Montag, 16. Februar 2009

Kilometer fressen



So eine Fahrt durch die argentinische Pampa kann sich ganz schön ziehen.

Sonntag, 15. Februar 2009

Volcano

Aus der Schweiz kommt dankenswerterweise der Hinweis auf einen der diesjährigen Ersten Preise bei den World Press Photo Awards: Der chilenische Fotograf Carlos Gutiérrez erhielt ihn in der Kategorie "Nature Singles" für seine Nachtaufnahme des frisch ausgebrochenen Vulkans Chaitén. Ein faszinierendes Bild - obwohl man dazusagen muss, dass es für einen halbwegs versierten Fotografen keine allzu große technische Herausforderung dargestellt haben dürfte: So eine Eruptionswolke ist träge, und bei langer Belichtungszeit lassen sich die stimmungsvoll herausschlagenden Blitze in aller Ruhe einfangen. Eine gerade eben in unserer Nachbarschaft eröffnete Kneipe heißt übrigens passenderweise "Volcano" und schmückt sich mit einer ähnlichen Aufnahme. Sollte die aus Gutiérrez' Serie stammen, könnte es für die Betreiber spätestens jetzt teuer werden.

Samstag, 14. Februar 2009

Am Ufer des Generals

Spätestens als S. und ich den Kindern das großartige Buch Komet im Mumintal vorlasen - ein Klassiker aus eigenen Kindertagen -, fiel mir ein grober logischer Fehler auf: Mumin und seine Freunde lassen sich auf einem Floß den Fluss entlangtreiben und gelangen so an den Fuß des Gebirges, auf dessen höchstem Gipfel eine Sternwarte stehen soll. Unsinn, dachte ich jetzt, der Fluss fließt doch nicht zum Gebirge hin! Seit wir am General-Carrera-See waren, erscheint mir das Szenario nicht mehr ganz so absurd.

Der wundervolle See mit dem hässlichen Namen hat seinen Ausfluss nämlich just dort, wo ihn riesige Berge voller Gletscher umgeben. Am anderen, östlichen Ende, wo er nach Argentinien hineinreicht und Lago Buenos Aires heißt, schwappt er dagegen an flache Ufer. Von diesem riesigen Süßwasserreservoir - der General Carrera ist mit 1850 km² dreimal so groß wie der Bodensee - haben die Argentinier eher wenig, denn der überschüssige Inhalt landet am Ende im Pazifik.

Faszinierend am General Carrera ist das Farbenspiel, das entsteht, wenn Wolken ihre Schatten auf das durch die Gletscherschmelze türkisfarbene Wasser werfen. Faszinierend sind aber auch die krass unterschiedlichen klimatischen Verhältnisse, die an seinen Ufern herrschen. Das liegt daran, dass die Andenkordillere, die der See quer durchschneidet, die Feuchtigkeit des Stillen Ozeans abregnen lässt, sodass am Ostufer kaum noch Niederschlag fällt. Hier ist Pampa, eine baumlose Strauchlandschaft, durch die Gruppen von Guanacos und Nandus ziehen. In Chile Chico an der argentinischen Grenze werden Aprikosen-, Kirsch- und Apfelbäume bewässert, mit deren Früchten man die Umgebung beliefert.

In den seenahen Tälern im Westen dagegen wächst dichter kalter Regenwald.
Hier trafen wir ein deutsches Auswandererpaar, er aus Bayern, sie aus Thüringen, die am Fuße des Monte San Valentín eine Pension betreiben. Im Sommer kommen des öfteren Touristen vorbei und werden mit leckerem Hammelbraten bewirtet. Im Winter kommt monatelang niemand, erzählt er uns. Dann hacken sie Holz oder basteln am Haus oder sitzen in der kleinen Küche, die vom Holzofen immer warm ist. Abends lesen sie Romane, am liebsten historische. Manchmal lesen sie sich auch gegenseitig vor: "Damit wir im selben Film sind".

Dienstag, 10. Februar 2009

Kulturlandschaften

Die Ankunft in Coyhaique, der Hauptstadt der Aysén-Region, verblüfft durch einen radikalen Wandel der Landschaft. Kommt man von Norden und hat tagelang immergrüne, wolkenverhangene Täler durchquert, findet man sich plötzlich in einer Umgebung wieder, die aussieht, als hätte man einen Landstrich der Toskana ins Yosemite Valley montiert. Hinten hohe, schroff abfallende Tafelberge, vorne hügelige Felder (die Zypressen sind in diesem Fall freilich Pappeln). Dazwischen Kiefernwälder, in denen man sich - noch ein Eindruck, der nicht hierhin passt - mit einem Mal im Hohen Fläming wähnt.


Der Effekt dieser Kulturlandschaft ist widersprüchlich. Einerseits lässt sich nicht leugnen, dass sich das schon an die Wildnis gewöhnte Auge über so viel Differenziertheit freut. Andererseits muss man nur noch ein wenig weiter nach Süden fahren, um die hässliche Seite dieser menschengemachten Umgebung kennen zu lernen. Das angenehm Trockene geht hier ins Steppenhafte über, auf den Hügeln liegen kreuz und quer tote Stämme herum, hier und da ist ein Hang ins Rutschen gekommen und der nackte Fels liegt frei. Das alles zeugt von gewaltigen Waldbränden in den Vierzigerjahren, als Brandrodungen außer Kontrolle gerieten und niemand da war, der solch gigantische Feuer hätte löschen können oder wollen. Nur rund um Coyhaique hat man die Schäden durch Aufforstung behoben, auch wenn die schnellwachsende Kiefer kein echter Ersatz für den verlorenen Urwald ist.

In Coyhaique selbst, einer freundlichen Kleinstadt, stolpert man andauernd über eine Kampagne, die neues Unheil für die patagonische Umwelt verhindern will: Patagonia sin Represas, "Patagonien ohne Staudämme" lautet der Kampfruf. Ein Zusammenschluss von chilenischen und internationalen Ökoaktivisten und engagierten Bürgern will das größte Energieprojekt der chilenischen Geschichte verhindern: die Anlage von fünf Stauseen am Río Baker und am Río Pascua, mit deren Wasserkraft 2,75 Gigawatt erzeugt werden sollen, in etwa dieselbe Menge, die bereits heute an allen Stauseen Zentralchiles produziert wird.

Das Projekt Hidroaysén ist ein Joint-Venture von Endesa Chile und Colbún, den beiden größten chilenischen Stromerzeugern. Ihre Argumente sind ausführlich in einem Wikipedia-Eintrag nachzulesen, den sich die Befürworter offenbar zur Beute gemacht haben. In der betroffenen Region dagegen mag fast niemand etwas von Hidroaysén wissen, auch wenn die Unternehmen mit Arbeitsplätzen locken und sogar exklusiv verbilligten Strom für die Region versprechen. Auf ihrer Seite bringen sie viele gute Argumente gegen das Megaprojekt an, das eine bislang weitgehend unberührte Umwelt einschneidend verändern würde, um den Energiehunger der fast zweitausend Kiloemter nördlich gelegen Hauptstadt zu stillen. Derzeit liegt das Projekt auf Eis, weil die Umweltbehörden eine Überprüfung in hunderten Einzelpunkten vornehmen wollen.

Bei der Anti-Staudamm-Kampagne offenbart sich aber auch ein Schwachpunkt: Die Umweltschützer haben sich auf das vermeintlich publikumswirksamste Argument versteift, die riesige Hochspannungsleitung, die notwendig wäre, um Santiago mit patagonischem Strom zu versorgen. Das aber ist zu großen Teilen ein ästhetisches Argument, dem die Unternehmen leicht etwas entgegensetzen können, indem sie niedrigere Masten oder eine veränderte Trassenführung versprechen. Und auch das Plädoyer für Windkraft als Alternative, das die Kampagne ins Feld führt, kann sich hier schnell ins Gegenteil verkehren, denn landschaftsneutral ist die ja nun auch nicht. Immerhin, die drei Windräder, die sich auf einer Anhöhe bei Coyhaique drehen, sind noch ein freundliches i-Tüpfelchen auf der Brandenburger Prärie-Toskana.