Sonntag, 19. Oktober 2008

Verunreinigungen

Der Lachs gilt als Schwein des Meeres, weil man den gefräßigen Fisch in kurzer Zeit und Gefangenschaft auf ein stattliches Gewicht mästen kann. Die Lachs­far­men Südchiles, in Buchten, Fjorden und (je nach Entwicklungsstadium der Tiere) Seen der Region kann man aber auch gut und gerne mit der industriellen Hühner­zucht vergleichen: Hunderttausende dicke, silbrige Leiber verschlingen ir­gend­wo unten im Wasser in enge Netze gepfercht ihr Kraftfutter. Oben sieht man nicht viel davon, nur ein paar rechteckige oder runde, mit Stegen verbundene Strukturen, die auf den blauen Wellen dümpeln. Und doch ist Chile heute nach Norwegen zweit­größter Lachsexporteur der Welt.

Eher unauffällig: Zuchtanlage auf dem Llanquihue-See

Der Lachs hat Puerto Montt und der Umgebung ungeahnten Wohlstand beschert, seit die Industrie in den Neunzigerjahren zu boomen begann. Dabei verdienen natürlich einige wenige sehr viel und sehr viele eher wenig, aber die Ar­beits­lo­sig­keit in der Region ist stark zurückgegangen. Der Lachs generiert Ar­beits­plät­ze in allen möglichen Bereichen, angefangen bei den Zuchtanlagen, über die Fabriken, die den Fisch in appetitliche Filets verwandeln, bis hin zur Futter- und tier­me­di­zi­ni­schen Industrie oder den Spediteuren, deren Lastwagen triefende Plas­tik­con­tai­ner zwischen den verschiedenen Stationen hin- und herkutschieren. Immer richtet irgendein Hotel irgendein Symposium über Marketingstrategien aus, und auf einer regelmäßig stattfindenden Branchenmesse werden neue Tech­no­lo­gien vorgestellt.

Seit ein paar Jahren geht es den salmoneras aber nicht mehr so richtig gut - obwohl sie (die norwegischen, die japanischen und auch die einheimischen) kaum Abgaben an den chilenischen Staat leisten müssen und die Arbeitskraft weiterhin schön billig ist. Schuld daran ist vor allem ein Virus namens ISA - das "Lachs-AIDS", wie die Menschen in der Region etwas vereinfachend sagen. Die "In­fek­tiö­se Lachsanämie" wurde mutmaßlich aus norwegischen Aquakulturen ein­ge­schleppt und hat schon viele Millionen Exemplare des Edelfischs dahingerafft. Auf der anderen Seite machte den Exporteuren bis vor kurzem der niedrige Dol­lar­kurs zu schaffen - und dann ist da noch die Sache mit den Umweltschützern.

Nicht immer rückstandsfrei: der Lachs

Ökologisch betrachtet ist Aquakultur nämlich mindestens umstritten, zumal so, wie sie in Chile praktiziert wird. Zu viele Fische auf zu engem Raum, zu viele Fut­ter­res­te und Kot, die die Gewässer verseuchen, zu viel Medikamente und Hor­mo­ne. Lachse, die den Netzen entkommen - das sind nicht wenige -, fressen gan­ze Küstenabschnitte leer. Außerdem: Um den Lachs zu mästen, benötigt man ein Vielfaches an Wildfisch, der als Mehl verfüttert wird. Eine Lösung für die welt­wei­ten Ernährungsprobleme sieht anders aus.

Ausgezeichnete Aufklärungsarbeit bertreibt in Chile die Kampagne Sin Miedo contra la Corriente (Furchtlos gegen den Strom), die von Oxfam und der chi­le­ni­schen Umweltorganisation Terram getragen wird. Den Unternehmen ist so etwas natürlich mehr als ein Dorn im Auge, denn Behörden und Konsumenten in den Zielmärkten reagieren recht sensibel auf schlechte Nachrichten. Ein Artikel in der New York Times, der auf den ungehemmten Einsatz von Antibiotika und an­de­ren Mitteln hinwies, sorgte im April dieses Jahres für gehörige Aufregung: Meh­re­re US-Supermarktketten kündigten an, chilenischen Lachs aus ihrem Sor­ti­ment zu streichen, der chilenische Botschafter in den USA musste Feuerwehr spie­len. Am Ende solcher Skandale stehen dann wieder Selbstverpflichtungen der In­dus­trie, die bestehenden Grenzwerte einzuhalten.

Erstaunlich präsent: Die Kampagne Contra la Corriente

Jetzt gibt es wieder schlechte Presse für den chilenischen Fisch: aus Deutsch­land. Da hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Le­bens­mit­tel­si­cher­heit (BVL) gerade in mehreren Stichproben Rückstände eines als krebserregend geltenden Fungizids und eines antiparasitären Me­di­ka­ments entdeckt, die in der Bundesrepublik gar nicht zugelassen sind. Das Amt hat die Ergebnisse an die Länder weitergeleitet, die nun über Verzehrwarnungen entscheiden müssen. In Chile spielt man die Nachricht (die in Deutschland noch nicht einmal über die Ticker gelaufen ist) vorsorglich herunter. César Barros, Vorsitzender des Branchenverbands SalmónChile, gab zu Protokoll, man habe andere Sorgen als "winzige Verunreinigungen in einer Lieferung", die vermutlich auf irgendeinen Verarbeitungsfehler zurückzuführen seien. Aber - das weiß inzwischen jeder hier - auch winzige Verunreinigungen können das Geschäft mit dem Lachs gehörig trüben.

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