Freitag, 21. November 2008

Freue dich ...

... 's Christkind kommt bald: Auch im frühsommerlichen Puerto Montt schlagen sich vorausschauende Familien bereits jetzt ein Bäumchen fürs Fest.

Donnerstag, 20. November 2008

Die kleinen Roten

Fußball-WM in Chile! Die Welt blickt voller Begeisterung auf dieses lange, schmale Land, das zum zweiten Mal seit 1962 die Meisterschaft ausrichtet. Das Volk jubelt und strömt in die für umgerechnet rund 80 Millionen Euro renovierten Stadien von Chillán, Temuco, Coquimbo und La Florida ...

Ganz so groß ist die Begeisterung dann wohl doch nicht, leider. Ob die U-20-Weltmeisterschaft der Frauen jenseits der Anden Beachtung findet, ist von hier aus schwer zu beurteilen, im Lande selbst wird das Event eher dis­tan­ziert wahrgenommen. Eine Machosportart in einem Macholand, gespielt von jun­gen Damen - da überwiegt bei den männlichen Fußballfans immer noch das Be­frem­den, und weibliche gibt es so gut wie keine. Las rojitas se las traen lautete im Vorfeld der Werbeslogan des staatlichen Fernsehsenders TVN: Dass "die kleinen Roten es in sich haben" (la Roja ist der Kosename der - mänlichen - Nationalmannschaft, die in roten Trikots aufläuft) markiert ziemlich genau die Grenze zwischen Patriotismus und Süffisanz.

Immerhin, das Stadion von Coquimbo war voll, als das eigene Nationalteam gegen England antrat und prompt 0:2 verlor. Zu wünschen wäre den chilenischen Spielerinnen freilich mehr Erfolg, allein schon, um ein paar Vorurteile für immer ins Seitenaus zu befördern. Aber dass heute eine Frauen-WM in Chile ausgetragen wird, wäre noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Die Nación zitiert Bernardita Sotomayor, eine Fußballlehrerin in Santiago, die ihre Freude am Ball noch nicht so lange ausleben kann: "Mich hat Fußball von kleinauf begeistert, aber man wurde als Frau in dieser Sportart diskriminiert. Das, was dem Fußball am nächsten kam und noch gesellschaftlich akzeptiert wurde, war Rasenhockey. Also habe ich jahrelang Rasenhockey gespielt."

Heute gibt es eine Frauenfußballliga in Chile, in der bereits 32 Teams spielen. Auch die Sponsoren kommen langsam auf den Trichter. Und eines können die jungen Fußballfrauen jetzt schon genauso gut wie ihre männlichen Kollegen: falsch singen.


Dienstag, 18. November 2008

Ganz schön viel Holz

Die grauen Tage sind vorbei. Kurz vor dem meteorologischen Sommeranfang steht die Sonne schweißbrennerhell am Himmel, weiße Wäsche hängt man besser mit Sonnenbrille auf. Durch die Nähe zur Küste bleibt die Luft aber eher kühl, ein Phänomen, das sich beim Fahren eines Autos ohne Klimaanlage rächt. Fenster zu: Man brät. Fenster auf: Man friert. Aber es gibt Schlimmeres.

Den Treibhauseffekt zum Beispiel. Dass wir mit unseren Langstreckenflügen ein nettes Quäntchen Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen, war mir schon klar. Unschön wird es, wenn man sich das Ausmaß seines klimaschädigenden Verhaltens anhand eines Rechenexempels verdeutlichen lässt. So in etwa:

Einmal Puerto Montt und zurück macht Pi mal Daumen 30.000 Flugkilometer. Mal vier gleich 120.000. Legt man einen Kerosinverbrauch von 5 Litern pro Fluggast und 100 Kilometer zugrunde, kommen wir auf 6.000 Liter Treibstoff. Glaubt man nun dem Umweltrechner des Projekts "Fair Chile", macht das einen CO2-Aus­stoß von knapp 19 Tonnen, eine Menge, die wieder zu binden es der Pflanzung von, nun ja, 3.150 Bäumen bedürfte. Sagt jedenfalls Fair Chile und rechnet weiter: Rund 60 Eurocent kostet ein einheimisches Bäumchen in Chile - wollte man also alles richtig machen und eine dem verursachten Umweltschaden angemessene Aufforstung gegenfinanzieren, müsste man 1.890 Euro zahlen. Zusätzlich zum Flug.

Die von Österreichern gegründete Stiftung Trekkingchile, die das Fair-Chile-Projekt durchführt, nimmt auch gerne entsprechende Spenden an, um sie, nach eigenen Angaben, in soziale und ökologische Projekte zu investieren. Etwa in die Wiederaufforstung in der Región del Maule. 3.000 Bäumchen aus lokalen Baumschulen sollen in einer ersten Etappe bereits gepflanzt worden sein. Vier Leute haben also schon gespendet.


Freitag, 14. November 2008

Pancho

Tanztheater in Santiago, die Compañía de Papel, eine freie Truppe, gibt Pies pa' volar. Was die zwölf Tänzer im Lichthof der Universidad de Chile aufführen, ist vielleicht nicht, wie man es in Berlin erwarten würde, doppelt und dreifach dekonstruiert, aber phantasievoll, handwerklich gut gemacht und schön choreografiert. Getanzt wird mit Tischen und Stühlen, leeren Ballkleidern, bäuchlings auf dem Boden, zwischendurch passiert irgendetwas mit den Frauen, die sich wie vor Schmerzen winden. Nach Ende der Vorstellung erfahren wir, dass die "Füße zum Fliegen" das Leben von Frida Kahlo versinnbildlichen. Hätte man sich eigentlich denken können.



Wir waren aber auch wegen Pancho da. S. hat Pancho seit fast zehn Jahren nicht gesehen, ich habe ihn schon vor ein paar Monaten kurz wiedergetroffen. Pancho ist Ende zwanzig und tanzt erst seit ein paar Jahren. Dafür aber ziemlich gut. S. hat ihn 1998 kennen gelernt, als sie am Rand von Santiago einen Theaterworkshop leitete. Als sie nach Deutschland zurückmusste, sagte sie zu Pancho, er könne uns gerne mal besuchen kommen. Das tat er dann auch - und blieb volle drei Monate. Wir hatten damals eine Zwei-Zimmer-Wohnung und in einem der beiden Zimmer saß Pancho meist nachmittags und lernte Deutschvokabeln für seinen Kurs an der Volkshochschule Neukölln. Bemerkenswerterweise lernte er richtig viel in der kurzen Zeit. Wir unternahmen ein paar schöne Ausflüge zusammen, dann flog er nach Chile und meldete sich nicht mehr.

Vor unserer diesjährigen Reise stellten wir den Kontakt wieder her, Google sei Dank. Pancho hat uns jetzt erzählt, wie es ihm so ergangen ist nach seinem Deutschlandaufenthalt. Es ist ihm nämlich zuerst gar nicht gut ergangen: "Ich habe damals in Berlin eine völlig andere Welt kennen gelernt, die mit meiner kleinen Welt so gar nichts zu tun hatte. Das hat mich total aus der Bahn geworfen." Pancho, der damals bereits angefangen hatte, Philosophie und Pädagogik zu studieren, kam an der Uni auf keinen grünen Zweig, nahm Drogen - "alles durcheinander" - und dachte viel ans Sterben. Dann fing er an, Theater zu spielen, dann zu tanzen. Dann hatte er sein Coming-out. Und schließlich machte er, quasi nebenbei, auch noch seinen Abschluss an der Uni. Heute geht es ihm richtig gut, sagt er, und man glaubt es ihm sofort. Deutsch kann er auch noch.

Das ist doch mal eine schöne Geschichte.