Samstag, 29. März 2008

Verdammter März

Marzo: el mes que nos culea a todos. So drastisch wie das Satireblatt The Clinic muss man es nicht ausdrücken, aber der „Monat, der uns alle fickt“, ist bei den Chilenen in der Tat reichlich unbeliebt. Überall in der Stadt hängen Plakate, die von einer unheilvollen Marzitis künden oder fordern: Dale duro a marzo – Gib dem März Saures.

Was haben die Chilenen gegen den März? Ganz einfach: Er reißt ein riesiges Loch in die Haushaltskasse – oder gleich ganze Familien in die Schuldenfalle. Am Ende der Sommerferien müssen Schuluniformen und -materialien besorgt werden, im März haben alle Autohalter ihren permiso de circulación zu erneuern – eine kommunale Kfz-Steuer, die je nach Wagenklasse recht hoch ausfallen kann –, und die Kosten für den Urlaub müssen die meisten, die ihn sich geleistet haben, auch noch abstottern. Dementsprechend werben all die März-Plakate für Sofortkredite, mit denen man seine Geldsorgen zumindest vertagen kann.

Deswegen also ist der März ein mes pesado, ein fieser Monat. Wir können das nur bestätigen. Zwar hat uns der deutsche Staat mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet. Aber der Alptraum aller chilenischen Eltern von Kindern im schulpflichtigen Alter – und nun auch unserer – ist la lista, die Liste. Man bekommt sie von der zuständigen Schule, und sie zählt alle Materialien auf, die Söhne und Töchter am ersten Schultag ins Klassenzimmer zu tragen haben. Auch in Deutschland klagen manche, der Schulanfang belaste ärmere Familien zu stark und müsse per Zuschuss abgefedert werden. Mag sein. Aber sie haben noch nie eine chilenische lista gesehen. Hier ein schönes Beispiel.

Von Skizzenheften über Filzstiftsets, diverse Bögen Krepp-, Bunt- und Transparentpapier, Pinsel, Scheren und bunte Knete bis hin zu so exotischen Dingen wie Eis-am-Stiel-Stäbchen und Glitzerpulver, alles muss exakt in der angegebenen Menge, Darreichungsform und natürlich deutlich lesbar mit dem Namen des Schülers beschriftet abgeliefert werden.



Auf die Idee, das Lern- und Bastelmaterial zentral zu bestellen, ist offenbar noch kaum eine Schule gekommen. Und so trifft man Anfang März – aber auch noch Wochen nach Schulbeginn – in allen Supermärkten, Schreibwarenläden und Buchhandlungen auf Heere entnervter Mütter und Väter, die zerknitterte Zettel studieren und daran verzweifeln wollen, dass nie, nie, niemals alle von der Schule verlangten Utensilien in ein und demselben Geschäft vorrätig sind. Ganz zu schweigen von den Lektürebändchen für den Spanischunterricht, die bei unterschiedlichen Verlagen erscheinen - chilenische Buchhandlungen führen immer nur das Sortiment einiger, nie aller Verlage.



Für mich endet die Suche am Abend vor Schulbeginn in der Librería Mistral. Die Schreibwarenhandlung im Zentrum von Puerto Montt ist ein unwirtlicher, von brummenden Neonröhren erhellter Schlauch, in dem eine Handvoll Angestellter unendlich langsam ihren Dienst tut. Aber es gibt hier – fast – alles. Wer diesen Ort der letzten Hoffnung betritt, zieht eine Wartenummer und kann sich während der nächsten Stunden anderen Dingen widmen. Als meine Nummer endlich auf dem Display erscheint, wird an der Eingangstür bereits das schwere Eisengitter heruntergelassen. Die Angestellte betrachtet meine Liste mit müden Augen, holt, ohne übertriebene Hast, ein paar Artikel aus den vollgestopften Regalen, kommt zurück, guckt, geht, kommt. Fast eine Dreiviertelstunde dauert die Prozedur, dann notiert sie alle Preise säuberlich untereinander auf kariertem Papier, addiert mit dem Taschenrechner, notiert das Ergebnis, addiert noch einmal zur Probe von unten nach oben. Immerhin hat sie sich nicht verrechnet.



Mit mehreren Tüten bepackt verlasse ich die Librería Mistral, das Gitter wird zu diesem Zweck halb hochgezogen. Draußen ist es längst dunkel. Zu Hause verbringe ich noch Stunden damit, eine recht störrische Klebefolie auf Schulbücher zu applizieren – grün für Spanisch, gelb für Sachkunde, blau für Mathematik usw. In der Schule werde ich mich später bei der Lehrerin dafür entschuldigen, dass ich das von der Liste verlangte Wollknäuel vergessen habe. Macht nichts, wird sie sagen, dieses Schuljahr arbeiten wir gar nicht mit Wolle. Na dann.


Kommentare:

  1. Oh Mann, wie schade das Du so Pech hattest in Chile. So negativ wie Du schreibst muss es Horror gewesen sein! Schade, denn ich als geborene Chilenin kann nichts schlimmes finden. Ich finde einige Deutsche Angewohnheiten gräusslich. Viele Ausländer verwechseln die gähnende langsame mit der inneren Ruhe. Die haben Deutsche auf keinen Fall und das weiss keiner besser als ich, da ich in dieser Welt hineinadoptiert worden bin, nicht als Baby (!) und ich es in Deutschland gruselig finde. Die Warmherzigekeit in Chile gibt es nirgends auf der Welt. Die Chinesen sind genaus oberflächlich zu Ausländern wie die ach so feinen Schweizer.

    Ich hoffe wenigstens, dass Du mit Spanischkenntnissen hingegangen bist und Dich vorher über alles gut informiert hast und nicht angegeben hast, du kämest aus dem tollen Deutschland. Gringos in Chile finden nichts tolles an Deutschland, da sie von dort geflohen sind!!!

    Verhalte die leise und Beobachtend wenn Du in Südamerika oder gar in der Schweiz sein solltest. Schweizer mögen die lauten Deutschen nämlich null. Sie sind da auch eher ruhiger und vorsichtiger, wie die Chilenen.

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