Samstag, 23. August 2008

Post hier, Post da


Es ist soweit: Ab sofort erscheinen Posts von mir auch auf den Seiten der taz-Blogs, und zwar unter http://blogs.taz.de/latinorama. Ebenfalls posten dort Florencia Abbate aus Buenos Aires, Gerhard Dilger aus Porto Alegre und Benjamin Kiersch aus Cochabamba bzw. Kreuzberg. Für Leser dieses Blogs ändert sich sonst nichts - was im tazblog erscheint, steht nämlich auch hier.

Freitag, 22. August 2008

Der Herr der Hiebe

Der gemeinste, verschlagenste, rücksichtsloseste Macho, den Chile je erlebt hat - er tobt sich Tag für Tag auf den Bildschirmen aus. José Luis Echenique heißt er, man kennt ihn aber auch als El Señor de la Querencia. José Luis ist Großgrundbesitzer, ihm gehört das Gut "La Querencia" im Norden von Santiago und im Jahr des Herrn 1920. Wen das Los getroffen hat, auf José Luis' Latifundium zu arbeiten, der muss mit dem Schlimmsten rechnen: Der patrón geht nicht nur gewohnheitsmäßig fremd und beutet seine Arbeiter nach Strich und Faden aus, er prügelt, vergewaltigt und mordet auch. Um anschließend in der gutseigenen Kapelle niederzuknien und um Vergebung zu bitten.



Das von Wikipedianern zusammengetragene Sündenregister des Gutsherrn ist beachtlich, und nicht von ungefähr hat die vom staatlichen Kanal TVN aufwändig produzierte Fernsehserie bereits zu erhitzten politischen Debatten geführt. Zu viel Gewalt, monieren die einen, zu viel nacktes Fleisch, die anderen (aus der katholischen Ecke). Schließlich die Vorwürfe aus der nationalkonservativen Ecke, der novela mangele es an historischer Exaktheit. Gutsherren als Mörder und Ehebrecher - da könne es sich nur um eine gezielte Verleumdungskampagne des von der Linken dominierten Senders handeln.

Dabei ist es gerade das Verdienst der Serie, den Großgrundbesitzer als Schwein darzustellen. In den vergangenen Jahrzehnten, zumindest in den Jahren der Diktatur, wäre das völlig unmöglich gewesen. Und dass es derartigen Machtmissbrauch gegeben hat, daran kann es keinen Zweifel geben. Weil den Machern der Serie der Sinn ganz offenbar danach stand, eine allgemeine Figur der chilenischen Geschichte und deren Nachwirkung im gegenwärtigen Machismo zu denunzieren, wirkt vor allem die Kritik von Laura Albornoz, der chilenischen Frauenministerin, befremdlich. Sie monierte die vielen Gewaltszenen (bei denen der Mann eindeutig der Aggressor ist) mit dem Argument, Frauen könnten auf die Idee kommen, das unterwürfige Verhalten der Protagonistinnen zu übernehmen - und Männer die dargestellten Gewaltorgien imitieren.

Über die künstlerische Seite der Serie, die Qualitäten des Drehbuchs oder der Schauspieler sprechen wir an dieser Stelle besser nicht, auch wenn manche chilenische novelas deutlich anspruchsvoller und komplexer sind als die venezolanische oder brasilianische Massenware, die hier selbstverständlich auch läuft. Wer nicht weiß, was "Overacting" bedeutet, kennt sich nach fünf Minuten aus: so viel aufgerissene Augen, so viele Ohnmachten und Wutausbrüche. Dazu dramatische Musik, alle paar Minuten ein Cliffhanger oder irgendjemand, der irgendjemand anderen bei irgendetwas Verbotenem überrascht. Aber davon wollten wir ja nicht sprechen.

Jetzt ist Hauptdarsteller Julio Milostich seine Rolle offenbar zu Kopf gestiegen. Der noch vor kurzem weitgehend unbekannte Schauspieler zertrümmerte die Einrichtung eines Restaurants und verletzte den Wirt schwer, am folgenden Tag ließ er sich freiwillig in eine psychiatrische Klinik einweisen. Das könnte problematisch werden, weil die Serie ja noch nicht zu Ende gedreht ist - aber mit so etwas werden erfahrene guionistas auch fertig.

Auch in Puerto Montt machte die Serie gestern wieder Schlagzeilen: Der Platzwart des regionalen Fußballstadions wurde von einer fünfköpfigen bewaffneten Bande überfallen, geschlagen und ausgeraubt. "Meine Frau und ich haben nicht mitbekommen, wie sie sich an der Tür zu schaffen machten", so das Opfer im Llanquihue, " wir waren so gefesselt vom Señor de la Querencia."

Ein wenig Poesie

Langsam reichte es: Die Wochen rund um die längste Nacht des Jahres am 21. Juni waren grau, kalt und verregnet. Der Aktionsradius in der freien Zeit verengt sich unter solchen Umständen meist auf die eigenen vier Wände, das Auto oder - horribile dictu - die Shopping-Mall.

Bei schlechtem Wetter (also sehr, sehr oft) ist Puerto Montt kein guter Ort für Depressive. Im Regen verschwimmen die Konturen der Stadt zu einer unansehnlichen Masse. Das Auge weiß gar nicht wohin schauen angesichts solchen Elends, aber der Blick geht im Regen ohnehin meist nach unten. Das Meer ist kein Meer, sondern ein großer, bleierner Tümpel, die Berge gibt es nur noch in der Erinnerung. Die Luft ist kalt, feucht und voller Rauch. An solchen Tagen wünscht man sich weit weg von hier.

Aber plötzlich dreht der Wind auf Süd und die Stadt ist eine andere. Kalt ist dieser Südwind, kalt und trocken, er schiebt die Wolken an die oberen Ränder der Berge, die darunter wieder erscheinen, mit weiß verschneiten Gipfeln über der Bucht, deren dunkelblaues Wasser lustvoll an die Ufermauern brandet. Plötzlich ist das Meer wieder Meer, sind Möwen da, die Achterbahn spielen mit dem Wind. Über den Hafen segeln Pelikane - wo waren die eigentlich vorher?

Die Farben kehren in der Sonne, die längst wieder Kraft gesammelt hat, mit Wucht zurück, auch auf all den schäbigen Holzfassaden , von denen der Lack abblättert. Das Rot ist wieder ein Rot, das Türkis ein Türkis, das dunkle Gelb, das bei Regen wie Erbrochenes aussieht, leuchtet so warm, dass man es dem Hund gleichtun möchte, der sich vor der Haustür ausstreckt und sich nicht mehr vor Kälte einrollen muss wie eine Schnecke.

Die Straßen sind mit einem Mal voller Menschen. Horden von Schülern lungern lachend in der Sonne herum. Es riecht nach Sommer, trotz aller Kälte, die der Südwind mit sich bringt. Nach langen Tagen, nach Ausflügen, nach Bootsfahrten und Grillen im Garten. Noch ist es lange nicht soweit. Aber Tage wie dieser machen Wochen schlechen Wetters wett.

Dienstag, 19. August 2008

Tod einer Sozialistin

Gestern Nachmittag wurde Carmen Lazo auf dem Hauptfriedhof von Santiago zu Grabe getragen. Hunderte begleiteten den Sarg durch die Straßen der Innenstadt, am Friedhof gesellten sich mehrere Minister und andere hochrangige Politiker der Sozialistischen Partei hinzu. Die Sozialistin Carmen Lazo - la negra Lazo, so ihr Spitzname, der auf ihre dunkle Hautarbe anspielte - war am Montagabend im Alter von 87 Jahren auf dem Flughafen von Santiago einem Herzinfarkt erlegen, nachdem sie in La Serena an einer Veranstaltung im Vorfeld der landesweiten Kommunalwahlen teilgenommen hatte.

Viel zu hören war in den letzten Jahrzehnten nicht von Carmen Lazo, aber sie war ein fester Bestandteil des politischen Inventars Chiles - das, was man gerne auch "Urgestein" nennt. 1920 am Rande der Kupfermine von Chuquicamata geboren, trat sie mit 13 Jahren der Sozialistischen Jugend bei - also 1933. Seitdem hat sie ununterbrochen für die Partei gelebt und gekämpft, acht Jahre lang als Kongressabgeordnete, bis zum Putsch im Jahr 1973. Sie verbrachte 14 Jahre im venezolanischen Exil, kehrte zurück und versuchte noch zweimal, wieder ins Parlament einzuziehen, allerdings ohne Erfolg. Wie man sich eine Mittachtzigerin vorzustellen hat, die großmütterlich-würdevoll über ihre unverbrüchliche Treue zu den sozialistischen Idealen spricht, zeigt dieser Ausschnitt aus einem erst vor kurzem geführten Interview.



An der Totenwache hatten auch Präsidentin Michelle Bachelet und die gesamte sozialistische Prominenz teilgenommen, und hier, am offenen Sarg der negra Lazo, stießen noch einmal zwei Welten zusammen: die der sozialistischen Traditionen, der erhobenen Fäuste und Gesänge, und die der regierenden Pragmatiker, die ihren Frieden mit einem System gemacht haben, das allen politischen Zielen der Arbeiterbewegung Hohn spricht - der amtierenden Realsozialisten, wenn man so will. In diesem kleinen Video sieht man alle gemeinsam die "sozialistische Marsellaise" singen, die offizielle Hymne der Partei:

Contra el presente vergonzante
el socialismo surge ya.
Salvación, realidad liberante,
que ha fundido en crisol la verdad,
que ha fundido en crisol la verdad.

Sellaremos con sangre en la historia,
nuestra huella pujante y triunfal.
El Partido dará a los que luchan
digno ejemplo de acción contra el mal.

Socialistas a luchar,
resueltos a vencer,
fervor, acción hasta triunfar
nuestra revolución.

Arriba el socialismo obrero,
que es nuestra liberación.

Militantes puros y sinceros,
prometamos jamás desertar,
prometamos jamás desertar
Reafirmemos la fe socialista,
que es deber sin descanso luchar
contra el pulpo del imperialismo,
que a los pueblos desea atrapar.

Socialistas a luchar, resueltos a vencer,
fervor, acción hasta triunfar
nuestra revolución.

Ich will das jetzt nicht alles übersetzen, besonders schön ist aber die Stelle mit dem pulpo del imperialismo: Die Pflicht der Sozialisten, heißt es da, sei der unermüdliche Kampf gegen den "Kraken des Imperialismus", der die Völker einzufangen trachtet. Manche der Sänger müssen da wohl aufpassen, dass sich ihnen die Zunge nicht verknotet wie ein Krakententakel. Andererseits: Wenn auf heutigen SPD-Parteitagen "Brüder zur Sonne" angestimmt wird, ist das auch nicht weniger befremdlich.