Donnerstag, 27. November 2008

Sie wollen Geld


Tu Gutes und rede darüber? Tu Gutes und mach daraus eine gigantische Show! Dieses Wochenende ist Teletón in Chile.


Seit Wochen ist das Land in Aufruhr. Seit Wochen sammeln Familien, Schulklassen, Firmenbelegschaften, Fußballvereine Geld für das größte Benefizereignis des Jahres. Am Samstag werden all ihre Beiträge mit großem Brimborium addiert, zusammen mit Großspenden von Unternehmen und Mäzenen, Opposition und Regierung, vor allem aber den Kleinstspenden hunderttausender Chilenen, die ihre Pesos in eine der aus diesem Anlass 24 Stunden geöffneten Filialen der Banco de Chile tragen. Auch B. hat im Rahmen einer schulinternen Sammelaktion 1.000 Pesos in den großen Topf der guten Tat getan.


Die Teletón Chile gibt es seit 1978, ins Leben gerufen hat sie der TV-Showman Mario Kreutzberger, der als "Don Francisco" nicht nur jedem Chilenen, sondern den meisten Lateinamerikanern ein Begriff ist. Die Idee stammt freilich aus den USA, erfunden hat den Spenden-Marathon der Comedian Jerry Lewis. In Chile ging es am Anfang nur darum, die in finanzielle Nöte geratene Gesellschaft zur Versorgung körperbehinderter Kinder zu retten. Nach dem riesigen Erfolg der ersten Jahre beschloss man, die Teletón alljährlich durchzuführen, mit immer größerem Show-Aufwand und immer höheren Spendenzielen. Dieses Mal geht es darum, die Summe von exakt 13.255.231.970 chilenischen Pesos zu toppen – das entspricht etwa 15,5 Millionen Euro.


Das Geld fließt in die Teletón-Stiftung, die damit bislang 10 Reha-Zentren für körperbehinderte Kinder betreibt. Deren Konzept ist vorbildlich: Betreut wird grundsätzlich jedes Kind, das Bedarf hat, einkommensschwache Familien sind von Zuzahlungen ausgenommen. Die Kinder werden ambulant therapiert, unter Einbeziehung von Eltern und Geschwistern. Die Zentren bemühen sich außerdem darum, "ihren" Kindern den Unterricht an der Regelschule zu ermöglichen, was politisch erwünscht ist, in der Praxis aber oft an den Widerständen des Schulpersonals scheitert.


Ein weiterer Verdienst des alljährlichen Teletón-Trubels ist es, Behinderte in der Gesellschaft sichtbar und solidarische Hilfe selbstverständlich zu machen. Angesichts dessen kann man locker über die üblichen Manipulationsstrategien hinwegsehen – die allüberall plakatierten Kindergesichter, die immer dankbar lächeln, die süßlichen TV-Spots, das Gesülze von "Don Francisco".


Eine tolle Sache also, diese 27 horas de amor. Kann man aber auch anders sehen.


"Ich persönlich", schreibt mir ein Freund aus Santiago, "halte die Teletón für eine riesige Image-Waschanlage, von der alle profitieren: Politiker, Unternehmer und Unternehmen, Marken, die Fernsehfuzzis usw. Ein exzellentes Geschäft, das Mario Kreutzberger auch dazu dient, seine Machtposition in den Medien zu verteidigen - genauso wie das Wirtschaftssystem, das uns die Diktatur beschert hat. Wie viele andere dachte ich, dass dieses als Solidaritätskampagne verkleidete Festival der Eitelkeiten mit der Rückkehr zur Demokratie ein Ende hätte, und dass der Staat die Finanzierung der Stiftung übernehmen würde (wie es sich gehört), aber dafür war das Geschäft eben zu einträglich."


Ein Kritikpunkt, den viele teilen: Die "Partnerunternehmen" machen mit der guten Sache ein gutes Geschäft. Konkret sieht das so aus: Dreißig Unternehmen vom Speiseölhersteller bis zur Fluglinie werben auf ihren Produkten für die Teletón – und die Teletón wirbt für sie. Weil die Firmen sich verpflichten, einen gewichtigen Betrag an das Hilfswerk zu spenden, sorgen die Kunden dafür, dass die entsprechenden Produkte verstärkt konsumiert werden. Das funktioniert - nur wie viel Mehreinnahmen es tatsächlich in die Firmenkassen spült, erfährt man nicht. Aber man ahnt, welch unschätzbaren Wert es etwa für Pepsi besitzt, im Coca-Cola-Land Chile wochenlang das Teletón-Logo auf den Schraubverschluss drucken zu dürfen.


Ausgerechnet der Bürgermeister von Las Condes, einem der reichsten Stadtbezirke von Santiago, hat sich vor zwei Jahren mit Kreutzberger und seiner Teletón angelegt – was in Chile etwa so wirkt, als würde man in Indien eine Kuh auf offener Straße schlachen. Francisco de la Maza hatte es nicht mehr hinnehmen wollen, dass die Teletón-Sponsoren den öffentlichen Raum wochenlang kostenlos mit ihren Logos zupflastern. Er wollte dafür Gebühren kassieren und diese anschließend ebenfalls für den guten Zweck stiften. Das gab Ärger mit "Don Francisco" und überhaupt viel böses Blut.


Wahrscheinlich ist die pragmatische Sichtweise einer anderen Freundin aus Santiago die gesündeste: "Dass viele Unternehmen von der Teletón profitieren, ist für mich das kleinere Übel. Denn auf der anderen Seite stehen tausende Kinder, die kostenlos versorgt werden." So ähnlich argumentierte im Jahr 2002 auch Jorge González von den Prisioneros, die auf der Abschlussveranstaltung im Nationalstadion auftraten.


"Ist es nicht toll", fragte González mit leichtem Spott, "dass eine Sache sich in eine ganz andere verwandeln kann? Wir, die Künstler, pflegen hier unser Ego, und am Ende springt dabei eine Hilfe für die Kinder heraus. Und die Habgier und der Geschäftssinn der Unternehmen, die die Preise anheben, von Steuern befreit werden, Extra-Werbung kriegen, kommen den Kindern auch zugute. Obwohl es die breite Masse ist, die am Ende dafür sorgt, dass das Ziel erreicht wird." Dann spielten die Prisioneros ihren Klassiker Quieren dinero und bauten, sehr zum Missfallen der Organisatoren, auch noch ein paar Seitenhiebe gegen die reichsten Männer Chiles und die damals anrüchig gewordenen krummen Geschäfte des Pinochet-Clans ein.



Dienstag, 25. November 2008

Sonnenfahrt



Hier der Beweis, dass es auch in Puerto Montt nicht immer regnet (vgl. das Video vom Juni).

Deutsch II: Enttäuschungen

Nicht nur der Rechtschreibkönig war da, auch der Fußballkaiser: Nach Bastian Sick schaute Franz Beckenbauer kurz mal rein - um die Fußball-WM zu eröffnen, aber auch um für Deutschland und die deutsche Sprache zu werben. In einer Schule, an der das Fach Deutsch unterrichtet wird, enthüllte er gemeinsam mit dem deutschen Botschafter eine Plakette der Initiative "Schulen: Partner der Zukunft". Ziel der sogenannten PASCH-Initiative ist ein weltweites Netzwerk von Schulen, die sich für die Vermittlung deutscher Sprache und Kultur einsetzen.

Die Schule, an der S. unterrichtet, gehört schon dazu, auch wenn sie keine deutsche Auslandsschule im engeren Sinne ist. Dazu bräuchte sie einen deutschen Schulleiter und beamtete Lehrer aus Deutschland, im Idealfall gäbe es sogar einen deutschsprachigen Unterrichtszweig. Aber solche Aus­lands­schulen gibt es in Chile nur noch vier, die mit Abstand größte und am besten ausgestattete ist die Deutsche Schule Santiago, an der man ein vollwertiges Abitur ablegen kann. In der Provinz, wohin sich heutzutage eher wenige deutsche Familien dauerhaft verirren, blickt man mit Neid auf so viel Luxus.

Die meisten der rund 25 Schulen mit Schwerpunkt Deutsch befinden sich in Südchile, rund um Valdivia, Osorno und den Llanquihue-See, wo sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts viele Deutsche mit freundlicher Erlaubnis des chilenischen Staates ansiedelten. Deren Nachfahren tragen weiterhin mit Stolz einen deutschen Nachnamen, klüngeln in "Deutschen Vereinen" und halten den deutschen Pass in Ehren, so sie noch einen besitzen. Mit der Sprache haben es die meisten nicht mehr so. Das macht sich vor allem an den Schulen bemerkbar, deren einst üppige Ausstattung mit deutschen Lehrkräften zudem in den vergangenen Jahren drastisch zusammengestrichen wurde.


An S.' Schule ist es so: Die meisten Eltern melden ihre Kinder hier an, weil die Abgänger dieser Einrichtung seit Jahren hervorragende Ergebnisse bei der Hochschul-Zulassungsprüfung PSU erzielen. Das lassen sich die Familien, ob mit oder ohne Deutsch-Hintergrund, etwas kosten, und die Sprache nimmt man eben in Kauf. So richtig interessiert ist kaum ein Schüler an diesem kehligen Idiom, und das Niveau von Zwölftklässlern, die seit Kindergartentagen dieselbe Schule besuchen und praktisch täglich Deutschunterricht bekommen, ist in den meisten Fällen schlicht erbärmlich.

Besondere Bekümmernis bereitet vielen Lehrern die Tatsache, dass ausgerechnet die deutsche Literatur im Lehrplan gar nicht mehr vorkommt. Zwar wirbt die Schul-Website damit, dass Deutsch die Sprache Goethes, Kafkas und Nietzsches war, aber im Hinblick auf die Unterrichtsinhalte ist das Augenwischerei. Das Deutsche Sprachdiplom, mit dem sich die Schüler für das Studium an einer deutschen Uni qualifizieren können, hebt nämlich auf Alltagssprache bzw. das Verständnis von Texten mit Gebrauchswert ab. Wollte ein Lehrer Grass oder Grünbein lesen lassen, müsste er dies zusätzlich anbieten – aber dazu fehlt allein schon die Zeit. Überhaupt haben nur wenige Schüler eine Affinität zu den Geis­tes­wissenschaften: Wer das "Deutsche Institut" besucht, will später Geld verdienen (oder die Eltern wollen es), als Arzt oder Betriebswirt, Ingenieur oder Rechtsanwalt.

"Von all meinen Schüler haben vielleicht eine Handvoll echtes Interesse an Land und Sprache", sagt S., "die spitzen auch mal die Ohren, wenn ich etwas Aktuelles über die deutsche Gesellschaft erzähle. Von den anderen kommt dann gerne mal der Spruch: Wir sind hier aber in Chile, Frau!"

Gegen die "Frau" kämpfen S. und ihre Kolleginnen wie gegen Windmühlenflügel. Aber auf Spanisch redet man eine Lehrerin einfach mit señora an - wieso sollte das nicht auf Deutsch ebenso gut funktionieren?

Samstag, 22. November 2008

Deutsch I: Verwirrungen

Vor ein paar Tagen war Bastian Sick in Santiago. Der Nationaloberlehrer für das Fach Deutsch tourt gerade auf Einladung des Goethe-Instituts durch Südamerika und wurde in den Räumen des Deutsch-Chilenischen Bundes von 200 Fans be­geistert empfangen. Sick erzählte ihnen etwas über das natürliche Geschlecht von Produktnamen, falsche Apostrophe und die Rechtschreibreform.


Verweilte Sick ein wenig länger in der deutschen bzw. deutschstämmigen Ge­mein­de Chiles, er bekäme es wohl bald mit der Angst zu tun. Das Kulturgut deut­sche Sprache, das er so schmunzelnd verteidigt, hier kommt es auf den Hund – und dazu bedarf es nicht einmal einer generationenlangen Entfremdung von der Heimat, ein paar Jahre, ja Monate reichen locker.


Kannst du mir das Geld heute schon auf mein Konto transferieren?“, frage ich S. und merke sofort: Das stimmt so nicht. Dabei ist „transferieren“ statt „überweisen“ ein eher lässlicher Feh­ler oder, wenn man's ganz genau nimmt, überhaupt kein Fehler. Es entspricht nur eben nicht dem Sprachgebrauch. Soll heißen: Auch bei uns schleichen sich schon auf leisen Pfoten die Hispanismen ein. Manchmal sind die Unterschiede aber auch zu subtil.


Die städtischen Arterien“ schreibe ich und meine „Verkehrsadern“. Aber in spanischen Artikeln ist immer von arterias urbanas die Rede, und Blutgefäße sind das ja auch. Ein wichtiges soziales Ereignis ist in Wirklichkeit ein „ge­sell­schaftliches Ereignis“ und das mangelhafte Handy-Signal entpuppt sich nach längerem Grübeln als schlechter Empfang.


Je länger die Leute hier sind, desto stärker fängt es an zu bröckeln. Das Spanische macht sich breit im Deutschen, sei es als unpassendes Fremdwort, als falsche Übersetzung oder als schrulliger Neologismus. Als erstes geben, wie mir scheint, die Verben den Widerstand auf, dann folgen die Substantive, dann die Adjektive. Der restliche Kleinkram – Pronomen, Konjunktionen und sonstige Partikel – ist am zähesten, auch wenn manche Auswanderungsveteranen jeden zweiten Satz mit einem bueno einleiten.


Noch ein paar authentische Beispiele? „Früher gab's bei Jumbo gutes deutsches Vollkornbrot. Aber dann haben sie die Masse verändert.“ (masa = Teig) „Es war wunderschön, ich war richtig emotioniert.“ (emocionado = gerührt) Oder: „Sie können ruhig mit dem Original bleiben, ich bleibe mit der Kopie.“ (quedarse con = behalten) Undsoweiter.


Richtig drollig wird es, wenn ein gut gehendes Unternehmen mit deutschem Migrationshintergrund wie die Wurstfabrik Cecinas Llanquihue im deutsch­sprachigen Cóndor eine Anzeige wie diese schaltet:



Der Clou an der Sache: Das Wort „Kompromiss“ wird zwar falsch verwendet (ob es in der Sache zutrifft oder nicht), denn gemeint ist „Verpflichtung“ (spanisch: compromiso). Trotzdem gäbe es für die Gebrüder Mödinger, die den besten Schinken von Chile machen, gar keinen Grund, den Anzeigentext zu korrigieren. Denn die Leser verstehen genau, was gemeint ist, und würden vermutlich den­selben Fehler machen. In solchen Fällen wäre selbst ein Bastian Sick impotent, wil sagen: machtlos.