Montag, 18. August 2008

DDR

Immer mal wieder stolpert man unverhofft über die totgeglaubte DDR - sei es beim Studieren von Laptop-Spezifikationen, sei es am Frühstückstisch in Chile:

Auf der Haferflockenpackung bedeutet "DDR" übrigens Dosis Diaria Recomendada, also die "empfohlene Tagesdosis" von Kalorien, Fetten und Ballaststoffen.

Sonntag, 17. August 2008

Bariloche

Wir waren nebenan, in Argentinien. Dem katholischen Feiertagskalender hatten wir ein verlängertes Wochenende zu verdanken, das wir in San Carlos de Bariloche verbrachten, bzw. auf dem Hin- und Rückweg, der nicht allzu weit ausfällt, aber oben auf dem Andenpass tief verschneit und entsprechend unwegsam ist: Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einem Auto Schneeketten angelegt.

Bariloche ist genau, wie es sich die Chilenen vorstellen, die noch nicht dort waren, und wie die, die dort waren, zu berichten wissen: reich und schön. Schön vielleicht nicht der Ort selbst, mit seiner pseudo-schweizerischen Architektur, aber fraglos die Umgebung: die im Winter tief verschneite Ostseite der Kordillere, Tannenwälder, monumentale Felsen, blaue Seen mit weißen Gischttupfern auf den Wellenkämmen. Das Wintersportgebiet Cerro Catedral mit seinen rund 40 Sesselliften und Kabinenbahnen, unzähligen Pisten und Panoramablick auf den Nahuel-Hapi-See ist auch für Nicht-Skifahrer schlicht überwältigend.

Armut sieht man in Bariloche nicht, dafür viele, sehr viele wohlhabende Touristen aus Buenos Aires, aus Chile, aus Brasilien. Auf der Geschäftsstraße Bartolomé Mitre reiht sich Boutique an Boutique und Pub und Club, und dazwischen locken die Chocolaterías, wo die Produktion von Bariloches Schokoladenindustrie angeboten wird. Es ist der zweitwichtigste lokale Wirtschaftszweig nach dem Tourismus, für den die Stadt vor hundert Jahren in diese Postkartenlandschaft gesetzt wurde.

Auch als Wahlchilene fühlt man sich wohl in Bariloche: Die Menschen sind selbstbewusster hier, aber dennoch freundlich, die Luft ist kalt und wunderbar trocken, und weil Argentinien billiges Erdgas fördert, heizt niemand mit feuchtem Brennholz. Gut sind nicht nur Ski und Rodel, sondern auch Pizza und Pasta. Unbeantwortet bleibt vor allem eine Frage: Warum fahren so viele Argentinier Autos mit dem Baujahr 70+x? Staubige, verbeulte R4s, Fiats, Peugeots und Enten rumpeln über die Straßen. Nicht ganz so rätselhaft ist ein Volksvergnügen der Barilocher, dem wir uns spontan anschlossen: An windigen Tagen (und das sind die meisten) stellt man sich mit seinem Pkw an den See, in der Nähe des Schiffsanlegers. Dann wartet man, bis sich die Wellen an der Uferkante brechen und Waschanlage spielen. Das fetzt.

Mittwoch, 13. August 2008

Extrem feucht

Der Winter nimmt kein Ende. Nieselregen, Sprühregen, Platzregen, Eisregen, nichts bleibt uns erspart. Es regnet Bindfäden, Hunde, Katzen, Frösche und Kröten, es schüttet aus Eimern, Kübeln, Fässern. Dass zwischendurch immer wieder die liebe Sonne scheint und hundert Regenbögen blühen lässt, ist ein schwacher Trost, wenn es um unsere Wäsche geht: die zu trocknen, bleibt ein aufwändiges Unterfangen.

Einen Wäschetrockner wollten wir uns nicht anschaffen, da schlug unser grünes Herz zu laut in der Brust. Und der Strom wird einem ja auch nicht geschenkt in Chile. Also geht der Weg zu frischer Wäsche so: Sobald es draußen aufklart, wird die Waschmaschine angeworfen. Oft reicht es, noch einmal das Spülprogramm einzustellen - dann nämlich, wenn die Wäsche bereits mehrmals durchgewaschen ist, aber immer kurz vor dem letzten Schleudern wieder die ersten Tropfen ans Fenster klatschten. Im Garten hinterm Haus wird der Inhalt der Maschine in den Wind gehängt, der hoffentlich auch noch weht. Dann heißt es, den Himmel nicht aus dem Auge zu verlieren.

Für die ökologischsten Spülgänge sorgt die Natur selbst.

Kündigt sich die nächste Niederschlagsphase an, wird die halbtrockene Wäsche hektisch eingesammelt und ins Haus gebracht. Hier darf sie in unserem zweiten ebenerdigen Raum hängen, der im Gegensatz zum Wohnzimmer nicht über einen Ofen verfügt und aufgrund der Vorliebe warmer Luft, in obere Stockwerke aufzusteigen, praktisch unheizbar ist. Im familieninternen Jargon heißt er nur "das Eiszimmer". Hier verlangsamt sich der Trocknungsprozess dramatisch, wird aber immerhin nicht ins Gegenteil verkehrt.

Kein Wäschetrockner der Welt schafft eine derart behagliche Stimmung in der Wohnung.

Am Ende der Kette steht der triumphale Einzug der Wäsche ins Wohnzimmer, wo sie auf einem mobilen Ständer oder über Stuhllehnen in der Nähe der zentralen Wärmequelle platziert wird. Besuch kann man unter diesen Umstände nicht mehr empfangen. Ungeduldig, wie ich bisweilen bin, habe ich freilich eine Technik entwickelt, die das Prozedere noch beschleunigt: "vertikales Trockenbügeln" wäre ein angemessener Begriff dafür. Es besteht darin, alle Wäschestücke nacheinander mit einer ausgefeilten Methode an bzw. um das heiße Ofenrohr zu halten, bis die Restfeuchtigkeit entwichen ist. Kragen, links, rechts, unten, Ärmel, Ärmel. Linkes Hosenbein, rechtes Hosenbein. Diese Tätigkeit hat etwas Beruhigendes, beinahe Meditatives. Brennt der Ofen mit Höchstleistung und enthält die Wäsche noch viel Wasser, ist manchmal ein leichtes Zischen zu hören. Vorsicht mit Wolle: der Geruch der angesengten Fasern ist schwer zu ertragen.

So geht das, Woche für Woche. Wir klagen nicht. Wichtig ist es, die Feuchtigkeit im Haus durch kontrollierten Durchzug wieder zu senken. Das geht natürlich nur, wenn die Luft draußen nicht auch schon wieder voller Wasser steht. Als zweckdienlich hat sich erwiesen, den Tau, der sich an den dünnen Einfachfenstern niederschlägt, regelmäßig abzuwischen, so dass erneut Kondensation an den kalten Scheiben stattfinden kann. Wo Bücher oder andere empfindliche Objekte im Haus geschützt werden müssen, hat sich die Bola Seca bewährt (s. Abb.). Weil es manchmal Lieferengpässe gibt, sind die Nachfüllpacks im Supermarkt oft schon Stunden nach Bestückung der Regale abverkauft.

Mit Zusatznutzen, weil: Beugt da Vermehrung von Milben.

Dienstag, 12. August 2008

Urbanalisierung

Puerto Montt ist nicht eben reich an historischen Gebäuden, ich hatte es an anderer Stelle erwähnt. Und auch das wenige, was an alter Bausubstanz noch vorhanden ist, droht in den kommenden Jahren zu verschwinden.

Manchmal stolpert man zwischen Betonquadern und Wellblechzäunen ganz unverhofft über irgendein Wohnhaus mit jahrzehntealter Patina. Nicht dass es das Zeug für einen Reiseführereintrag hätte, aber es erzählt eine Geschichte - selbst wenn man nicht erfährt, welche. Steht es an exponierter Stelle, sind seine Überlebenschancen schlecht: Seit mehreren Jahren erlebt die Stadt einen regelrechten Bauboom, Immobilienfirmen aus Santiago ziehen innerhalb weniger Monate 15- bis 20-geschossige Wohn- und Geschäftstürme hoch, die Grundstückspreise sollen nirgendwo außerhalb der Hauptstadt so hoch sein wie im Zentrum von Puerto Montt.

Sicher, es gibt den Plan Regulador, einen kürzlich novellierten Masterplan für die schnell wachsende Stadt, aber grundsätzlich hat die Politik wenig in der Hand, um zu verhindern, dass achtzigjährige Veteranen mit Satteldach und Holzfassade Gebäuden weichen, deren Dimensionen die umgebenden Viertel sprengen und deren wahre Schönheit nur erkennt, wer eines der exklusiven Apartments sein eigen nennt und von hoch oben den unverstellten Blick über die Bucht genießt. Vielleicht fehlt auch der Wille.

Urbanalización nennt man in Spanien die fortschreitende Standardisierung der Innenstädte, schrieb vor kurzem ein Kolumnist der Tercera. Längst habe die Urbanalisierung auch Chile erreicht: "Die Spuren der deutschen, britischen, französischen Einwanderer, die koloniale Vergangenheit verschwinden hinter riesigen Leuchtreklamen oder werden gleich demoliert. Ob man heute durch die Innenstädte von Iquique, Talca, Valdivia, Castro oder Antofagasta läuft, es macht kaum einen Unterschied. Überall die gleichen Schilder und Schaufenster wie in Santiago, überall dieselbe Ästhetik, die irgendein Designer in Ohio geschaffen hat."


Auf diesem Bild ist eines der ältesten Gebäude von Puerto Montt zu erkennen, keine Schönheit, aber mit dem Erbauungsjahr 1891 für hiesige Verhältnisse ein Methusalem. Bis vor kurzem beherbergte es eine Sprachenschule, ein studentisches Café und eine traditionsreiche Billardkneipe. Alle drei sind ausgezogen, demnächst wird abgerissen. Das Hochhaus, das an dieser Ecke entsteht (so wird es aussehen), beherbergt dann den regionalen Sitz der chilenischen Baukammer.