Montag, 1. März 2010

Vermisst und verwirrt

Das idyllische Bild ganz oben habe ich Ende Dezember bei Curanipe aufgenommen. Curanipe liegt in der Maule-Región und wenige Kilometer vom Epizentrum des großen Bebens entfernt. Die Stärke der Erdstöße an dieser Stelle (8,8) mag man sich gar nicht vorstellen, aber schlimmer als die Erschütterungen waren in Curanipe und den benachbarten Küstenorten die Flutwellen, die eine Viertelstunde später den Uferstreifen verwüsteten. Viele Menschen haben offenbar direkt nach dem Beben das einzig Richtige getan und sind landeinwärts bzw. bergauf geflüchtet. Alle schafften das leider nicht - oder hielten es in Ermangelung einer Warnung nicht für nötig.

Ob die zuständige Einheit der Marine (der Servicio Hidrográfico y Oceanográfico de la Armada de Chile, Kürzel: SHOA) tatsächlich einen folgenschweren Irrtum beging und direkt nach dem Beben die Gefahr eines Tsunamis ausschloss, oder ob die Regierung eine entsprechende Warnung nicht weiterverbreitet hat, ist derzeit heiß umstritten. Freilich stellt sich die Frage, ob eine offizielle Auforderung, aus der Gefahrenzone zu flüchten, die Menschen überhaupt bzw. rechtzeitig erreicht hätte. Bislang werden 50 Tote aus der Gegend um Curanipe gemeldet - in Wirklichkeit dürften es noch viel mehr sein.

Wir wohnten im Dezember in einer von einem deutsch-argentinischen Paar betriebenen Ferienanlage, wunderschön etwa 15 Meter oberhalb des menschenleeren Strandes gelegen. Diese 15 Meter könnten den beiden und etwaigen Gästen das Leben gerettet haben, aber wir wissen es nicht. Die chilenische Google-Seite hat einen Personenfinder eingerichtet, wo jeder Informationen über vermisste Menschen hinterlegen kann. Leider finden sich dort bis jetzt nur Suchanzeigen.

Derweil treibt noch eine andere Debatte die Chilenen um: Wie kann es sein, dass so viele Menschen die Naturkatastrophe ausnutzen, um an sich zu reißen, was nicht niet- und nagelfest ist? Wenn man den Fernsehbildern und Reporterberichten Glauben schenken darf, geht es ja nicht nur um Plünderung und Brandstiftung in einzelnen großen Supermärkten, auch längst nicht nur um die Aneignung von Lebensmitteln. Ausgeweidet werden auch zerstörte Häuser und Autos, selbst in den kleineren Orten. In Concepción und anderswo glauben Einwohner sich mit bewaffneten Bürgerwehren vor marodierenden Banden schützen zu müssen. Die Angst vor den Anderen überwiegt mancherorts die Angst vor der Natur.

Aber kann man den Fernsehbildern trauen? Wer mit den Mechanismen der Berichterstattung ein wenig vertraut ist, ertappt sich ständig dabei, erst diese Bilder und dann wieder die eigene Skepsis in Frage zu stellen. Sicher, da wird immer das eine Haus in Trümmern gezeigt, neben dem, unsichtbar für den Zuschauer, hundert andere stehen, die weit weniger in Mitleidenschaft gezogen wurden. Da hält der Fotograf die Kamera ein paar Zentimeter über den Boden, und schon sieht der kleine Riss im Asphalt aus wie eine abgrundtiefe Erdspalte. Vielleicht handelt es sich auch bei den plündernden Horden nur um ein dreckiges Dutzend, und zwei Straßen weiter filmt niemand, wie sich die Menschen beim Überleben helfen? Wer weiß. Die Luftaufnahmen aus den vom Tsunami betroffenen Küstenorten wie Curanipe sprechen allerdings eine eigene Sprache - die lassen sich auch durch dramatische Hintergrundmusik kaum noch schlimmer machen.

Hinter vorgehaltener Hand (bisweilen auch ganz explizit) wird derweil analysiert, was das Desaster für die scheidende und für die nachfolgende Regierung bedeutet. Man könnte es, ein wenig kalt und zynisch, so ausdrücken: In den ersten Tagen hat sich Sebastián Piñera möglicherweise geärgert, dass das Megabeben - wenn es denn schon sein musste - nicht in die ersten Monate seiner Amtszeit fiel. So konnte die Concertación in den letzten Tagen ihrer Existenz noch einmal beweisen, was sie für das Land zu tun imstande war.

Inzwischen hat sich das Blatt allerdings gewendet: Die Kritik an der amtierenden Regierung, zu spät und nicht konsequent genug zu handeln, wird immer stärker. Ob sie berechtigt ist, steht dahin, schließlich sind in solchen Notsituationen alle gleichzeitig der Meinung, gerade ihnen müsse zuallererst geholfen werden. Aber wenn Michelle Bachelet in dieser und der kommenden Woche nicht noch Handlungsfähigkeit demonstriert, wird das Erdbeben ihrem Ansehen und dem der gesamten 20 Regierungsjahre der Concertación sehr schaden - während Piñera sich als Mann des Wiederaufbaus in Szene setzen und gleichzeitig viele seiner vollmundigen Wahlversprechen zurückschrauben kann. Die Begeisterung, mit der viele in Concepción die einrückenden Soldaten begrüßten, die dort für Ruhe und Ordnung sorgen sollen, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass Piñeras angekündigte Politik der harten Hand auf sehr fruchtbaren Boden fallen wird.

Sonntag, 28. Februar 2010

Kontrollierte Plünderung

Auf dem Weg zum Supermarkt spricht der intendente im Radio. Der regionale Regierungschef lädt die Bürger von Puerto Montt dazu ein, sich solidarisch mit dem Rest des Landes zu zeigen, der vor exakt 50 Jahren mit der verwüsteten Hafenstadt ebenso solidarisch war. Der intendente hat sich eine griffige Formel ausgedacht: ALP. Das heißt agua, leche, pañales - Wasser, Milch und Windeln. Warum nicht Mehl, Öl oder Zucker gesammelt werden, weiß ich nicht, vielleicht sammeln das andere Städte. Bei "Jumbo" kaufe ich drei Kilo Milchpulver, fahre auf dem Rückweg bei der Abgabestelle vorbei und bin einer der ersten Spender. Man filmt mich.

Überhaupt: Wer sollte eigentlich spenden, wieviel und warum? Natürlich helfe ich gern, Solidarität ist wichtig. Aber haben die betroffenen Regionen, hat die Zentralregierung keine Lebensmittellager für den Katastrophenfall? Chile ist ja nicht Haiti, in normalen Zeiten ist hier nicht Unterernährung ein verbreitetes Problem, sondern Fettleibigkeit. Und wenn schon die öffentlichen Stellen eine notleidende Bevölkerung nicht zeitnah versorgen können, sollte man nicht zwischenzeitlich die riesigen Warenlager der Supermarktketten konsfiszieren?

Das denken einige in Concepción und anderen vom Beben stark betroffenen Städten auch. In Conce haben sie heute morgen kurzerhand einen "Líder"-Supermarkt geknackt. Zuerst setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, dann beugte sie sich dem Druck der Masse und ließ die Leute kontrolliert plündern. Ähnlich großformatige Aneignungsversuche in anderen Städten sind bislang gescheitert.

Wenn die sprichwörtliche öffentliche Ordnung durch ein Naturphänomen ausgehebelt wird, wirft das interessante und ethisch komplexe Fragen auf. Kann man eine arme Frau, in deren Wohnsiedlung es kein Wasser und keinen Strom gibt, ernsthaft daran hindern, ein paar Grundnahrungsmittel unbezahlt aus dem Laden zu tragen? Wohl kaum. Dass der Mann, der vor laufenden Fernehkameras einen originalverpackten Kühlschrank aus dem Geschäft trägt, nicht vom Überlebensdrang geleitet wird, dürfte auch klar sein. Aber wie steht es mit den beiden da, aus deren Einkaufswagen ein kompletter Serrano-Schinken und Spirituosenflaschen ragen? Und was, wenn - wie berichtet - die geplünderten Waren zu Wucherpreisen weiterverkauft werden?

Die Szenen in Concepción uns anderswo erzählen natürlich auch davon, dass Chile kein armes, aber weiterhin ein in Arm und Reich gespaltenes Land ist. Ein Land, in dem andererseits der Konsum so groß geschrieben wird, dass die, die daran unter normalen Bedingungen kaum teilhaben können, jede Chance ergreifen. Heute Mittag hat die Präsidentin erst einmal den Ausnahmezustand über Concepción verhängt - nächtliche Ausgangssperre und Militärpräsenz einbegriffen.

Samstag, 27. Februar 2010

Morgengrauen

Während ich dies hier schreibe, scheint draußen die Sonne. Vögel zwitschern, beim Nachbar wird der Brennholzvorrat für den Winter abgeladen. Die Normalität ist verblüffend, wenn gleichzeitig der Fernseher läuft. Chile ist ein langes Land.

Ganz so normal ist das Leben heute aber auch nicht in Puerto Montt: An den Tankstellen stehen lange Autoschlangen. Die Menschen hamstern Benzin, man weiß ja nie. Auch das Brot ist ausverkauft. Wasser fließt nur spärlich.

Die Fakten über das schwere Erdbeben lese man hier oder anderswo. Ich erzähle nur schnell, wie wir das Beben erlebt haben:

Wir schlafen in einem Hostel in Cucao, an der wilden Westküste von Chiloé. Ein traumhaft ruhiger Ort, nur das Meer tost immer vernehmlich im Hintergrund. Dann bebt es, schwach, aber ungewöhnlich lange. Umdrehen, versuchen weiterzuschlafen. Irgenwann bebt es wieder. Hose an, draußen nachsehen. Das Licht geht nicht. Dafür schreien Leute auf der anderen Straßenseite, unten am Fluss. Autos fahren an, Scheinwerfer flackern im Dunkeln. Und die Nachricht, die letzte, die unsere Gastgeber per Telefon erreicht: starkes Erdbeben weiter nördlich. Jetzt erfasst auch uns die Panik. Was, wenn der Tsunami kommt? Eine Frau, die bei uns im Hostel wohnt, weint und fleht uns an, sie, ihren Mann und ihren Sohn mit dem Auto wegzubringen. Machen wir.

Die eigenen Kinder packen wir halb schlafend ins Auto, zu siebt verlassen wir den dunklen Ort. Ich fahre mit zusammengekniffenen Augen, meine Brille habe ich in der Eile nicht gefunden. In Chonchi, das wir erreichen, als gerade die Sonne aufgeht, weiß niemand etwas. Die Polizisten in der Wache zucken düster mit den Schultern, sie sind ebenso ahnungslos wie wir. Schließlich treffen wir einen Lastwagenfahrer an der Tankstelle, der auf Mittelwelle einen Sender aus Valparaíso empfängt. Während die Zeit vergeht, fällt die Spannung von uns etwas ab - zumindest wird es wohl erst einmal keinen Tsunami geben, nicht hier. Also zurück nach Cucao, im schönsten Morgenlicht. Gefrühstückt, bezahlt und nichts wie weg.

Unterwegs erkennt man keinerlei Schäden. Und zu Hause sind selbst die Shampooflaschen auf dem Badewannenrand stehen geblieben. Gelitten hat nur meine Brille: Ich finde sie wieder, in dem ich darauftrete.

Alles in Ordnung also - nur nicht für Millionen Menschen weiter nördlich.

PS: Ist es zynisch, an diesem Tag an das "Erdbeben in Chili" zu erinnern? Wie soeben gemeldet wird, konnten 260 Insassen des Gefängnisses von Chillán flüchten, weil eine Mauer der Anstalt zusammenbrach. Siehe Kleist.

Samstag, 13. Februar 2010

Nachtreten im Wald


Das Cochamó-Tal ist von Puerto Montt gerade einmal 50 Kilometer Luftlinie entfernt, aber weil dazwischen ein Vulkan, ein See, ein Fjord und undurchdringlicher Wald liegen, dauert die Fahrt dorthin (das letzte Drittel über Schotterstraße) mindestens zwei Stunden. Tourismusveranstalter preisen es als eines von "Chile's best kept natural secrets", und auch wenn sich das Geheimnis langsam herumspricht - die Unzugänglichkeit des Andentals bewahrt es wohl noch für viele Jahre vor dem Massentourismus.

Wir waren für zwei Nächte im Campo Aventura abgestiegen, einem wun­der­ba­ren, rustikalen Hostel am Taleingang, das nach deutschen und luxem­bur­gi­schen Betreibern heute von einem US-Amerikaner und einer Inderin geleitet wird, die zuletzt lange in Südafrika gelebt haben. Von hier aus geht es noch ein paar Kilometer mit dem Auto, dann nur noch auf dem Pferd oder zu Fuß weiter. Weil uns die erste Methode zu teuer war und man mit der zweiten in ein paar Stunden nicht allzu weit kommt, blieb uns die eigentliche Attraktion des Tals verborgen: die Granitfelsen rund um den Weiler La Junta, die schon als das "Yosemite von Chile" beworben werden und für Profi-Kletterer auf der ganzen Welt ein Muss sein sollen.

Schön ist es aber auch ohne Kletterhaken und Seil - etwa, wenn man sich auf steilen Wegen in ein Seitental vorarbeitet, wo ein einsames Bauernpaar lebt und sich mit Motorsäge und Machete dem mühsamen Geschäft der Urbarmachung widmet. Direkt an die gerodeten Flächen schließt sich dann wieder praktisch unberührter Urwald an, durch den Bäche mit kristallklarem Wasser fließen.

Nicht so schön ist die Begegnung mit den tábanos. Die großen, schwarzen Pferdebremsen terrorisieren in den Sommermonaten die gesamte patagonische Region. Manch ein Reisender hat schon seine Route geändert, nachdem er die Bekanntschaft mit dem lästigen Insekt gemacht hat (ein weiteres Foto hier).


Der tábano verhält sich zur Stubenfliege wie ein Chinook-Hubschrauber der US Army zu einem Helikopter des ADAC. Die drei bis vier Zentimeter langen Tiere summen und brummen um den Wanderer herum, sobald der aus dem Schatten des Waldes ins Sonnenlicht tritt, zumal wenn Wasser in der Nähe ist. Dunkle Kleidung übt einen geradezu magnetischen Effekt auf den tábano aus, der sein Opfer schlauerweise immer von hinten anfliegt und sich durch Wedeln oder Schlagen niemals vertreiben lässt. Zum Glück ist die Riesenbremse in anderer Hinsicht ziemlich dumm: Sie versucht immer, durch das Kleidungsstück, das ihr beschränkter Intellekt wohl für Fell hält, hindurchzustechen, anstatt sich ein paar Zentimeter weiter auf der schweißnassen Haut des Opfers niederzulassen. Und deshalb wird der tábano selbst auch relativ leicht zum Opfer.

Abschließend zwei Tipps für alle Patagonien-Urlauber, die wie ich in einem schwarzen T-Shirt unterwegs sein sollten (Veganer und Buddhisten bitte nicht weiterlesen): Erstens muss man dem tábano nach der Landung einige Sekunden Zeit lassen, seine Stech- und Saugwerkzeuge auszufahren. Das beschäftigt ihn so sehr, dass man ihn problemlos mit der Hand erschlagen kann. Zweitens: Man kann den tábano nicht problemlos mit der Hand erschlagen. Die Tiere stecken selbst einen Volltreffer weg, fallen vielleicht zu Boden, berappeln sich aber und starten einen neuen Angriff. Hier bekommt der Begriff des Nachtretens eine neue Bedeutung. Schön ist das Knirschen des Chitinpanzers nicht, aber danach herrscht endlich Stille. Eine Stille, in die sich das Glucksen des chucao mischt, das Rauschen des Flusses, das Säuseln der Blätter, das Summen ... Summen? Oh nein, nicht schon wieder.

Freitag, 15. Januar 2010

Wer sticht?

Aus gebührendem Abstand (Argentinien/Uruguay) beobachtet der Blogger das Geschehen in den letzten Tagen vor der Stichwahl in Chile. So wie es aussieht, wird das Ergebnis sehr, sehr knapp ausfallen - aber wahrscheinlich zugunsten von Dollarmilliardär und Tausendsassa Sebastián Piñera. Trotz des (wenig enthusiastischen) Bekennntnisses von Marco Enríquez-Ominami zum Kandidaten der Concertación, Eduardo Frei. Siehe auch hier.

Wenn 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur und zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert wieder ein rechter Kandidat die Präsidentschaftswahl gewinnt, liegt das auch und vielleicht in erster Linie an all denen, die von den Regierungen der Concertación so enttäuscht sind, dass sie einen leeren oder ungültigen Stimmzettel angeben werden (für alle, die ins Wahlregister eingetragen sind, besteht Wahlpflicht). Wir haben in den vergangenen Wochen mit mehr als einem von ihnen gesprochen, und wenn man ein wenig nachbohrt, geben die meisten zu, dass eine Regierung Frei wohl tatsächlich ein wenig sozialer, liberaler und partizipativer wäre als eine Regierung Piñera. Aber dass die regierende Koalition seit Jahren mehr mit politischen Hahnenkämpfen und Korruptionsskandälchen Schlagzeilen macht als mit der immer wieder versprochenen Verfassungsreform oder anderen Großprojekten, das wollen sie ihr irgendwie nicht verzeihen.
Manche, die aus dem marxistischen Lager stammen, sprechen leicht verschämt davon, eine rechte Regierung sei doch auch eine Chance: weil sie "die gesellschaftlichen Widersprüche verschärfen" würde. So richtig scheinen sie selbst nicht an diese These zu glauben.

(Wegen Urlaub wird das Blog in den kommenden Wochen weiter auf Sparflamme köcheln.)

Mittwoch, 6. Januar 2010

Sauber und gebrochen

Clip ansehen: aufs Bild klicken

Ein Mann kommt an am Flughafen von Santiago, zusammen mit seinem kleinen Sohn. Sie besteigen ein Taxi, später die U-Bahn. Gemeinsam staunen sie über die moderne Stadt, in der die Autobahn aus Platzgründen unter den Fluss gelegt wurde und die metro sauberer ist als zuhause in ... Berlin. Am Ende will der neugierige Junge die Moneda betreten, den Ort wo Allende starb und Pinochet regierte, der Vater erschrickt und will ihn aufhalten, aber dann sagt die freundliche junge Dame, die den Präsidentenpalast gerade verlässt, dass der Lucas natürlich gerne hineindarf. So sehr hat sich Chile verändert.

Die kleine Geschichte ist Teil des aktuellen Wahlkampfspots von Eduardo Frei. Richtig ist, dass Santiago in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen gewaltigen Modernisierungsschub durchgemacht hat. Dass die Stadt wächst und brummt und glänzt (wenn auch nicht an allen Stellen). Und dass die in den vergangenen Jahren großzügig ausgebaute U-Bahn in der Tat besser, schneller und unvergleichlich sauberer ist als ihr Berliner Pendant. Die metro von Santiago beschleunigt sogar ihre Linien durch ein ausgeklügeltes Express-System, bei dem zu den Stoßzeiten nicht alle Züge auf allen Bahnhöfen halten. Von so viel Innovation kann man in Deutschland nur träumen.

Falsch ist, dass jeder jederzeit durch die Höfe der Moneda spazieren kann. Theoretisch ginge das, aber ich habe es noch nie geschafft. Aus irgendwelchen Sicherheitsgründen ist der Zugang immer gerade eingeschränkt.

Absurd ist, dass der (wenn ich den Plot richtig begriffen habe) in Deutschland aufwachsende Sohn eines Chilenen, der, seinem Alter nach zu urteilen, selbst als Kind ins Exil gegangen sein muss, stark gebrochen Deutsch spricht. Aber ist ja nur Fernsehen und merkt ja - fast - keiner.

Dienstag, 5. Januar 2010

Ein Folterzentrum mit vier Masten

Ni blanca, ni pura / fue centro de tortura.
Ni blanca, ni pura / fue centro de tortura.
Ni blanca, ni pura / fue centro de tortura.

Mehrere Dutzend mal rufen die Demonstranten diesen Spruch aus Leibeskräften und mit Hilfe eines einzelnen Megafons über das Hafenbecken. Dort wird gerade die "Esmeralda" aufs offene Meer hinausgezogen, das Segelschulschiff und der ganze Stolz der chilenischen Marine. Aber rein und weiß ist der Viermaster eben nur äußerlich: Im Jahr 1973 diente er den putschenden Admirälen als Fol­ter­zentrum. Vor Anker in der Bucht von Valparaíso, wurden in den Tagen und Wo­chen nach dem 11. September über hundert politische Gefangene an Bord ge­bracht und zum Teil schwer misshandelt.

Einer von ihnen starb am 22. September '73 an den Folgen der Folter: der katholische Arbeiterpriester Miguel Woodward. Der 1930 geborene Sohn einer Chilenin und eines Engländers war in Chile und Großbritannien aufgewachsen. In den Sechzigerjahren geriet er zunehmend in Konflikt mit seiner Kirche, arbeitete in einer Werft von Valparaíso als Dreher und baute sich ein Häuschen in einem armen Viertel. Auch politisch aktiv war er in den Jahren vor dem Putsch: Er schloss sich dem MAPU an, einer Abspaltung der Christdemokraten, innerhalb der Unidad Popular von Salvador Allende. Mit diesem Profil war er den Putschisten mehr als suspekt.

Immer, wenn die "Esmeralda" auf eine ihrer Weltumseglungen geht, stehen Freun­de und Verwandte von Opfern und somit auch von Miguel Woodward am Ha­fen, um Gerechtigkeit und Aufklärung zu fordern. Viele sind es nicht, mal zwan­zig, mal dreißig, mal weniger. Sie lassen sich nicht beirren: "Solange keiner der Ver­ant­wortlichen für Miguels Ermordung verurteilt ist, werden wir hier stehen und an­kla­gen", sagt Jaime, der Philosophieprofessor. Mit ihm demonstrieren heute auch ei­ni­ge Ex-Marinesoldaten, die im Vorfeld des Putsches von ihren Posten entführt und ebenfalls gefoltert wurden, weil sie verfassungstreu waren und den Umsturz ablehnten.

Jaimes Frau Myriam ist Kindergärtnerin, sie hat eine Spruchband-Rolle auf dem Weg zum Hafen mit Geschenkpapier getarnt - um nicht von Polizei oder Marine am Demonstrieren gehindert zu werden. Die armada möchte ihr Image nicht beschmutzt sehen, wenn die Rekruten auf große Fahrt gehen. Weil die Familien der jungen Matrosen sich zum Abschied auch am Hafen versammeln, stellen sich die Demonstranten immer ein wenig entfernt auf. "Einmal standen wir ne­ben­einander, da wurden wir von den Angehörigen beschimpft", erzählt Myriam. Sie weiß aber auch, dass in vielen Ländern, in denen die "Esmeralda" anlegt, Men­schen­rechtsgruppen bei der Ankunft des Schiffes demonstrieren. Immer wie­der. Es ist eine Strategie der Beharrlichkeit.

Die Strategie der Sicherheitskräfte bezüglich der Demonstranten besteht offenbar darin, diese zu ignorieren. Nach Abschluss der Kundgebung am Hafen zieht die kleine Gruppe unbehelligt vor das zentral gelegene Gebäude der ehemaligen Regionalregierung, seit Pinochets Tagen Hauptsitz der Marine. Niemand schreitet ein, niemand schaut aus dem Fenster. Auch das Fernsehen zeigt am Abend lediglich die Abschiedsszenen der Matrosen und ihrer Familien. Die Freunde von Miguel Woodward und die anderen Aktivisten lassen sich davon nicht ver­un­sichern. Sie werden zur Stelle sein, wenn die Esmeralda im August von ihrer 55. Ausbildungsfahrt nach Valparaíso zurückkehrt.

Sonntag, 3. Januar 2010

Entspannt knallen lassen


Ich plädiere hiermit für die Verlegung der deutschen Silvesterfeier in die Som­mer­mo­na­te. Außerdem muss schnellstmöglich der Raketenverkauf un­ter­bun­den werden. Wer erlebt hat, wie man das neue Jahr in Viña del Mar be­grüßt, kann zu keinem anderen Schluss kommen.

Gut, Viña ist immer noch ein Badeort für Besserverdienende und nur bedingt repräsentativ für das chilenische año nuevo. Aber grundsätzlich wird klar: Ein professionell abgebranntes Feuerwerk in einer lauen Nacht zu betrachten, ist deutlich besser, als mit Aldi-Raketen die Winterluft zu vernebeln. Das Knallzeug, von Wunderkerzen und ähnlichem abgesehen, haben die chilenischen Behörden vor ein paar Jahren aus den Läden verbannt, weil sich schwere Unfälle häuften. Ei­ne Revolte gab es deshalb nicht.

Um aus Silvester ein so friedlich-ausgelassenes Fest zu machen, wie es an der Bucht von Valparaíso gefeiert wird, müsste man den Deutschen freilich auch noch das massenhafte Biersaufen, Grölen und S-Bahn-Vollkotzen verbieten. In Chile, wo öffentlicher Alkoholkonsum grundsätzlich untersagt ist, wird gerade mal ein Fläschchen Sekt in der Silvesternacht toleriert. Das trinken viele dann am Strand oder auf der Uferpromenade, wo sie einen Campingtisch aufgebaut und mit Kon­fet­ti verziert haben. Als das pyrotechnische Spektakel vorbei ist, fließt die rie­si­ge Menschenmasse langsam, aber entspannt aus der Feierzone, es gibt kein Ge­brüll, keine bösen Worte, kaum Scherben. Ein Traum.

Freitag, 25. Dezember 2009

Feuchte Nacht, heulende Nacht

Oberflächlich betrachtet bietet Weihnachten auf der Südhalbkugel das Kon­trast­pro­gramm zum winterkalten Norden, wo man ja auch das entsprechende Zu­be­hör (Lichter, Rentiere usw.) erfunden hat. Bei sommerlichen Temperaturen schwit­zen­de Männer in roten Anzügen und falschen Bärten sind ein beliebtes Mo­tiv der Bildagenturen. Nur unser südchilenisches Mikroklima spielt mal wieder nicht mit: Wenn abends der Regen ans Fenster trommelt und die Briketts im Ofen fla­ckern, merkt man kaum einen Unterschied zum deutschen Weih­nachts­tau­wet­ter.

Der Baum ist aus Plastik und muss beim Aufstellen nicht angespitzt, sondern aufgebogen werden. Das Käsefondue funktioniert auch mit hiesigen Zutaten und im Aluminiumtopf, als Rechaud dient der Campingkocher. Das Viertel wirkt aus­ge­stor­ben. Viele sind über den Feiertag weggefahren, die Nachbarin bat uns kon­spi­ra­tiv, ein Auge auf ihr Haus zu werfen. Im Haus gegenüber ist eine Hündin läu­fig. Die streundenden Rüden, allen voran der Dalmatiner, versuchen seit Tagen ver­zwei­felt, sich unterm Zaun durchzugraben. Nachts halten sie Wache und heulen.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Fall Frei: Die Wahrheit kommt ans Licht


Was für ein Timing: Als der Untersuchungsrichter Alejandro Madrid Anfang Dezember Haftbefehle gegen sechs Personen wegen Mordes an Eduardo Frei Montalva ausstellen ließ, war das genau sechs Tage vor der Prä­si­dent­schaftswahl - zu der Eduardo Frei Ruiz-Tagle, Sohn des früheren Prä­si­den­ten und selbst Ex-Präsident, als Kandidat antrat. Dass die seit Jahren laufenden Er­mitt­lungen ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt in der Nennung mutmaßlicher Schul­di­ger gipfelten, wurde von Vertretern der rechten Opposition sofort als Wahl­be­ein­flus­sung gerügt. Wegen dieses zumindest nicht völlig abwegigen Ver­dachts ist höchst fraglich, ob der Fall Frei dem Kandidaten in der anstehenden Stich­wahl eher hilft oder schadet.

Dabei ist die nunmehr offizielle Feststellung, dass Frei Montalva 1982 Opfer eines Giftmords wurde, eine mittlere Sensation. Der Christ­de­mo­krat war eine wichtige Oppositionsfigur unter Pinochet, als er sich in einer Pri­vat­kli­nik einer harmlosen Leistenbruchoperation unterzog. Mehrere Wo­chen später war er tot - aufgrund unvorhersehbarer Komplikationen durch eine Bauchfellentzündung mit anschließender Sepsis. Erst zu Anfang des neuen Jahrtausends schalteten Freis engste Angehörige aufgrund neuer Verdachtsmomente die Justiz ein. Frei Montalvas Überreste wurden 2004 exhumiert und von zwei Spezialistinnen der Universidad de Chile untersucht - die prompt Spuren von Senfgas und dem hochgiftigen Schwermetall Thallium fanden.

Das wiederum deutet auf eine Beteiligung des Militärgeheimdienstes DINA hin - in Person des Chemikers Eugenio Berríos, der Substanzen wie das Nervengift Sarin herstellte. Aussagen kann er freilich nicht mehr, er wurde 1993 in Uruguay ermordet, möglicherweise um ebendies schon damals zu verhindern. Die kom­ple­xen personellen Zusammenhänge der Frei-Ermordung hat die Journalistin Mó­ni­ca González akribisch ver­folgt und in einem hervorragenden Dossier

Jetzt neigt sich die Waage wieder in die andere Richtung: Richter Madrid wur­de wegen mutmaßlicher Befangenheit von einem höherinstanzlichen Ge­richt vorläufig vom Verfahren suspendiert, und der Oberste Gerichtshof könn­te am kommenden Montag mehreren Beschwerden stattgeben und die verhängten Haft­befehle gegen beteiligte Ärzte und Komplizen auf­he­ben. Eine Verurteilung liegt noch in weiter Ferne. Immerhin wird Se­bas­tián Piñera, wenn er am 17. Januar die Stich­wahl gegen Frei jr. gewinnen sollte, die Untersuchungen entschlossen vo­ran­trei­ben. Hat er gesagt.

Foto (dpa): E. Frei (Sohn) steigt aus dem Grab von E. Frei (Vater)

Samstag, 19. Dezember 2009

Junge Frauen wählen anders

Kleine Wahl-Nachlese: Als am vergangenen Sonntag die Stimmen ausgezählt wur­den, hatten wir uns einer uns persönlich bekannten Gruppe von Wahl­be­ob­ach­tern in Santiago angeschlossen. Es handelte sich um ein kleines, qua­si familiäres Kommando der PPD, Teil der Concertación und somit Un­ter­stüt­ze­rin des Kan­di­da­ten Eduardo Frei. Umso größer war die Bestürzung unserer Freunde, als an der ersten mesa (dem Wahl-Tisch, von dessen Art es rund zwanzig in jener Schule im Stadtteil Cerrillos gab, in die es uns verschlagen hatte) der abtrünnige Sozialist Marco Enríquez-Ominami (MEO) nicht nur Frei, sondern sogar den Oppositionskandidaten Sebastián Piñera überflügelte. Der galt zu Recht als Favorit im ersten Wahlgang mit vier Kandidaten. MEO hingegen sollte laut allen Umfragen deutlich hinter Frei landen, und so war es dann ja auch. Nur nicht an diesem einen Tisch.

Die Gründe dafür kann man in einigen Besonderheiten des chilenischen Wahl­pro­ze­de­res suchen. Hier treffen sich in einem Wahllokal nicht nur Menschen aus demselben Viertel und somit demselben sozioökonomischen Umfeld (wie in Deutschland und anderswo auch), gewählt wird getrennt nach Geschlechtern und gestaffelt nach Alter. Es gibt Männer-Tische und Frauen-Tische, und weil man ein ganzes Wählerleben lang an seine mesa gebunden ist, sterben die mit den niedrigen Nummern langsam aus, während immer wieder neue, höher nummerierte Tische aufgemacht werden. Beim besagten Tisch handelte es sich um den "jüngsten" in einem Frauen-Wahllokal. Fazit: Junge Frauen der unteren Mittelschicht entschieden sich mehrheitlich für den jungen Marco. Warum, das muss jeder für sich selbst beantworten.

PS: Chilenische Wahlzettel müssen nach einem ganz bestimmten Prinzip entlang vorgegebener Linien zusammengefaltet und am Ende mit einer selbstklebenden Marke zu einem Briefchen verschlossen werden. Auf Nachfrage gaben die be­frag­ten Chilenen zu Protokoll, sie hatten es für eine weltweit übliche Praxis ge­hal­ten, Wahlzettel entlang vorgebebener Linien zu falten und mit selbstklebenden Mar­ken zuzukleben. Die Gründe für das Falten und Kleben sind offenbar in Ver­ges­sen­heit geraten.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Die Stimme der 80er



An diesem Sonntag trifft Chile nicht nur eine Vorentscheidung über seinen künftigen Präsidenten - es gibt auch ein Jubiläum zu feiern: Vor exakt 25 Jahren veröffentlichte das Mini-Kassetten-Label "Fusión" das allererste Album der Prisioneros, "La voz de los 80". Nicht mehr und nicht weniger als 1.000 Kopien kamen auf den Markt - aber der Erfolg der Gitarre-Bass-Drums-Formation vom Stadtrand Santiagos war so phä­no­me­nal, dass ein halbes Jahr später EMI zugriff und nach­leg­te.


Zusammen mit den sozialkritischen Texten von Sänger Jorge González traf der punkige New-Wave-Sound der Band den Nerv der bis dahin blei­schwe­ren chilenischen Achtzigerjahre. Und Klassiker wie "La­ti­no­amé­ri­ca es un pueblo al sur de Estados Unidos", "¿Quién mató a Marilyn?" oder "Sexo" klingen noch erstaunlich frisch. Rührend mutet dagegen heute der selbst zusammengeschnipselte Videoclip an. Lus­ti­ger­wei­se fanden es die Chilenen damals völlig normal, dass González für die Kamera zum Schein in ein verkabeltes Mikrofon sang.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Private Landschaft

Wer Chiles Landschaften für sich erschließen will, hat zwei ernstzunehmende Gegner: das Privateigentum und die Wildnis.

Die Sache mit dem Eigentum ist einfach: Es gibt in Chile zwar ein Gesetz, das den öffentlichen und kostenlosen Zugang zu allen (Meer-, See- und Fluss-) Stränden garantiert, aber leider kein vergleichbares für Wald und Flur. Wie kostbar die deutschen Wald- und Wegerechte sind, die den Wanderer in seinem Bewegungsdrang weitgehend unbehelligt lassen, wird einem hier bald klar, wenn die Idylle abseits der Straße mal wieder eingezäunt und unzugänglich ist: Privatbesitz, Betreten verboten. Das gilt für kultivierte wie für Brachflächen. Die Furcht vor illegalen Aneignungen spielt dabei in einem Land mit einer extremen Kluft zwischen Arm und Reich eine große Rolle.

Sicher, man kann den Eigentümer fragen, ob er den Durchgang gestattet. Man kann auch einfach durch den Stacheldraht schlüpfen. Mit Konsequenzen, evtl. in Form eines bissigen Hundes, muss man freilich rechnen. Umso lobenswerter sind deshalb öffentliche Initiativen wie der noch unter Präsident Ricardo Lagos ins Leben gerufene Sendero de Chile. Das Projekt, Chile auf seiner gesamten Länge durch einen allgemein zugänglichen Wanderweg zu erschließen, wurde zwar im Hinblick auf die Zweihundertjahrfeier der Republik im kommenden Jahr erdacht, wird aber wohl selbst hundert Jahre für seine Verwirklichung benötigen. Die Arbeitsgruppe der nationalen Tourismusbehörde, die mit dem "Sendero" betraut ist, muss mit wenig Mitteln den Ausbau in ausgewählten Regionen vorantreiben und dabei ständig mit Landbesitzern um die Erteilung von Durchgangsrechten kämpfen.

Und dann die Wildnis: Was jenseits des land- und forstwirtschaftlich genutzten Gebiets liegt, ist, zumindest im regenreichen Süden Chiles, von atemberaubender Undurchdringlichkeit. Dass es in den riesigen Nationalparks oft nur wenige Kilometer Wanderwege gibt, liegt an der mühevollen und langwierigen Arbeit, in der die Waldarbeiter mit Motorsägen Pfade ins Dickicht schneiden, Stege zimmern und hölzerne Treppenstufen in die matschigen Urwaldhänge hauen. Auch hier gilt: Vom Weg abweichen gibt's nicht, weil: geht nicht.


Freitag, 4. Dezember 2009

Víctors letzter Auftritt


Jetzt bekommt der chilenische Sänger Víctor Jara doch noch ein wür­di­ges Begräbnis: Seit Donnerstag und noch bis Samstag sind die sterb­li­chen Überreste des 1973 vom Militär ermordeten Sängers in der nach ihm benannten Stiftung in Santiago aufgebahrt. Hunderte haben bislang schon Totenwache gehalten, allen voran Jaras Witwe Joan und die beiden Töchter. Am Samstag soll Jara mit allen Ehren auf dem Hauptfriedhof beigesetzt werden. Dort lag er bereits seit seiner heimlichen Bestattung am 18. September 1973. Vor mehreren Monaten hatte ein Un­ter­su­chungs­rich­ter die Exhumierung angeordnet.

Hier eine Fotogalerie von Jaras Totenwache (Foto oben: dpa).

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Prost Weihnacht

So richtig gut kennt mich mein Supermarkt eben auch wieder nicht.

Montag, 30. November 2009

Korrekt gekleidet im Dienste des Friedens


Wer so schöne Spitzenkleidchen und rote Schuhe trägt, bekommt na­tür­lich nur ungern Konkurrenz von weiblichen Besuchern. Deswegen hat­ten sich Cristina Fernández und Michelle Bachelet für ihre Papstvisite am Samstag in pro­to­kol­la­risch-züchtiges Schwarz gehüllt, Bachelet als be­ken­nen­de Agnostikerin ver­zich­te­te aber im Gegensatz zu Fernández auf eine Verschleierung. Der Besuch im Vatikan diente der Erinnerung an den vor 25 Jahren hier unterzeichneten "Freundschafts- und Frie­dens­ver­trag" zwischen Argentinien und Chile, der die endgültige Beilegung des Beagle-Konflikts bedeutete. Benedikts Vorgänger Johannes Paul und der italienische Kardinal Antonio Samorè hatten seit 1979 zwischen den verfeindeten Militärjuntas vermittelt.

Nachdem Bachelet und Fernández jeweils eine Viertelstündchen mit dem Papst geplaudert und in den einstigen Verhandlungsräumen eine Ge­denk­ta­fel enthüllt hatten, auf denen sie - offenbar latinisiert - als "Mi­cha­ela" und "Christina" verewigt worden waren, gab die chilenische Prä­si­den­tin der Presse zu Protokoll, dass "Chile ein Land ist, welches bei Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn immer dem Dialog und fried­li­chen Konfliktlösungsmechanismen Vorrang einräumt". Das sieht Perus Präsident Alan García, der am heutigen Montag zur Audienz beim Papst ist, anders: Er wirft Chile seit langem eine mehr oder minder verdeckte Aufrüstung vor, die gegen sein Land gerichtet sei. Tatsächlich sind die Pro-Kopf-Militärausgaben Chiles in Lateinamerika absolute Spitze, und daran wird voraussichtlich auch ein Gesetz wenig ändern, das die exklusive Ver­wen­dung von 10 Prozent des Erlöses der staatlichen Kup­fer­un­ter­neh­mens Codelco durch die Streitkräfte aufheben soll und ge­ra­de im Parlament verhandelt wird.

García, der in den vergangenen Wochen Chile wegen eines mut­maß­li­chen Spio­na­ge­falls verbal aufs Schärfste angegriffen hatte, wird Ba­che­let später auf dem Iberoamerikanischen Gipfel in Portugal be­geg­nen. Mal sehen, ob der päpst­liche Segen dann ein erneutes Ver­söh­nungs­wun­der bewirkt.

Foto: dpa

Samstag, 28. November 2009

Eine linke Handbewegung

Alejandro Goic, Regisseur und Schauspieler sowie seit den Sieb­zi­ger­jah­ren be­ken­nen­der Sozialist, unterstützt im Wahlkampf Jorge Arrate. Vor­her hat­te er sich für die Kandidatur von Alejandro Navarro ins Zeug ge­legt, bis der Senator aufgab und Marco Enríquez-Ominami zur neuen lin­ken Hoff­nung kürte. Das hält Goic für einen schlechten Scherz: "MEO instrumentalisiert das Erbe derer, die sich unter der Diktatur aufgeopfert haben, solidarisch waren, sich für die Armen und die Würde der Arbeiter eingesetzt haben. Dieses Erbe, diese Tradition verunglimpft er. Er ist der Prototyp des Yuppie, des rechten Liberalen. Als Unternehmer gehorcht er diesem kulturellen Paradigma."

Dass "MEO" von vielen Chilenen als De-facto-Rechter betrachtet wird, liegt auch an manch un­durch­sich­ti­ger Figur in dessen Wahl­kampf­kom­man­do: etwa Max Marambio, einst Mitglied der politischen Leibwache Allendes (der GAP), der später auf und mit Kuba äußerst lukrative Geschäfte machte und Carlos Cardoen dort einführte, einen Mann, der sich unter Pinochet mit der Herstellung von Streubomben und anderen Rüstungsgütern hervortat. Oder Rodrigo Danús, ein umtriebiger Un­ter­neh­mer im Medien- und Energiebusiness, der sich heute liberal gibt, aber Anfang der Achtziger einer ultrarechten Studenten-Gruppe an­ge­hör­te, die Pinochets Regime gegen aufrührerische Kommilitonen verteidigen woll­te. MEOs Anhänger drehen das natürlich ins Positive: Wer, wenn nicht Marco, so fragen sie, brächte Menschen zusammen, die früher ultimativ verfeindeten La­gern angehörten? Aber das ist Schönfärberei, und Leute wie Marambio und Da­nús haben heute ohnehin genug Gemeinsamkeiten, z. B. die Liebe zum Por­sche­fah­ren.



Vielleicht um sein in dieser Hinsicht kippelndes Image wieder ein wenig nach links zu tarieren, hat Enríquez-Ominami jetzt auch Angehörige von verschleppten und ermordeten Diktaturopfern in seine Spots geholt. Auch biografische Schnipsel verweisen auf die linke Sozialisation des Kan­di­da­ten. Was hier sehr merkwürdig ins Auge fällt, ist die Duplizität einer simplen Geste: Wie sein von Pinochets Killern erschossener Vater, der MIR-Gründer Miguel Enríquez, streicht Marco sich gerne die glatten schwarzen Haare zurück - eine Handbewegung, die im Rahmen seiner Kampagne einen selbstironisch-ikonischen Charakter erlangt hat. Aber unabhängig davon, ob das Durch-die-Haare-Fahren genetisch bedingt ist, ob MEO eine Geste seines Erzeugers kopiert hat oder ob Miguel Enríquez sich gar nicht so leidenschaftlich wie sein Sohn das Haupthaar glättete und der im Werbspot ausgestrahlte Filmschnipsel ein Zufallsfund ist - die Parallele wird bewusst hergestellt. Politisch-ideologisch gibt es aber herzlich wenig Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Mit diesem Bild eine wie auch immer geartete "Nachfolge" des legendären Vaters zu suggerieren, ist daher einfach nur dreiste Taktik von MEOs Managern.



Screenshots von youtube: Claudius Prößer

Montag, 23. November 2009

Der 200-Jahr-Köter

Von den unzähligen Hunden, die auf den Straßen von Puerto Montt leben, war hier schon die Rede. Aber auch jenseits der Anden, in Argentinien, gibt es eine kläffende Parallelgesellschaft, namentlich in Ushuaia, ganz unten auf Feuerland. Davon erfahren haben wir am Wochenende bei einem Miniatur-Filmzyklus, den das argentinische Konsulat im Kulturhaus veranstaltete. Der Film "Gordos Reise ans Ende der Welt" hat einen deutschen Regisseur und erzählt die Geschichte eines Schoßhunds aus Buenos Aires, das aus Versehen in einen Lastwagen gerät und nach Ushuaia mitgenommen wird - wo er sich mehr schlecht als recht durch­schlägt, bis ihn am Ende doch noch ein gutmeinender Mensch aufgabelt.

Das klingt ein bisschen einfältig, aber der Film beeindruckt trotzdem, weil die meisten Aufnahmen gleichzeitig dokumentarischen Charakter haben und das Stra­ßenhundeleben mit allen pikanten Details nachzeichnen: Wahrscheinlich handelt es sich um den weltweit ersten Kinderfilm (in der deutschen Fassung spricht Peter Lustig den Off-Kommentar), der ganz freimütig kopulierende Hunde zeigt. Auch sonst fehlt nichts: weder das Anbetteln der Kreuzfahrt-Touristen, noch der Live-Wurf zwischen Kisten und Gerümpel, noch das waghalsige Spiel der Reifenbeißer. Die gibt es übrigens auch in unserer Straße: zwei Köter, die den lieben langen Tag und nach einem unbekannten Auswahlprinzip vorbeifahrende Autos verfolgen und nach deren Rädern schnappen.

Die eigentümliche Beziehung der Chilenen zu ihren Straßenhunden, die zwischen Abneigung, Mitleid und Sympathie oszilliert, fängt jetzt auch ein Fotowettweberb auf: El Quiltro del Bicentenario, der Zweihundertjahrfeier-Köter, ist Teil einer Reihe von künstlerischen Wettbewerben anlässlich des 200. Jubiläums der Republik im kommenden Jahr. Ich habe mich entschlossen auch teilzunehmen (in Chile lebende Ausländer sind zugelassen) - mit dem Bild unten. Dieses in einer leeren Baumscheibe friedlich schlafende Tier versinnbildlicht für mich die Neh­mer­qua­litäten der chilenischen Straßenhunde: Auch unter widrigsten Be­ding­ungen verlieren sie nicht die Nerven.


Nachtrag: Nach einer aktuellen Recherche der Nación gibt es allein in Santiago de Chile 250.000 "echte" Straßenhunde und ebenso viele, die zwar einen Besitzer haben, aber die meiste Zeit auf der Straße verbringen. In ganz Chile sollen es anderthalb Millionen frei lebende Hunde sein. Natürlich haben die Behörden das Problem als solches erkannt - nur die Maßnahmen sind umstritten. In dieser Woche gab es ein Arbeitstreffen des Verbands der chilenischen Stadtverwaltungen. Am Ende einigte man sich auf folgende Grobziele: verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, die Hundebesitzer zu verantwortlicher Haltung bewegen soll, und mehr Geld für Ste­ri­li­sie­rungs­kam­pag­nen. Zwar ist eine Sterilisierung nicht allzu teuer (der Preis be­wegt sich zwischen umgerechnet 12 bis 20 Euro), angesichts der großen Zahl von Tieren können sich die betroffenen Städte das aber kaum leisten. Interessant ist, dass trotzdem fast niemand eine Tötung der Hunde in Erwägung zieht. Le­dig­lich der Tierärzteverband schlägt das als letztes Mittel vor, wenn sich ein Tier gar nicht anders unterbringen lasse.

Sonntag, 22. November 2009

Wenn Männer Händchen halten

Nun hat er es doch getan: Sebastián Piñera, der Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der rech­ten Opposition in Chile, zeigt für ein paar Se­kun­den in einem seiner TV-Spots ein schwules Paar. Einer der beiden Händ­chen hal­ten­den jungen Männer flüstert Piñera etwas ins Ohr, so wie es im sel­ben Clip weitere Repräsentanten ge­sell­schaftlicher Randgruppen tun - eine Mapuche, ein Kind mit Down-Syndrom, ein alter Mann, eine Seh­be­hin­der­te usw. usf. Woraufhin sich der Kandidat (Achtung, Me­ta­pher!) zur de­ren Stimme macht. Im Fall der beiden gays sagt er sinn­ge­mäß: "Unsere Mitmenschen akzeptieren uns schon - jetzt wollen wir, dass uns auch der Staat respektiert."


Drei Männer, zwei Schwule, ein Kandidat (um den Clip zu sehen: Bild anklicken)


Wie soll man diese Geste einschätzen? Einerseits ist es gerade für ei­nen rechten Politiker in Chile ein Wagnis, Schwule als das zu zeigen, was sie sind: ganz normale Menschen. So richtig akzeptiert werden sie nämlich noch lange nicht, und schon gar nicht von den vielen Hardlinern in den eigenen Reihen. Als der Inhalt des Spots vor ein paar Wochen durchgesickert war, hatten Politiker beider rechten Parteien (der ul­tra­ka­tholischen UDI und der eher traditionell-oligarchisch geprägten RN) hef­tig protestiert und zum Teil mit ihrem Ausstieg aus der Piñera-Kampagne gedroht. So betrachtet hat der Kandidat Mut bewiesen. Umgekehrt wird eine Mogelpackung draus: Mag Piñera sich noch so tolerant zeigen - am Ende wird er, wenn er denn regiert, auf Minister und Abgeordnete an­ge­wie­sen sein, denen alles Gleichgeschlechtliche ein Gräuel ist. Was sol­len sich Homosexuelle von einer solchen Regierung versprechen?

Daran, dass Homosexualität irgendwie auch zum Leben gehört, wird sich die Ultrarechte aber gewöhnen müssen, und der Piñera-Spot ist vielleicht ein kleiner Schritt auf dem Weg dahin. Wie auch zu erfahren war, handelt es sich bei einem der beiden schwulen Männer um Luis Larraín Stieb, den Sohn von Luis Larraín Arroyo, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Universidad Católica und stell­ver­tre­ten­der Leiter des UDI-Thinktanks Libertad y Desarrollo. Das vermeintliche Pro­b­lem tritt also durchaus in den eigenen Reihen auf, und das ist bekanntermaßen auch gut so.

Mittwoch, 18. November 2009

Onkel, Tante, Nachbar

Eine höchst erfreuliche Eigenart des Spanischen ist das umfangreiche Arsenal an Anredeformen, mit denen man nie in Verlegenheit gerät. Vielleicht ist es auch gar kein Privileg des Spanischsprachigen, sondern nur umgekehrt ein deutsches Problem - jenes merkwürdige, seit Jahrzehnten grassierende Anredesterben. Womit nicht das Verschwinden obsoleter Unterwürfigkeitsfloskeln gemeint ist, sondern die peinliche Unfähigkeit, sich verbal an Menschen zu richten, die man nicht mit Namen kennt.

Der Klassiker in Deutschland: Wie rufe ich nach der Bedienung in Café, Bar, Res­taurant? Der "Ober" ist zumindest im urbanen Kontext genau so obsolet wie das "Frollein", und weil an deren Stelle nichts anderes getreten ist, behilft man sich mit einem stotternden "Äh, hallo", das allerdings genausogut einem anderen Gast oder dem eigenen Handy gelten könnte und oft ungehört verhallt. Hierzulande tun es ein simples señor, eine señora oder auch eine señorita. Wenn man bezahlen möchte (wozu jeder chilenische Kellner immer erst eine Rechnung vom separat agierenden Kassenwart holen muss), reicht auch eine Geste, die noch aus großer Entfernung verstanden wird: ein horizontales In-die-Luft-Kritzeln, das für schriftliches Ad­die­ren oder aber für die Unterschrift auf einem Scheck stehen könnte.

Das ist aber noch nicht alles. Genauso unkompliziert ist die Anrede fremder Menschen auf der Straße, wo man in Chile aus dem señor nach Belieben einen caballero machen kann (aber, warum auch immer, aus der señora nie eine dama). Gleichaltrige, informell gekleidete Menschen darf man ruhig auch als amigo bezeichnen, ohne dass die sich gleich belästigt fühlen. Jeden Nachbarn kann man einfach als "Nachbar" (vecino) adressieren - und wenn man den Menschen, der einen vor der Haustür oder an der Supermarktkasse als vecino anspricht, noch nie bewusst gesehen hat, weiß man spätestens dann, woher man ihn eigentlich kennen müsste.

Das sind nur Details, aber sie erleichtern den Alltag. Auch Kinder haben eine praktische Anrede in petto, die die Älteren möglicherweise auch im deutschen Sprachraum noch erlebt haben: den Onkel und die Tante. Ausnahmslos jeder Erwachsene, sei es der Vater des Klassenkameraden oder die Zei­tungs­verkäuferin, heißt im Kindermund tío bzw. tía, und das klingt nicht nach Knicks und Diener, sondern ganz normal und unbekümmert.

In der E-Mail-Kommunikation unter Menschen mit vergleichbarem sozialen Status gibt es jetzt sogar eine neue Anredeform. Wem ein Querido XY ("lieber XY") zu intim, ein Estimado XY ("sehr geehrter XY") aber übertrieben scheint, beginnt die Mail einfach mit "Estimado:", ohne Namen. Das schafft eine Art legerer, au­gen­zwin­kern­der Distanz, und man darf dann trotzdem duzen, ohne umständlich um Erlaubnis zu bitten.