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Chiles Energieminister Marcelo Tokman hat die neue Kampagne Gracias por tu energía vorgestellt, die das alte Ahorra Ahora ablöst. Der nachdrückliche Aufruf zum Energiesparen vor fünf Monaten sollte angesichts der anhaltenden Trockenheit, ausbleibender Gaslieferungen und anderer Misslichkeiten Schlimmeres verhindern. Hat er auch, so Tokman: Im Zeitraum März-Juni des laufenden Jahres verbrauchten die privaten und öffentlichen Nutzer des zentralchilenischen Verbundnetzes 4,2 Prozent weniger Strom als im Vorjahreszeitraum. Hinzu kommt, dass die winterlichen Regenfälle den Pegel der Stauseen auf ein akzeptables Niveau angehoben haben - die Generatoren der Wasserkraftwerke können sich also weiter auf Hochtouren drehen.Die Kampagne unter dem Motto "Danke für deine Energie" soll nun das positive Szenario nutzen, um die neu antrainierte Sparsamkeit der Chilenen in Sachen Energieträger zu verfestigen. Dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich fürs Gemeinwohl zu zweit unter die Dusche stellen (und nicht, weil es billiger ist oder einfach mehr Spaß macht), muss als unwahrscheinlich gelten, aber so ernst sollte man das Ganze ohnehin nicht nehmen:"Unser Dank an die, die gemeinsam duschen und auch den letzten Tropfen nutzen.Unser Dank an die, die Löffelchen machen und sich an ihrem Partner wärmen.Unser Dank an die, die es lieber im Dunkeln tun und sich mit einem Kuss entzünden.Unser Dank an alle, die Strom, Gas und Wasser sparen - machen wir weiter so!"
Wie billig das Leben in Chile für uns Europäer tatsächlich ist, diese Frage ist nicht restlos geklärt. Es kommt auf das gesellschaftliche Umfeld an, in dem man sich niederlässt, auf die spezifischen Bedürfnisse in Sachen Wohnen, Ernährung, Mobilität, Kommunikation und Kultur. Wer kein Problem damit hat, auf der 1000-Kilometer-Fahrt in die Hauptstadt im Reisebus zu übernachten, lebt preiswert, wer fliegen muss, nicht so sehr. Wer täglich lecker Weißbrot isst, zahlt fürs Kilo keinen Euro, das exquisite Vollkornprodukt ist nicht so billig zu haben. Mitunter nimmt man auch neue Konsummuster an, weil die Verhältnisse eben nicht so sind: Ein Auto kompensiert den lückenhaften öffentlichen Verkehr, ein Haus mit Garten den Mangel an Grünanlagen usw. Das kostet.Trotzdem ist fast alles billiger als in Deutschland - mit Ausnahme von Büchern. Gedrucktes ist in Chile ein ziemlich teurer Spaß, obwohl das Lesen in der Theorie einen hohen Stellenwert genießt: In Santiago werden Werke der Weltliteratur als Raubkopie auf dem Bürgersteig verkauft, und die Metro unterhält für ihre Fahrgäste eine eigene Leihbibliothek mit mehren Filialen. Seit Jahr und Tag wird gefordert, Bücher von der 19-prozentigen Mehrwertsteuer zu befreien. Dass der Lesestoff so viel kostet, erklären manche damit, dass der chilenische Markt zu klein ist - zumindest was die Werke einheimischer, im Ausland unbekannter Autoren betrifft, könnte das ein Grund sein. Wie die Verlage ihre hochpreisigen Produkte doch noch an den Mann zu bringen versuchen, konnten wir jüngst erleben.Als wir die Einladung zu einer Buchpräsentation in einem der besseren Hotels der Stadt erhielten, waren wir ein wenig erstaunt: J., so hieß es, habe an einem Buch mitgeschrieben, das wir uns - absolutamente gratuito - unter Vorlage der Einladung abholen könnten. Auf der Karte prangte das Logo des chilenischen Bildungsministeriums. Dass J. mit seinen vier Jahren ein Doppelleben als Autor führte, konnten wir uns nicht vorstellen, aber die Neugier war geweckt. Im "Diego de Almagro" wurden wir von einer jungen, dunkel gekleideten Dame willkommen geheißen und in einen Konferenzraum gebeten, wo an mehreren Tischen Familien saßen und anderen jungen, dunkel gekleideten Damen lauschten."Wenn Sie möchten, werde ich Ihnen die Geschichte vorlesen, die Ihr Sohn geschrieben hat", sagte die junge Dame und zeigte auf ein Paperback mit dem Titel Escuchemos al Futuro*. Es handelte sich um Band 58 einer Reihe, die im Rahmen der ministeriellen "Kampagne zur Förderung und Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur in Chile" auf vielen tausend Seiten Geschichten chilenischer Grundschüler publiziert. Aller Grundschüler, um genau zu sein (außer B., wie dieser konsterniert feststellen musste). Natürlich hatte J. die Geschichte mit dem Titel "Der dickköpfige kleine Wolf" nicht selbst verfasst, vielmehr firmierten alle Kinder seiner Vorschulgruppe als Verfasser des Textes, den uns die junge Dame nun mit großem Ernst vorlas. Sie handelte von einem Wolf namens Juanito, der entgegen dem Rat seiner Mutter Gras gefressen hatte, Bauchschmerzen bekam und zum Doktor musste."Bitteschön, dein erstes eigenes Buch", lächelte die junge Dame und schob J., der sie verständnislos ansah, den Band über den Tisch. "Wir vom Verlag Océano", fuhr sie an uns gerichtet fort, "würden gerne die Gelegenheit nutzen, Ihnen ein interessantes Angebot zu unterbreiten. Haben Sie noch ein bisschen Zeit?" Da lag also der Hase im Pfeffer: eine Art Public Private Partnership. Der Verlag druckt den Kinderkram gratis fürs Ministerium und darf im Gegenzug Werbung in eigener Sache machen. Aber gut, wir wollten keine Spielverderber sein.Die junge Dame präsentierte uns das hier. Und das. Und das und das. "Normalerweise kosten diese Bücher zusammen rund 430.000 Pesos", sagte die junge Dame, "aber heute haben Sie die einmalige Gelegenheit, alle für 385.000 Pesos zu erwerben. Und das Beste: Sie bekommen ein Kinderfahrrad als Geschenk dazu." Das war der Köder, B. schluckte ihn sofort. Das in der Mitte des Raums aufgestellte Fahrrad war ihm gleich aufgefallen. Sein eigenes hatte er in Deutschland zurücklassen müssen. Allzu übel sah diese hier nicht aus, aber wir mussten doch noch einmal nach dem Preis fragen. 385.000? Das sind, Moment ... 480 Euro. Vierhundertachtzig Euro. Für acht Bücher in sehr bescheidener Druckqualität. Wir versprachen, das Angebot zu überdenken und suchten das Weite.Jetzt schulden wir B. ein Fahrrad.* frei: "Lasst uns der Zukunft lauschen"
Tuerto heißt "einäugig", ein schönes Wort für einen weniger schönen Sachverhalt. Schön allein deshalb, weil sich das Spanische die Mühe macht, eine eigene Vokabel dort bereitzustellen, wo das deutsche Attribut lediglich aus einer quasi technischen Beschreibung besteht. Egal: Tuerto ist in diesem Fall unser Auto, denn vorne rechts leuchtet nur ein müdes Standlicht, und eine frische Glühlampe brennt innerhalb von Minuten durch. Ein Kurzschluss, irgendwo. Abhilfe zu schaffen ist komplizierter, als es scheinen könnte: Die Mechaniker von Puerto Montts größter Werkstatt, in deren Hände wir den Schlüssel unseres Chevrolets mittlerweile vertrauensvoll legen, zucken hilflos mit den Schultern. Keiner von ihnen hat Kfz-Elektriker gelernt, und mal im Vertrauen, sagt der Chef, ich kenne keinen Meister in Puerto Montt, der so was macht.Es ist natürlich ein mittelschwerer Skandal, dass man in einer 200.000-Einwohner-Stadt seinen Scheinwerfer selbst reparieren soll, aber so betrachtet nimmt es nicht Wunder, dass hier derart viele Fahrzeuge halb blind unterwegs sind. Die sonst wenig tolerante Polizei scheint es auch nicht zu stören, vermutlich ist ihr der Missstand bekannt.Überhaupt, das Autofahren. Erst einmal wirkt das Geschehen auf den Straßen der chilenischen Provinz außerordentlich geordnet. Es gibt wiedererkennbare Verkehrsschilder sowie Schlaglöcher in überschaubarer Zahl, die Ampelanlagen funktionieren und - anderswo auf dem Kontinent undenkbar - die Fahrer bleiben im Gegensatz zu den Fußgängern tatsächlich bei Rot stehen.Hat man als Zugezogener aber Vertrauen geschöpft und die anfängliche Vorsicht abgestreift, stößt man allenthalben an seine Grenzen: Fahrspuren, denen man kilometerweit durch die Stadt gefolgt ist, enden ohne Vorwarnung auf einer Verkehrsinsel oder verschmelzen irgendwie mit einer zweiten. Fußgänger laufen unvermittelt über einen der vielen Zebrastreifen, die hier selbst Durchgangsstraßen kreuzen. Ein vermeintlicher Schleichweg entpuppt sich plötzlich als Einbahnstraße, die man in der falschen Richtung befährt (ein Schild gibt es nicht, aber die Einheimischen wissen es ja), und mit einem Mal lernt man den Wert reflektierender Farbe zu schätzen, mit der in Deutschland die Streifen auf die Fahrbahn gemalt werden. Hier sind diese Streifen bei Dunkelheit und Regenwetter: weg. Erstaunlich also, dass so wenig zerbeulte Karosserien unterwegs sind, ja dass es nicht ständig von allen Seiten knallt und scheppert. Das liegt am Fahrstil, den hier die meisten pflegen, und den man sich tunlichst anzugewöhnen hat: sehr defensiv, sehr betulich, erstaunlich entspannt. Natürlich ist hin und wieder irgendein Idiot unterwegs, aber die Kampfstimmung, die auf Berliner Straßen herrscht, das Aggressive, Rechthaberische, das Hupen hinter einem, wenn die Ampel vor Millisekunden auf Grün gesprungen ist, das Drohen und Drängeln sind hier kaum bekannt. Und das ist, man kann es nicht anders sagen, sehr gut so.Natürlich geht es im chilenischen Verkehr trotzdem nicht ohne Unfälle ab. Wir wollten deshalb unlängst ein "Sicherheitspack" erwerben, das bei Líder im schicken Filz-Etui angeboten wird. Abstand vom Kauf nahmen wir, als wir bei mehreren Stichproben den Inhalt der Verbandskästen begutachtet hatten, die zusammen mit winzigen Feuerlöschern und Warndreiecken in der Tasche stecken. Die Plastikschachteln, die offensichtlich noch als Hüllen für VHS-Kassetten hergestellt wurden, enthalten: zwei Ohrenstäbchen, zwei Wundpflaster, zwei Kopfschmerztabletten und einen Wattebausch. So geht's dann auch wieder nicht.