Sonntag, 21. Juni 2009

Kollektives Schaukeln

Eines Abends kam der Messias, völlig unerwartet, wie es sich in solchen Fällen wohl gehört. Er kam im Radio, aber das Radio steckte in einem Auto, genauer: in einem colectivo. Das machte es so besonders.

Colectivos sind Sammeltaxis, kleine schwarze Limousinen japanischer oder koreanischer Marke, die ein beleuchtetes Schild auf dem Dach tragen. Es gibt hunderte davon in jeder chilenischen Stadt. Am seltensten sieht man sie heute in Santiago, wo der Transantiago-Verbund sie etwas an den Rand gedrängt hat. In Puerto Montt dagegen sind sie als öffentliches Verkehrsmittel neben den röhrenden Bussen nicht wegzudenken. Auf jahre- oder jahrzehntelang eingeschliffenen Strecken kreisen sie durch die Stadt wie auf unsichtbaren Schienen. Man steigt ein, wo man will, zahlt einen moderaten Festpreis - zurzeit umgerechnet 50 Cent - und verlässt das colectivo an fast jeder beliebigen Straßenecke.

Colectivo fahren ist unendlich praktisch. Es ist kaum teurer als der Bus, fährt aber in viel kürzeren Abständen und kommt dabei schneller ans Ziel. Im Prinzip handelt es sich um eine kommerzialisierte Form der Fahrgemeinschaft. Man kann den Fahrer abends auch bitten, einen kleinen Schlenker einzubauen, um bis vor die Haustüre gebracht zu werden, im schlimmsten Fall kostet das ein paar Pesos extra. Erreicht man die Straße, auf der das colectivo verkehrt, zu spät, kann sich aber durch Winkzeichen oder einen Pfiff bemerkbar machen, wartet es schon mal eine halbe Minute. Frühmorgens oder nachts ist das von großem Vorteil.

Die Fahrt im colectivo ist bequemer als im Bus, sorgloser als im eigenen Auto, und im Gegensatz zu einer Taxifahrt muss man nie ein Gespräch mit dem Fahrer führen. Der kümmert sich um den Verkehr, manchmal auch fernmündlich um familiäre Angelegenheiten. Zwischendurch muss er - mit einer Hand und manchmal akrobatischen Verrenkungen - Geld annehmen und herausgeben. Das geschieht immer während der Fahrt; trotzdem habe ich noch nie ein colectivo in einen Unfall verwickelt gesehen. Manche colectiveros haben ihr Armaturenbrett zu einem Altar des schlechten Geschmacks hergerichtet, da baumeln und nicken Plüschtiere zwischen Fußballschals und religiösem Schnickschnack. Stören tut's nicht.

Ein colectivo befördert vier erwachsene Passagiere. Werden Kleinkinder auf dem Schoß mitgeführt, kann sich die Gesamtzahl der Personen im Auto auf bis zu acht erhöhen (vorne ist Kindesmitnahme verboten). Besonders begehrt ist der Beifahrersitz. Ist der besetzt, aber die Rückbank noch frei, hat man auch gute Karten, dann kann man, wenn sich der Wagen weiter füllt, nach ganz links rutschen, die Augen schließen und seinem Ziel entgegendösen. Aus irgendeinem Grund sind colectivos immer ganz weich gefedert. Weich ist es auch für den, der die Mittelposition im Fond erwischt; wenn links und rechts normalgewichtige Menschen Platz nehmen, reist man nicht nur auf Tuch-, sondern auf Kör­per­fühlung. Das kann, muss aber nicht unangenehm sein. Am schlechtesten ist dran, wer rechts an der Tür sitzt: Er muss am häufigsten Platz machen, wenn andere aussteigen wollen.

Der Soundtrack einer colectivo-Fahrt besteht aus Cumbias und Boleros, Reggaeton oder Heavy Metal. Letztens bestieg ich ein colectivo an einem reg­ne­rischen Abend, und im Radio lief Händels Messias: "Comfort Ye, my People". Zu diesen Klängen durch die dunkle, nasse Stadt zu gleiten war ein wunderbares und - wie erwähnt - unerwartetes Erlebnis.

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