efrei/ / CC BY 2.0

Montag, 7. September 2009

Nasse Tage in Santiago

Da fährt man einmal übers Wochenende nach Santiago, eine Stadt mit geschätzt zehn Regentagen im Jahr, und prompt gießt es wie aus Eimern, geschlagene 48 Stunden lang. Ständig muss man Umwege gehen und gazellenhafte Sprünge machen, weil sich auf den nicht für Dauerregen konzipierten Straßen knöcheltiefe Seen bilden. Den Menschen in Santiago macht das wenig aus, für sie ist es eine willkommene Abwechslung - und ein Anlass, endlich wieder Sägemehl zu ver­streuen. In jeder Fleischerei, jeder Apotheke, jedem Kurzwarenladen wird das Zeug eimerweise auf den Boden gekippt, um die von draußen hereingetragene Feuchtigkeit zu binden. Ob das wirklich sinnvoll ist, sei dahingestellt, aber es gibt der Stadt für kurze Zeit etwas Ländliches.

Ganz so harmlos war der Regen am Ende dann doch nicht: Mehrere Menschen kamen am Rand der Hauptstadt durch Schlammlawinen ums Leben. Nach Angaben des Katastrophenschutzes wird dieses durchaus nicht neue Phänomen dadurch verstärkt, dass sich die Schneefallgrenze im Laufe der globalen Erwärmung langsam nach oben verschiebt. Wenn das stimmt, müssten sich die Chilenen darauf einstellen, solche Bilder noch häufiger zu sehen.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Schwer vergrippt

Die nächsten Ferien stehen eigentlich erst im Juli an - aber in Puerto Montt geht zurzeit kaum ein Kind in die Schule. Das hat unterschiedliche Gründe: An den öffentlichen Schulen Chiles streiken seit vorletzter Woche die Lehrer, um eine von der Regierung in Aussicht gestellte, aber nie ausgezahlte Sonderzulage einzufordern. Noch ist keine Einigung ist in Sicht. Die vielen privaten Einrichtungen betrifft das nicht - dennoch sind viele mindestens bis kommende Woche geschlossen. Wegen Schweinegrippe.

Tatsächlich verbreitet sich das Virus in Chile so schnell wie in kaum einem anderen Land, und am schnellsten greift es in Puerto Montt um sich. Warum das so ist, stellt für die Gesundheitsbehörden ein Rätsel dar. Wahrscheinlich hat es viel mit dem feuchtkalten Wetter zu tun, das hier unten jeden Winter für generalisierte Atemwegsbeschwerden und Gliederschmerzen sorgt. Heute gibt es in der Stadt knapp 40 bestätigte Fälle von influenza humana, ziemlich genau so viele wie in ganz Deutschland. In Chile bewegt sich die Zahl auf die 400 zu, Dunkelziffer unbekannt. Dabei war überhaupt erst vor drei Wochen der erste Ansteckungsfall in Santiago bekannt geworden.

Am vergangenen Sonntag hat die Grippe auch ihr erstes chilenisches Opfer gefordert: Im Krankenhaus von Puerto Montt starb ein 37-jähriger Klempner. Wie es so weit kommen konnte, ist nicht ganz klar. Die Ärzte vertreten die Ansicht, dass der Patient erst vorstellig wurde, als es praktisch schon zu spät war, die Angehörigen machen die schlechte und schleppende Versorgung in der öffentlichen Einrichtung dafür verantwortlich.

Wegen der regionalen Häufung will auch Gesundheitsminister Álvaro Erazo in den kommenden Tagen mit einem Expertenteam nach Puerto Montt kommen. Er sollte sich in Acht nehmen: Seine erste Beamtin vor Ort, die Direktorin des regionalen Gesundheitsdienstes, hat sich, wie heute bekannt wurde, ebenfalls mit Influenza A-H1N1 angesteckt. Am Montag will die Ärztin aber schon wieder zur Arbeit erscheinen. Dann soll auch der Unterricht an vielen Privatschulen weitergehen, der in dieser Woche eingestellt wurde, um einer weiteren Ausbreitung des Virus vorzubeugen.

Die Atemmasken sind jetzt tatsächlich ausverkauft.

Dienstag, 19. Mai 2009

Doch kein Schwein gehabt


Grusel, grusel: Nun hat die Schweinegrippe auch Chile erwischt. Freilich ist hierzulande aus der influenza porcina längst eine influenza humana geworden. Was aufklärend wirken soll - schließlich handelt es sich nicht um ein Problem von Tieren - klingt reichlich absurd, denn jede Grippeepidemie unter Menschen ist letzt­lich eine "Menschengrippe".

Ganz oben auf den Onlinezeitungen und Nachrichtenportalen ticken jetzt die Zähler. Am Dienstagabend gab es 10 bestätigte Fälle, 17 Verdachtsfälle und - da zu beiden Gruppen etliche Kinder gehören - 7 Schulen, an denen vorläufig kein Unterricht stattfindet. Dabei handelt es sich auschließlich um private und recht exklusive Einrichtungen wie das Bertait College, das Instituto Hebreo, die Lincoln International Academy und die British Royal School. Weil Mexiko, die Karibik und die USA, wo derzeit die höchste Ansteckungsgefahr herrscht, beliebte Kurz­rei­se­ziele für reiche Chilenen sind, spielt sich das epidemische Geschehen bis­lang auch nur in Santiagos Reichenvierteln ab. Von Dauer dürfte dieser soziale Bias eher nicht sein.

Der Gesundheitsminister versucht zu beruhigen. Mal sehen, wann die Atem­schutz­masken hier unten ausverkauft sind.

Dienstag, 14. April 2009

Pogrom

Fotos: Diario El Llanquihue

Über die gitanos wollte ich schon längst etwas geschrieben haben. Nur ein paar Kilometer von unserem Haus entfernt haben sie ihre Zelte aufgeschlagen. Im letzten Sommer waren es sechs oder sieben, in diesem zwischenzeitlich an die zwanzig, zuletzt nur noch vier. Es sind große, quadratische Hauszelte, bunt gestreift und im oberen Teil mit Sternen oder Monden verziert. Sie stehen auf einem unbebauten, vermüllten Gelände direkt an einer viel befahrenen Kreuzung, dazwischen Pickups und Kleinlaster, spielende Kinder. Eine echte Nomadensiedlung.

Ich schreibe gitanos, weil hier alle gitanos sagen (offenbar auch sie selber), und weil das Wort keinen so negativen Klang hat wie "Zigeuner". Es ist nicht ganz leicht, über sie zu schreiben, zum einen, weil man sie zwar ständig sieht, aber trotzdem wenig über sie weiß, zum anderen, weil man schnell in den Verdacht gerät zu diskriminieren. Die einzigen Begegnungen mit den gitanos sind für gewöhnlich, wenn die Frauen und Mädchen in der Stadt betteln. Eine Art zu betteln, die man gemeinhin als "aggressiv" bezeichnet.

Die Summe aller beiläufigen Beobachtungen könnte lauten: Die chilenischen gitanos bewohnen in jeglicher Hinsicht eine Parallelwelt - und sie haben nicht die Absicht, diese zu verlassen. Genau das - Lebensweisen zu akzeptieren, die nicht oder kaum in die unsere integrierbar sind, weil sie nach einem anderen Prinzip funktionieren - ist ja die größte Herausforderung für jede Antidiskriminierungspolitik. Hier schien das Nebeneinander irgendwie zu funktionieren. Bis Karfreitag.

Auf der anderen Straßenseite des gitano-Lagers befindet sich die población Antonio Varas Norte, vermutlich eine der ärmsten Siedlungen der Stadt und auch eine mit der höchsten Kriminalität. Drogengeschäfte werden hier gemacht, sagt man. Vor einem guten Monat wurde hier ein junger Mann überfahren, der Täter beging Fahrerflucht. In der población ging schon bald das Gerücht um, die gitanos seien Schuld, und an Karfreitag wollte jemand gesehen haben, wie sie das mutmaßliche Tatfahrzeug, einen weißen Pickup, in einem ihrer Zelte versteckten.

Weiße Pickups sind hier freilich Legion (auch wir fahren einen), und nach Angaben der Polizei gibt es bereits deutliche Verdachtsmomente, die mit den gitanos überhaupt nichts zu tun haben. Aber die sind schon gar nicht mehr da: geflohen vor einem Mob aus der benachbarten Siedlung, der sie angriff und mehrere Autos sowie ein Zelt anzündete. Die Feuerwehr wurde an ihrer Arbeit gehindert, schließlich kam die Polizei (die, so die Bewohner des Armenviertels, sich nie für ihre Probleme interessiert hat) und löschte mit dem Wasserwerfer.

Die Politik hat reagiert. Präsidentin Michelle Bachelet, in deren Regierungsprogramm das "Ende jeglicher Form von Diskriminierung" angekündigt wird, will die von dem Pogrom betroffenen Familien empfangen, alle nationalen und regionalen Funktionsträger haben das Geschehene scharf verurteilt, zwei Jugendliche, die mutmaßlich die Brandsätze warfen, wurden verhaftet.

Liest man die zahlreichen Kommentare in Onlinezeitungen oder auf Youtube, kann man einigermaßen beruhigt sein. Offenbar stoßen rassistische Ausschreitungen bei den meisten Chilenen auf einhellige Ablehnung. Und dann erschreckt umgekehrt die Attitüde, mit der manche den Spieß umdrehen: Als "Dealergesindel" und "Proletenpack" werden die pobladores der Antonio Varas Norte beschimpft. Der Tote sei vermutlich sowieso nicht Opfer eines Unfalls, sondern des Angriffs einer rivalisierenden Bande geworden.

Das ganze macht ziemlich ratlos. Eine persönliche Erkenntnis ist freilich mal wieder die, dass Armut nur selten Güte und Solidarität erzeugt (wie ich vor meinem ersten Chile-Einsatz vor zwanzig Jahren noch glaubte), sondern weitaus häufiger Neid, Hass und Gewalt. Deswegen muss man sie ja auch so dringend bekämpfen.


Sonntag, 15. Februar 2009

Volcano

Aus der Schweiz kommt dankenswerterweise der Hinweis auf einen der diesjährigen Ersten Preise bei den World Press Photo Awards: Der chilenische Fotograf Carlos Gutiérrez erhielt ihn in der Kategorie "Nature Singles" für seine Nachtaufnahme des frisch ausgebrochenen Vulkans Chaitén. Ein faszinierendes Bild - obwohl man dazusagen muss, dass es für einen halbwegs versierten Fotografen keine allzu große technische Herausforderung dargestellt haben dürfte: So eine Eruptionswolke ist träge, und bei langer Belichtungszeit lassen sich die stimmungsvoll herausschlagenden Blitze in aller Ruhe einfangen. Eine gerade eben in unserer Nachbarschaft eröffnete Kneipe heißt übrigens passenderweise "Volcano" und schmückt sich mit einer ähnlichen Aufnahme. Sollte die aus Gutiérrez' Serie stammen, könnte es für die Betreiber spätestens jetzt teuer werden.

Freitag, 19. Dezember 2008

Abrutschende Häuserzeilen

Am vergangenen Donnerstag hat in Zentralchile die Erde gebebt. Der temblor*, dessen Epizentrum 75 Kilometer nördlich von Valparaíso im Pazifik lag, erreichte Stärke 5,9 auf der Richterskala, zunächst war von Stärke 6,3 die Rede gewesen (was durchaus einen Unterschied macht).

Trotzdem ein starkes Beben - aber nach Auskunft der Ka­ta­stro­phen­schutz­be­hör­de Onemi gab es weder Personen- noch Sachschäden. Nur einige Telefonnetze seien zeitweilig gestört gewesen: Weil jeder, sobald der Boden wieder gerade steht, die gesamte Familie abtelefoniert, um sich nach deren Befinden zu er­kun­di­gen. Gegen Beben mittlerer Stärke scheint Chile mittlerweile ganz gut ge­wapp­net zu sein.

In diesem Zusammenhang fällt einem in Chile sofort das "Skandalvideo" ein, ein Dokumentarfilm des populärwissenschaftlichen Senders National Geographic Channel, der im Jahr 2006 für Aufruhr sorgte. Mit computergenerierten Bildern hatten die Autoren das Szenario eines Mega-Bebens in der Bucht von Valparaíso dargestellt:



Die abrutschenden Häuserzeilen, zerbröselnden Autobahnbrücken und ein­stür­zenden Hochhäuser gefielen dem damaligen Bürgermeister überhaupt nicht, und er kündigte an, eine Klage gegen den Sender zu prüfen - wegen Trau­ma­ti­sie­rung und Imageschädigung. Weiter verfolgt hat er die Idee dann nicht, denn selbst der Vorsitzende der chilenischen Tourismusbehörde fand den Vor­wurf, National Geographic vergraule mit diesen Worst-Case-Bildern die Tou­ris­ten, eindeutig übertrieben.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Bilder weiterhin Fiktion bleiben.

Mittwoch, 24. September 2008

Hakenkreuze, damals

Irgendwo in der weiteren Umgebung von Puerto Montt könnte sich Aribert Heim verstecken. Heim alias "Der Schlächter von Mauthausen" alias "Dr. Tod" war SS-Arzt in oberösterreichischen KZ Mauthausen, führte dort grausame Ex­pe­ri­men­te an Häftlingen durch, konnte nach Kriegsende noch jahrelang als Gy­nä­ko­lo­ge in Baden-Baden praktizieren und tauchte schließlich 1962 unter. Seit­dem ist ihm das Simon-Wiesenthal-Zentrum auf der Spur. Der heute 94-Jährige (so er denn noch lebt) gilt mittlerweile als meistgesuchter NS-Verbrecher. Eine Delegation des Wie­sen­thal-Zentrums war Mitte des Jahres hier unterwegs, um im Rahmen einer "Ope­ra­tion Letzte Chance" Heim ausfindig zu machen - freilich ohne Erfolg. Ein be­deu­ten­des Indiz dafür, dass Dr. Tod sich irgendwo zwischen dem chilenischen Seen­ge­biet und dem argentinischen Bariloche aufhält, ist seine Tochter - sie lebt seit vielen Jahren in Puerto Montt.

Dass viele Nazis sich nach dem Krieg im Süden Chiles und Argentiniens nie­der­lie­ßen, ist kein Geheimnis - und wenn man Notizen wie die folgende liest, auch kein Wunder.


Unser der Lokalhistorie verpflichtetes Blättchen El Llanquihue bildete kürzlich ein Fo­to ab, das am 20.4.1939 bei einem Festakt im Deutschen Verein von Puerto Montt entstand. Dazu zitiert es aus einem Artikel der Zeitschrift Ercilla vom 5. Mai 1939, den dieses Bild illustrierte:

20. April. Hitler wird 50 Jahre alt, und man könnte Puerto Montt für eine beliebige deutsche Stadt halten. Die Hakenkreuzfahnen wehen im Wind, im Deutschen Verein leert man mit fröhlichem Lärmen die Maßkrüge. Schätzungsweise 95 Prozent der Deutschstämmigen in Puerto Montt sind Mitglied der NSDAP oder sympathisieren mit ihrer Politik.

Den Deutschen Verein gibt es noch immer, freilich ohne Hakenkreuze. Über die braune Vergangenheit der deutschen Kolonie wird nicht gesprochen - jedenfalls nicht öffentlich. Zu vermuten, zumindest aber zu befürchten ist, dass die mentale Entnazifizierung, die in der Bundesrepublik seit den Sechzigerjahren stattgefunden hat, hier mit weniger Enthusiasmus aufgenommen wurde als Füh­rergeburtstage und Polenfeldzüge. Ganz genau weiß man es nicht.

Donnerstag, 31. Juli 2008

Mmpf

Ein Erzeugnis mit ausgezeichneten Vermarktungschancen in bestimmten deutschen Landstrichen - was die europäischen Wurstwarenverordnung verhindern möge. Guten Appetit!

Freitag, 4. Juli 2008

Eingekreist

Quelle: flickr.com/photos/urbatem2

Langsam, aber sicher werden wir von feuerspeienden Bergen eingekreist. Während der Chaitén nach zweimonatiger Aktivität noch immer vor sich hinraucht, spuckt nun auch der vierhundert Kilometer nördlich von uns gelegene Llaima wieder Lava. Ganz überraschend kommt das nicht, denn der Vulkan gehört zu den aktivsten Chiles und war erst Anfang Januar ausgebrochen - aus dieser Zeit stanmmt auch das Bild. Wir müssen in der Nacht zu Sonntag den Llaima passieren, wenn wir in unsere dreiwöchigen Winterferien im chilenischen Norden aufbrechen. Spannend!

Donnerstag, 19. Juni 2008

Obacht mit dem Ofen

Der Winter gehört im Süden Chiles zu den gefährlichsten Jahreszeiten. Nicht wegen Lawinen oder Straßenglätte: Die Holzöfen, die 80 Prozent der Haushalte leidlich beheizen, sind ein permanentes Risiko. Die Feuerwehr von Puerto Montt hat jedenfalls gut zu tun: Im Mai waren die bomberos durchschnittlich zweimal am Tag unterwegs, um Kaminbrände zu bekämpfen, manchmal stand auch schon der Dachstuhl in Flammen. Bei einem Kaminbrand entzündet sich der sogenannte Glanzruß im Rohr, ein Produkt unvollständiger Verbrennung, das umso üppiger ausfällt, je feuchter das Brennholz ist. Weil feuchtes Holz billiges Holz ist und der Schornsteinfeger nicht für umsonst arbeitet, brennen zuerst die Häuser der Armen. Aber auch bei uns rieselt und raschelt es trotz emissionsarmer Holzbriketts bereits vernehmlich, wenn sich das Ofenrohr nach dem Anfeuern ausdehnt und innen die schwarz glänzenden Partikel abplatzen. Höchste Zeit, diese Männer zu rufen:


Gut zu tun haben auch die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Verbrennungen kommen ständig vor, vor allem an sehr kalten Tagen, wenn der Ofen praktisch glühen muss, um in den dünnwandigen Häusern eine erträgliche Temperatur herzustellen. Auch J. hat sich bereits eine oberflächliche Brandwunde am Arm zugezogen, die nach einer Sekundärinfektion ärztlich versorgt werden musste. Dreimal waren wir in der Klinik, um den Verband zu wechseln. Als wir beim letzten Mal bezahlten, kam schon wieder ein panischer Vater hereingestürmt, auf dem Arm ein Mädchen mit einer frischen, nässenden Verbrennung. So geht das immer weiter, mindestens bis November.

Noch unheimlicher sind freilich die Kohlenmonoxid-Vergiftungen durch defekte Öfen, an denen regelmäßig Menschen zu Tode kommen. Selbst superreichen Prominenten kann das geruchlose Gas böse zusetzen: Cecilia Bolocco, Chiles erste und einzige Miss Universum und Noch-Gattin des argentinischen Ex-Präsidenten Carlos Menem, wurde am vergangenen Wochenende zusammen mit Máximo Menem, ihrem vierjährigen Sohn, in ein Krankenhaus eingeliefert, weil beide bei der Übernachtung im exklusiven Skizentrum La Parva eine CO-Vergiftung erlitten hatten. Schuld war auch hier offenbar ein schlecht gewarteter Ofen.

Wer mag, darf sich trotzdem zum Tagesausklang an unserem fröhlich flackernden Feuer wärmen:




Donnerstag, 12. Juni 2008

Glück gehabt

"Paraskavedekatriaphobie" heißt die Angst vor Freitagen, die, wie heute, auf den 13. eines Monats fallen, lese ich bei Spiegel Online. Ob mit oder ohne Phobie, hier unten müssen wir uns um das Datum keinen Kopf machen, denn in Lateinamerika gilt nicht viernes, sondern martes trece, also Dienstag der 13. als Unglückstag. Warum das so ist, darum ranken sich wie üblich viele Mythen. Ich verweise nur auf ein hübsches Sprichwort, das ich bei Wikipedia gefunden habe und das eine generelle Dienstagswarnung ausgibt:

El martes, ni te cases ni te embarques, ni de tu casa te apartes.

In etwa: Am Dienstag heirate nicht, besteige kein Schiff und bleib am besten gleich zu Hause.

Wie gesagt, heute ist Freitag.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Gefunden

Manche Katastrophe endet doch noch gut oder zumindest glimpflich: Die vor fünf Tagen in der fast menschenleeren Aysén-Region verschollene Cessna ist trotz Regen- und Schneestürmen in einem Waldgebiet gefunden worden. Der Pilot war inneren Verletzungen erlegen, aber seine neun Passagiere hatte er einigermaßen heil zu Boden gebracht. Sie werden seit gestern Nachmittag im Krankenhaus von Puerto Montt behandelt. Bilder von der Rettung hier und hier.

Donnerstag, 5. Juni 2008

Zerstört

Die kleine Stadt Chaitén, deren Hausberg sich vor einem guten Monat als aktiver Vulkan entpuppte, bleibt weiter evakuiert. Wie aktuelle Bilder zeigen - hier eine Galerie -, ist mit den Resten des Ortes auch nicht mehr viel anzufangen, seit der Fluss im andauernden Ascheregen über die Ufer trat. Traurig für die chaiteninos, die sich das aus sicherer Entfernung, aber ohnmächtig ansehen müssen.

Donnerstag, 29. Mai 2008

Also doch

Heute früh lag beim Verlassen des Hauses ein kaum wahrnehmbarer grauer Schleier über den Dingen. Das mussten wir uns näher ansehen.

Näher!

Noch näher!

Also doch: Die Vulkanasche aus dem Chaitén hat nach einem knappen Monat Eruption auch Puerto Montt erreicht. Alerdings in recht subtiler Dosierung. Giftig ist das bleigraue Puder, das sich insbesondere auf Windschutzscheiben sichtbar niederschlägt, angeblich nicht. Die regionalen Behörden empfehlen allerdings Kleinkindern, Schwangeren und alten Menschen, eine Atemschutzmaske zu tragen, wenn sich das "Phänomen" verstärken sollte. Man weiß ja nie.

Sonntag, 25. Mai 2008

Was tun, wenn's bebt?

Das Beben war am Sonntag das Mega-Thema in den lokalen Medien. Aber was heißt hier "das Beben"? Von Freitagabend bis Samstagmorgen hat es in der Region viermal gebebt, wobei sich die Experten noch nicht im Klaren darüber sind, ob es sich bei den weiteren Bewegungen um Nach- oder eigenständige Beben gehandelt hat. Auch die Frage, ob Vulkanismus Auslöser der Erschütterungen war oder doch tiefere tektonische Verschiebungen, ist ebenso ungeklärt wie die, ob es sich um wenige, zeitlich begrenzte Vorgänge handelt oder den Beginn von etwas, das man als enjambre sísmico, als Erdbebenschwarm bezeichnet: viele kleinere Beben, durch die sich Spannungen in der Erdkruste allmählich abbauen. Oder ob es eben doch Vorzeichen eines größeren Ereignisses sind.

Für Naturkatastrophen aller Art ist in Chile die Oficina Nacional de Emergencia zuständig. Die ONEMI hat unter anderem die Evakuierung der Bewohner von Chaitén organisiert und überwacht seitdem die gefährdete Zone. Vorsitzende der Behörde ist Carmen Fernández, eine resolute Frau mit rauchiger Stimme, die in diesen Tagen ein Interview nach dem anderen geben muss. Von der ONEMI-Website kann man allerlei strategische Pläne zum Katastrophenmanagement herunterladen, ausgeklügelte Pläne, wie die öffentlichen Einrichtungen Hand in Hand mit den Bürgern vorbeugen, reagieren und evaluieren sollen. Nur ein paar simple Hinweise, was man tut oder besser lässt, wenn's bebt, die findet man nicht, jedenfalls nicht auf Spanisch. Für Ausländer in Chile gibt es immerhin ein Merkblatt, das sie mit allen erdenklichen Gefahrenquellen vertraut macht - auch mit Erdbeben:

Ausriss: ONEMI Chile

Was für ein wunderbarer Satz. "Do not wait for a quake to initiate your preparedness." Klar: Wenn es bereits bebt, muss man sich nicht mehr darum kümmern, vorbereitet zu sein. Man ist es oder nicht. Wir wollen selbstverständlich vorbereitet sein. Um die sichere Aufstellung der Möbel müssen wir uns kaum Gedanken machen, wir haben ja bislang kaum welche - und die vielen Einbauschränke, die unser Haus zieren, sind ohnehin kippsicher. Taschenlampe ist vorhanden, batteriebetriebenes Radio auch, soweit alles in Ordnung. Aber nach welchen Kriterien, bitteschön, "definiert" man eine "Sicherheitszone" im Haus? Das wird nicht erklärt. Eine Abbildung im selben Dokument suggeriert, man müsse unter einen Tisch kriechen, während die meisten Chilenen angeben, sie würden sich im Ernstfall in einen Türrahmen stellen. In der Zeitung stand heute aber, beides seien keine sicheren Orte, vielmehr müsse man Schutz in Raumecken oder neben stabilen Möbelstücken suchen, um größtmögliche Sicherheit bei einem Einsturz von Wänden oder Decke zu haben.

Eine erbauliche Lektüre ist übrigens die Erläuterung der Mercalliskala auf den Internet-Seiten der ONEMI (hier). Für jede der 12 Stufen wird exakt angegeben, was zu beobachten und womit zu rechnen ist. Stufe III, die wir vorgestern in Puerto Montt hatten, ist demnach wirklich harmlos:

Wird im Inneren von Gebäuden wahrgenommen. Viele Menschen erkennen allerdings nicht die seismische Ursache des Phänomens, die Vibrationen ähneln denen, die beim Vorbeifahren eines leichten Fahrzeugs entstehen können. Die Dauer des Bebens lässt sich abschätzen.

So etwas nimmt man mit links. Ernster ist da schon Stufe VI:

Wird von allen Betroffenen wahrgenommen. Sie geraten in Angst und fliehen ins Freie. Man spürt Unsicherheit beim Gehen. Fensterscheiben und Geschirr zerbrechen. Spielzeuge und Bücher fallen von den Regalen, Bilder von der Wand. Möbel verrutschen oder fallen um. Im Stuck bilden sich Risse. Man kann Bewegungen von Bäumen beobachten oder ihr Knarren hören. Kleinere Glocken von Kirchen oder Schulen beginnen zu läuten.

Unheimlich. So geht das immer weiter, Stufe IX klingt bereits ziemlich apokalyptisch:

Allgemeine Panik entsteht. Schlecht ausgeführtes Mauerwerk stürzt ein. Gewöhnliches Mauerwerk wird stark beschädigt und kann ebenfalls einstürzen. Mauerwerk von hoher Qualität nimmt sichtbaren Schaden. Fundamente werden beschädigt, Holzbalken werden aus ihren Verankerungen gerissen. Wasser- und Gasspeicher erleiden beträchtliche Schäden. Unterirdische Wasserleitungen zerbrechen. Auch in trockenem Untergrund öffnen sich Spalten. In Schwemmland wird Schlamm und Sand aus dem Boden ausgestoßen.

Stufe XII ist dann recht kurz gehalten:

Die Zerstörung ist praktisch vollkommen. Felsmassen geraten in Bewegung. Gegenstände werden in die Luft geschleudert. Das Landschaftsbild verändert sich.

Im Mai 1960 soll in den ufernahen Bereichen von Puerto Montt Stufe XI erreicht worden sein. Wir haben am Samstag kurzfristig unsere Pläne geändert und einen Ausflug ins Umland gemacht, anstatt in der Mall ein Sofa zu kaufen. Wenn das Wetter schon einmal schön ist, sollte man das hier ja unbedingt ausnutzen.

Freitag, 23. Mai 2008

Erschütterungen

Gestern Abend hat die Erde gebebt, zum ersten Mal, seit wir hier sind. Es war kein schweres Beben: Nach Angaben des Seismologischen Dienstes der Universidad de Chile erreichte es 4,6 Grad auf der Richterskala, auf der Mercalliskala, die den Grad der Wahrnehmbarkeit bzw. der Zerstörungen beschreiben soll, war es Stufe III für Puerto Montt. Das Epizentrum lag etwa 75 südlich von hier, also auf halber Strecke zum Vulkan Chaitén. Mit dessen Ausbruch habe die Erderschütterung aber nichts zu tun, beeilten sich die regionalen Behörden mitzuteilen.

Im Nachhinein erscheint ein Beben dieser Größenordnung nahezu lächerlich. Das Wohnzimmer geriet in Schwingung, die Lampe über dem Esstisch begann zu schaukeln - obwohl bei näherer Betrachtung wir es waren, die zu schaukeln begannen, während die Lampe den Gesetzen der Trägheit gehorchend weiter in Richtung Erdmittelpunkt zeigte. Eigentlich kein unangenehmes Gefühl - wäre da nicht die Furcht, es könne sich doch noch zu etwas Großen auswachsen.

Ganz von der Hand zu weisen ist das ja nicht: Der Süden Chiles war vor - fast auf den Tag genau - 48 Jahren Schauplatz des bislang stärksten Erdbebens der Welt, seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen, versteht sich. Dass beim "Erdbeben von Valdivia" oder "Großen Chile-Erdbeben" weitaus weniger Menschen ums Leben kamen als unlängst in China, liegt nur daran, dass Chile weitaus dünner besiedelt ist. Das Beben hatte im Epizentrum eine Stärke von 9,5, ihm folgten viele starke Nachbeben und ein verheerender Tsunami. Manche Orte an der Pazifikküste wurden in Gänze zerstört und weggespült, in Puerto Montt fielen dem Beben 80 Prozent der Gebäude sowie die gesamten Hafenanlagen zum Opfer. Die wohl einzigen, die der Katastrophe etwas Positives abgewinnen konnten, waren die Geologen: Bei dem tektonischen Großereignis hatte sich nicht nur die Nazca-Platte 40 Meter unter die Südamerikanische Platte geschoben (normal sind ein paar Zentimeter im Jahr), die seismischen Wellen wanderten auch durchs Erdinnere und zurück, was den Wissenschaftlern neue Erkenntnisse über dessen Beschaffenheit ermöglichte.


Puerto Montt, im Mai 1960

Das stärkste Erdbeben der Welt also, vor knapp 50 Jahren. Heißt das nun, dass die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Mega-Bebens denkbar gering ist, oder neigt diese Zone gerade zu katastrophischem Verhalten? Grundsätzlich, so lässt sich aus den Grafiken der Seismologen ablesen, sind Puerto Montt und Umgebung ein eher erschütterungsarmes Gebiet innerhalb Chiles. Gibt das Sicherheit? Eher nicht. Für gewöhnlich verdrängen wir die Vorstellung, innerhalb von ein paar Minuten, irgendwann und ohne Vorwarnung, könnte die ganze Stadt auf links gedreht sein. Den Chilenen geht es nicht viel anders: In einer Online-Umfrage des Llanquihue bekannten über 70 Prozent der Teilnehmenden (n unbekannt), nicht zu wissen, wie sie bei einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben oder einem Tsunami reagieren sollten. Auch nicht gerade beruhigend.

Mir kommt die latente Gefahr immer mal wieder in den Sinn. Zuletzt, als ich bei Sodimac, dem hiesigen Äquivalent zu Bauhaus-Hornbach-Obi Schrauben kaufen war. Vor meinem inneren Auge stürzte der tonnenschwere Inhalt der Hochregale in Sekundenschnelle zu Boden und begrub die panischen Kunden unter sich. Gut, sagte ich mir, dann muss man eben, wenn es losgeht, in ein Regal kriechen, um einigermaßen sicher zu sein. Hoffentlich stimmt das auch.