Montag, 6. Oktober 2008

Wir begrüßen Sie recht herzlich

"Seit 1938" gibt es den Cóndor, die deutschsprachige Zeitung Chiles, wie sie selbst stolz im Kopf ihrer Webseite verkündet. Trotzdem, muss man der Redlichkeit halber hinzufügen, handelt es sich nicht um ein braunes Blatt, jedenfalls schon lange nicht mehr. Die Wochenzeitung ist allenfalls eine beschauliche und bisweilen schwer verdauliche Chronik der chilenischen Aktualität unter besonderer Be­rück­sich­ti­gung deutscher bzw. deutschstämmiger Interessen.

Dass der 3. Oktober Nationalfeiertag ist, merken die meisten in Deutschland nur daran, dass sie ausschlafen können und im Fernsehen schon wieder das Ar­chiv­ma­te­ri­al vom Mauerfall läuft. In Chile, wo Patriotismus als Indiz für seelische Ge­sund­heit gilt, so wie rote Bäckchen von körperlichem Wohlergehen zeugen, ver­öf­fent­licht der Cóndor aus diesem Anlass alljährlich eine "Spezialausgabe Tag der Deutschen Einheit", in der dann alle Unternehmen mit deutschem Mi­gra­tions­hin­ter­grund Grußbotschaften schalten.

Dass das sprachliche Fingerspitzengefühl in manchen Fällen schon ein wenig ge­litten hat, mag folgendes Beispiel verdeutlichen. Die chilenische Gildemeister-Gruppe macht ihr Geld übrigens mit dem Import von Autos und Maschinen.


Sonntag, 5. Oktober 2008

Ein wenig Wahlwerbung

Heute vor exakt 20 Jahren verlor Pinochet das Plebiszit, das ihn für weitere acht Jahre im Amt bestätigen sollte. Es war keine vernichtende Niederlage - aber immerhin. Aus diesem Anlass heute zwei historische Videoclips: die Wahlwerbung der NO-Kampagne (Nein zu Pinochet), die nach anderthalb Jahrzehnten Diktatur von vielen Chilenen als extrem erfrischend erlebt wurde, sich dabei aber jedes nur denkbaren Zahnpastareklame-Klischees bedient. Auch Aerobic wurde da getanzt.



Die Gräuelkampagne, mit der das Pinochet-Lager (das SÍ) seine Gegner zu diskreditieren suchte, kam nicht ganz so gut an:



Besonders erhellend der Spruch Aunque el marxista se vista de seda, marxista queda ("Auch wenn der Marxist sich in Seide kleidet, er bleibt doch ein Marxist" - der Original-Spruch geht so ähnlich, man muss nur mono - Affe - für marxista einsetzen).

Freitag, 3. Oktober 2008

Namenlos

Etwas, was Chilenen sehr ernst nehmen, ist die korrekte Beschilderung von Brü­cken. Mögen sonstige Wegweiser spärlich gesät und Kilometerangaben un­ge­nau sein - vor jeder noch so kurzen Betonplatte, die sich über ein Rinnsal spannt, steht ein grünes Schild, das ihren Namen verkündet. Der leitet sich direkt von dem des Gewässers ab: Heißt der Fluss beispielsweise Maullín, heißt die Brücke Puente Maullín. Und sollte ein Flüsschen einmal keinen Namen haben - was höchst selten vorkommt -, dann heißt die Brü­cke folgerichtig Puente Sin Nom­bre. Ordnung muss sein.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Ärger um Insel 10

Die Isla Dawson ist ein kalter, unwirtlicher Ort, hundert Kilometer südlich von Chiles südlichster Stadt Punta Arenas im Feuerland-Archipel gelegen. Unrühmliche Bekanntheit hat die große, aber praktisch unbewohnte Insel nach dem Putsch erlangt, als die Militärs hier ein Jahr lang politische Gefangene internierten und Zwangsarbeit verrichten ließen. Viele bedeutende Politiker der Unidad Popular waren darunter: José und Jaime Toha, Clodomiro Almeyda, Sergio Vuskovic.

Auch Sergio Bitar. Der damals noch ziemlich junge Mann, der für die christ­demokratische Linksabspaltung Izquierda Cristiana in Allendes Kabinett ge­ses­sen hatte, schrieb später ein viel gelesenes Buch über seine Zeit auf Daw­son: Isla 10. Bald werden seine Er­in­ner­un­gen auf der großen Leinwand zu se­hen sein: Der Regisseur Miguel Littín verfilmt gerade Isla 10 - mit junger Star­be­setzung und an Originalschauplätzen.

Miguel Littín (Quelle: http://flickr.com/photos/guadalajaracinemafest/2325048271)

Jetzt gab es freilich Ärger: Als Littín mit seiner internationalen Crew (es handelt sich um eine chilenisch-brasilianisch-spanische Koproduktion) Mitte September vom Dreh auf Dawson zurückkehrte, musste der Cineast im Mercurio lesen, dass die "ehemalige UP-Prominenz" unzufrieden sei mit seiner Arbeit. Die Figur des heu­ti­gen Infrastrukturministers Bitar werde im Film maßlos überbewertet, kritisierten einige von dessen ehemaligen Leidensgenossen, die Littín in einer sehr frü­hen Phase ebenfalls konsultiert hatte. Auch hätten sich manche der dar­ge­stell­ten Vor­kommnisse so nie zugetragen.

Der Filmemacher dementiert das alles, aber er weiß ja auch als einziger ziemlich genau, was im fertigen Film zu sehen sein wird und was nicht. Oder was er später noch schneidet. Littín, dessen Werke in Chile kaum bekannt sind, und der im Prinzip immer noch vom Ruhm seines Debüts El Chacal de Nahueltoro von 1969 zehrt, hat auch ein großes Ego: Dieser, sein Film werde "der Film über den Putsch", sagte er kürzlich in einem Radiointerview: "der Film, den bis jetzt noch niemand gedreht hat".

Trotzdem haben Littín und Bitar versucht, die Wogen zu glätten und die Kritiker - Miguel Lawner, Arturo Jirón, Carlos Jorquera und Aníbal Palma - vor ein paar Tagen zu einem klärenden Gespräch empfangen. Zu Tee und Pfannkuchen traf man sich in Bitars Wohnzimmer, und am Ende, hieß es, waren alle Zweifel aus­ge­räumt. Schade eigentlich: Vielleicht hätte ein bisschen Polemik die Leute tat­säch­lich massenhaft in den neuen Littín gelockt.