Montag, 7. Juli 2008

Auf Reisen

Die Winterferien haben begonnen. Für knapp drei Wochen entfliehen wir dem Regen und arbeiten uns bis in den äußersten Norden des Landes vor: in die Atacamawüste, wo der mittlere jährliche Niederschlag gleich null ist. Zeit zum Schreiben wird nur bisweilen sein, für ein paar Bilder dürfte es aber immer reichen. Also: dranbleiben!

Freitag, 4. Juli 2008

Marktlücke

Manche mögen das Thema, dem dieser Beitrag gewidmet ist, für schlüpfrig halten. Dabei geht es um etwas ganz Natürliches: Damenhygiene.

Zugegebenermaßen hätte ich diesen Text nicht ohne diese Steilvorlage verfasst - ein Thread im "Chile-Forum", einem Ort im Internet, an dem sich deutsche Reisende und Auswanderer oder solche, die es werden wollen, über ganz alltägliche Dinge austauschen. Tipps werden gehandelt, welches der beste Campingplatz im Torres-del-Paine-Nationalpark ist, andere suchen gebrauchte Großkücheneinrichtungen, Hallenbäder in Santiago oder einen Praktikumsplatz. Normalerweise geht es hier recht behäbig zu, viel mehr als drei, vier Antworten bekommt ein Beitrag selten. Regelrechte Hektik brach dagegen vor ein paar Tagen aus, als ein Forumsteilnehmer unter der Überschrift "Tampon o.b. in Chile?" die Probleme seiner Frau schilderte, vor Ort besagtes Markenprodukt zu erhalten. Da hatte er offenbar in ein Wespennest gestochen.

Ersatzfoto: Screenshot

Tatsächlich ist es so: Es gibt in Chile keine Tampons der Marke "o.b.", jedenfalls nicht im Laden. Es gibt nur hunderte entnervter Ausländerinnen, die den Komfort dieses Hygieneartikels nicht missen wollen und keine Lust haben, auf ein bisweilen angebotenes Konkurrenzprodukt auszuweichen, das von Europäerinnen erst nach Erlernen einer speziellen Applikationstechnik verwendet werden kann. Diejenigen, denen das Problem bekannt ist, reservieren einen Kubikdezimeter in ihrem Gepäck für die weiß-hellblauen Schachteln, die anderen haben immerhin die Chance, sich bei einem Ausflug nach Argentinien einzudecken - dort gibt es die o.b.s nämlich.

Fragt sich nur, warum die weltweit operierende Firma Johnson&Johnson einen Bogen um Chile macht. Wir vermuten: Das Geschäft lohnt sich nicht. So modern viele chilenische Frauen auch sind, Tampons genießen offenbar keinen guten Ruf. Auch der oben verlinkte Hersteller Tampax wirbt auf seinen Webseiten mit einem Aufklärergestus für sein Produkt, als sei dieses eben erst erfunden, aber noch nicht in der Praxis erprobt worden. Vielleicht spielt bei den potenziellen Kundinnen die Angst vor dem berüchtigten, wenn auch extrem seltenen Toxischen Schock-Syndrom (TSS) eine Rolle, dessen Koinzidenz mit der Verwendung von Tampons freilich nur vermutet wird. Man weiß es nicht.

S. ist in diesem Zusammenhang noch etwas aufgefallen: Damenbinden werden in Chile ausschließlich in winzigen Packungsgrößen verkauft - so als ob die Physiologie der hiesigen Nutzerinnen keine größeren Mengen erforderlich machte. Das könnte ein Relikt aus den gar nicht lange zurückliegenden Zeiten sein, in denen Binden lediglich unter dem Ladentisch von Apotheken bereitgehalten wurden, wo sie die Angestellte noch einmal gesondert in braunes Packpapier einschlug. So verschämt ist man heute nicht mehr in Chile, selbst Kondome hängen inzwischen an der Supermarktkasse, genau wie in Deutschland. Vielleicht ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis das Internetforum "Tampon o.b. in Chile!" meldet.

Eingekreist

Quelle: flickr.com/photos/urbatem2

Langsam, aber sicher werden wir von feuerspeienden Bergen eingekreist. Während der Chaitén nach zweimonatiger Aktivität noch immer vor sich hinraucht, spuckt nun auch der vierhundert Kilometer nördlich von uns gelegene Llaima wieder Lava. Ganz überraschend kommt das nicht, denn der Vulkan gehört zu den aktivsten Chiles und war erst Anfang Januar ausgebrochen - aus dieser Zeit stanmmt auch das Bild. Wir müssen in der Nacht zu Sonntag den Llaima passieren, wenn wir in unsere dreiwöchigen Winterferien im chilenischen Norden aufbrechen. Spannend!

Donnerstag, 3. Juli 2008

Amanda

Kannst Du Dich an den 11. September 1973 erinnern, an das letzte Mal, dass du deinen Vater gesehen hast? Du warst damals gerade acht.

Früher konnte ich mich nicht an diesen Tag erinnern, jetzt ja. Der Fernseher lief, die Sender zeigten Militärparaden. Im Radio lief Allendes Ansprache. Allen stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, nur meinem Vater nicht. Der war total ruhig. Daran, wie er meine Mutter umarmte, habe ich aber schon gemerkt, dass es nicht gut für uns aussah. Von uns verabschiedete er sich mit einem strahlenden Lächeln: Passt auf euch auf, ich rufe an, macht euch keine Sorgen. Es war ein grauer Tag, ohne jedes Licht.

Das sagt Amanda Jara, die jüngere Tochter von Víctor Jara, in einem Interview, das ich für die Lateinamerika Nachrichten in Berlin übersetzt habe. Vollständig ist es hier zu lesen. Amanda, inzwischen Anfang vierzig, floh mit ihrer Mutter Joan Turner und ihrer älteren Schwester Manuela nach dem Putsch nach London, wo sie zehn Jahre im Exil verbrachte. In dem Gespräch beschreibt sie, wie schwer es für sie war, die Musik ihres Vaters wieder zu hören, wie sie lernte, zwischen Víctor, dem Vater, und Víctor, der linken Ikone, zu unterscheiden, und warum sie nie in Betracht gezogen hat, als Teil einer Künstlerfamilie auf der Bühne zu stehen. Anlass des Interviews waren ihre jüngsten öffentlichen Auftritte im Zusammenhang mit der Einstellung der Ermittlungen im Mordfall Víctor Jara. Vorher hatte sie die Öffentlichkeit immer gemieden.

Die mit der Zahnlücke: das ist Amanda

Die dazu passende Anekdote ereignete sich vor ziemlich genau 15 Jahren und geht wie folgt: S. und eine gemeinsame Freundin hatten bei ihrem ersten Chile-Aufenthalt im Jahr 1992 jemanden aus Quintay kennen gelernt, einem winzigen Fischerdorf, wo Amanda Jara lebte (und auch heute noch lebt). Einmal nahm er die beiden mit, um sie Amanda vorzustellen. Man kennt sich in Quintay, es ist ein herrlich abgelegener Ort, nein: es war ein abgelegener Ort. Inzwischen wurde die Zufahrtsstraße befestigt, und Leute mit viel Geld bauen sich hier exklusive Wochenendhäuser mit Blick auf die donnernde Pazifikbrandung.

Ein Jahr später waren S. und ich gemeinsam in Chile und nutzten die Chance, Amanda noch einmal zu besuchen. Beide kannten wir ihre Geschichte, beide hatten wir Joan Turners Víctor-Jara-Biografie gelesen, ein in den Achtzigerjahren sehr populäres Taschenbuch aus der Reihe rororo aktuell mit dem kitschigen deutschen Titel "Chile, mein Land, offen und wild". So gesehen war die Frau, die uns da einließ (wir waren einfach hingegangen und hatten am Zaun nach Landessitte laut ¡Alo! gerufen) nicht irgendeine burschikose Endzwanzigerin, sondern fast schon ein Mythos. Obwohl sie sich wohl nur undeutlich erinnerte, lud sie uns ein, mit ihr die telenovela zu schauen, und briet uns ein Stück Fleisch. Im Haus sprangen ihre Hunde herum, und als ich mich im Bad frisch machte, entdeckte ich auf der Ablage vor dem Spiegel die Insulinampullen: Amanda ist Diabetikerin, das wussten wir längst aus dem Buch. Jetzt war nur plötzlich alles echt.

Zu sagen hatten wir uns eigentlich nichts. Das heißt: Wir hätten natürlich tausend Fragen gehabt, aber uns war klar, dass man Amanda diese Fragen nicht stellen konnte, ohne ihr gnadenlos auf die Nerven zu gehen. Jedenfalls nicht wir. Deshalb hat diese Anekdote auch keine Pointe. Wir haben uns nie wiedergesehen. Aber das Fleisch war lecker. Und Quintay war wunderschön.