Donnerstag, 20. August 2009

Kantate, links gestrickt


Im kommenden Jahr wird sie 40 Jahre alt, aber sie hat sich gut gehalten: die can­ta­ta popular "Santa María de Iquique", komponiert von Luis Advis und ein­ge­spielt im August 1970 von Quilapayún, einer der jungen, revolutionären Neo­fol­klo­re-Gruppen, die damals Chiles Musikszene aufmischten. Die "volkstümliche Kantate" erzählt von einem Massaker, das 1907 in Iquique unter streikenden Salpeterarbeitern angerichtet wurde. Ein Stück Agitprop im ersten Allende-Jahr, aber mit außergewöhnlichen Mitteln: Musikalisch ist die cantata ein Hybrid aus klassischen und andinen Elementen; wenn man denn will, kann man sie in Rezitative, Arien und Choräle unterteilen. Nach Bach klingt das natürlich nicht, aber das Stück beeindruckt auch heute noch tief.

Luis Advis starb im Jahr 2004, Quilapayún stehen immer noch auf der Bühne, mit ein paar personellen Veränderungen und stark ergraut. Am vergangenen Dienstag traten sie mit der cantata in Puerto Montt auf. Das Publikum war, wie bei diesen Anlässen inzwischen üblich, stark altersgemischt: von Mittsiebzigern, für die als junge Revoluzzer in den späten 60ern Quilapayún, Víctor Jara und Inti Illimani zu musikalischen Ikonen wurden, bis hin zu deren Enkeln, die immer noch darauf warten, dass sich erfüllt, was das Schlusslied der Kantate fordert: Unámonos como hermanos, que nadie nos vencerá / si quieren esclavizarnos, jamás lo podrán lograr.

In einer Stadt voller Emporkömmlinge, in der man über die eigene politische Herkunft nur ungern spricht, war es aufschlussreich zu sehen, wer noch so ins Konzert ging. Bei der alleinerziehenden Bibliothekarin, deren Sohn mit J. in den Montessori-Kindergarten ging, und dem langhaarigen Theaterlehrer aus B.s Schule war die Überraschung nicht groß. S. aber staunte nicht schlecht, als sie einer Kollegin aus ihrem Institut über den Weg lief, einer gepflegten, älteren Literaturlehrerin, die sie aufgrund offenkundig falscher Gerüchte immer für eine Pinochet-Verehrerin gehalten hatte.


Hier eine aktuelle Aufnahme der Kantate "Santa María de Iquique". Seinen Namen hat das Stück übrigens von der nach einem früheren Präsidenten benannten Schule "Escuela Domingo Santa María" in Iquique geliehen. Dort wurden 1907 tausende Salpeterarbeiter und deren Familien zusammengepfercht, die für bessere Bezahlung streikten. Wie viele Opfer das von der Armee verübte Massaker letztendlich forderte, ist bis heute unklar, die Zahlen schwanken zwischen weniger als 200 und 3.600 Toten.

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