Das kleine Haus unter Bäumen am See. / Vom Dach steigt Rauch. / Fehlte er / Wie trostlos dann / wären Haus, Bäume und See. (Bertolt Brecht, Buckower Elegien)
Mit der Wiederkehr des Herbstes ist auch der Feinstaub zurück. Um nichts anderes handelt es sich ja bei dem dichten Rauch, der hier an kalten Tagen aus tausend Rohren quillt. In der "Zeit" war erst kürzlich zu lesen, dass die ungebremst steigende Popularität von Holzheizungen - in Deutschland - einen gefährlichen Anstieg der Feinstaubwerte bewirkt. Freilich handelt es sich drüben oft um High-Tech-Pelletbrenner, während hüben gerne feuchtes Holz im Ofen schwelt. Nicht in unserem, aber das Zeug ist schließlich überall.
Der Zeit-Autor zitiert neueste Untersuchungen von Nanotoxikologen, also Medizinern, die die schädlichen Auswirkungen ultrafeiner Partikel im menschlichen Körper erforschen - und die vorläufigen Ergebnisse klingen nicht gut. Zwar liegen bislang mehr Hypothesen als handfeste Erkenntnisse vor, aber manches weist darauf hin, dass Mikrostäube, die die Blut-Hirn-Schranke passieren, um sich im letzteren zu akkumulieren, auf Dauer ein ernsthaftes Risiko darstellen. Zwei Winter in Puerto Montt sollten dafür noch nicht ausreichen, hoffentlich.
Ein Euphemismus, den die Chilenen dieser Tage immer häufiger zu hören bekommen, ist die desvinculación. Früher nannte man das despido, Kündigung. Desvinculaciónsuggeriert so etwas wie "geordnete Ausgliederung aus dem Arbeitsverhältnis", aber der wichtigste Unterschied zum klassischen Auf-die-Straße-Setzen dürfte sich auf sprachlicher Ebene abspielen.
Hier in Puerto Montt kommen die Einschläge der Lachs-Krise immer näher. Besser gesagt: Ein Volltreffer folgt dem nächsten. Gerade hat der Konzern AquaChile (unter den großen Produzenten der einzige mit vorwiegend einheimischem Kapital) die desvinculación von 450 ArbeiterInnen seiner zentralen Verarbeitungsanlage bekannt gegeben. Die Betroffenen erfuhren davon morgens am Werktor. Der Geschäftsführer von AquaChile, Alfonso Márquez de la Plata, ließ verlauten, das Bedauern des Konzernvorstands könne größer nicht sein. Aber der ISA-Virus, der die Fische seit 2007 millionenfach dahinrafft sowie die in den vergangenen Wochen verstärkt aufgetretene "Rote Flut", eine toxische Algenblüte, hätten den Rohstoff - sprich Fisch - im Vorjahresvergleich um 60 Prozent dezimiert.
Den desvinculados will das Unternehmen nach eigenen Angaben Hilfen anbieten, sich rasch wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern - von psychologischer Erstbetreuung über Bewerbungstraining und Unterstützung bei der Jobsuche. Auch die Regierung in Santiago hat gestern angekündigt, Mittel in Höhe von sieben Millionen Euro aufzuwenden, um die Arbeitsmarkteffekte der Lachskrise abzufedern: Beratungsstellen sollen davon finanziert werden, Weiterbildungsmaßnahmen, Beschäftigungsprogramme. Ob das mittelfristig hilft, ist fraglich: Das selbstgemachte ISA-Desaster und die internationale Krise haben nach Gewerkschaftsangaben seit Ende 2007 bereits 17.000 Arbeitsplätze vernichtet.
Derweil hatte der Gewerkschafts-Dachverband CUT am Donnerstag zu Arbeitsniederlegungen und Kundgebungen augerufen, um gegen das Verhalten vieler großer Unternehmen zu protestieren. Die, so die CUT, instrumentalisieren nämlich Krise und Krisenstimmung, um willkürlich zu entlassen oder Löhne zu kürzen. Eine zentrale Forderung der DemonstrantInnen war auch der Aufbau einer neuen staatlichen Altersvorsorge mit garantierten Leistungen. Sie soll das in den Achtzigerjahren geschaffene System der privaten Pensionsfonds (AFP) ersetzen. Viele AFP-Versicherte müssen wegen der weltweiten Kurseinbrüche dramatische Einbrüche ihrer voraussichtlichen Pensionssummen hinnehmen.
Laut CUT nahmen landesweit 135.000 Menschen an den Kundgebungen teil, allein in Santiago 30.000 - das Innenministerium sprach von 15.000 in ganz Chile und 3.000 in Santiago. Dort kam es zu den üblichen Scharmützeln, weil der Demonstrationszug nicht wie geplant über die Alameda ziehen durfte.
Über die gitanos wollte ich schon längst etwas geschrieben haben. Nur ein paar Kilometer von unserem Haus entfernt haben sie ihre Zelte aufgeschlagen. Im letzten Sommer waren es sechs oder sieben, in diesem zwischenzeitlich an die zwanzig, zuletzt nur noch vier. Es sind große, quadratische Hauszelte, bunt gestreift und im oberen Teil mit Sternen oder Monden verziert. Sie stehen auf einem unbebauten, vermüllten Gelände direkt an einer viel befahrenen Kreuzung, dazwischen Pickups und Kleinlaster, spielende Kinder. Eine echte Nomadensiedlung.
Ich schreibe gitanos, weil hier alle gitanos sagen (offenbar auch sie selber), und weil das Wort keinen so negativen Klang hat wie "Zigeuner". Es ist nicht ganz leicht, über sie zu schreiben, zum einen, weil man sie zwar ständig sieht, aber trotzdem wenig über sie weiß, zum anderen, weil man schnell in den Verdacht gerät zu diskriminieren. Die einzigen Begegnungen mit den gitanos sind für gewöhnlich, wenn die Frauen und Mädchen in der Stadt betteln. Eine Art zu betteln, die man gemeinhin als "aggressiv" bezeichnet.
Die Summe aller beiläufigen Beobachtungen könnte lauten: Die chilenischen gitanos bewohnen in jeglicher Hinsicht eine Parallelwelt - und sie haben nicht die Absicht, diese zu verlassen. Genau das - Lebensweisen zu akzeptieren, die nicht oder kaum in die unsere integrierbar sind, weil sie nach einem anderen Prinzip funktionieren - ist ja die größte Herausforderung für jede Antidiskriminierungspolitik. Hier schien das Nebeneinander irgendwie zu funktionieren. Bis Karfreitag.
Auf der anderen Straßenseite des gitano-Lagers befindet sich die población Antonio Varas Norte, vermutlich eine der ärmsten Siedlungen der Stadt und auch eine mit der höchsten Kriminalität. Drogengeschäfte werden hier gemacht, sagt man. Vor einem guten Monat wurde hier ein junger Mann überfahren, der Täter beging Fahrerflucht. In der población ging schon bald das Gerücht um, die gitanos seien Schuld, und an Karfreitag wollte jemand gesehen haben, wie sie das mutmaßliche Tatfahrzeug, einen weißen Pickup, in einem ihrer Zelte versteckten.
Weiße Pickups sind hier freilich Legion (auch wir fahren einen), und nach Angaben der Polizei gibt es bereits deutliche Verdachtsmomente, die mit den gitanos überhaupt nichts zu tun haben. Aber die sind schon gar nicht mehr da: geflohen vor einem Mob aus der benachbarten Siedlung, der sie angriff und mehrere Autos sowie ein Zelt anzündete. Die Feuerwehr wurde an ihrer Arbeit gehindert, schließlich kam die Polizei (die, so die Bewohner des Armenviertels, sich nie für ihre Probleme interessiert hat) und löschte mit dem Wasserwerfer.
Die Politik hat reagiert. Präsidentin Michelle Bachelet, in deren Regierungsprogramm das "Ende jeglicher Form von Diskriminierung" angekündigt wird, will die von dem Pogrom betroffenen Familien empfangen, alle nationalen und regionalen Funktionsträger haben das Geschehene scharf verurteilt, zwei Jugendliche, die mutmaßlich die Brandsätze warfen, wurden verhaftet.
Liest man die zahlreichen Kommentare in Onlinezeitungen oder auf Youtube, kann man einigermaßen beruhigt sein. Offenbar stoßen rassistische Ausschreitungen bei den meisten Chilenen auf einhellige Ablehnung. Und dann erschreckt umgekehrt die Attitüde, mit der manche den Spieß umdrehen: Als "Dealergesindel" und "Proletenpack" werden die pobladores der Antonio Varas Norte beschimpft. Der Tote sei vermutlich sowieso nicht Opfer eines Unfalls, sondern des Angriffs einer rivalisierenden Bande geworden.
Das ganze macht ziemlich ratlos. Eine persönliche Erkenntnis ist freilich mal wieder die, dass Armut nur selten Güte und Solidarität erzeugt (wie ich vor meinem ersten Chile-Einsatz vor zwanzig Jahren noch glaubte), sondern weitaus häufiger Neid, Hass und Gewalt. Deswegen muss man sie ja auch so dringend bekämpfen.
Auch wenn Chilenen ganze Gespräche mit der Vokabel huevón und deren Ableitungen bestreiten können: Ihr Erfindungsreichtum ist enorm. Das chilenische Spanisch strotzt vor modismos – Redewendungen oder Begriffen, die schon im lateinamerikanischen Ausland kaum jemand versteht. Der umgangssprachliche Jargon erneuert sich ständig, meist werden Ausdrücke in Santiago geprägt und verbreiten sich dann schnell über die gesamte Länge des Landes. Einen Chilenen, der das Land nach dem Putsch 1973 in Richtung Europa oder Nordamerika verlassen hat, um zwei oder drei Jahrzehnte später zurückzukehren, erkennen die Daheimgebliebenen spätestens nach zwei Sätzen am Vokabular.
So muss man als Chile-Fan nach ein paar Jahren der Abwesenheit zuallererst seinen Wortschatz updaten. Was um Himmels Willen ist beispielsweise ein flaite? Das Wort ist in aller Munde. Forscht man nach, erfährt man gleichzeitig auch etwas über gesellschaftliche Entwicklungen. Ein flaite, so viel steht inzwischen fest, ist - salopp forumliert - ein Prolet auf Drogen. Es gibt auch den roto, den klassischen Typus der chilenischen Unterschicht, arm, aber nicht auf den Mund gefallen und grundsympathisch. Der flaite hingegen ist eine parasitäre Existenz, ein meist junger Mensch ohne Perspektive, der sich das Hirn längst mit dem Kokain-Abfallprodukt pasta base zu Matsch geraucht hat , raubt und billigenregueton hört. Aber woher kommt das Wort? Es handelt sich um eine Pseudoübertragung des Ausdrucks volao ins Englische. Ein volao ist einer, der unter Drogeneinfluss quasi abhebt (von volar, fliegen). Aber wieso englisch? Chilenen verstehen die Nachfrage nicht ganz: Warum denn nicht? Man sagt ja auch tincar (von think, hier: beabsichtigen), cachar (von catch, hier: begreifen) oder chutear (von shoot, hier: den Ball schießen).
Im Internet kursieren unendlich lange modismo-Listen, die natürlich auch unendlich viel Unanständiges beinhalten. Eine ganz spezifische Variante eher harmloser Redewendungen, die ständig neu erfunden werden, sind die más...que- Konstruktionen. Es handelt sich um Vergleiche, die ihren absurden Witz oft daraus schöpfen, dass sie sich auf das Bezugswort, nicht aber auf dessen Sinn im Kontext beziehen. Disculpa el atraso, kann etwa jemand sein Zuspätkommen entschuldigen, es que me perdí y me di más vueltas que pollo asado. Soll heißen, der Betreffende hat sich verfahren und musste sich deshalb öfter drehen (hier wäre die kontextuelle Bedeutung: mehr Runden drehen) als ein Grillhähnchen.
Oft speisen sich diese Vergleiche auch aus genauen (aber nicht weniger absurden) lebensweltlichen oder gar anatomischen Beobachtungen. Ese huevón es más flojo que la mandíbula de arriba will sagen: Der Typ ist noch fauler als der Oberkiefer. Wieso ist der Oberkiefer faul? Ach stimmt ja, die Arbeit macht nur der untere Teil des Gebisses. Ist jemand más asustado que pez en semana santa, heißt das: Er hat mehr Angst als ein Fisch zu Ostern. Weil zum Osterfest hierzulande immer Fisch oder Meeresfrüchte auf den Tisch kommen. Neueren Datums ist so etwas: Esa tipa es más callada que cajera de peaje. Die so bezeichnete Frau ist extrem wortkarg - schlimmer als eine Kassierin von der Autobahn-Maut. Autofahrer verstehen das sofort.
Mit einer ähnlich gelagerten Redewendung brachte mich letztens mein Freund Chany ins Grübeln. Er pfeife finanziell auf dem letzten Loch, gestand er mir: No me alcanza ni pa' hacer cantar a un ciego. Sein Budget reiche noch nicht mal aus, um einen Blinden zum Singen zu bewegen. Einen Blinden? Zum Singen? Meint er die blinden Sänger, die in jeder chilenischen Stadt Boleros und andere Schnulzen am Straßenrand trällern? Die singen doch stundenlang am Stück? Ach so – wenn's noch nicht mal dafür reicht, muss es schon sehr, sehr wenig sein.