Dienstag, 31. März 2009

Die ganz neuen Armen

Sprache verrät bekanntlich viel über das Selbstbild des Sprechers. "Links" ist die Politik der regierenden Concertación vielleicht wirklich nicht, aber sie wird auch von ihren eigenen Politikern nicht mehr "links" genannt, obwohl die Sozialistische Partei die Präsidentin stellt. Regierungspolitik in Chile ist seit längerem nur noch "progressiv", denn Fortschritt ist ja immer gut, irgendwie. Parallel dazu ver­schwindet ein anderes Schlüsselwort langsam, aber sicher aus den öffent­lichen Debatten: Es gibt keine Armen mehr. Ein Chilene ist nicht mehr pobre. Er gehört zum quintil más bajo*, lebt in riesgo social** oder bewohnt poblaciones económicamente vulnerables***. Obwohl die Wortwahl bisweilen gut gemeint ist, verschleiert sie eben auch.

Ausgerechnet am Ende der Amtszeit von Michelle Bachelet, deren Regierung den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte sozial unterfüttern sollte, könnte nun ein sprunghafter Anstieg der Armut im Land stehen. Das hat freilich mit den Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise gar nichts zu tun - es ist ein statistisches Phänomen. Bloß dass eingängige Zahlen gerne an Re­gie­rungs­bilanzen kleben bleiben.

Wer in Chile arm ist und wer nicht, entscheidet die Armutsgrenze. Sie beläuft sich derzeit auf 47.099 Pesos (rund 60 Euro) pro Monat und Kopf. Dem Betrag liegt ein Warenkorb zur Befriedigung der Grundbedürfnisse zugrunde, dessen
Zusammensetzung seit zwanzig Jahren nicht mehr verändert worden ist. Weil sich die Bedürfnisse der Menschen sehr wohl mit der Zeit verändern, will das So­zial­ministerium Mideplan in diesem Jahr eine seit langem angekündigte Anpassung vornehmen. Die aber wird, soviel hat das Ministerium schon durchblicken lassen, die Armutsgrenze deutlich nach oben verschieben.

Damit verschiebt sich auch die Zahl der Armen nach oben, und zwar sprunghaft. Laut Tercera gehen Beteiligte von einer "neuen" Armutsquote zwischen 20 bis 30 Prozent aus - bei der letzten Erhebung im Jahr 2007 lag sie bei 13 Prozent. Diese Zahl ist einer der größten Erfolge der Concertación, die 1990 das Land von Pinochet mit knapp vierzig Prozent armer Bevölkerung übernahm. Die Neu­be­rechnung wäre also ein herber Rückschlag, auch wenn sie erst Anfang kom­menden Jahres veröffentlicht wird und somit keinen direkten Einfluss auf die Prä­si­dentschaftswahl im Dezember nehmen dürfte. Im Mideplan verlässt man sich außerdem darauf, dass die Cepal, die UN-Wirtschaftskommission für La­tein­ame­rika, bis dahin ihre eigene Neuberechnung der Armutsgrenze für die ge­sam­te Region vorgelegt hat - und dass Chile in diesem Kontext wieder besser dasteht.

* ärmstes Fünftel der Bevölkerung
** soziales Risiko
*** "ökonomisch verwundbare Siedlungen"


Montag, 30. März 2009

Billig zelten, edel baden

Allerlei Lehrreiches über die von uns bereiste Carretera Austral lässt sich in einem Artikel nachlesen, den ich für die Reiseseiten der taz geschrieben habe - sowie die spannende Reportage meiner Berliner Kollegin Plutonia Plarre, die uns hier besucht und hunderte Kilometer Schotter mit dem Fahrrad bezwungen hat.

Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass einer meiner Lieblingsorte auf der Carretera weder im Blog noch im Artikel Erwähnung gefunden hat: Puyuhuapi. Dies soll hier nachgeholt werden.

Puyuhuapi ist ein verregnetes, aber irgendwie entspanntes Dörfchen am Ende eines Fjordes. Nirgendwo in Chile sieht der Pazifik wohl weniger nach Pazifik aus als hier, viele halten die Wasserzunge für einen der unzähligen Seen in der Gegend. Gegründet wurde der Ort in den Dreißigerjahren von Migranten aus dem Sudetenland, die später mit Arbeitern aus Chiloé eine Teppichmanufaktur errichteten (hier mehr zur Geschichte). Vor den windschiefen Holzhäuschen Puyuhuapis wachsen Hortensien und Rosen, die Regale in den kleinen Läden sind DDR-mäßig leer, irgendwo steht ein Kälbchen an einem Strick und lässt sich streicheln.

Man kann in Puyuhuapi sehr günstig zelten, mehrere Familien haben ihre Grundstücke mit Duschen, Spülbecken und großen Planendächern gegen den Regen ausgestattet. Lässt man sich hier nieder, kann man den Tag mit einem schönen Kontrastprogramm bestreiten: Morgens kriecht man aus dem feuchten Zelt und frühstückt spartanisch in einem Holzverschlag, wo in einem alten Ölfass ein Feuer flackert. Dann fährt man ein paar Kilometer am Fjord entlang und setzt zu den Termas de Puyuhuapi über, einem luxuriösen Thermalbad mitten im Urwald, wo Reisegruppen für ein paar Spa-Tage vom Katamaran abgeladen werden.

Voll sind die Termas aber selten, und die Gebühr für einen Tagesaufenthalt ist im Gegensatz zu den Übernachtungspreisen absolut vertretbar. Man planscht also in den wohltemperierten Innenbecken, macht ein bisschen Spinning und lässt sich massieren, oder man taucht in eines der 40-Grad-Außenbecken unter Farnen und mit Treppe zum Meer, am besten, wenn es gerade regnet. Abends putzt man sich dann wieder im Dunkeln die Zähne und kriecht ins Zelt.

Das Allergrößte, was man bei Puyuhuapi erleben kann, ist freilich der "Hängende Gletscher" im Queulat-Nationalpark, der von hier aus ebenfalls schnell zu erreichen ist. Nach einer etwas beschwerlichen Wanderung durch den Regenwald steht man ganz klein vor dieser Wand, von der immer wieder Eisbrocken in die Tiefe krachen. Die Stücke erscheinen aus der Ferne ganz klein. Erst der Donner, der anschließend das ganze Tal erfüllt, lässt den Betrachter die wahren Dimensionen erahnen.

Nachtrag: Auf den Reiseeseiten der Tercera ist auch gerade ein Text über den Parque Nacional Queulat erschienen - natürlich nur auf Spanisch.

Samstag, 28. März 2009

Die im Schatten, wir im Licht

Wir waren dabei. Als die ganze Welt am Samstagabend für eine Stunde die Lichter löschte, um ein Zeichen gegen Energieverschwendung und Klimawandel zu setzen, haben wir mitgelöscht. Nun, die ganze Welt war es vielleicht nicht. Auch in unserer Straße fiel das Kerzlein, das wir entzündeten, nicht weiter auf - gegenüber gab es Kinderdisco, und die Straßenbeleuchtung brannte auch weiter. Aber ein Zeichen war es schon, irgendwie.

Wir hätten es auch nicht unbedingt gutgeheißen, wenn unser Stromversorger auf die unwahrscheinliche Idee gekommen wäre, das gleißend helle Licht der Stra­ßen­la­ternen zu auf null zu dimmen. Das kommt ohnehin öfter vor als uns lieb ist, und hat mehr mit technischen Schwierigkeiten zu tun als mit Be­wusst­seinsarbeit.

Wir schätzen das Licht, weil es Sicherheit bedeutet. Unser Viertel, nicht arm, aber auch nicht reich, umgeben keine Zäune und Mauern - und die Mauern und Zäune, die seine einzelnen Häuser umgeben, sind meist lachhaft leicht zu überwinden. Die Türen und Fenster unseres Hauses ließen sich auch von einer ungeübten Person mit sanfter Gewalt anstelle eines Schlüssels öffnen. Weil Einbrüche in Puerto Montt keine Seltenheit sind, wir aber weder Zeit noch Geld noch Lust haben, uns mit Stacheldraht zu umgeben (wie einige wenige Nachbarn), freuen wir uns über das Licht, das so penetrant durch die Ritzen der Schlafzimmerrollos scheint: Zumindest "im Schutz der Dunkelheit" macht sich keiner an unserer Wohnstatt zu schaffen. Wenn nicht wieder mal der Strom ausfällt.

In Santiago ging derweil der "Gipfel fortschrittlicher Regierungschefs" zu Ende, ei­ne von Bill Clinton 1999 ins Leben gerufene Einrichtung mit zweifelhaftem Nutz­wert. Immerhin war US-Vizepräsident Joseph Biden da (neben Gordon Brown, Lula, Rodríguez Zapatero und anderen), und man speiste in der Moneda - bei Kerzenschein. Klimaschutz kann so schön sein.

Foto: Presidencia de Chile, José Manuel de la Maza

Freitag, 27. März 2009

Die Clinic der Anderen

Die an anderer Stelle bereits erwähnte Zeitschrift "The Clinic" besitzt in Chile so etwas wie das Monopol auf intelligenten Humor. Der ist meist makaber, nicht selten sexistisch - freilich in alle denkbaren Richtungen -, und übertritt auch schon mal die Grenze (nein, nicht die des guten Geschmacks, die wird aus Prinzip ignoriert), an der es aufhört, witzig zu sein, etwa wenn das körperliche Leiden eines Menschen für einen Kalauer herhalten muss. Aber das sind Einzelfälle, über die man hin­weg­sehen kann bzw. muss, denn alles andere hieße, einmal pro Woche auf meh­re­re Handvoll brutal guter Pointen zu verzichten.

Viele Werbekunden hat "The Clinic" nicht, aber wenn doch einmal jemand eine An­zei­ge schaltet, versucht er oft, diese dem ironischen Kontext anzupassen. So wie jetzt das Goethe-Institut. Über dessen Werbung für Sprachkurse, die einen blonden jungen Menschen mit Pelzmütze und Kopfhörer zeigt (wie sich junge Menschen heute eben so kleiden), hatte ich zuerst schnell hinweggeblättert. Ein Fragezeichen blieb aber doch: Warum El Idioma de los otros? Sind wir Deutschen für einen Chilenen "die Anderen", möglicherweise sogar "ganz Anderen", deren Sprache es zu erlernen gilt? Erst beim zweiten Nachdenken machte es Klick: Die Anzeige ist eine Parodie auf den oskargekrönten Stasi-Film "Das Leben der Anderen", der in Santiago relativ erfolgreich in den Programmkinos lief. Deshalb auch Kachelwand und Resopaltisch.

In Deutschland gäbe es für eine derartige Verharmlosung wahrscheinlich post­wen­dend eine geharnischte Beschwerde von Hubertus Knabe, der ja schon den Film selbst als Geschichtsklitterung verurteilte. Aber Deutschland ist weit weg, und "The Clinic" gibt es da auch nicht zu kaufen.