skip to main |
skip to sidebar
"Seit 1938" gibt es den Cóndor, die deutschsprachige Zeitung Chiles, wie sie selbst stolz im Kopf ihrer Webseite verkündet. Trotzdem, muss man der Redlichkeit halber hinzufügen, handelt es sich nicht um ein braunes Blatt, jedenfalls schon lange nicht mehr. Die Wochenzeitung ist allenfalls eine beschauliche und bisweilen schwer verdauliche Chronik der chilenischen Aktualität unter besonderer Berücksichtigung deutscher bzw. deutschstämmiger Interessen.
Dass der 3. Oktober Nationalfeiertag ist, merken die meisten in Deutschland nur daran, dass sie ausschlafen können und im Fernsehen schon wieder das Archivmaterial vom Mauerfall läuft. In Chile, wo Patriotismus als Indiz für seelische Gesundheit gilt, so wie rote Bäckchen von körperlichem Wohlergehen zeugen, veröffentlicht der Cóndor aus diesem Anlass alljährlich eine "Spezialausgabe Tag der Deutschen Einheit", in der dann alle Unternehmen mit deutschem Migrationshintergrund Grußbotschaften schalten.
Dass das sprachliche Fingerspitzengefühl in manchen Fällen schon ein wenig gelitten hat, mag folgendes Beispiel verdeutlichen. Die chilenische Gildemeister-Gruppe macht ihr Geld übrigens mit dem Import von Autos und Maschinen.

Etwas, was Chilenen sehr ernst nehmen, ist die korrekte Beschilderung von Brücken. Mögen sonstige Wegweiser spärlich gesät und Kilometerangaben ungenau sein - vor jeder noch so kurzen Betonplatte, die sich über ein Rinnsal spannt, steht ein grünes Schild, das ihren Namen verkündet. Der leitet sich direkt von dem des Gewässers ab: Heißt der Fluss beispielsweise Maullín, heißt die Brücke Puente Maullín. Und sollte ein Flüsschen einmal keinen Namen haben - was höchst selten vorkommt -, dann heißt die Brücke folgerichtig Puente Sin Nombre. Ordnung muss sein.
Die Isla Dawson ist ein kalter, unwirtlicher Ort, hundert Kilometer südlich von Chiles südlichster Stadt Punta Arenas im Feuerland-Archipel gelegen. Unrühmliche Bekanntheit hat die große, aber praktisch unbewohnte Insel nach dem Putsch erlangt, als die Militärs hier ein Jahr lang politische Gefangene internierten und Zwangsarbeit verrichten ließen. Viele bedeutende Politiker der Unidad Popular waren darunter: José und Jaime Toha, Clodomiro Almeyda, Sergio Vuskovic.
Auch Sergio Bitar. Der damals noch ziemlich junge Mann, der für die christdemokratische Linksabspaltung Izquierda Cristiana in Allendes Kabinett gesessen hatte, schrieb später ein viel gelesenes Buch über seine Zeit auf Dawson: Isla 10. Bald werden seine Erinnerungen auf der großen Leinwand zu sehen sein: Der Regisseur Miguel Littín verfilmt gerade Isla 10 - mit junger Starbesetzung und an Originalschauplätzen.
Miguel Littín (Quelle: http://flickr.com/photos/guadalajaracinemafest/2325048271)
Jetzt gab es freilich Ärger: Als Littín mit seiner internationalen Crew (es handelt sich um eine chilenisch-brasilianisch-spanische Koproduktion) Mitte September vom Dreh auf Dawson zurückkehrte, musste der Cineast im Mercurio lesen, dass die "ehemalige UP-Prominenz" unzufrieden sei mit seiner Arbeit. Die Figur des heutigen Infrastrukturministers Bitar werde im Film maßlos überbewertet, kritisierten einige von dessen ehemaligen Leidensgenossen, die Littín in einer sehr frühen Phase ebenfalls konsultiert hatte. Auch hätten sich manche der dargestellten Vorkommnisse so nie zugetragen.
Der Filmemacher dementiert das alles, aber er weiß ja auch als einziger ziemlich genau, was im fertigen Film zu sehen sein wird und was nicht. Oder was er später noch schneidet. Littín, dessen Werke in Chile kaum bekannt sind, und der im Prinzip immer noch vom Ruhm seines Debüts El Chacal de Nahueltoro von 1969 zehrt, hat auch ein großes Ego: Dieser, sein Film werde "der Film über den Putsch", sagte er kürzlich in einem Radiointerview: "der Film, den bis jetzt noch niemand gedreht hat".
Trotzdem haben Littín und Bitar versucht, die Wogen zu glätten und die Kritiker - Miguel Lawner, Arturo Jirón, Carlos Jorquera und Aníbal Palma - vor ein paar Tagen zu einem klärenden Gespräch empfangen. Zu Tee und Pfannkuchen traf man sich in Bitars Wohnzimmer, und am Ende, hieß es, waren alle Zweifel ausgeräumt. Schade eigentlich: Vielleicht hätte ein bisschen Polemik die Leute tatsächlich massenhaft in den neuen Littín gelockt.