Dienstag, 10. Februar 2009

Unendliche Weiten


Die Carretera Austral zu befahren braucht viel Geduld und Spucke sowie ein Gespür für die unterschiedlichsten Straßenbeläge. Vom glatten Asphalt über etwas, was mit Salzlauge zusammengebackener Schotter zu sein scheint und sich ebenfalls angenehm fährt, bis hin zu losen Steinen und abgrundtiefen Schlaglöchern ist alles dabei. Besonders nervtötend und zudem unberechenbar ist das, was wir Deutschen "Waschbrett" und die Chilenen calamina, "Wellblech", nennen. Manchmal sehen die Querrillen ganz harmlos aus, versetzen das Fahrzeug aber in stärkste Vibration. Trotzdem - ingesamt lässt sich die Fernstraße in den tiefen Süden recht problemlos befahren, und die immer wechselnden Panoramen belohnen den Ausdauernden.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Mitreisende

So langsam lernt man sich kennen. Werner zum Beispiel. Werner ist Freiberufler aus Nürnberg und reist seit dreißig Jahren durch die Weltgeschichte, aber Fahrradtouren hat er bislang nur im Bayrischen oder im Thüringer Wald gemacht. Jetzt radelt er auf der Carretera Austral durch Patagonien, bergauf, bergab, durch die größte Einsamkeit, durch strömenden Regen und durch die dichten Staubfahnen, die Jeeps und Pickups an Sonnentagen hinter sich herziehen. Auch wir haben ihn schon oft überholt und gegrüßt, jetzt ist definitiv Zeit für ein Schwätzchen. Er ist total begeistert von seiner Tour, sagt er. "Genauso hatte ich es mir vorgestellt. Du bist ganz nah dran am Land, an der Natur."

Da hat er sicher Recht. Als Autoinsasse betrachtet man die Radfahrer in erster Linie mit Mitleid, aber auch mit einem Quäntchen Neid. Denn so nah dran wie sie ist man tatsächlich nicht. Die Geräusche des Waldes und das Knirschen der Reifen im Schotter, die Kälte, die Hitze, die Erschöpfung und das Glück, nach Stunden in der Einöde wieder ein Haus zu sehen, mit Leuten, die sich womöglich genauso über eine Abwechslung freuen und dem Radler für ein paar erfrischende Minuten ihren Wasserhahn überlassen. So etwas entgeht uns. Uns gehört hingegen das Privileg, die Route nach Belieben verlassen zu können, in die kleine Stichstraße abzubiegen, die zum Gletscher hinaufführt oder an die Lagune im Wald. Und in der Zeit, in der die Radler noch lange auf Achse sind, entspannt am Ankunftsort herumzutrödeln, das Zelt aufzubauen, das Feuer anzuzünden.

Nicht nur Werner sehen wir immer wieder: Da ist auch Klaus, ein junger, strohblonder Brasilianer mit deutschen Ahnen und einem Liegerad, das er selbst gebaut hat - aus Bambusrohr. "Hervorragene Stoßdämpfung", sagt er. Auch ihn treffen wir immer mal wieder, vor der Bäckerei in La Junta oder im Internetcafé in Coyhaique. Dann macht er sich rar auf der Strecke, was offenbar daran liegt, dass sein perfekt gefedertes Bambusgefährt gefährliche Risse aufweist. Was uns wiederum Werner erzählt.

Mit anderen Dauerbegleitern auf dieser langen Fahrt nach Süden vermeiden wir eher den Kontakt - vielleicht auch sie mit uns, so genau kann man das nicht sagen. Gerade mit anderen Deutschen stimmt die Chemie oft nicht. Mit dem Lehrerpaar etwa, das in einem breiträdrigen Mietwagen unterwegs ist und immer ostentativ die Stirn runzelt, wenn unsere Kinder lärmen. Oder mit dem bayrischen Motorradpärchen, das neben uns auf dem Campingplatz zeltet und dessen steinzeitlicher Benzinkocher so laut ist, dass alle Tischgespräche ersterben (unser hier erstandener Campingkocher ist dagegen ein kleines technisches Wunder und flüsterleise). Aber man muss ja nicht immer landsmannschaftliche Bande pflegen.

Mit anderen Nationalitäten kommt man noch seltener ins Gespräch. Die Franzosen reisen offenbar am liebsten in aufwändig hergerichteten Campingbussen, an deren Rückwand viele bunte Aufkleber von bereits bestandenen Weltreisen zeugen. Nordamerikaner trifft man praktisch keine - die lassen sich direkt vom Flughafen in eine Fishing Lodge fahren, behauptet ein Deutscher, der hier seit Jahren im Tourismusgeschäft ist. Dagegen gibt es unzählige junge Israelis, die mit dem Fahrrad oder dem Auto, in Gruppen oder alleine unterwegs sind und wohl für ein paar Wochen die bedrückende Enge ihres Heimatlandes gegen die schier unendliche patagonische Weite tauschen wollen. Die "Israeliten" werden sie von den Einheimischen grundsätzlich genannt (los israelitas und nicht, wie es korrekt wäre, los israelíes), und man fragt sich automatisch, ob ein bisschen Antisemitismus oder einfach nur Unwissen dahintersteckt, aber das ist ein anderes Thema.

Mit campenden Chilenen schliesst man dagegen schnell und unkompliziert Freundschaft, man vergleicht Reiserouten und Herkunftsorte, erzählt sich Anekdötchen und tauscht Tipps aus. Es sind oft nette, unkomplizierte Leute, Pärchen, Familien, meist begeistert von der ihnen bisher unbekannten Schönheit des eigenen Landes. Zu den Armen gehören sie selbstredend nicht, aber auch nie zu den Reichen, denn die würden niemals zelten gehen.

Und dann sind da noch die mochileros, die jungen Rucksackreisenden, die per Anhalter auf der langen, leeren Carretera unterwegs sind, und denen wir immer wieder gestenreich signalisieren, dass wir leider beim besten Willen keinen Platz mehr haben. Sie lassen sich keiner sozialen Gruppe klar zuordnen, aber es vereint sie der Hunger nach Abenteuer und Spaß und ein unerschöpfliches Repertoire an Liedern, die sie abends beim guitarreo am Lagerfeuer zum Besten geben. In Villa Cerro Castillo, einer kleinen Ortschaft am Fuße des gleichnamigen Bergs, wo gerade das jährliche Fest der patagonischen Traditionen begangen wurde, zelteten wir unter hunderten von ihnen auf einer zu diesem Zweck umgewidmeten Kuhweide. An Schlaf war kaum zu denken, es wurde gesungen, gejohlt und viel getrunken. Weil rucksacktragende chilenische Jugendliche meist von hippiesker Menschenfreundlichkeit sind, kam es trotzdem nicht zu Exzessen, von den geschlechtlichen Exzessen im Nachbarzelt einmal abgesehen.

Montag, 2. Februar 2009

Leckere Schirme


Zu den beeindruckendsten Gewächsen des kalten "valdivianischen" Regenwalds, der weite Teile des chilenischen Südens bedeckt, gehört die nalca- oder pangue-Pflanze. Es handelt sich um eine Art Riesenrhabarber, der bevorzugt an feuchten Stellen wächst. Feucht ist hier zwar im Prinzip alles, aber an Bachläufen oder anderen Rinnsalen gedeiht die nalca eben am allerbesten. Die Länge ihrer Stiele und die Größe ihrer Blätter wächst dabei offensichtlich proportional zum vorhandenen Wasserangebot. Die größten Exemplare, die wir im Parque Nacional Queulat gesehen haben, kommen gut und gerne auf drei Meter Höhe und ein bis zwei Quadratmeter Blattoberfläche.

Die gigantischen Trichter dienen den Einheimischen zu allerlei praktischen Zwecken, etwa als Regenschutz oder zum Abdecken des curanto al hoyo, einer Art Eintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Meeresfrüchten, der in der traditionellen Variante mit heißen Steinen in Erdlöchern gekocht wird. Die wohlschmeckendste Nutzung haben wir aber erst jetzt entdeckt: Genau wie beim kleinen europäischen Rhabarber eignen sich die bisweilen armdicken Stiele zur Zubereitung einer leckeren Marmelade.

Sonntag, 1. Februar 2009

Online outside

Dass man hier in Chile noch in größter Waldeinsamkeit per Mobiltelefon und, vor allem, Internet mit der ganzen Welt verbunden bleibt, kann man mit einem Touch Kulturpessimismus als Verlust einer wie auch immer gearteten Authentizität kritisieren. Bei rechtem Licht betrachtet ist es eine großartige Sache, und zwar nicht nur für den bloggenden Reisenden, sondern auch für die Menschen, die in solchen "isolierten Regionen" leben, wie sie in Chile ganz offiziell heißen. Blieb etwa Jugendlichen bis vor kurzem nur die Abwanderung, um der äußeren und inneren Einsamkeit zu entfliehen, können sie jetzt zwischen Holzhacken und Netzeflicken mal schnell mit dem Cousin in Santiago chatten oder Musik mit Geichgesinnten tauschen. Ich finde das klasse.

Ganz lückenlos ist die Vernetzung des chilenischen "Großen Südens" natürlich noch nicht, auch wenn die Daten vielerorts mobil übertragen werden, was eine große örtliche Ungebundenheit ermöglicht. Wer sein Handy bei einem Billiganbieter unter Vertrag hat wie wir, muss sich mit großen Löchern im Funknetz abfinden. Für Reisende, wie gesagt, kein Problem: Das celular wartet in der Hemdtasche, irgendwann kommt man in Reichweite eines Senders, und ein sachtes Klingeln meldet eine vor Stunden eingegangene SMS. Sie kommt in diesem Fall von Ricarda, Volontärin bei der Deutschen Welle, die mit mir ein Telefoninterview für die DW-Blogschau machen möchte. Was auch problemlos klappt, obwohl der patagonische Wind zuerst für Störgeräusche bei der Aufzeichung sorgt.

Hier die Links zu
Blogschau und Interview. Dass wir laut Anmoderation in einem "kleinen Dorf" leben - geschenkt. Ein wahrhaft winziges und freundliches Dorf ist hingegen Puerto Río Tranquilo am Ufer des Lago General Carrera, wo ich dies hier in einem improvisierten Internetcafé scheibe, das zugleich Telefonzentrale und Kramladen ist (das sind die Internetcafés in, sagen wir, Berlin-Neukölln, freilich auch). Die Verbindung ist ausgezeichnet. Zu lange darin verweilen sollte man dennoch nicht, denn das Seepanorama draußen vor der Tür ist spektakulär.

Und danke nochmal, Ricarda.