Dienstag, 29. April 2008

Gemelas

Puerto Montts Shopping-Mall "Paseo Costanera" hat zwei Bürotürme, die im Voksmund torres gemelas genannt werden. "Zwillingstürme", damit bezeichnet man auf Spanisch sonst die twin towers, die bis vor ein paar Jahren sehr viel weiter nördlich standen, und auch dieses technisch nicht ganz perfekte Foto erinnert mich schon wieder an irgendetwas.

Puerto Montt

Wenn man Santiago de Chile in Richtung Süden verlässt, bewegt man sich während der ersten tausend Kilometer in der depresión intermedia, einem zur Linken von der mächtigen Andenkordillere, zur Rechten von der schmächtigen Küstenkordillere begrenzten Tal, das insbesondere in der zweiten Hälfte der Reise recht malerisch von Flüssen, Seen und bewaldeten Hügeln unterbrochen wird. Nickt man ob des weiten Weges ein wenig ein, kann es passieren, dass man irgendwann ins Meer fällt: Dann ist man in Puerto Montt.


Genau genommen liegt Puerto Montt aber gar nicht am Meer, jedenfalls nicht am offenen. Da, wo das zentralchilenische Längstal unter den Meeresspiegel sinkt, öffnet sich der Seno de Reloncaví. Puerto Montt schmiegt sich an den nördlichen Rand der Bucht. Vulkanische und sonstige landschaftsformende Tätigkeit hat der Stadt eine halb hügelige, halb terrassenartige Topografie beschert. Das Zentrum belegt einen recht schmalen ebenen Streifen unten am Ufer.

Laut Wikipedia bringt es Puerto Montt im Ranking der Städte und Agglomerationen Chiles mit 153.000 Einwohnern lediglich auf Platz 12. Das hat sich womöglich längst geändert. Die Zahlen stammen von einer Erhebung des chilenischen Statistik-Instituts aus dem Jahr 2002, und Puerto Montt ist eine der am schnellsten wachsenden Städte des Landes. An den oberen Rändern der Stadt, wo die Terrassen in die sanft gewellte Ebene des chilenischen Seengebiets übergehen, fressen sich riesige Fertighaussiedlungen in die Landschaft. Und das geht schnell: Auf Google Earth ist das Viertel, in dem wir wohnen, noch eine Brache (was aber vielleicht nur gegen Google Earth spricht).


Diese demografische Dynamik, die Puerto Montt wohl nur mit Santiago teilt, verdankt die Stadt größtenteils dem Lachs, der in den Seen, Fjorden und Buchten der Umgebung in großem Maßstab gezüchtet wird. Chile ist mittlerweile zu einem der weltweit größten Exporteure des Edelfischs aufgestiegen, und Puerto Montt ist der Mittelpunkt dieser Industrie. Man betrachtet sich aber auch gerne als Puerta de la Patagonia, als Tor in den chilenischen Teil Patagoniens, durch das in den Sommermonaten Heere von Touristen schreiten. Vom Hafen aus etwa starten die klobigen Fähren zur Laguna San Rafael oder nach Puerto Natales am Nationalpark Torres del Paine.


In den Reiseführern der Besucher wird Puerto Montt denn auch höchstens als zweckdienlich beschriebe, nicht als Ort zum längeren Verweilen. In der Tat lassen sich die architektonischen Sehenswürdigkeiten, die diesen Namen verdienen, auf einem fünfminütigen Spaziergang abhaken. Dominiert wird die Stadt seit ein paar Jahren von einer riesigen, amorphen Shopping-Mall. Auch sonst muss man Puerto Montt als verbaut und, ja, hässlich bezeichnen. Was nicht nur an der fehlenden Stadtplanung liegt, sondern auch an dem verheerenden Erdbeben, das die Stadt im Mai des Jahres 1960 zu großen Teilen zerstörte. Das dreiminütige Beben mit Epizentrum im nahen Valdivia und einer Stärke von 9,5 Grad war das weltweit stärkste, das jemals verzeichnet wurde und gilt nicht von ungefähr als ein zentrales Datum der lokalen Geschichte.

Damals war Puerto Montt gerade einmal ein gutes Jahrhundert alt: Gegründet hatten es im Jahr 1852 deutsche Siedler, die hier auf der Suche nach einem besseren Auskommen Schneisen in den Urwald schlugen. Die meisten ihrer Nachfahren leben heute am Ufer des idyllischen Llanquihue-Sees, aber auch in Puerto Montt begegnet man deutschen Namen auf Schritt und Tritt.


Tut unsereiner in Zentralchile kund, in den Süden des Landes reisen zu wollen, bekommt man mit großer Zuverlässigkeit zwei Hinweise: auf die alemanes, die dort lebten (über sie wird noch zu berichten sein) und auf den Regen, den man - haha - als richtiger Deutscher ja gewohnt sei. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, denn in Chiles Seenregion und in Puerto Montt regnet es statistisch betrachtet mehr als doppelt so viel wie in der regenreichsten Gegend Deutschlands. Das feuchte Grau, in das die Stadt manchmal wochenlang versinkt, trägt zu ihrer Attraktivität wenig bei.


Aber das ist nur die eine Seite. Dann bricht die Sonne wieder durch, eine strahlende, bohrende Mittelmeersonne (Puerto Montt liegt in der Nähe des 41. südlichen Breitengrades, also in etwa dort, wo in der nördlichen Hemisphäre Rom liegt), und versöhnt einen mit dieser hässlichen kleinen, von grandioser Natur umgebenen Stadt, der man zumindest nicht vorwerfen kann, verschlafen zu sein. Das kommt von den vielen Zuzüglern der vergangenen Jahre und von den jungen Leuten, die an einem der zahlreichen Universitäts-Ableger studieren (eine eigene Uni hat Puerto Montt nicht). Vielleicht liegt es auch daran, dass hier mehr Geld im Umlauf ist als in der chilenischen Provinz sonst üblich.


Trotzdem gibt es Armut in Puerto Montt. Die entsprechenden Viertel mischen sich aber stärker mit denen der Begüterten als etwa in Santiago, das im wörtlichen wie übertragenen Sinn in Unter- und Oberstadt geteilt ist. Superreiche gibt es ohnehin nicht, und wenn sie hier doch ein Anwesen ihr eigen nennen, dann liegt es außerhalb der Stadt, am Fuß der Vulkane, am Seeufer oder zwischen saftigen Weiden.


Ein bisschen Glanz fällt im Sommer auf Puerto Montt – wenn draußen in der Bucht die großen Kreuzfahrtschiffe vor Anker gehen, für die der Hafen viel zu klein ist. Der gewöhnliche puertomontino kann von einer Fahrt mit der Infinity oder der Splendour of the Seas nur träumen. Schlendert man aber durch die Innenstadt, begrenzt plötzlich eine weiße Wand aus Schiff die Straße. In solchen Augenblicken ist Puerto Montt fast schon schön.

Samstag, 26. April 2008

Spuren im Beton

Ich habe an anderer Stelle geschrieben, die Straßen in unserem Viertel seien "aus Zementplatten zusammengefügt". Das stimmt, wie ich inzwischen begriffen habe, nicht ganz: Abgesehen von größeren städtischen Verkehrsadern oder Fernstraßen, die mit einer tadellosen Asphaltdecke überzogen sind, werden chilenische Straßen und Gehwege kalt aus Beton gegossen - wobei keine durchgängige Fläche entsteht, sondern im Abstand von wenigen Metern Fugen angelegt werden, wohl um spätere Spannungsrisse zu vermeiden. Das Prinzip ist, glaube ich, früher auf deutschen Autobahnen erprobt worden.


Ein insbesondere auf allen Bürgersteigen des Landes zu beobachtendes Kuriosum sind Spuren, die Hunde im frischen Beton hinterlassen haben. Streunende Tiere gibt es zwar in Mengen, die Häufigkeit des Phänomens lässt aber nur den Schluss zu, dass das Laufen in der weichen, kühlen Masse für Hunde äußerst angenehm sein muss. Oder dass es den Straßenarbeitern nicht gelingt, das frisch gegossene Trottoir entsprechend abzusperren. Wie auch immer - die kleinen Ballen und Krallen geben den grauen Platten eine gewisse Lebendigkeit und erinnern mich regelmäßig und zuverlässig an meinen Arbeitgeber in der Heimat.


Das hier vermag ich mir allerdings beim besten Willen nicht zu erklären:

Donnerstag, 24. April 2008

Segnungen der Inflation

Manche ausländischen Besucher waren in den Jahren der Pinochet-Diktatur regelrecht enttäuscht, wenn sie feststellten, dass das repressive System sich kaum einer eigenen Symbolik bediente. Sicher, gegenüber dem Moneda-Palast brannte eine "Flamme der Freiheit" auf einem "Altar des Vaterlands", der Militarismus stand in Blüte. Aufmarschplätze im nordkoreanischen Stil oder einen stalinistischen Personenkult um den capitán general suchte man allerdings vergebens.

Insofern waren wir, die wir Ende der Achtziger zum ersten Mal nach Chile kamen, regelrecht dankbar dafür, dass das Regime zumindest auf einem äußerst alltäglichen Objekt seine antikommunistische Fratze zeigte (und hässlich war sie in der Tat): der 10-Peso-Münze.


Als die Junta im Jahr 1975 den Escudo abschaffte und durch den Peso ersetzte, ließ sie auf die Rückseite des Allerwelts-Geldstücks eine geflügelte Frau prägen, die eine um ihre Handgelenke gelegte Kette entzweireißt. Libertad - Freiheit - ist darunter zu lesen, und auch das Datum, an dem Freiheit wiederkehrte, ist angegeben: der 11. September 1973, der Tag des Putsches.

Man erzählt, dass junge Leute in den Tagen der Diktatur sich einen bitteren Spaß daraus machten, die zerrissene Kette der dama de la libertad, wie das Geschöpf offiziell hieß, mit einem Hammer und einem spitzen Nagel wieder zusammenzufügen. Wie ebenfalls kolportiert wird, machte sich die chilenische Zentralbank die Mühe, die derart korrigierten Zahlungsmittel als "defekt" aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Münze blieb auch nach 1989 im Umlauf, die Freiheitsdame wurde aber bald durch den Kopf des nationalen "Befreiers" Bernardo O'Higgins ersetzt. Heute sind die alten diez pesos selten geworden und finden angesichts ihres fortgeschrittenen Wertverlusts ohnehin nicht mehr viel Beachtung. Die neuen 100er- und 500er-Münzen, die seit Anfang des Jahrtausends zirkulieren, räumen schließlich ganz mit der Ikonografie des Militärregimes auf: Auf ihnen sind eine Mapuche-Indígena (100 Pesos) sowie der katholische Kardinal Raúl Silva Henríquez (500 Pesos) abgebildet. Letzterer hatte sich unter Pinochet um die Verteidigung der Menschenrechte verdient gemacht.


Mittwoch, 23. April 2008

Viagra Mapuche

Auch die indigenen Völker Chiles kennen spezifische Probleme der Reproduktion, wissen sich aber dagegen zu wappnen (und schlank macht es auch noch).


Körperpolitik

Bei den meisten Scharmützeln, die zurzeit auf Chiles politischen Bühne ausgefochten werden, geht es um Korruptionsvorwürfe. Da gelingt es der rechten Opposition, gemeinsam mit ein paar abtrünnigen Christdemokraten die Bildungsministerin per Impeachment aus der Regierung zu katapultieren, weil sie einen Fall von Subventionsbetrug im Schulwesen nicht gründlich genug aufgeklärt haben soll. Gleichzeitig knirscht es in der ultrarechten UDI: Die Partei verfolgt seit einiger Zeit die Strategie, politische Ämter auf kommunaler Ebene zu besetzen – und nun soll die UDI-Bürgermeisterin eines armen Stadtbezirks von Santiago Vetternwirtschaft betreiben. Angeprangert hat das ausgerechnet ein Schwiegersohn des ewigen Präsidentschaftskandidaten der UDI, Joaquín Lavín.


Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, schießt die Opposition gerade gegen Präsidentin Michelle Bachelet, weil die vor ein paar Wochen – ohne ihr Wissen, wie es aus der Moneda heißt – ein Provinzkrankenhaus einweihte, das in Wirklichkeit noch längst nicht fertig war: Man hatte für die Presse und die Präsidentin geliehene Betten aufgestellt und ein paar mehr oder weniger Kranke hineingelegt, unter anderem Mitarbeiter der Gesundheitsverwaltung. Die „potemkinsche Klinik“ hat schon für mehrere Entlassungen auf regionaler Ebene gesorgt, und dabei wird es womöglich nicht bleiben.


Solche Skandale und Skandälchen sind zwar das täglich Brot der Presse, die Gemüter der Chilenen erregt aber offenbar anderes – etwa das Urteil des Verfassungsgerichtes, das die kostenlose Abgabe der „Pille danach“ durch öffentliche Gesundheitseinrichtungen verbietet. Die höchst umstrittene Entscheidung (immerhin verfügte das Gericht kein generelles Kontrazeptiva-Verbot, wie manche befürchtet hatten) brachte in den vergangenen Wochen Tausende auf die Straßen. Gestern marschierten im Rahmen einer landesweiten Aktion an die 20.000 Menschen allein durch Santiago, darunter viele Mitarbeiter staatlicher Polikliniken oder Notaufnahmen. Sie dürften das Elend junger Frauen kennen, die ungewollte Schwangerschaften mit „Hausmitteln“ oder der Hilfe wenig vertrauenswürdiger Dritter zu beenden versuchen.


Auch wenn es an der Gerichtsentscheidung – die vor allem ärmere Frauen benachteiligt – vorerst nichts zu rütteln gibt: Die Entschlossenheit, mit der viele Chileninnen und Chilenen ihre sexuelle Selbstbestimmung gegen einen moralischen Rollback verteidigen, ist erstaunlich und unterstreicht die Tatsache, dass man in diesen Dingen den Hütern des Anstands weit voraus ist.


Letztens belegte eine Umfrage, dass die katholische Kirche in Chile zwar große Unterstützung genießt, wenn es um die Verteidigung sozialer Rechte geht (etwa im Kampf um einen "menschenwürdigen" Mindestlohn), aber etwa bei ihrem Einsatz gegen Geburtenkontrolle auf verlorenem Posten steht. Der Vorsitzende der chilenischen Bischofskonferenz, Alejandro Goic, klagte gestern über „europäische und nordamerikanische NGOs, die in Chile und ganz Lateinamerika mit millionenschweren Kampagnen für Schwangerschaftsverhütung werben“. Diese Organisationen, so Goic, steckten mit den großen Pharmakonzernen unter einer Decke, die die entsprechenden Produkte herstellten. So klingt der Versuch, die in Dingen des Körpers eher rebellischen Chilenen mit Kapitalismuskritik auf den rechten Weg zurückzulocken.


Dienstag, 22. April 2008

Prekäre Jobs: Der Tankwart

Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass wir entgegen unserer sonstigen Gewohnheit seit kurzem ein Auto besitzen. Neben einer erhöhten Mobilität jenseits der Stadtgrenzen hat das auch einen mimetischen Effekt: Einen verbeulten weißen Chevrolet-Pickup, zusammengeschraubt in Arica an der peruanischen Grenze, fährt hier praktisch jeder zweite. Umgekehrt macht man als Halter eines Gebrauchtwagens unvergessliche Erfahrungen, was eine gefühlte Nähe zu all den anderen Gebrauchtwagenhaltern herstellt, die das Gros der chilenischen Verkehrsteilnehmer bilden.

Eine nicht mehr ganz taufrische camioneta zu fahren, bringt nämlich bisweilen unwillkommene Überraschungen mit sich. Etwa die, dass sich rund um den Wagen plötzlich ein strenger Benzingeruch ausbreitet. So etwas schiebt man zunächst auf die in der näheren Umgebung abgestellten Autos, dann auf einen unsachgemäß zugeschraubten Tankdeckel. Irgendwann kniet man sich doch neben das Fahrzeug und verrenkt den Hals, um eine blecherne Vorrichtung auszumachen, aus der sich Tropfen lösen. Der Geruch und die Schlieren in der Luft zeigen auch dem Laien, dass es sich hier nicht um Kühlwasser handelt, sondern um Kraftstoff. Besser mal an der Tankstelle fragen.


Die Shell-Station an der Calle Egaña hat ihre beste Zeit hinter sich. Das sieht man nicht auf den ersten Blick, aber die Fenster des „im Umbau“ befindlichen Tankstellenshops sind auch nach Wochen noch zugeklebt, und die Uniformen der Tankwarte weisen Spuren langjährigen Gebrauchs auf. Tankwart ist in Chile immer noch ein ganz normaler Beruf, auch wenn in Santiago und an der Panamericana die ersten SB-Zapfsäulen mit Rabatten locken. Man bleibt also bis auf weiteres hinterm Lenkrad sitzen und kurbelt nur das Fenster herunter, wenn man etwas Benzin nachfüllen lassen will (volltanken gilt als Ausländer-Marotte, haben wir gelernt - wenn das Auto gestohlen wird, will man dem Dieb nicht auch noch einen gefüllten Tank dazuschenken).


Der Tankwart, dem ich mein Problem beschreibe, ist ein wortkarger, aber nicht unfreundlicher Mann, klein, um die fünfzig. Er bietet mir an, einmal nachzusehen und bittet mich, den Wagen auf die wacklige Hebebühne im taller neben dem zugeklebten Shop zu fahren. Später werde ich entdecken, dass es in Puerto Montt durchaus gut sortierte Autowerkstätten gibt - diese hier gehört nicht dazu.


Der kleine Mann hat inzwischen den Chef verständigt, beide begeben sich unter das aufgebockte Fahrzeug und begutachten den Tank, aus dem das Benzin suppt. „Hier scheint eine undichte Stelle zu sein“, vermutet der Chef ein rundlicher, redseliger Mann, woraufhin der kleine Wortkarge einen Schwamm nimmt, um die schwärzlich-ölige Kruste zu entfernen. Stimmt genau: Von der letzten Schutzschicht befreit, spritzt das Benzin in einem dünnen, aber kräftigen Strahl aus dem Leck und ergießt sich auf den Werkstattboden.


Der Versuch, das Loch behelfsmäßig mit einem Stück Seife zu versiegeln, erweist sich als zwecklos, der Druck ist offenbar zu stark. „Wir müssen den Tank leer machen“, sagt der Chef, und bedeutet seinem Angestellten, dies mithilfe eines Schlauchs und eines Eimers zu erledigen. Das Prinzip ist ja bekannt.


Der Tankwart führt den Schlauch tief in den Tank ein. Lange muss er stochern. Dann saugt er an. Fließen will das Benzin nicht, dafür schießt dem Mann ein blassgelber Schwall aus dem Mund und auf seinen Overall. Er spuckt aus. Saugt wieder. Spuckt wieder aus. Das Zeug tropft ihm vom Kinn. Er verzieht das Gesicht: „Ist das 93 oder 95 Oktan?“, fragt er und kann seinen Ekel kaum verbergen. Er saugt erneut, wieder ohne Erfolg. Langsam begreife ich: Das ist keine Routine. Er macht das, weil sein Chef es will, und weil es dazu in dieser Werkstatt keine technische Alternative gibt. Ich bitte ihn aufzuhören und den Tank leerlaufen zu lassen. Ein paar Stunden mehr oder weniger sind doch nicht das Problem, nicht hier in Puerto Montt.


Als ich wiederkomme, ergreift der Chef das Wort. Nos hizo transpirar bastante su vehículo, erklärt er, wobei es nicht aussieht, als sei er persönlich ins Schwitzen geraten angesichts der undankbaren Aufgabe, unseren Tank abzudichten. Bewerkstelligt hat das der kleine Tankwart mit einem Flüssigmetall-Kleber, den ausgetretenen Kraftstoff hat er sorgfältig aufgefangen und wieder eingefüllt. Was das kostet? No se preocupe, sagt der Chef, ist schon gut. Kommen Sie in Zukunft einfach immer zu uns, wenn Sie tanken müssen.


Das Trinkgeld, das ich seinem Mitarbeiter kurz darauf zustecke, ist exorbitant. Für eine unfreiwillige Mundspülung mit Benzin ist es, wie mir scheint, das mindeste.


Samstag, 19. April 2008

Post-Pause


Bis Montag werde ich, dem globalen Breitband sei Dank, ein wenig Geld in der Heimat verdienen. Solange wird leider nicht gepostet. Schönes Wochenende noch!


Donnerstag, 17. April 2008

Deutscher Zunder

So langsam wird Puerto Montt seinem Ruf gerecht, ein schlimmes Regennest zu sein. Das Niederschlagsdefizit (die Dirección Meteorológica de Chile vergleicht die Summe der Niederschläge seit Jahresbeginn mit dem langjährigen Mittel zum entsprechenden Zeitpunkt) ist auf 37 Prozent zusammengeschmolzen, und die Wäsche auf der Leine hinterm Haus erhält mindestens eine Extraspülung am Tag.

Mit dem einsetzenden Regen geht langsam auch die Saison der incendios forestales zu Ende, wobei von Waldbränden im engeren Sinne kaum die Rede sein kann. Was da monatelang rund um die Stadt und insbesondere entlang der Panamericana lodert, schwelt und stinkt und bisweilen für stark eingeschränkte Sichtweiten sorgt, ist in erster Linie buschiges Brachland. Den Zunder liefert dabei eine Pflanze, die im Süden Chiles so verhasst wie verbreitet ist: der Stechginster. Eingeschleppt haben ihn die Deutschen. Also wir.

In Mitteleuropa sehen wir uns ja immer wieder von invasiven Neophyten bedroht, pflanzlichen Eindringlingen aus dem Rest der Welt. Nicht ganz zu Unrecht, versteht sich: Arten wie der Riesen-Bärenklau oder die fiese Pollenschleuder Ambrosia lassen sich in der Tat kaum als Bereicherung der einheimischen Flora begreifen. Insofern ist es ein Aha-Erlebnis zu sehen, dass sich ein Land am anderen Ende der Welt mit einer invasiven Spezies herumschlägt, die ihren Ursprung in der Alten Welt sogar im wissenschaftlichen Namen trägt: ulex europaeus heißt der hübsch gelb blühende Busch, den die Chilenen espinillo oder chacai nennen. Dass er so gut brennt, liegt an den bis zu 4 Prozent ätherischen Ölen, die seine Zweige und Stacheln enthalten.

Es waren wohl tatsächlich deutsche Siedler, die das stachelige Zeug im 19. Jahrhundert nach Chile einführten, um damit ihre Felder zu umfrieden und so vor Eindringlingen zu schützen. Das dürfte erfolgreich gewesen sein, denn der espinillo sticht fürchterlich. Seitdem hat sich der Ginster allerdings rasant ausgebreitet, und alle Versuche, seinen Vormarsch zu stoppen, haben sich bislang als wenig praktikabel oder zu teuer erwiesen. Derzeit wird in einem Feldversuch mit einer hawaiianischen Motte experimentiert, die den chacai fressen soll. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Die Feuerwehreinsätze, die oft am Rande der Straße zu beobachten sind, wirken bisweilen ein wenig unentschlossen. Vielleicht hofft man ja, dass wenigstens das Feuer seine Arbeit tut und den europäischen Eindringling des Landes verweist.

Nachtrag (am Freitag): Jetzt sind es nur noch 36 Prozent.

Mittwoch, 16. April 2008

Tompkins

Als wir Mitte Februar auf dem Flughafen von Puerto Montt eintrafen, wurden wir von aufgeregten jungen Menschen erwartet, die ihre Digitalkameras in Anschlag hielten. Später erfuhren wir, dass sie es nicht auf uns, sondern auf Julia Roberts abgesehen hatten. Die Schauspielerin traf wenig später ein, nicht in der Economy Class von LAN Chile, sondern in ihrem eigenen Jet. Der parkte dann eine gute Woche am Rande der Rollbahn, denn Roberts war mit Mann und Kindern in die Cessna von Douglas Tompkins umgestiegen und in dessen Parque Pumalín geflogen, wo sie am Dreh eines Dokumentarfilms mitgewirkt haben soll. Ihren Fans war sie freilich aus dem Weg gegangen, und auch bei der Abreise vermied sie jeden Blick in die Teleobjektive der Reporter.

Roberts Gastgeber Douglas Tompkins ist ein Mensch, an dem sich in Chile seit Jahren die Geister scheiden. Der 63-jährige US-Amerikaner, der die Mode- bzw. Outwearlabel Esprit und The North Face aufgebaut hat, verkaufte Anfang der 90er-Jahre seine Anteile für einen dreistelligen Millionenbetrag und begann, im Süden Chiles - später auch in Argentinien - riesige Grundstücke aufzukaufen, um sie der ökonomischen Verwertung zu entziehen. Später übernahm das die von Tompkins geleitete Stiftung The Conservation Land Trust, die den so entstandenen Quasi-Nationalpark wiederum vor wenigen Jahren an die chilenische Pumalín-Stiftung überschrieb.

Mit gut 3.000 Quadratkilometern Fläche ist der Park etwa so groß wie der Landkreis Uckermark, hat aber - nichts für ungut, Uckermark! - weitaus spektakulärere Landschaften zu bieten: vergletscherte Andengipfel, unberührten Regenwald, schroffe Fjorde und Meeresufer, an denen sich Seelöwen und Pinguine tummeln. Mitte 2005 wurde Pumalín vom chilenischen Staat offiziell zum Naturreservat erklärt. Pumalín ist ganzjährig öffentlich zugänglich, der Eintritt ist frei. Überlaufen ist es dort trotzdem nie - nicht nur wegen der Ausmaße des Geländes, sondern auch, weil man für die Anreise ein einigermaßen geländegängiges Fahrzeug benötigt und mindestens eine Fähre benutzen muss. Es sei denn, man wird von Tompkins' Cessna abgeholt.

Grundsätzlich macht der Mann alles richtig: Er schützt die Natur, er macht damit, soweit bekannt, keinen Profit, er versucht, seine Begeisterung für eine intakte Umwelt durch den Park weiterzugeben. Für die Menschen, die auf seinen Ländereien leben, hat er nachhaltige Projekte entwickelt, von denen sie leben können - Ökotourismus, Biolandwirtschaft, Vermarktung von handgefertigten Textilien.

Das ist er: Douglas Tompkins (Ausriss: La Tercera)

Man kann das alles aber auch paternalistisch finden. Oder imperialistisch. Oder einfach verdächtig. Immerhin ist Tompkins inzwischen Chiles größter Großgrundbesitzer, und sein Park schneidet das schmale Land in zwei Hälften. Seit der gringo im Land ist, bläst ihm der Wind ins Gesicht - und zwar von allen Seiten. In der Presse, insbesondere der lokalen, ist er nie "der Umweltaktivist", sondern der "Millionär" oder der "Magnat".

Als Problem wird Tompkins von vielen Politikern und Unternehmern auch betrachtet, weil er gegen zwei wirtschaftliche Aktivitäten agitiert, die im südlichen Chile von großer Bedeutung sind und auch in diesem Blog noch genügend Erwähnung finden werden: die Lachszucht und die - geplanten - Mega-Wasserkraftwerke in der weitgehend unberührten Aysén-Region. An beiden hängt, wenn man den entsprechenden Interessengruppen Glauben schenkt, die Zukunft des ganzen Landes. Wenn nun die US-amerikanische (Öko)lobby wieder einmal eine Kampagne gegen chilenischen Edelfisch oder für ein Patagonien ohne Staudämme fährt, werden Tompkins und seine Mitstreiter umgehend als Fünfte Kolonne verdächtigt.

Gerade am vergangenen Wochenende hat die Regierung wieder gegen ihn geschossen: Der Mann lebe seit 14 Jahren mit einem Touristenvisum im Land, es sei höchste Zeit für ihn, seinen Status zu klären. Schließlich verfügt das chilenische Ausländergesetz, das Touristen sich ausschließlich zu Zwecken der Erholung, aus sportlichen, gesundheitlichen, familiären oder religiösen Gründen im Land aufhalten dürfen, nicht aber um sich politisch zu betätigen oder etwa Geld zu verdienen. Auslöser der Attacke war möglicherweise ein Interview, das Tompkins dem Diario Financiero gegeben hatte. Darin hatte er der Präsidentin attestiert, in Sachen Naturschutz so gut wie nichts zu unternehmen.

Immerhin bekam Tompkins Unterstützung von etlichen hochrangigen Politikern aus der regierenden Concertación. Sogar der greise Carlos Altamirano, Anfang der Siebzigerjahre Allendes Chefideologe und immer noch graue Eminenz der Sozialisten, äußerte sich und forderte, den gringo "mit aller Entschlossenheit zu verteidigen".

Wie die Figur Tompkins bei den einfachen Chilenen ankommt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Einerseits greifen schnell die oben erwähnten Ressentiments, andererseits wird durchaus honoriert, dass der Mann aus lauter Liebe zur wunderschönen chilenischen Natur dem in- und ausländischen Kapital eine lange Nase macht. Um von den Chilenen ein wenig geliebt zu werden, müsste Tompkins aber Julia Roberts bei ihrem nächsten Besuch schon dazu bewegen, ein paar Autogramme zu verteilen.

(Hier die verschriftliche Version einer "Kulturzeit extra" über Tompkins.)

Dienstag, 15. April 2008

Una ranchera chilota



Ancud, die Hafenstadt im Norden von Chiloé, hat außer einem leidlich gepflegten Fort aus dem 18. Jahrhundert und einem liebevoll gepflegten Heimatmuseum wenig an Attraktionen zu bieten - außer vielleicht seiner wunderschönen Lage auf einer Halbinsel. Sonntags gibt es dort noch weniger als wenig zu erleben, dann sind auch die meisten Läden geschlossen. Geöffnet war immerhin ein Supermarkt, vor dem dieser fast blinde Akkordeonvirtuose saß. Für uns stimmte er eine leidenschaftliche mexikanische ranchera an, musikalisch fröhlich, obschon von traurigem Inhalt. Ich habe ihm sehr gerne zugehört.

Gewidmet ist dieser kleine Clip allen Weddinger Liebhaberinnen authentischer südamerikanischer Musik. Die schlechte Qualität ist in erster Linie der Datenkompression durch youtube geschuldet (flickr erlaubt zwar inzwischen Video-Uploads, aber nur bis maximal 90 Sekunden).

PS: Man beachte die differenzierte Fußarbeit.

Montag, 14. April 2008

Ein Hilferuf

Was ich im Folgenden berichten werde, wissen bislang die Allerwenigsten. Es ist etwas, über das man äußerst ungern spricht, es sei denn, man kann es in der Vergangenheitsform tun. Dann hat es etwas Anekdotisches, dann kann man es im Freundeskreis und zu fortgeschrittener Stunde gern zum Besten geben, das geht in Ordnung und juckt keinen. Wir aber leiden im Präsens. Und es juckt uns ganz gewaltig: Wir haben einen Floh.

Immerhin: Noch ist es nur einer. Gesehen haben wir ihn zwar bloß ein einziges Mal, für den Bruchteil einer Sekunde, aber es gibt Indizien, dies das Vorhandensein einer größeren Anzahl unwahrscheinlich machen. Konkret: In unserem Haushalt leiden nie zwei zur gleichen Zeit. Mal sitzt der kleine Parasit auf mir, mal auf S., mal auf den Kindern, dort allerdings eher selten und nur für kurze Zeit. Wenn einer frische Stiche vorweisen kann, weiß der andere, dass er für ein paar Tage seine Ruhe hat. Die Hoffnung, das Biest zu fangen, haben wir fast schon aufgegeben. Wenn es am Bein kitzelt und man nachsieht, sitzt er längst am Rücken oder in der Achselhöhle oder sonstwo.

Wahrscheinlich machen sich nur wenige eine Vorstellung von den Qualen, die Flohstiche bedeuten. Oberflächlich betrachtet könnte man einen einzelnen Stich durchaus für das Produkt einer Mücke halten. Verräterisch ist freilich die spezifische Technik des Flohs, der beim Blutsaugen aus nicht abschließend geklärten Gründen mehrmals nebeneinander ansetzt und so viele kleine Stich-Nester hinterlässt. Ein ebenso schockierendes wie aussagekräftiges Wikipedia-Bild findet sich hier.

Ein weiterer Unterschied zur Mücke: Flohstiche jucken höllisch. Und zwar nicht nur eine Nacht lang. Der Juckreiz kann manchmal fast eine Woche anhalten und nimmt im Laufe der Zeit noch zu. Das kommt bisweilen auch daher, dass man sich nicht beherrschen kann und kratzt. Dann entstehen Verletzungen, die sich leicht entzünden können. Und so sieht es aus: Unsere Körper sind das reinste Schlachtfeld. Gut, dass der Sommer vorbei ist. Wir könnten uns nie und nimmer in leicht bekleidetem Zustand präsentieren.

Rätselhaft bleibt für uns, wie die Flöhe uns so zielsicher ausmachen, und weshalb wir ihnen im Gegensatz zu unseren chilenischen Mitmenschen so attraktiv erscheinen. Sicher, wir haben den begründeten Verdacht, dass wir das Tier, das uns seit Wochen überall hin begleitet, in der Ferienwohnung aufgegabelt haben, die uns in den ersten beiden Wochen als Unterkunft diente. Aber es ist auch nicht das erste Mal, dass wir unfreiwillig Haustiere beherbergen: Bei jeder unserer letzten Chilereisen kamen wir in den Genuss.

Täterfoto: Centers for Disease Control and Prevention (CDC) / Janice Carr (über: Wikipedia)

Dass unsere Landsleute mit den Achseln zucken, wenn von Flöhen die Rede ist, kann wenig verwundern. Schließlich werden Menschenflöhe in Deutschland seit der Nachkriegszeit nur noch sporadisch bzw. an sehr übel beleumundeten Personengruppen beobachtet. In Chile dagegen sind sie weit verbreitet - und trotzdem kein Thema. Ich erinnere mich, wie wir vor Jahren in Santiago eine Apotheke betraten und nach einem Mittel gegen pulgas fragten. Die Angestellte lächelte freundlich und holte ein paar Schächtelchen. Para perro o para gato?, fragte sie nach. Nein, präzisierten wir, nicht für Hunde oder Katzen: für Menschen. Der Blick der Apothekerin gefror. Da müssten wir uns wohl an einen Arzt wenden, meinte sie und räumte die Schächtelchen schleunigst zurück ins Regal.

Vielleicht liegt es daran, dass Chilenen von Kindesbeinen an gestochen werden und sich entsprechend frühzeitig gegen das Floh-Allergen wappnen können. Dass wir die einzigen sind, an denen sich die kleinen Springteufel gütlich tun, können wir uns jedenfalls nicht vorstellen. Und in der Tat: Vor kurzem erzählten wir Andrea, einer deutschen Bekannten in Santiago, von unserem Problem. Und stießen zum ersten Mal auf volles Verständnis. "Jedes Mal, wenn wir in einer Ferienwohnung absteigen, bin ich anschließend mit Stichen übersät und könnte mich blutig kratzen", gestand sie uns. "Letztes Mal habe ich mir nach unserer Rückkehr die Klamotten im Garten vom Leib gerissen und bin unter die Dusche geflüchtet. Geholfen hat das nichts."

Gut möglich also, dass wir gar nicht so alleine dastehen. Immer wenn jemand den Kragen seiner Fleecejacke bis unters Kinn hochrollt oder trotz warmer Witterung mit langen Ärmeln erscheint, haben wir jetzt so einen Verdacht. Nur ist das Tabu noch nicht gebrochen. Und vor allem die Frage nicht beantwortet, was gegen die Plage wohl auszurichten sei. Wir haben stundenlang gegoogelt und nur wohlfeile Ratschläge gefunden. Der Juckreiz lasse sich lokal mit Antihistaminika - sprich: Fenistil-Gel - behandeln. So weit waren wir auch schon. Wenn es so weitergeht, versuchen wir es wohl auch noch mit der skurrilen Fangmethode, die wir im Netz gefunden haben: Man gebe einen Schuss Spüli in einen flachen Teller mit Wasser und stelle in die Mitte ein brennendes Teelicht. Nachts von der Helligkeit angezogen, springt der Floh auf den Teller und ertrinkt in dem durch das Spülmittel der Oberflächenspannung beraubten Wasser.

Hat jemand einen besseren Vorschlag? Außer Flohhalsbändern? Dies ist ein Hilferuf. Lasst uns nicht im - äh - Stich.

Sonntag, 13. April 2008

Im Regenwald





Schon nach wenigen hundert Metern, die man in einem valdivianischen Regenwald - wie im Nationalpark Alerce Andino - zurücklegt, begreift man mehrere Dinge: erstens, weshalb Botaniker so von der Artenvielfalt dieses Ökosystems schwärmen, zweitens, dass man als Europäer inmitten der zu 90 Prozent endemischen Flora zwar gewohnte Formen wiedererkennen, aber kaum eine Spezies identifizieren kann - und, drittens, was die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Dickicht" ist.

Zu beiden Seiten des Weges erhebt sich eine undurchdringliche, schwarzgrüne Wand aus Stämmen, Ästen, Zweigen, die Rohre des colihue-Bambus verfilzen sich mit Totholz voller Moose und Pilze, und wo ein wenig Sonne hereindringt, quellen Farne und die riesigen Blätter der nalca, des chilenischen Riesenrhabarbers, aus dem Unterholz. Auf manchen der ganz großen Bäume scheinen autarke Gemeinschaften zu funktionieren - sie bedeckt ein grünes Fell aus Flechten und Schlingpflanzen, in dem Bromelien und andere Epiphyten nisten. Was fehlt, ist die tropische Schwüle, die man in einem solchen Wald eigentlich erwartet.

Wir kommen aus dem Staunen kaum heraus.


Samstag, 12. April 2008

Brennholz II

Wir haben einen Ofen. Ein kleiner gusseiserner Kubus steht seit wenigen Tagen in unserem Wohnzimmer, mit einem noch kleineren Fensterchen, durch das wir gebannt beobachten, wie sich Glut in die Holzbriketts frisst. Briquetas sind, so heißt es und wir glauben es gerne, eine ökologisch weniger bedenkliche Alternative zur Verbrennung der letzten Urwaldflecken in der Umgebung. Sie bestehen aus mechanisch hoch verdichtetem Sägemehl, das in der Holzindustrie massenweise anfällt, die weiter nördlich riesige Kiefernplantagen zu Zellulose oder Bauholz verarbeitet. Ökologisch vorteilhaft sind sie auch, weil sie weniger Schadstoffe als Holzscheite emittieren, zumal wenn letztere viel Restfeuchte enthalten. In unserer Nachbarschaft freilich pfeifen viele auf die Restfeuchte und freuen sich über den günstigen Preis der Lieferung. Die Nachtluft in Valle Volcanes riecht in der letzten Zeit beißend und ist für Menschen mit empfindlichen Bronchien nicht zu empfehlen. Die sensiblen Geräte deutscher Feinstaubkontrolleure würden hier vermutlich irreparablen Schaden nehmen.


Dabei ist in Wirklichkeit alles ganz anders. Das habe ich aus einem Faltblatt erfahren, das unten im Stadtzentrum an einer kleinen fahrbaren Holzhütte verteilt wird, deren Schornstein ebenfalls gemütliche weiße Rauchwölkchen ausstößt. Hier erklärt leñito, der lustige Holzscheit, weshalb es vollkommen richtig ist, den artenreichen bosque nativo zu verheizen: Brennholz kostet wenig, ist im Gegensatz zu, sagen wir, argentinischem Gas stets zur Hand und nutzt den einheimischen Klein- oder Kleinstunternehmen, die die Bäume fällen und transportieren, zerlegen und verkaufen. Ganz zu schweigen, vom Kaminfeger, den man zur Sicherheit einmal im Monat kommen lassen sollte - sonst können die Rußflocken im Schornstein Feuer fangen und einen Brand verursachen.

Dass die Kampagne "Valoremos la leña, la energía del sur"* laut Prospekt unter anderem vom Ofenhersteller Bosca und dem Fertighaus-Giganten Socovesa gefördert wird, kann nicht verwundern. Schon auffälliger ist die blaue Flagge mit den zwölf Sternen. In der Tat ist die EU der Geldgeber des Sistema Nacional de Certificación de Leña (Nationales System zur Brennholzzertifizierung), für das hier geworben wird. Die europäische Finanzspritze beträgt zwischen 2007 und 2011 knapp 5 Millionen Euro und soll südchilenische Holzfäller dazu bewegen, ihr Produkt auf freiwilliger Basis mit einem Siegel auszeichnen zu lassen, das nicht nur Qualität und Trockenheit garantiert, sondern auch nachweist, dass kein Kahlschlag einheimischer Arten betrieben wird.

Etwas vereinfacht ausgedrückt ist die Idee dahinter also folgende: Wenn man die Abholzung des wertvollen Naturwaldes schon nicht verhindern kann, soll sie wenigstens so schonend wie möglich vonstatten gehen. Und wenn nur noch gut getrocknete Scheite im Ofen landen, wird auch die Luft sauberer. Klingt gut, ist aber auf Basis der Freiwilligkeit vermutlich nicht einmal ansatzweise zu erreichen.

Zum Anfeuern des Grills für eine leckere parrillada eignet sich der chilenische Urwald übrigens hervorragend.


* "Lernen wir Brennholz zu schätzen, die Energie des Südens."

Freitag, 11. April 2008

Was hier so steht

Nur für den Fall, dass sich jemand fragt, was das hier für eine Art von Blog ist: Ich weiß es auch nicht so genau. Der Blog-Typologie auf Wikipedia nach zu urteilen, handelt es sich um ein Placeblog. Das mag im Großen und Ganzen hinkommen. Ein bloßes Reisetagebuch ist dies aber ebensowenig wie ein politisches Notizbuch oder ein Familienalbum. Vielleicht ist es ein bisschen von allem. Die Wahl der Themen mag erratisch scheinen. Das liegt an meinem ebenso profunden wie sprunghaften Interesse für alles Mögliche. Anders ausgedrückt: Ich schreibe nur die Texte, die ich selber gerne lesen würde. Hoffentlich teilt jemand meinen Geschmack.

Linkshändig



Wenn Linkshänder Gitarre spielen, machen sie es normalerweise wie Paul McCartney und spannen die Saiten umgekehrt auf ihr Instrument. Dass es auch anders(herum) geht, beweist dieser freundliche Herr, der auf Puerto Montts Fußgängerzone den Gassenhauer La Joya del Pacífico zum Besten gibt. Beachtlich.

Donnerstag, 10. April 2008

Role models

In Sachen Spielzeug sind der Phantasie chilenischer Kinder keine Grenzen gesetzt.

Prekäre Jobs: Der Bus-Vertreter

Hier in der Provinz gibt es sie noch: die micros. In Santiago sind die klapprigen kleinen Stadtbusse, die sich stinkend und dröhnend durch die Straßen kämpfen, durch moderne Gelenk-Busse ersetzt worden, die im Rahmen des neuen Transantiago-Netzes über eigene Spuren rasen und nur noch ausgewiesene Haltestellen bedienen. Dass Transantiago zur bislang gößten Katastrophe für die amtierende Regierung wurde, ist eine andere Geschichte.


Zu den Eigenheiten der micros, die von Kleinunternehmern oder Kooperativen betrieben werden, gehört eine gewisse schmuddelige Gemütlichkeit mit butterweichen Sitzen und verschlissenen Vorhängen, ein Radio, das cumbias dudelt und eine mäandernde Linienführung, die sich nur Eingeweihten erschließt. Und die ambulantes.


Früher gab es, wie mir scheint, mehr dieser Männern und Frauen, die an der Ampel mit Erlaubnis des Fahrers aufspringen und Schokolade, Cola oder Eiscreme feilbieten. Möglicherweise geht es dem Land mittlerweile tatsächlich so gut, dass nur noch wenige Chilenen auf solche Jobs angewiesen sind. Aber es gibt sie noch, die Verkäufer. Ihr Markenzeichen ist die durchdringend monotone Kopfstimme, mit der sie ihr Produkt ausrufen: pastillas des menta a cien, a cien las pastillas, lleve tres por doscientos, las pastillas de menta. Ich habe mich immer gefragt, warum Bus- und Straßenverkäufer so klingen. Ich glaube, es ist eine Frage der Professionalität: Man wird über weite Entfernungen gehört und verstanden, und die Stimme ermüdet nicht so schnell.

Noch professioneller - und noch seltener - ist eine andere Sorte Verkäufer. Letztens durfte ich wieder einen von ihnen beobachten. Es ist ein halb belustigendes, halb Ehrfurcht gebietendes Schauspiel und geht wie folgt: Ein schmaler Mann im grauen Sakko steigt ein. Er wirkt ausgesprochen gepflegt, aber sein gebräuntes Gesicht verrät, dass er viel Zeit im Freien verbringt. Er positioniert sich vorne im Gang, dort wo im Flugzeug die Stewardessen stehen, wenn sie die Sicherheitsvorkehrungen erklären, und beginnt eine eigentümlich gestelzte Ansprache: Señores pasajeros, tengo el agrado de presentarles ...


Frei übersetzt: "Sehr geehrte Fahrgäste, ich darf Ihnen heute ein ganz besonderes Angebot machen - zwei praktische Tintenschreiber in unterschiedlichen Farben. Jeder einzelne wird Sie in einem beliebigem Schreibwarenladen 700 Pesos kosten, ich verkaufe Ihnen beide zusammen zum einmalig günstigen Preis von tausend." Während er spricht, zieht er besagte Stifte aus einer Innentasche, präsentiert sie, öffnet und verschließt sie wieder, alles mit sorgfältig einstudierten Gesten.


"Das ist aber noch nicht alles", fährt der Mann im grauen Sakko fort. "Zusätzlich zu den Tintenschreibern mache ich ihnen ein Geschenk: diesen lustigen Kinderkugelschreiber mit Schnur zum Umhängen. Und es geht noch weiter: Auch diesen unverwüstlichen Filzstift ..." Es folgen ein Bleistift und ein Textmarker. Sechs Stifte für 1000 Pesos, das scheint nicht übel, auch wenn es Ramsch aus China ist. Aber jetzt setzt unser Verkäufer seine eigentliche Pointe: "Um das Angebot perfekt zu machen, verehrte Fahrgäste, lege ich noch etwas drauf - diese praktische Taschenlampe, ein verlässlicher Helfer, wenn der Strom ausfällt."


Die Lampe macht von weitem einen soliden Eindruck. Sechs Stifte und eine Leuchte, eine solche Offerte kann man kaum ausschlagen. Der Mann im grauen Sakko wartet. Im Bus sitzen sieben oder acht Leute, sie haben die Vorstellung betrachtet und blicken nun teilnahmslos auf den Boden oder aus dem Fenster. Der Mann dreht sich um, steigt an der nächsten Ecke aus und winkt der nächsten micro.


Wie oft hält er diese Rede am Tag? Wie hoch ist seine Gewinnmarge? Kommt es vor, dass er abends keinen einzigen Stift verkauft hat? Wäre Betteln nicht ergiebiger? Mag sein. Aber der Mann im grauen Sakko ist ein Geschäftsmann, er will sein Geld verdienen, er hat das alles durchgerechnet. Und er gibt nicht so schnell auf. Ihm gebührt Respekt.


Mittwoch, 9. April 2008

Noch was

Ausriss: Diario El Llanquihue

Dienstag, 8. April 2008

Einwanderer

In Sachen Einwanderung hat Chile eine Menge Erfahrung. Seit Ankunft der Spanier haben viele andere Nationen und Ethnien ihren Beitrag zur landestypischen Mischung geleistet - Kroaten, Deutsche, Italiener, Basken, Briten und Franzosen. Eine der größten Einwanderungsgruppen kam aus dem Nahen Osten: christliche Palästinenser, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor dem Osmanischen Reich nach Südamerika flohen.

In Santiago gibt es ein "arabisches" Viertel, wo sich viele Palästinenser niederließen, um Textilhandel zu betreiben (im Volksmund wird diese Gruppe absurderweise turcos, Türken genannt), es gibt Escuelas Palestinas, einen Club Deportivo Palestino, der seine Heimspiele im Estadio Palestino austrägt, und viele Konditoreien und Supermärkte verkaufen dulces árabes, nämlich Baklava.

Ausriss: La Tercera

Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb am vergangenen Sonntag an die tausend Chilenen die Ankunft der ersten 39 von 117 palästinensischen Flüchtlingen aus dem irakisch-syrischen Grenzgebiet feierten, die in diesen Tagen auf Betreiben des UNHCR sowie der katholischen Vicarías de Pastoral Social y de los Trabajadores von Chile aufgenommen werden. Die ersten acht Familien werden in La Calera wohnen, einer Kleinstadt in der weiteren Umgebung von Santiago, wo ebenfalls viele Nachfahren der ersten palästinensischen Einwanderung leben.

Einen gewichtigen Unterschied zwischen den chilenisierten und den frisch eingetroffenen Palästinensern gibt es allerdings: Letztere sind Muslime. Schon deshalb wurden beim Willkommensessen, das Bürgermeister Roberto Chahuán ausrichten ließ, zwar Empanadas, aber kein Rotwein serviert - eine in Chile für gewöhnlich zwingende Kombination. Fragt sich, ob die Aufführung einer Cueca, die ebenfalls zum Programm gehörte, von interkulturellem Fingerspitzengefühl zeugte: Immerhin symbolisiert der chilenischen Nationaltanz - nach volkstümlicher Deutung - das eindeutig sexuell konnotierte Werben des Hahns um die Henne.

Petrohué


Mal was Schönes: Impressionen von den Petrohué -Wasserfällen. Hier kann man mit der entsprechenden technischen Ausrüstung 360-Grad-Panoramen der Fälle betrachten (leider nicht von mir).

Montag, 7. April 2008

Eine Frage der Tarnung

An der Avenida Presidente Ibáñez, die die oberen Stadtteile von Puerto Montt verbindet, wächst zwischen Tankstellen und Autowerkstätten eine riesige Palme in den Himmel. Gut dreißig Meter hoch dürfte sie sein, schlank und ausgesprochen geradwüchsig steht sie da, die Krone freilich ist klein und ziemlich zerzaust. Trotzdem erstaunlich, dass ein solcher Baum hier derartige Ausmaße erreicht.

Beim näheren Hinsehen entpuppt sich die Palme dann schnell als Fake. Die vermeintliche Rinde ist eine bemalte Kunststoffhaut, und oben verbergen die schlaffen Blätter kaum noch den wahren Zweck des getarnten Mastes: Es handelt sich um eine Mobilfunkantenne.

Überall in Chile gedeihen diese Gewächse, und es werden immer mehr. Kein Wunder, immerhin haben nach neuesten Zahlen der Subsecretaría de Telecomunicaciones (Subtel), der staatlichen Telekomunikationsbehörde, neun von zehn Chilenen ein Mobiltelefon – exakt 13.955.022 Stück waren es angeblich Ende März. Im städtischen Umfeld nutzen laut Subtel 87,3 Prozent der Haushalte ein oder mehrere Handys, auf dem Land sind es sogar 94,3 Prozent. Chile ist ein sehr modernes Land.

Aber so wie überall auf der Welt, wo Funkantennen sprießen, regt sich auch hier Widerstand gegen die Masten der drei marktbeherrschenden Anbieter Movistar (Telefónica), Entel PCS und Claro. Die Zeitungen berichten vom wütenden Protest einer Gruppe von Eigentümern in Santiagos Superreichen-Viertel La Dehesa gegen eine Antenne, die auf einem nahe gelegenen Tennisplatz errichtet werden soll (woran der Platzbetreiber nicht schlecht verdienen dürfte), und bei La Serena im Norden haben Hausbesitzer eine einstweilige Verfügung gegen eine Funkpalme erwirkt, deren Baustart wohl nicht von ungefähr mitten in die Sommerferien fiel.


In Puerto Montt dürfte der Protest weniger erbittert ausgefallen sein. Im näheren Umkreis der Palme stehen bescheidene Behausungen, deren Eigentümer weniger Gedanken an den potenziellen Wertverlust ihrer Immobilie verschwenden dürften als daran, ob sie die nächste Stromrechnung pünktlich werden bezahlen können.


Noch mehr phantasievolle Antennenverstecke gibt es hier.


Sonntag, 6. April 2008

Brennholz

Die Nächte sind bereits empfindlich kalt, aber tagsüber hat die Sonne noch so viel Kraft, dass man es in windgeschützten Ecken nicht lange ohne Schatten aushält. Für den hat Andrés selbstverständlich gesorgt. Der Andalusier, den das Schicksal in den Süden Chiles verschlug, hat vorher jahrelang in ostdeutschen Tapas-Bars gekocht und weiß mit Gästen umzugehen, auch bei einem Gartenfest in Valle Volcanes.


Während sich die Liebhaber von Meeresfrüchten über ein Blech calamares en su tinta hermachen, kommt das Gespräch auf ein echtes Dauerbrenner-Thema in Puerto Montt – die Holzversorgung für den kommenden Winter. Mit Gas oder Öl heizen hier allenfalls Menschen, die in Hochhäusern wohnen oder zu viel Geld übrig haben, das haben wir schon gelernt. Jetzt ist es höchste Zeit, sich mit einem anständigen Vorrat einzudecken. Auf Bestellung kommt ein Laster vors Haus gefahren und verkauft grobe Holzscheite nach vara, einer alten spanischen Maßeinheit, die einem knappen Quadratmeter Fläche bei rund 40 Zentimetern Tiefe entspricht. Je länger man mit dem Kauf wartet, desto teurer wird das Brennholz – vor allem das gut getrocknete, das im Ofen nicht schwelt und stinkt.


Am besten“, sagt Enrique, der unter der Woche Autos verkauft, „ist tepú. Das hat einen so hohen Brennwert, da musst du aufpassen, dass du nicht deine Bude abfackelst. Aber raulí ist auch in Ordnung, oder luma. Eukalyptus ist Mist, brennt schnell weg und heizt trotzdem schlecht.“ Tepú, raulí und luma sind endemische Hölzer, die den einzigartigen kalten Regenwald Südchiles prägen. Wo werden die denn geschlagen? „In der cordillera de la costa“, weiß Cristóbal, der Forstwirtschaft studiert hat, und in seiner Freizeit am liebsten auf Berge steigt. Bei Los Muermos in der Küstenkordillere würden gewaltige Flächen einfach gerodet. „Da gehen riesige Naturschätze verloren. Es gibt nämlich kein Gesetz, das zu nachhaltiger Waldbewirtschaftung verpflichtet.“


Nach einem Zwischengang chorizos tischt Andrés einen gewaltigen Lachs auf, den er sorgfältig im Ofen gegart hat. Wie es denn sein könne, dass es keine entsprechenden Gesetze gebe, fragt Mauricio. Der Meeresbiologe, der für die GEF in einem Küstenmanagement-Projekt arbeitet, ist zur Hälfte Kolumbianer und lebt erst seit ein paar Jahren in Chile. Ganz einfach, sagt Cristóbal: Vielen wichtigen Politikern gehörten große Ländereien. „Das sind die ersten Nutznießer einer mangelnden Regulierung, die werden sich hüten, etwas dagegen zu unternehmen.“ Der Fisch schmeckt köstlich.

Jetzt kommt Cristóbal in Fahrt: Das Holz der alerce, eines Baumes, der mehrere tausend Jahre alt werden kann und inzwischen unter strengem Schutz steht, sei in den USA heiß begehrt und werde illegal gehandelt. „Wie eine Droge!“ Im benachbarten Nationalpark Alerce Andino würden heimlich Bäume gefällt, herausgeschmuggelt und bei ihrer Verschiffung unter minderwertigem Holz versteckt. „Aber das sind ja wenigstens Chilenen, die sich da bereichern. Unten in Patagonien, wo keiner den Überblick hat, ziehen die Gringos einzelne Bäume mit Hubschraubern aus dem Wald. Die stehlen sie einfach.“ Woher er das denn nun schon wieder wisse, fragt ihn Marisol, seine Schwester und Enriques Frau. „Hab ich halt gehört“, brummt Cristóbal und macht ein frisches Bier auf.


Ein paar Flaschen Rotwein später wird die Gitarre aus dem Haus geholt. Enrique schrubbt alte Hits von Charly García, Mauricio macht die zweite Stimme, und Cristóbal drischt auf ein Percussion-Set aus Küchenutensilien ein. Der Abend wird sehr nett. Noch später erzählt uns Andrés grinsend, dass Mauricios Frau Luisa in einer Woche die unglaubliche Menge von drei varas verheizt. Sie ist halt Kolumbianerin und kommt mit der Kälte hier nicht klar.


Samstag, 5. April 2008

Blätter fallen

Zum Herbstanfang ein welker Gruß aus der "Rosenstadt" Puerto Varas.

Trinkgeld

Sich in den Alltag eines anderen Landes zu katapultieren, bringt tausend kleine Unwägbarkeiten mit sich – selbst wenn man einigermaßen mit dem Terrain vertraut ist. Manchmal ist es aber auch der eigene soziale Status, der sich verändert hat und das Erlernen neuer Kulturtechniken erfordert. Etwa beim Trinkgeld.

Bei unseren früheren Aufenthalten in Chile gehörten wir im weitesten Sinne der Backpacker-Klasse an, die sich um eine korrekte propina wenig Gedanken machen muss. Erstens weil man selbst nicht allzu viel hat, zweitens, weil man die möglicherweise düpierten Empfänger so schnell nicht wiedersieht. Jetzt sind wir – ebenfalls im weitesten Sinne – Teil der chilenischen Mittelschicht, mit Haus und Auto und einem für hiesige Verhältnisse überdurchschnittlichen Auskommen. Außerdem werden wir für geraume Zeit am Ort bleiben. Das erfordert überlegtes Handeln.


Was gibt man denn den freundlichen jungen Menschen, die einem im Jumbo-Supermarkt demütig die Einkäufe in Plastiktüten stecken? Universitario steht auf ihren Polo-Shirts, und Studieren ist in Chile ein teurer Spaß. Also lassen wir uns nicht lumpen. Aber was heißt das konkret? Sind 100 Pesos (14 Cent) wirklich genug? Wären 500 gnadenlos übertrieben, ließe sich das vielleicht als Geste der Herablassung missdeuten? Man müsste überschlagen, wie viele Kunden pro Schicht durch eine dieser Kassen kommen. Ach, lieber nicht.

Wir pendeln uns bei 150 Pesos ein. Susanne, die seit anderthalb Jahren hier lebt, gibt das Doppelte, um sich so, wie sie selbstironisch sagt, ein reines Gewissen zu kaufen: „Ich finde es immer noch ziemlich irritierend, in einem Entwicklungsland zu den Besserverdienenden zu gehören.“ Da hat sie Recht. Die Studenten im Jumbo stecken das Geld übrigens ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. Das wurde ihnen wahrscheinlich als unschöne Geste untersagt.


So geht es weiter. Im Restaurant ist es noch am einfachsten, da gilt die Zehn-Prozent-Faustregel, die in jedem Reiseführer steht. Aber erwartet der Tankwart, dass man ihm zusätzlich zu dem glatten Betrag, für den man hier üblicherweise das Auto auffüllen lässt, noch ein paar Münzen durchs Fenster reicht? Wenn es sich nicht um eine Routineleistung handelt, kann man wenigstens ganz naiv fragen – wie den netten Mann neben der staubigen Zapfsäule am Rande des Vicente-Pérez-Rosales-Nationalparks, der uns Luft auf die Reifen pumpt und den Druck in Ermangelung eines Messgeräts per Fußtritt ermittelt. Cuánto le debo, was bin ich Ihnen schuldig? So einfach geht das. Lo que Usted estime conveniente, lautet die sibyllinische Antwort: Was Sie für angemessen erachten. Wir sind so schlau wie zuvor.


Dem Bettler auf der Straße, der nach einer gambita fragt, kann sofort geholfen werden, schließlich gibt er den gewünschten Betrag (gamba = Slang für 100 Pesos) selbst an. Der kleinen Frau, die vor ein paar Tagen mit einem Müllsack vor unserer Haustür stand und höflich nach „irgendeiner Hilfe, Essen oder Kleidung“ fragte, schenkte ich dagegen nach kurzem Überlegen mehrere Packungen Grillwürste, die bei einer Party übriggeblieben waren. Sie waren noch frisch und von guter Qualität, aber in Wirklichkeit wollte sie niemand von uns essen. Wie nennt man so etwas? Nächstenliebe mit Köpfchen? Abgebrühtheit? Ich habe keine Ahnung.