Montag, 14. September 2009

Die tägliche Dosis Radio

Die Radiomacher im Kreise diverser Stammgäste, Bild: www.radiozero.cl

Man stelle sich das in Deutschland vor: Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, setzen sich drei Menschen um die Mikrophone eines Studios und reden eine Stunde lang drauflos. Einer hat fürs Fernsehen gearbeitet und schreibt jetzt Romane, der andere ist Gründer der Satirezeitschrift "The Clinic", die dritte eine Journalistin, die das Reportagehandwerk von der Pike auf gelernt hat. Politisch könnte man die drei als linksliberal bezeichnen, aber das fällt nicht so ins Gewicht. Das Großartige an diesem Radioformat ist der Drive, den ein Gespräch entwickelt, das sich um alles und nichts dreht, das mal zutiefst ironisch, dann unendlich albern und gleich darauf völlig ernst ist - aber nie gekünstelt. Ein ganz kleines bisschen vielleicht wie die Show Royale, aber doppelt so schnell und mit beiden Füßen im echten Leben.

Das Konzept ist bestechend einfach: Die drei (Rafael Gumucio, Patricio Fernández und Claudia Álamo) lesen sich einfach gegenseitig Schlagzeilen und Nachrichten aus dem Ticker oder der Tagespresse vor - und kom­men­tie­ren das. Vom Vor­schlag der Rech­ten, die Stra­ßen­ge­walt zum Putsch-Jah­res­tag per Aus­gangs­sper­re zu be­kämp­fen, über Silvio Berlusconis Bacchanalien, die Frage, ob große Frauen zu kleinen Männern passen, den Zusammenhang von Geist und Geld in Chile bis zu den Fleischpreisen kurz vor dem Nationalfeiertag. Die drei sprechen auf persönlichste Art und Weise über Sex, Drogen, Alltag, Politik und Kunst - und haben außerdem jeden Tag einen Studiogast, der sich meist ohne Umschweife auf diesen Gesprächsstil einlässt. In den seltensten Fällen sondern die eingeladenen Politiker dann noch Sprechblasen ab. Sie reden frei von der Leber weg, und man merkt sofort, wenn sie plötzlich doch noch glauben, gegen ihre persönliche Überzeugung auf irgendeine Parteilinie einschwenken zu müssen.

Diese meine tägliche Dosis Radio kann sich hier als Podcast anhören, wer des chilenischen Spanisch mächtig ist. Live übertragen wird sie zu einer Tageszeit, die mich gewöhnlich schlafend antrifft. Ich ziehe sie deshalb auf den iPod und höre sie beim Bügeln. Zerknitterte T-Shirts und klamme Bettlaken gehören seitdem in unserem Haushalt der Vergangenheit an.


Kommentare:

  1. Hola Claudius,

    "Des chilenischen Spanich mächtig", das tut schon not, ausser wenn 'Pato' Fernández so langsam doziert, als verkünde er jetzt die Weisheit, der alle vorbehaltlos zustimmen müssen. Macht natürlich keiner, die anderen protestieren, noch mittem im Satz! Ich bin froh, dass Apple mit dem letzten Software-Update dem iTouch eine Funktion spendiert hat, mit dem man podcasts mit halber Geschwindigkeit abspielen kann.
    Klasse podcast! Wieder mal vielen Dank für den Hinweis auf interessante chilenische Kultur, wie schon so oft in Deinem Blog.

    El coterráneo
    Stefan

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  2. Gerne! Auch das Nachmittagsprogramm "El País de la Maravillas" (ebenfalls als Podcast erhältlich) ist sehr unterhaltsam zu hören, Themen und Herangehensweise sind ein bisschen weniger anspruchsvoll, aber ich liebe es, diese Leute reden zu hören. Denn schnell denken und noch schneller reden, das haben sie wirklich drauf.

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  3. Ganz grosses Kino, äh: Radio.. Danke für den Tipp!

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