Frank Zappa and the Mothers Were at the best place around But some stupid with a flare gun Burned the place to the ground
Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich eine Band, deren bis heute populärster Song erschien, als ich drei war, noch live zu Gesicht bekomme - sechsunddreißig Jahre später und immerhin in Drei-Fünftel-Originalbesetzung. Deep-Purple-Sänger Ian Gillan war aber auch ziemlich hinfällig und musste ständig nebens Mikro husten. Zudem verschwand er alle paar Minuten hinter die Bühne, um sich dort irgendwelche illegalen Substanzen, vielleicht aber auch nur einen Stoß Asthmaspray zu verpassen. Die restlichen Musiker rissen's raus, mit richtig gut abgerocktem Rock, ebenso kreischenden wie virtuosen Soli und extrem routiniertem Timing. Aber das darf man nach vierzig Jahren Bandgeschichte ja auch erwarten.
Natürlich hätte ich in den vergangenen 20 Jahren in beliebig viele Deep-Purple-Konzerte gehen können, wenn ich gewollt hätte - hatte ich aber nicht. So gesehen hat es auch Vorteile, eine Zeitlang in der kulturellen Diaspora zu leben: Es wird wenig geboten, aber das nimmt man eben mit.
Was für ein Publikum geht eigentlich in Deutschland auf solche Konzerte? In Puerto Montt waren viele so jung, dass die Band schon bei ihrer Geburt Legende war. Dennoch gingen sie bedingungslos mit und zelebrierten euphorisch das klassische Rockkonzert-Repertoire: mitsingen, hüpfen, Köpfe schütteln, Arme schwenken, Pommesgabel machen, Feuerzeug anzünden. Deswegen merkte man auch nicht so doll, dass Puerto Montts neue Multifunktions-Arena namens "Arena" gerade einmal halb voll geworden war. Preise ab 25 Euro aufwärts sind in Chile eben schon hart an der Grenze des Zumutbaren.
Besonders drollig: ein Konzertbesucher neben mir, der versuchte, gleichzeitig mit seiner per Stativ in die Luft gestreckten Digitalkamera zu filmen, zu tanzen und Bier zu trinken. Dieser Youtube-Film stammt wahrscheinlich von ihm:
Um zu verstehen, dass Chile ein sehr musikalisches Land ist, muss man nicht auf das Festival Internacional de la Canción hinweisen, das gerade - wie immer Ende Februar - in der Schicki-Micki-Stadt Viña del Mar zelebriert wird. Es schadet aber auch nicht. Zwar feiert sich hier eine ganze Woche lang die Fernseh- und sonstige Prominenz mit viel Trara, aber Musik gemacht wird auch. Welchen Stellenwert das Festival - oder einfach Viña - für die Chilenen hat, ist Außenstehenden nicht leicht zu vermitteln, insbesondere Deutschen, die mit Musikfestivals nur den öden und blutleeren Grand Prix d'Eurovision verbinden. Viña ist Grand Prix plus Grammy Award plus Last Night of the Proms plus Bayreuth, natürlich auf chilenisch und ohne klassische Musik, aber mit Promi-Auftrieb und Mainstream-Künstlern, die trotzdem rocken. Dieses Jahr, zum 50. Jubiläum, treten unter anderem Joan Manuel Serrat, Juanes, Carlos Santana und Marc Anthony auf.
Viña gibt den Chilenen das ganze Jahr Gesprächstoff, angefangen von der Auswahl des Moderatoren-Duos. Männlein und Weiblein müssen es sein, möglichst glamourös - und der Proporz der das Event ausrichtenden Fernsehkanäle muss auch gewahrt bleiben. Im Jahr 2006 gingen Canal 13, der private Kanal der Universidad Católica, und der staatliche Sender Televisión Nacional (TVN) eine "strategische Allianz" ein, bei der beide das Festival übertragen, was satte Einschaltquoten garantiert. Felipe Camiroaga (TVN) und Soledad Onetto (Canal 13) sind dieses Jahr das mediale Traumpaar, und das Publikum wird jeden ihrer Versprecher registrieren sowie jeden verliebten Blick, obwohl Onetto verheiratet ist und Camiroaga mutmaßlich schwul, eine Unterstellung, die er - natürlich - juristisch verfolgen lässt. A propos Publikum: Das Publikum von Viña ist wahrscheinlich das weltweit einzige, welches quasi personifiziert einen eigenen Namen erhält: el monstruo. Monster deshalb, weil es zu den Gepflogenheiten des Festivals gehört, dass schlechte Darbietungen ebenso niedergepfiffen werden wie Moderatoren, die eine gute Darbietung abzumoderieren versuchen.
Hier in Puerto Montt herrscht zurzeit noch mehr Aufregung, denn eine "lebende Legende", so die lokale Presse, spielt heute Abend auf: Deep Purple. Weil die britischen Uraltrocker zum allerersten Mal in der Stadt sind und wohl auch nicht ein zweites Mal kommen werden, verfolgt man sie auf Schritt und Tritt, versucht ihnen Statements, gemeinsame Fotos oder zumindest Autogramme abzulocken. Nachher werden fünftausend puertomontinos die Köpfe zu den Riffs von Child in Time und Smoke on the Water schwenken, denn wie Gitarrist Steve Morse schon bei der Ankunft am Flughafen sagte: "Die Leute hier lieben die Musik und gute Energie. Und wir haben beides."
Auf dem Weg zum Lago Ranco, hundertfünfzig Kilometer nördlich von Puerto Montt, kommt man nach Puerto Lapi. Von einem Hafen ist an dieser Stelle nichts zu sehen, es handelt sich um den Ausfluss des Río Bueno aus dem großen See, ein hundert Meter breiter Streifen Wasser zwischen Bäumen, türkisblau und transparent. Für den Bau einer Brücke hat es hier nicht gereicht, auf der Schotterstraße sind nur wenige Autos unterwegs. Eine orangerote Fähre liegt am Ufer, sie bietet Platz für zwei, vielleicht drei Fahrzeuge. Der Fährmann, nein die Fährmänner, zwei an der Zahl, winken uns auf ihr Boot, kurbeln die kleine Rampe hoch und setzen das Gefährt langsam in Bewegung, indem sie mit Haken an einem über den Fluss gespannten Seil ziehen. Die Überfahrt dauert ungefähr fünf Minuten.
Was er dafür bekommt? "Einen freiwilligen Beitrag", sagt einer der beiden, während er am anderen Ufer die Rampe zur Ausfahrt herunterkurbelt. Ob sich das lohnt? Unweigerlich drängt sich an dieser Stelle die Böll'sche Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral ins Bewusstsein, jener kurze Text, dem man zumindest in unserer Schulzeit kaum entgehen konnte und der erzählt, wie ein Tourist einen im Hafen dösenden Fischer vergeblich vom Wert der Anstrengung zu überzeugen versucht. Ein Text, der immer auch ein bisschen nervte, weil er letztlich Armut verkitscht.
Aber hier erwischt man sich selbst beim Sinnieren, ob es für diese Fähre nicht effizientere Antriebsformen gäbe, die zumindest die Arbeitskraft eines zweiten Mannes überflüssig machten. Der könnte sich dann anderen Tätigkeiten zuwenden, zum Beispiel - ach, Unsinn: Zumindest an diesem heißen Sommertag könnten die beiden kaum weniger entfremdet sein von ihrer Tätigkeit. Statt eines ratternden Motors hört man nur leises Gluckern und das Geschrei badender Kinder. Nach geleisteter Beförderung springen die beiden ins Wasser, um sich abzukühlen. Vor Abfahrt hatten sie das übrigens auch schon getan, so muss der Körper erst gar nicht schwitzen. Und ganz wie bei Böll verlässt man die Szene weniger mit Mitleid als mit ein wenig Neid.
Der Weg schlängelt sich zwischen niedrigen Hügeln hindurch, die wenig von der Nähe der Kordillere künden, und fällt dann steiler ab, um schließlich ins Dorf zu münden. San Martín ist trist und hässlich, aber von großartigen, dicht bewaldeten Hängen eingerahmt. Es blickt auf die lange, schmale Wasserzunge des Lago Lácar mit seinem tiefen Blau und dem Hellgrün der Ufer. An dem Tag, an dem er für den Tourismus "entdeckt" wurde, hat der Ort über alle Widrigkeiten des Klimas und der Abgeschiedenheit triumphiert.
Zitat Ende. Denn selbiges schrieb Ernesto Guevara, der "Che", im Januar 1952 in jenes Tagebuch, das vor ein paar Jahren mit einigem Erfolg und dem großartigen Gael García Bernal in der Hauptrolle unter dem Titel Diarios de Motocicleta verfilmt wurde. Heute stimmt diese Beschreibung nicht mehr, jedenfalls nicht jener Teil, der sich auf den Ort San Martín bezieht. San Martín de los Andes am östlichen Ende des langgestreckten Lago Lácar hat sich in den seither vergangenen fünfzig Jahren zu einem 20.000-Einwohner-Städtchen gemausert, das vom Tourismus Besserbetuchter lebt, und zwar nicht schlecht.
Im Grunde genommen ist San Martín so, wie unser chilenischer Nachbarort Puerto Varas gerne wäre: klein und fein, grün und ruhig, hochwertige Läden in rustikaler Outdoor-Architektur, Seepromenade mit bunten Bötchen, ein exquisites Skigebiet um die Ecke. Für Naturliebhaber mit Anspruch ein Muss.
Den einzigen Kontrapunkt in diesem geleckten Ensemble bildet ausgerechnet das Che Guevara gewidmete Museum, welches die Gewerkschaft der argentinischen Staatsangestellten ATE vergangenes Jahr eröffnet hat. La Pastera heißt es, der "Heuboden", denn es handelt sich um exakt jene Scheune, in der Ernesto und sein Freund Alberto Granado Ende Januar 1952 ein paarmal nächtigten, bevor sie die Weiterreise gen Chile antraten. Der Nachtwächter, der die Einrichtungen der damals im Aufbau befindlichen Nationalparkverwaltung kontrollierte, ließ die beiden Frierenden ein und verwöhnte sie mit Rotwein und Anekdoten.
Sicherlich ist das mit Multimedia-Elementen angereicherte kleine Museum wenig mehr als eine Hommage an den bekanntesten Argentinier der Welt, der sich selbst, das räumt die Frau, die uns durch die Ausstellung führt, ein, am Ende eher als Kubaner verstand. Aber es verleiht San Martín historischen Mehrwert, auch im Sinne des Denkmalschutzes: Ohne den Einsatz der ATE wären die pastera und ein paar andere Wirtschaftsgebäude des Nationalparks längst abgerissen worden. Jetzt, sorgfältig renoviert, dokumentieren sie die Anfangszeit der jungen Stadt. Che sei Dank.