Dienstag, 7. April 2009

Chilenisch für Anfänger (2): Fluchen



Was genau diese beiden Herren besprechen, eignet sich hier nicht als Thema. Der Dialog soll auch nur illustrieren, dass das chilenische Spanisch zu beachtlichen Anteilen aus garabatos besteht, Unflätigkeiten und Schweinereien, die sich, wie wohl überall auf der Welt, aus zwei Wortfeldern rekrutieren: Reproduktion und Ausscheidung.

Das mit Abstand unverzichtbarste chilenische Wort, das man aus jedem beliebigen Dialog auf der Straße erhorchen kann, lautet huevón. Praktisch unübersetzbar, beschreibt es im Grundsatz eine männliche Person mit überdurchschnittlich ausgebildeten Gonaden, sprich: Hoden. Was man andernorts möglicherweise als Kompliment verstehen würde, ist in Chile - wiederum im Grundsatz - beleidigend gemeint. Wahrscheinlich, weil eine derartige Attribuierung umgekehrt auf mäßig entwickelte Intelligenz verweist.

Merkwürdigerweise führt der huevón aber ein Doppelleben, denn obwohl er sich auch weiterhin als kolossale Beschimpfung eignet (dem deutschen "Arschloch" vergleichbar), fungiert er in der Kommunikation unter Freunden als inflationär gebrauchte Ansprache, die, je nach Intonation und Situation, sogar liebevoll klingen kann. Zusammen mit Ableitungen wie dem sächlichen huevá (was im Prinzip alles sein kann, nur eben keine Person) und dem Verb huevear (dessen Bedeutung je nach Kontext zwischen "auf die Nerven gehen" und "Spaß haben" oszilliert) kann man mit dieser Wortfamilie schon ein halbes Gespräch bestreiten: ¡Como huevea con la huevá ese huevón! Erstaunlicherweise verwenden auch Frauen das Kosewort - untereinander.

Für Anderssprachige kaum nachvollziehbar ist die Allgegenwart von Begriffen wie puta (Nutte), chucha (Möse), pico (Schwanz), cagar (scheißen) oder culear (ficken). Oft sind diese Wörter so in die Alltagssprache eingeschliffen - etwa als reine Interjektionen -, dass die Sprecher und Sprecherinnen sie gar nicht mehr als anstößig empfinden ¡Chucha! ruft etwa auch der, dem gerade ein Band der Königlich Spanischen Sprachakademie auf den großen Zeh gefallen ist. Oft ist es einfach eine Frage des Tonfalls. Natürlich gibt es Kreise, in denen die Verwendung solcher Vokabeln geächtet ist - wenn Außenstehende mithören. Hinter den Kulissen finden groserías und allerlei Doppeldeutigkeiten klassen-, generationen- und sogar geschlechterübergreifend Verwendung.

Dass dreckige Witze ein chilenischer Volkssport sind, musste vor ein paar Jahren die brasilianische Sängerin Xuxa (was ausgesprochen so ähnlich klingt wie chucha) bei einem Auftritt in Viña del Mar erleben. Als sie mit dem Festivalpublikum den Refrain ihres alten Gassenhauers "Ilariê" probte, scholl ihr etwas entgegen, was sie nicht verstand. Statt "O-O-O" brüllten alle ... aber das zu übersetzen ginge jetzt wirklich zu weit.


Sonntag, 5. April 2009

Chilenisch für Anfänger (1): Singen

Ob ein Zweig der vergleichenden Sprachwissenschaften existiert, welcher Tonhöhenforschung betreibt, ist mir nicht bekannt. Sollte es aber Linguisten mit entsprechendem Interesse geben, könnten sie in Chile ergiebige Feldforschung betreiben.

Nicht nur in Lexik und Grammatik weichen nämlich die regionalen Spielarten des Spanischen voneinander ab, auch die Frequenz, auf der man sendet (und das im Wortsinn), kann ganz unterschiedlich sein. Muss ein Deutscher normalerweise die Stimme senken, wenn er spanisches Spanisch möglichst originalgetreu sprechen will, sollte er sie beim chilenischen Spanisch deutlich heben - manchmal um eine ganze Oktave. Als ich vor langer Zeit zum ersten Mal junge Chileninnen sprechen hörte - es handelte sich um eine Tonbandaufnahme -, hielt ich deren Stimmlage für das Ergebnis eines Aufnahmefehlers.

Ansatzweise illustrieren lässt sich das Phänomen durch einen weiteren Youtube-Schnipsel des außerordentlich populären Stimmenimitators Stefan Kramer (bei dem es sich, vielleicht muss man doch darauf hinweisen, tatsächlich um einen ganz normalen Chilenen handelt). Hier ahmt er Francisco Vidal nach, bis vor kurzem Regierungssprecher und inzwischen Verteidigungsminister:



Das ist übertrieben, aber nur ein bisschen.

Der Chilene zwitschert also gern, und auch wenn kein Lied daraus wird, hat Sprechen hierzulande mehr mit Singen zu tun als anderswo. Vokale werden im chilenischen Spanisch bisweilen extrem gedehnt, unter anderem in Form von kommentierenden Interjektionen: von einem gedämpften uuuuuh als Zeichen der Betroffenheit über ein breites aaaaah, wenn man etwas als Übertreibung erkannt hat, bis zum kichernden oooooh als Ausdruck fröhlicher Schadenfreude (das alles ist wichtig, weil die Chilenen sehr gerne Geschichten erzählen, und möglichst solche mit Pointe).

Dank seiner Musikalität eignet sich das Chilenische auch besonders gut dazu, freundlich zu sein. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen, wenn man von Berlin noch das preußisch-gequetschte Idiom der Alteingesessenen und den tiefergelegten Ton der Migrantenkids im Ohr hatte. Hier dagegen kann man selbst einzelne Wörter mit verblüffender Sanftheit aufladen. Ein hoch oben begonnenes und hinten unten beinahe kleinkindlich gestrecktes permiiiso macht im Supermarkt oder auf der Straße den Weg frei, ohne auch nur einen Hauch schlechter Laune zu verbreiten.

Möglich, dass es Dialekte des Deutschen gibt, mit denen man diesen Effekt ansatzweise simulieren kann. Grundsätzlich aber habe ich für mich einen ebenfalls musikalischen Vergleich gefunden, der erklärt, warum das wohlig Weiche des Chilenischen auf unsere Sprache prinzipiell nicht übertragbar ist: Wenn die Chilenen Holzbläser sind, sind die Deutschen Blechbläser. Und auf einer Trompete kann man kein Klarinettenkonzert spielen.

Donnerstag, 2. April 2009

Piñeras bittere Pillen

Spätestens seit die ultrarechte UDI ihn auch zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gekürt hat, gilt Sebastián Piñera wieder als sichere Karte für die Wahl im Dezember. Jedenfalls bei seinen Anhängern und den Demoskopen. Dass die Mehrheit der Chilenen sich nicht im letzten Augenblick doch noch gegen den Geschäftsmann entscheiden könnte, ist nicht ausgeschlossen.

Denn genau diese Eigenschaft - Piñeras Geschäftstüchtigkeit, die ihm ein Vermögen von einer guten Milliarde US-Dollar und Platz 799 auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen eingebracht hat - kommt nur in guten Zeiten gut an. Aber jetzt stehen die Zeichen auf Krise, und zu allem Überfluss ist die Sache mit den Apotheken passiert.

Das pharmazeutische Geschäft in Chile ist stark konzentriert, bei den Apotheken herrscht ein Oligopol aus drei Wettbewerbern. Wie gut dieser Wettbewerb tatsächlich funktioniert, steht spätestens zur Debatte, seit der größte der drei, die Kette Farmacias Ahumada (Fasa), erklärt hat, mit den Konkurrenten Preisabsprachen bei rund 200 Medikamenten getroffen zu haben. Das soll aufs Konto einzelner Manager in untergeordneter Position gehen und lediglich den Zeitraum von November 2007 bis März 2008 betreffen -aber der Skandal ist in der Welt, und vielleicht kommt ja auch noch etwas nach. Noch leugnen die anderen beiden Firmen, Cruz Verde und Salcobrand, die Anschuldigungen gegenüber der ermittelnden Fiscalía Nacional Económica, der Staatsanwaltschaft, die das Kartell aufgedeckt hat.

Das macht jetzt auch Sebastián Piñera schlechte Laune - vor allem, weil er, wie jetzt bekannt wurde, ein paar Millionen Dollar in Fasa-Aktien investiert hat. Das ist wenig im Vergleich zu seinen großen Beteiligungen bei der Fluggesellschaft Lan Chile und dem Fernsehsender Chilevisión, in deren Direktorien er sitzt, und im Vergleich zu diesen Unternehmen muss er über das Geschäftsgebahren der Groß-Apotheker auch nicht en detail Bescheid wissen. Aber die öffentliche Wirkung solcher Erkenntnisse ist verheerend, zumal der Möchtegern-Präsident verlautete, er sei empört und werde "bei nächster Gelegenheit" seine Fasa-Papiere verkaufen. Bei nächster Gelegenheit soll wohl heißen: wenn der Kurs wieder besser steht. Auf eine Gewinnmitnahme verzichtet ein Piñera nicht.

Um einen Eindruck davon zu erhalten, wie der Mann mit den ewig hochgekrempelten Hemdsärmeln tickt, hier ein Interviewausschnitt:




O-Ton Piñera: "Chile ist ein großartiges Land mit einer wunderbaren Zukunft ...blabla ... aber in der Politik muss wieder gute Arbeit geleistet werden ... blabla ... zu viele inkompetente Politiker ... blabla ... meine wahre Berufung ist der öffentliche Dienst ... blabla ... ich selbst werde alle wirtschaftlichen Aktivitäten einstellen, wenn ich Präsident bin ... blabla ... wirtschaftlicher Erfolg ist doch keine Sünde ... blabla ... ich bin sehr stolz darauf, immer hart gearbeitet zu haben und früh aufgestanden zu sein ... blabla ... die Chilenen wissen so etwas auch zu würdigen."

Wenn man Sebastián Piñera heute bei Youtube sucht, stößt man freilich an erster Stelle auf ein anderes Video: die Parodie des Imitators Stefan Kramer beim Festival von Viña im Jahr 2008, schon ein richtiger Klassiker. Kramer hat Piñera einen Satz in den Mund gelegt, den heute jeder kennt: Soy de bracitos cortos pero agarro harto. Piñera hat tatsächlich kurze Ärmchen - und dass er mit ihnen dennoch eine Menge Geld zusammengerafft hat, kann auch niemand bestreiten.

Mittwoch, 1. April 2009

Regen, Regen, Regen


Und plötzlich ist wieder Herbst.
(Press HQ for better quality.)