Dienstag, 12. Mai 2009

Vom Heizen

Das Leben mit einer Holzheizung verändert die Wahrnehmung. Nicht gemeint ist hiermit das gesteigerte Kälteempfinden angesichts einer einzigen Wärmequelle, die das gesamte, schlecht isolierte Haus auf erträgliche Temperaturen bringen muss, sondern der taxierende Blick auf Objekte, den man entwickelt: Ob sich das da verheizen ließe? Ein kaputter Stuhl ist zu Hause in Berlin ein kaputter Stuhl. Hier wird er zum potenziellen Kalorienspender.

Nicht so gut ist natürlich, dass ein Stuhlbein Lackschichten tragen kann, bei deren Verbrennung womöglich viel schädlichere Substanzen aus dem Schornstein entweichen als Feinstaub und Kohlendioxid. Genaues weiß man da natürlich nicht. Aber normalerweise kommen auch nur gepresste Sägespäne in unseren Ofen. Mit der Zeit haben wir den jeweiligen Charakter der verschiedenen Brikettsorten verinnerlicht: Die eckigen sind locker gepresst, lassen sich strategisch günstig aufschichten, brennen schnell an und hinterlassen wenig Asche, haben aber nur einen begrenzten Brennwert. Die mitteldichten runden plustern sich beim Brennen auf und füllen den Ofen im Handumdrehn mit Asche, machen dafür aber mächtig Hitze. Vertut man sich bei ihrer Dosierung, schmort die Wand an. Edel, steinhart und teuer sind die dunkelbraunen langen, die wunderbar gleichmäßig und heiß verbrennen - nur kriegt man sie verdammt schlecht angezündet.

Variantenreich sind denn auch die Brandbeschleuniger: Vom Grillanzünder über zerknüllte Fehlkopien des Unterrichtsmaterials ist alles möglich, ich persönlich schwöre auf ein Stück Haushaltskerze, eingewickelt in ein Tempotaschentuch. Natürlich wandern Zeitungen ebenfalls durch die Klappe, auch deutsche. Interessant: Die neue, bunte taz und Springers B.Z. (eine Freundin ließ mir dankenswerterweise den Titel "1. Mai in Kreuzberg: Die Hass-Nacht" zukommen) verbrennen gleichermaßen gut und vollständig. Anders dagegen der Tagesspiegel, den S. hin und wieder von einer Schülerin zugesteckt bekommt, deren Großvater ihn seit Menschengedenken mit der Post bezieht. Das Holtzbrinck-Blatt brennt langsam, regelrecht tranig, und hinterlässt massenhaft schwarze Rückstände.

Sonntag, 10. Mai 2009

Teuer gratis surfen

Screenshot: www.telefonicachile.cl

Chile ist vernetzter als jedes andere lateinamerikanische Land, so viel steht fest. Die Dichte hochwertiger, also schneller Internetanschlüsse ist enorm, aber noch bleiben große Lücken in der Fläche. Vor allem ärmere Haushalte können es sich nicht leisten, sich das Netz ins Haus zu holen - aber jetzt hat sich Telefónica Chile, Tochter der spanischen Telefónica und landesweit größter Anbieter, etwas ganz Innovatives ausgedacht und seit Wochen aggressiv beworben: Banda Ancha Libre heißt es, sprich: Breitband für lau. "Surf gratis - und das für immer" lautet der Slogan, und beim Produkt-Launch in der vergangenen Woche war auch Pablo Bello da, Staatssekretär für Telekommunikation, der sich persönlich als Speerspitze der Digitalisierung versteht und im Vorstand der Stiftung País Digital sitzt.

Inzwischen haben viele aufmerksame Blogger das Kostenlos-Internet analysiert (hier, hier oder hier ) und als großen Schwindel gebrandmarkt. Dass man für einmal Modem-Kaufen à 29.900 Peso (knapp 40 Euro) mitnichten einen lebenslangen Freipass ins WWW, sondern bloß ins Chilean Wide Web erhält, ist der Werbung zumindest noch klar zu entnehmen: Nur Sites mit der Länderkennung ".cl" kann man gratis ansteuern, da fällt das meiste, was heute so Spaß macht - von Youtube bis Facebook - schon mal weg. Weniger deutlich erkennbar ist, dass sich der Zugriff auf dieses chilenische Intranet mit 300 kbps ehrlicherweise kaum als "Breitbandzugang" definieren lässt. Richtig gemein wird es bei den Bedingungen, unter denen die Frei-Nutzer ihren Zugang temporär aufs Weltnetz ausdehnen und gleichzeitig beschleunigen können. Das wird nämlich ganz schnell ganz teuer, und hätte Telefónica nicht eine Kappung bei 15.000 Pesos (30 Euro) pro Monat eingebaut, landeten die armen Billigsurfer ganz schnell in der Schuldenfalle.

Den ganz Armen bleibt für die Überwindung der "digitalen Kluft" immerhin der Gang in eines der vielen telecentros comunitarios, wo sie (auch bei uns in Puerto Montt) kostenlos ins Netz eingewiesen werden und surfen können - völlig kostenlos.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Flores macht rüber

Foto: Chile Primero

Die Präsidentschafts-Kampagne von Sebastián Piñera hat einen neuen Un­ter­stüt­zer. Und nicht irgendeinen: Mit Fernando Flores Labra springt ein Mann auf den Zug der Rechten auf, der nicht nur Finanzminister unter Allende war, sondern auch von 1973 bis 1976 in verschiedenen Straflagern der Diktatur zubrachte, unter anderem auf der Isla Dawson.

Am Mittwoch ist Flores seinen ganz persönlichen Pakt mit den politischen Erben seiner Verfolger eingegangen. Der 66-jährige Senator, dessen achtjähriges Mandat im kommenden Jahr endet, hat seine Bewegung Chile Primero einer "Coalición del Cambio" hinzugefügt, der vor allem Piñeras Partei Renovación Nacional und die ultrarechte UDI angehören. Er selbst, ursprünglich Sozialist, war vor zwei Jahren aus der sozialdemokratischen Demokratie-Partei (PPD) ausgetreten, die zusammen mit der sozialdemokatischen Radikalen Partei (PRSD), der sozialdemokratischen Sozialistischen Partei (PS) und der sozialdemokratischen Christdemokratischen Partei (PDC) das Regierungsbündnis Concertación bilden. Sein Vorwurf: In der Koalition herrschten ein Klima der Korruption und eine "Kultur der Mittelmäßigkeit".

Da erwartet Flores vom erfolgreichen Finanzjongleur Piñera offenbar frischen Wind. "Die Concertación hat sicher auch Gutes geleistet, aber heute ist es Zeit für sie, Abstand von der Macht zu nehmen,sich zu reinigen und neu zu erfinden", so der Senator in seiner Rede vor seinen neuen Koalitionären. "Wir sehen heute, dass Chile sich trotz aller berechtigten Hoffnungen nicht auf der Höhe der Zeit befindet und viele Träume nicht in Erfüllung gegangen sind." Seiner ehemaligen Genossen eingedenk sprach Flores von "Trenunngsschmerz". Viele würden seinen Schritt nicht verstehen, aber er lasse sich nicht moralisch erpressen.

Die Vorstellung, man müsse sich in Chile zwischen links oder rechts entscheiden, sei obsolet, so Flores, der schon immer ein Faible für Zukunftstechnologien hatte und seine Politik per Blog, Facebook und Twitter kommuniziert. Der Vorsitzende seiner ehemaligen Partei PPD, Pepe Auth, kann das natürlich nicht nachvollziehen: Viele von Flores' früheren Freunden würden sich ob dessen Stellungswechsel "im Grab umdrehen". Mit seiner Entscheidung, so Auth, gebe Flores seine Identität völlig auf. "Ich hoffe nur für ihn, dass ihn sein Gewissen noch ruhig schlafen lässt." Die Journalistin Zorka Ostojic aus Arica, die in den ver­gangenen Jahren an dem von Flores initiierten Bügerbeteiligungs-Portal Atina Chile mitgewirkt hat, findet dessen Entscheidung falsch, denkt aber, dass der Senator durchaus konsequent handelt: Er glaube offenbar, sein Modernisierungsprojekt "an der Seite von Piñera ver­wirk­li­chen zu können. Bloß ist sein Image in Chile jetzt zerstört."

Wie man sich mit den neuen Medien ganz schnell ein Eigentor schießen kann, hat Flores heute gelernt: Die Fragen, die ihm ein Moderator von CNN Chile zu seiner Neupositionierung stellte, gefielen ihm gar nicht, und so raunzte er, als er die Kameras abgeschaltet glaubte, den Mann böse an: "Jetzt hast du's dir mit mir verscherzt mit deinen bescheuerten Fragen. Ein Jahr lang kriegst du kein Interview mehr von mir." Das wurde Minuten später herumgetwittert, und natürlich kann man es sich auch auf Youtube ansehen. Flores behauptete anschließend, es habe sich um ei­nen Scherz gehandelt.


Samstag, 2. Mai 2009

Der erfrischendste Snack der Welt


Mit der Zeit haben wir gewisse Rituale für unsere Kurzurlaube in Santiago entwickelt. Eins davon ist der Flohmarkt-Besuch. Santiago ist ein Paradies für Flohmarkt-Fans, auch wenn sich viele der Fundgruben in marginalen Stadtteilen auftun, die Besucher ohne Orts- oder gar Sprachkenntnis besser meiden sollten. Mercado persa nennen die Chilenen ihre Straßenflohmärkte oder einfach persa, und ein bisschen passt das schon, denn wie in einem orientalischen Suq erstrecken sie sich über ganze Viertel, auch wenn die mehr oder minder primitiven Stände mitsamt Sonnensegel am Nachmittag wieder abgebaut werden.

Nicht dass man auf dem persa großartige Entdeckungen machen könnte - wertvolle Autographen gibt es hier ebenso wenig wie filigranes Kunsthandwerk. Trotzdem findet sich in diesen unglaublichen Sammelsurien immer irgendetwas Interessantes: Vorhängeschlösser, ein Brennglas, Rohrzangen, Pumps, ein wiederbefüllter Feuerlöscher, Wellensittiche, alte Münzen, Sprungfedern, ein Atari-Computer, Briefbeschwerer, das Plastikfiguren-Sortiment aus dem Happy Meal vom letzten Frühjahr, Push-up-BHs, Weltliteratur, Kuhhörner und eine Kiste voll Schwangerschaftstests mit überschrittenem Verfallsdatum. Dazu unendlich viele Menschen, streunende Hunde, Lärm und Hitze - es ist großartig.

Vieles ist Ausschuss ärmlichster Lebensbedingungen und liegt nur auf Tüchern am Boden, aber selten hat man den Eindruck, dass hier bloß Müll verkauft wird. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man seine Erwartungshaltung den Umständen entsprechend herunterschraubt.

Hat man ein wenig geguckt und gefeilscht und vielleicht sogar irgendetwas Überflüssiges für einen lächerlichen Preis gekauft, ist es Zeit für den fabelhaftesten und erfrischendsten Snack der Welt: mote con huesillos. Nie­mand weiß genau, wem wann der sonderbare Einfall kam, getrocknete Pfir­siche zu einer Art Kaltschale aufzukochen und eisgekühlt in einem Glas zu ser­vie­ren, das man vorher zur Hälfte mit Graupen gefüllt hat. Genau: Wei­zen­grau­pen, die leicht seifig schmecken und beim Kauen ein wenig zwischen den Zähnen quietschen. Aber die Mischung ist umwerfend. Man kann mote con huesillos auch in der Fußgängerzone im Zentrum trinken (bzw. essen), aber auf einer wackeligen Holzbank das Menschengewimmel des persa an sich vor­bei­zie­hen zu lassen und dem mote-Mann zuzuschauen, wie er den Saft mit einer Kelle aus einem tiefen Topf wie aus einem kühlen Brunnen schöpft, ist einfach grandios.