Donnerstag, 2. Oktober 2008

Ärger um Insel 10

Die Isla Dawson ist ein kalter, unwirtlicher Ort, hundert Kilometer südlich von Chiles südlichster Stadt Punta Arenas im Feuerland-Archipel gelegen. Unrühmliche Bekanntheit hat die große, aber praktisch unbewohnte Insel nach dem Putsch erlangt, als die Militärs hier ein Jahr lang politische Gefangene internierten und Zwangsarbeit verrichten ließen. Viele bedeutende Politiker der Unidad Popular waren darunter: José und Jaime Toha, Clodomiro Almeyda, Sergio Vuskovic.

Auch Sergio Bitar. Der damals noch ziemlich junge Mann, der für die christ­demokratische Linksabspaltung Izquierda Cristiana in Allendes Kabinett ge­ses­sen hatte, schrieb später ein viel gelesenes Buch über seine Zeit auf Daw­son: Isla 10. Bald werden seine Er­in­ner­un­gen auf der großen Leinwand zu se­hen sein: Der Regisseur Miguel Littín verfilmt gerade Isla 10 - mit junger Star­be­setzung und an Originalschauplätzen.

Miguel Littín (Quelle: http://flickr.com/photos/guadalajaracinemafest/2325048271)

Jetzt gab es freilich Ärger: Als Littín mit seiner internationalen Crew (es handelt sich um eine chilenisch-brasilianisch-spanische Koproduktion) Mitte September vom Dreh auf Dawson zurückkehrte, musste der Cineast im Mercurio lesen, dass die "ehemalige UP-Prominenz" unzufrieden sei mit seiner Arbeit. Die Figur des heu­ti­gen Infrastrukturministers Bitar werde im Film maßlos überbewertet, kritisierten einige von dessen ehemaligen Leidensgenossen, die Littín in einer sehr frü­hen Phase ebenfalls konsultiert hatte. Auch hätten sich manche der dar­ge­stell­ten Vor­kommnisse so nie zugetragen.

Der Filmemacher dementiert das alles, aber er weiß ja auch als einziger ziemlich genau, was im fertigen Film zu sehen sein wird und was nicht. Oder was er später noch schneidet. Littín, dessen Werke in Chile kaum bekannt sind, und der im Prinzip immer noch vom Ruhm seines Debüts El Chacal de Nahueltoro von 1969 zehrt, hat auch ein großes Ego: Dieser, sein Film werde "der Film über den Putsch", sagte er kürzlich in einem Radiointerview: "der Film, den bis jetzt noch niemand gedreht hat".

Trotzdem haben Littín und Bitar versucht, die Wogen zu glätten und die Kritiker - Miguel Lawner, Arturo Jirón, Carlos Jorquera und Aníbal Palma - vor ein paar Tagen zu einem klärenden Gespräch empfangen. Zu Tee und Pfannkuchen traf man sich in Bitars Wohnzimmer, und am Ende, hieß es, waren alle Zweifel aus­ge­räumt. Schade eigentlich: Vielleicht hätte ein bisschen Polemik die Leute tat­säch­lich massenhaft in den neuen Littín gelockt.

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