Samstag, 31. Mai 2008

Osorno


Osorno - das ist eine verschlafene Stadt im Norden unserer Seen-Region, die Kapitale der chilenischen Milchwirtschaft. Es ist aber auch der Name des nach Ansicht der meisten Reiseführer schönsten Vulkans Chiles. Hinter dem Llanquihue-See ragt er auf, ein fast perfekter Kegel, die Spitze in Gletschereis gehüllt. Nur im vergangenen Sommer, einem der heißesten und trockensten seit Menschengedenken, klafften plötzlich hässliche schwarze Lücken in der weißen Kappe. Jetzt schneit es aber wieder. Im Winter ist der Berg ein weißer Traum, vor allem für die Skifahrer. Auf sie warten zwei Sessellifte und - so heißt es - jede Menge Pulverschnee, aber verhältnismäßig wenig Konkurrenz auf der Piste.

An einem strahlenden Sonnenwochenende im Herbst ist es noch ruhiger auf dem Vulkan. Kaum jemand findet den Weg herauf, dabei ist die Straße zwar steil und kurvenreich, aber in perfektem Zustand. Wahrscheinlich ist es so: Wer sich kein Auto leisten kann, muss ohnehin unten bleiben, während die SUV-Fahrer am anderen Ende der Vermögensskala es vorziehen, üppige asados zu verzehren oder ihre Aktienkurse im Auge zu behalten. Uns soll es recht sein.

Die Einsamkeit auf dem Vulkan ist fast perfekt, es herrscht kristalline Stille. Einen Kilometer tiefer zerläuft der See im Dunst. Unter den Schuhen knirschen leise die porösen Lavabrocken, nach einem kurzen Aufstieg ist der Boden bereits mit Firnflecken gesprenkelt. In der Ferne leuchtet der Tronador in der Sonne, ein erloschener Vulkan auf der Grenze zu Argentinien. Der Osorno dagegen gilt als aktiv: Mitte des 19. Jahrhunderts brach er mehrmals aus, zuletzt im Jahr 1869. Jetzt ist er einer der wenigen Vulkane, denen das vulkanologische Observatorium des chilenischen Geologie- und Bergbauamtes rund um die Uhr den Puls fühlt. Zurzeit herrscht Warnstufe "grün" (auf einer grün-gelb-roten Ampel-Skala). Das darf gerne so bleiben.

Freitag, 30. Mai 2008

Technischer Hinweis

Eine Blogleserin hat den kleinen Schriftgrad moniert. Dazu folgender Tipp: In allen gängigen Webbrowsern (insbesondere Firefox und Internet Explorer) lässt sich die Größe der Schrift durch die Tastenkombination "Strg +" erhöhen. Sprich: "Strg"-Taste halten, dann die Taste mit dem "+"-Zeichen drücken. Zurück geht es logischerweise mit "Strg -".

Wettrüsten

Der Mercurio druckt heute einen Artikel aus dem Economist über das neue Wettrüsten in Lateinamerika ab. Dass sich die Bruderländer bis zu den Zähnen bewaffnen, ist ein alter Hut, aber jemand wie Hugo Chávez, der gerade zwei Dutzend Suchoi-Kampfflugzeuge und 50 Hubschrauber in Russland gekauft hat – um George Bush zu beeindrucken oder seinen ehemaligen Waffenbrüdern in den venezolanischen Streitkräften etwas Gutes zu tun – fügt dem Szenario eine beunruhigende neue Note hinzu.


In Chile, der Text erinnert dankenswerterweise daran, erhält das Militär qua Gesetz – die Ley Reservada del Cobre – zehn Prozent der Einnahmen aus dem staatlich betriebenen Kupferabbau bzw. -export, um davon Rüstungsgüter zu kaufen. Wenn der Kupferpreis gerade im Keller ist, rufen die Offiziere nach einer verlässlichen Finanzierung. Wird das wichtigste chilenische Exportprodukt aber teuer auf dem Weltmarkt gehandelt, wie es seit geraumer Zeit der Fall ist, nehmen sie ihren Anteil auch gerne mit. Im vergangenen Jahr waren das 1,4 Milliarden US-Dollar.


Davon kann man sich eine ganze Menge leisten: Laut Economist haben die chilenischen Streitkräfte in den vergangenen Jahren 340 deutsche Panzer gekauft, dazu acht Fregatten und zwei Unterseeboote sowie 28 F-16-Jagdflugzeuge. Nur gut, dass es gerade wieder ein bisschen mit dem Nachbarn im Norden kriselt, sonst ließe sich ein solches Arsenal kaum rechtfertigen. Perus Präsident Alan García hat Chile Anfang Mai aufgerufen, die Aufrüstung einzustellen und besser in Armutsbekämpfung zu investieren. Was nicht bedeutet, dass Peru in dieser Hinsicht ein Waisenknabe ist, man hat dort bloß kein Kupfer im Angebot.


Das zu lesen wirkt ziemlich skurril an einem Tag, an dem dieselbe Zeitung (und alle anderen auch) praktisch nur ein Thema kennen: den Unfalltod des Chefs der Carabineros, der uniformierten Polizei Chiles, die seit den Tagen der Junta als vierte Waffengattung zu den Streitkräften gerechnet wird. José Alejandro Bernales, seine Frau und mehrere Begleiter waren am Donnerstag in Panama, wo Bernales an einer Anti-Terror-Konferenz teilnahm, bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. In den panamaischen Medien wird gemutmaßt, dass technische Mängel für das Unglück verantwortlich waren. Für den in den Siebzigerjahren gebauten Helikopter suchte das Militär angeblich Ersatzteile über das Internet.


Donnerstag, 29. Mai 2008

Also doch

Heute früh lag beim Verlassen des Hauses ein kaum wahrnehmbarer grauer Schleier über den Dingen. Das mussten wir uns näher ansehen.

Näher!

Noch näher!

Also doch: Die Vulkanasche aus dem Chaitén hat nach einem knappen Monat Eruption auch Puerto Montt erreicht. Alerdings in recht subtiler Dosierung. Giftig ist das bleigraue Puder, das sich insbesondere auf Windschutzscheiben sichtbar niederschlägt, angeblich nicht. Die regionalen Behörden empfehlen allerdings Kleinkindern, Schwangeren und alten Menschen, eine Atemschutzmaske zu tragen, wenn sich das "Phänomen" verstärken sollte. Man weiß ja nie.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Aufgehorcht!

In Kürze geht es an dieser Stelle weiter.

Dienstag, 27. Mai 2008

Kurze Pause

Bis Donnerstag wird das Blog nicht gefüttert - Geld verdienen muss auch sein.

Montag, 26. Mai 2008

Zwei Meldungen

Gut: Die chilenischen Justiz hat Verfahren gegen nicht weniger als 98 mutmaßliche Beteiligte an der sogenannten Operación Colombo eröffnet. Der Untersuchungsrichter Víctor Montiglio, der die entsprechenden Haftbefehle erließ, verwies gestern vor der Presse darauf, dass das Verfahren das Ergebnis von "33 Jahren Arbeit der Justizbehörden" sei - wobei sich diese Arbeit während der ersten 15 Jahre, also bis zum Ende der Pinochet-Ära, eher im Verborgenen abgespielt haben dürfte. Bei der Operación Colombo handelte es sich um ein perfide Operation des militärischen Geheimdienstes DINA, mit der der dieser die Ermordung von 119 Oppositionellen im Jahr 1975 auf ausgeklügelte Weise zu verdunkeln versuchte: Unter anderem mithilfe gefälschter ausländischer Presseberichte wurde suggeriert, die Verschwundenen hätten in Argentinien und Brasilien den bewaffenten Kampf gegen die Junta vorbereitet, seien aber von ihren eigenen Gesinnungsgenossen nach internen Führungskämpfen hingerichtet worden. Jetzt werden sich Ex-Offiziere der DINA, aber auch ehemalige Fahrer, Wachen und andere Helfershelfer vor Gericht verantworten müssen.

Schlecht: Montiglios Kollege Juan Eduardo Fuentes hat die Ermittlungen zum Mord an Víctor Jara eingestellt - ohne den Mörder des Sängers ausfindig gemacht zu haben. Dagegen protestierten gestern in Santiago Mitglieder der Víctor-Jara-Stiftung, seine Witwe, die Britin Joan Turner, Freunde und Verehrer des Künstlers, der wenige Tage nach dem Putsch im September 1973 in einem Stadion gefoltert und vor den Augen vieler Mitgefangener erschossen worden war. Die Demonstranten marschierten durch den strömenden Herbstregen zum Gerichtshof und übergaben 20.000 Unterschriften, die eine Wiederaufnahme der Ermittlungen fordern. Das Gericht hatte lediglich den Offizier identifizieren können, der den Befehl zur Ermordung Jaras gegeben hatte, nicht aber den oder die Täter.

Sonntag, 25. Mai 2008

Was tun, wenn's bebt?

Das Beben war am Sonntag das Mega-Thema in den lokalen Medien. Aber was heißt hier "das Beben"? Von Freitagabend bis Samstagmorgen hat es in der Region viermal gebebt, wobei sich die Experten noch nicht im Klaren darüber sind, ob es sich bei den weiteren Bewegungen um Nach- oder eigenständige Beben gehandelt hat. Auch die Frage, ob Vulkanismus Auslöser der Erschütterungen war oder doch tiefere tektonische Verschiebungen, ist ebenso ungeklärt wie die, ob es sich um wenige, zeitlich begrenzte Vorgänge handelt oder den Beginn von etwas, das man als enjambre sísmico, als Erdbebenschwarm bezeichnet: viele kleinere Beben, durch die sich Spannungen in der Erdkruste allmählich abbauen. Oder ob es eben doch Vorzeichen eines größeren Ereignisses sind.

Für Naturkatastrophen aller Art ist in Chile die Oficina Nacional de Emergencia zuständig. Die ONEMI hat unter anderem die Evakuierung der Bewohner von Chaitén organisiert und überwacht seitdem die gefährdete Zone. Vorsitzende der Behörde ist Carmen Fernández, eine resolute Frau mit rauchiger Stimme, die in diesen Tagen ein Interview nach dem anderen geben muss. Von der ONEMI-Website kann man allerlei strategische Pläne zum Katastrophenmanagement herunterladen, ausgeklügelte Pläne, wie die öffentlichen Einrichtungen Hand in Hand mit den Bürgern vorbeugen, reagieren und evaluieren sollen. Nur ein paar simple Hinweise, was man tut oder besser lässt, wenn's bebt, die findet man nicht, jedenfalls nicht auf Spanisch. Für Ausländer in Chile gibt es immerhin ein Merkblatt, das sie mit allen erdenklichen Gefahrenquellen vertraut macht - auch mit Erdbeben:

Ausriss: ONEMI Chile

Was für ein wunderbarer Satz. "Do not wait for a quake to initiate your preparedness." Klar: Wenn es bereits bebt, muss man sich nicht mehr darum kümmern, vorbereitet zu sein. Man ist es oder nicht. Wir wollen selbstverständlich vorbereitet sein. Um die sichere Aufstellung der Möbel müssen wir uns kaum Gedanken machen, wir haben ja bislang kaum welche - und die vielen Einbauschränke, die unser Haus zieren, sind ohnehin kippsicher. Taschenlampe ist vorhanden, batteriebetriebenes Radio auch, soweit alles in Ordnung. Aber nach welchen Kriterien, bitteschön, "definiert" man eine "Sicherheitszone" im Haus? Das wird nicht erklärt. Eine Abbildung im selben Dokument suggeriert, man müsse unter einen Tisch kriechen, während die meisten Chilenen angeben, sie würden sich im Ernstfall in einen Türrahmen stellen. In der Zeitung stand heute aber, beides seien keine sicheren Orte, vielmehr müsse man Schutz in Raumecken oder neben stabilen Möbelstücken suchen, um größtmögliche Sicherheit bei einem Einsturz von Wänden oder Decke zu haben.

Eine erbauliche Lektüre ist übrigens die Erläuterung der Mercalliskala auf den Internet-Seiten der ONEMI (hier). Für jede der 12 Stufen wird exakt angegeben, was zu beobachten und womit zu rechnen ist. Stufe III, die wir vorgestern in Puerto Montt hatten, ist demnach wirklich harmlos:

Wird im Inneren von Gebäuden wahrgenommen. Viele Menschen erkennen allerdings nicht die seismische Ursache des Phänomens, die Vibrationen ähneln denen, die beim Vorbeifahren eines leichten Fahrzeugs entstehen können. Die Dauer des Bebens lässt sich abschätzen.

So etwas nimmt man mit links. Ernster ist da schon Stufe VI:

Wird von allen Betroffenen wahrgenommen. Sie geraten in Angst und fliehen ins Freie. Man spürt Unsicherheit beim Gehen. Fensterscheiben und Geschirr zerbrechen. Spielzeuge und Bücher fallen von den Regalen, Bilder von der Wand. Möbel verrutschen oder fallen um. Im Stuck bilden sich Risse. Man kann Bewegungen von Bäumen beobachten oder ihr Knarren hören. Kleinere Glocken von Kirchen oder Schulen beginnen zu läuten.

Unheimlich. So geht das immer weiter, Stufe IX klingt bereits ziemlich apokalyptisch:

Allgemeine Panik entsteht. Schlecht ausgeführtes Mauerwerk stürzt ein. Gewöhnliches Mauerwerk wird stark beschädigt und kann ebenfalls einstürzen. Mauerwerk von hoher Qualität nimmt sichtbaren Schaden. Fundamente werden beschädigt, Holzbalken werden aus ihren Verankerungen gerissen. Wasser- und Gasspeicher erleiden beträchtliche Schäden. Unterirdische Wasserleitungen zerbrechen. Auch in trockenem Untergrund öffnen sich Spalten. In Schwemmland wird Schlamm und Sand aus dem Boden ausgestoßen.

Stufe XII ist dann recht kurz gehalten:

Die Zerstörung ist praktisch vollkommen. Felsmassen geraten in Bewegung. Gegenstände werden in die Luft geschleudert. Das Landschaftsbild verändert sich.

Im Mai 1960 soll in den ufernahen Bereichen von Puerto Montt Stufe XI erreicht worden sein. Wir haben am Samstag kurzfristig unsere Pläne geändert und einen Ausflug ins Umland gemacht, anstatt in der Mall ein Sofa zu kaufen. Wenn das Wetter schon einmal schön ist, sollte man das hier ja unbedingt ausnutzen.

Freitag, 23. Mai 2008

Erschütterungen

Gestern Abend hat die Erde gebebt, zum ersten Mal, seit wir hier sind. Es war kein schweres Beben: Nach Angaben des Seismologischen Dienstes der Universidad de Chile erreichte es 4,6 Grad auf der Richterskala, auf der Mercalliskala, die den Grad der Wahrnehmbarkeit bzw. der Zerstörungen beschreiben soll, war es Stufe III für Puerto Montt. Das Epizentrum lag etwa 75 südlich von hier, also auf halber Strecke zum Vulkan Chaitén. Mit dessen Ausbruch habe die Erderschütterung aber nichts zu tun, beeilten sich die regionalen Behörden mitzuteilen.

Im Nachhinein erscheint ein Beben dieser Größenordnung nahezu lächerlich. Das Wohnzimmer geriet in Schwingung, die Lampe über dem Esstisch begann zu schaukeln - obwohl bei näherer Betrachtung wir es waren, die zu schaukeln begannen, während die Lampe den Gesetzen der Trägheit gehorchend weiter in Richtung Erdmittelpunkt zeigte. Eigentlich kein unangenehmes Gefühl - wäre da nicht die Furcht, es könne sich doch noch zu etwas Großen auswachsen.

Ganz von der Hand zu weisen ist das ja nicht: Der Süden Chiles war vor - fast auf den Tag genau - 48 Jahren Schauplatz des bislang stärksten Erdbebens der Welt, seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen, versteht sich. Dass beim "Erdbeben von Valdivia" oder "Großen Chile-Erdbeben" weitaus weniger Menschen ums Leben kamen als unlängst in China, liegt nur daran, dass Chile weitaus dünner besiedelt ist. Das Beben hatte im Epizentrum eine Stärke von 9,5, ihm folgten viele starke Nachbeben und ein verheerender Tsunami. Manche Orte an der Pazifikküste wurden in Gänze zerstört und weggespült, in Puerto Montt fielen dem Beben 80 Prozent der Gebäude sowie die gesamten Hafenanlagen zum Opfer. Die wohl einzigen, die der Katastrophe etwas Positives abgewinnen konnten, waren die Geologen: Bei dem tektonischen Großereignis hatte sich nicht nur die Nazca-Platte 40 Meter unter die Südamerikanische Platte geschoben (normal sind ein paar Zentimeter im Jahr), die seismischen Wellen wanderten auch durchs Erdinnere und zurück, was den Wissenschaftlern neue Erkenntnisse über dessen Beschaffenheit ermöglichte.


Puerto Montt, im Mai 1960

Das stärkste Erdbeben der Welt also, vor knapp 50 Jahren. Heißt das nun, dass die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Mega-Bebens denkbar gering ist, oder neigt diese Zone gerade zu katastrophischem Verhalten? Grundsätzlich, so lässt sich aus den Grafiken der Seismologen ablesen, sind Puerto Montt und Umgebung ein eher erschütterungsarmes Gebiet innerhalb Chiles. Gibt das Sicherheit? Eher nicht. Für gewöhnlich verdrängen wir die Vorstellung, innerhalb von ein paar Minuten, irgendwann und ohne Vorwarnung, könnte die ganze Stadt auf links gedreht sein. Den Chilenen geht es nicht viel anders: In einer Online-Umfrage des Llanquihue bekannten über 70 Prozent der Teilnehmenden (n unbekannt), nicht zu wissen, wie sie bei einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben oder einem Tsunami reagieren sollten. Auch nicht gerade beruhigend.

Mir kommt die latente Gefahr immer mal wieder in den Sinn. Zuletzt, als ich bei Sodimac, dem hiesigen Äquivalent zu Bauhaus-Hornbach-Obi Schrauben kaufen war. Vor meinem inneren Auge stürzte der tonnenschwere Inhalt der Hochregale in Sekundenschnelle zu Boden und begrub die panischen Kunden unter sich. Gut, sagte ich mir, dann muss man eben, wenn es losgeht, in ein Regal kriechen, um einigermaßen sicher zu sein. Hoffentlich stimmt das auch.

Wasser, viel Wasser

Zurzeit werden Mittel- und Südchile von einer ausgedehnten pazifischen Regenfront heimgesucht. Wie es dort aussieht, wo die Kanalisation noch weniger auf starke Niederschläge eingestellt ist als hier in Puerto Montt, zeigt diese Bildergalerie.

Wer sich an den bei uns herrschenden Wetterbedingungen delektieren möchte, findet übrigens hier eine Liste von Webcams auf chilenischen Flughäfen und -plätzen. Die Kameras von Puerto Montt sind ganz in unserer Nähe installiert.

Donnerstag, 22. Mai 2008

Nachträge

Natürlich gab es am 21 de Mayo auch Militärparaden mit viel Tschingderassabum. Wie es aussieht, wenn eine sozialistische Präsidentin im Kleid und mit Schärpe zur Nationalhymne marschiert, ist hier zu sehen:



Bei weitem nicht alle Chilenen haben die traditionelle Regierungserklärung mit Freude erwartet. Wie sie die Präsidentin empfangen haben, zeigen diese Bilder:


Das kleine Polizeifahrzeug, das Tränengas versprüht, wird im Volksmund zorrillo (Stinktier) genannt und hatte seine erste Auftritte unter Pinochet. Die Kampfanzüge der Polizisten sind neueren Datums, man bezeichnet sie liebevoll als tortugas ninja (Ninja Turtles).

Yasna, die in Arica wohnt, das bis zum Salpeterkrieg peruanisch war, habe ich gefragt, was der 21 de Mayo für sie bedeutet. Nicht besonders viel, sagt sie. Im Gegensatz zu den iquiqueños, vor deren Küste die legendäre Schlacht stattfand, und die das Datum alljährlich mit einer großen Parade begehen, sehen die ariqueños das Ganze eher gelassen. Man organisiert gerne Feten am Abend des 20. Mai und schläft dann in Ruhe aus. Oder man macht, wie Yasna, einen Ausflug mit der Familie ins weiter nördlich gelegene Tacna - nach Peru.

Original und Fälschung

Zwei identische Bilder - aber nur scheinbar. Wer den Unterschied findet und erklärt, was das soll, erhält eine Tüte knuspriger kandierter Erdnüsse.

Mittwoch, 21. Mai 2008

Heldentod

Wir können aufatmen: Chile ist eines der friedlichsten Länder der Welt. Der Global Peace Index (GPI), der seit dem vergangenen Jahr von Friedensexperten und -instituten in Zusammenarbeit mit der Economist Intelligence Unit (EIU) erstellt wird und versucht, die „Friedfertigkeit“ von Staaten zu messen, stuft unsere derzeitige Wahlheimat im Ranking der Nationen auf Platz 19 von 140 ein – Deutschland liegt gerade einmal fünf Plätze weiter oben auf Platz 14. Hätten wir uns für den Wohnort Kolumbien entschieden, müssten wir dagegen mit Rang 130 leben, und noch weiter nördlich, in den USA, ist es mit Platz 97 nicht viel besser. Chile dagegen: ein Paradies.

Die Kriterien, die zur Einstufung der Länder führen, sind hier nachzulesen. An der Zahl schwerer Waffen und der Militärausgaben kann Chiles gutes Abschneiden eigentlich nicht liegen. Dafür liegt die Anzahl der im In- oder Ausland geführten Kriege seit geraumer Zeit bei Null. Insofern steckt eine leise Ironie darin, das die freudige Nachricht ausgerechnet am 21. Mai in Chile eintraf – dem „Tag des Ruhms der Marine“, an dem die gesamte Nation des Seegefechts von Iquique gedenken soll.
Geführt wurde die Combate Naval de Iquique im Jahr 1879, im Rahmen des "Pazifik-Kriegs" gegen Peru. Gewonnen hat sie die peruanische Marine. Dass der Veintiuno de Mayo dennoch in Chile zum Nationalfeiertag erklärt wurde, ist dem Heldentod von Arturo Prat Chacón zu verdanken. Der chilenische Admiral starb ihn bei der ungleichen Auseinandersetzung seines Segelschiffes, der Esmeralda, mit dem in Großbritannien gebauten peruanischen Panzerschiff Huáscar. Die Esmeralda wurde dabei versenkt, Prat enterte die Huáscar mit einem patriotischen Spruch auf den Lippen und wurde erschossen. Ein paar Monate später fiel die Huáscar an Chile, das auch den Krieg für sich entschied. Heute ist das Schiff im Hafen von Talcahuano zu besichtigen. Die Stelle, wo Prat starb, ist markiert.

Geht praktisch täglich durch unsere Hände: Don Arturo Prat Chacón auf der 10.000-Peso-Note (ca. 13,50 Euro). Bild oben: Wikipedia.

Angenehm ist, dass trotz Feiertag das Schlachtengedröhn vergangener Tage kaum noch nachhallt – obwohl sich Chile und Peru gerade einmal wieder um Gebietsansprüche streiten. Um die ging es auch in jenem Krieg, der auf deutsch recht zutreffend „Salpeterkrieg“ genannt wird: Chile, Peru und Bolivien stritten sich um die Ausbeutung der reichen Vorkommen des Rohstoffs in der Atacamawüste. Heute hat der Salpeter seine wirtschaftliche Bedeutung längst verloren, und die Nachbarstaaten fechten ihre aktuellen Grenzstreitigkeiten vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag aus.

Im Gegensatz zum Ersten Mai, an dem in diesem Jahr zum ersten Mal der gesamte Einzelhandel (mit Ausnahme von Kleinstbetrieben) per Gesetz geschlossen blieb, ist der 21. Mai ein Feiertag, den man als Außenstehender kaum wahrnimmt. Für die Chilenen ist er heutzutage vor allem von Interesse, weil der Präsident bzw. die Präsidentin an diesem Tag eine Regierungserklärung vor dem Kongress hält.
Amtsinhaberin Michelle Bachelet verkündete darin gestern künftige Wohltaten, wie die Aufstockung des Gesundheitsetats oder die Aufhebung der Gebühren für die zentrale Einstufungsprüfung der Universitäten. Auch politische Reformen will Bachelet in den ihr verbleibenden knapp zwei Jahren Regierungszeit vorantreiben, wie das Wahlrecht für im Ausland lebende Chilenen sowie die Aufhebung der Wahlpflicht und des von der Diktatur geerbten „binominalen Wahlsystems“, das kleine Parteien extrem benachteiligt.

Für uns war der Held des gestrigen Tages unser
aus Deutschland eingeführtes Waffeleisen, das – endlich – wieder einmal zum Einsatz kam. Merke: Wer Waffeln backt, führt keine Kriege.

Dienstag, 20. Mai 2008

Complejo

Immer wieder interessant: nach Jahren der Abwesenheit zu beobachten, wie sich Sprache und Sprachgebrauch in einer Gesellschaft gewandelt haben. Grundsätzlich ist das chilenische Spanisch dafür ein ausgezeichnetes Objekt, denn der sprachliche Erfindungsreichtum, der Wortwitz und die Verspieltheit der Chilenen sind erstaunlich. Manchmal ist es aber schon unterhaltsam genug, kleinere Bedeutungsverschiebungen zu registrieren oder die inflationäre Verwendung von Vokabeln, die die Sprecher selbst meist gar nicht bemerken.

Ich erinnere mich an einen Dokumentarfilm von Orlando Lübbert, der das postdiktatoriale Chile Anfang der Neunziger skizzierte und von einer solchen Beobachtung ausging: Pötzlich sagten alle correcto statt sí, wenn sie etwas bejahen wollten (¿Fuiste a comprar el pan? - ¡Correcto!). Aus solchen damals üblichen Dialogen glaubte der Filmemacher ableiten zu können, dass das Militärische bis ins Mark der chilenischen Gesellschaft vorgedrungen sei. Ich fand das eher gewagt, denn auch wenn "korrekt" hierzulande eine soldatische Floskel sein mag, schien mir das nur eine von vielen möglichen Interpretationen zu sein - abgesehen von der nicht ganz abwegigen Möglichkeit, dass hier militärische Sprache bewusst verballhornt wurde.

Wie dem auch sei: Heute antwortet außerhalb von Klassenzimmern kaum noch jemand mit correcto. Dafür ist jetzt alles "komplex". Egal, um welches Thema es geht, immer ist irgendetwas complejo oder gerne auch bastante complejo, ziemlich komplex. Man könnte auch - je nachdem - "schwierig", "problematisch", "unmöglich", "unverschämt", "gewagt", "heikel", "dramatisch", was auch immer, vielleicht auch "kompliziert" sagen. Sagt man aber nicht. Stattdessen sagt der Präsident der chilenischen Zentralbank, das laufende Jahr werde sich aufgrund der US-Krise "sehr komplex" für Chile gestalten, oder aber ein Leserbriefschreiber findet es "komplex", dass konservative Kreise ihre Ablehnung der "Pille danach" dem Rest der Gesellschaft aufzwingen wollten.

Es dauert in Chile auch nicht lange, bis solche Phrasen genüsslich ironisiert werden. Wie in meiner derzeitigen Lieblings-Radiosendung, einem intelligenten und witzigen Nachmittagstalk: Da bezeichnet ein Gast ein Regierungsmitglied als pelotudo, was sich freundlich mit "Vollidiot" übersetzen könnte. Der Moderator merkt daraufhin an, einen amtierenden Minister als Vollidioten zu bezeichnen, sei ja "höchst komplex". Soll wohl heißen: ungeschickt, vielleicht sogar juristisch problematisch, aber durchaus korrekt.

Amor ciego

Auch bekannte Namen aus den teleseries setzt sich für die Vulkanopfer ein.

Samstag, 17. Mai 2008

Rote Karte

Gestern war Internationaler Tag gegen Homophobie. Aus diesem Anlass hat die chilenische Homo-Organisation MovilhMovimiento de Integración y Liberación Homosexual – eine Aufklärungskampagne gestartet. Motto: „Zeig der Diskriminierung die Rote Karte“. Entsprechendes Infomaterial soll ab heute in schwulen, lesbischen, transgender- und sonstigen Lokalitäten verteilt werden.


"Wir wollen, dass Diskriminierungen angezeigt und öffentlich gemacht werden – und zwar nicht aus der Anonymität heraus. Nur wenn wir unser Gesicht zeigen und unsere Namen nennen, können wir etwas verändern", sagt Sandra Pavez, die es wissen muss. Die lesbische Religionslehrerin und Sprecherin von Movilh hat gerade letztinstanzlich einen Prozess gegen die katholische Kirche verloren, die ihr aufgrund ihrer sexuellen Orientierung die Lehrbefugnis für staatliche Schulen entzogen hatte. Das heißt: die Orientierung alleine war dann doch nicht Grund genug. Pavez hatte die Forderung des Bischofs von San Bernardo abgelehnt, fürderhin zölibatär zu leben und sich einer psychiatrischen Behandlung zu unterziehen, wenn sie denn weiter unterrichten wolle.

Auch sonst ist es in Chile noch ein weiter Weg bis zur rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung von sexuellen Minderheiten, aber die ersten Schritte sind getan. Immerhin ist der bereits erwähnte Pedro Lemebel, zurzeit einer der profiliertesten Schriftsteller des Landes, eine bekennende Tunte, ein Mittfünfziger, der sich in einer Mischung aus Hausfrauenlook und Femme fatale in der Öffentlichkeit zeigt. Und zurzeit wirbt die private Universität Academia del Humanismo Cristiano um neue Studenten mit ganzseitigen Anzeigen, die gleichgeschlechtliche Paare zeigen – mit dem Slogan En la Academia hay lugar para todos - Puertas abiertas para mentes abiertas. Soll heißen: „An der Akademie ist Platz für alle – Offene Türen für offenes Denken.“

Sicher: Auch in Sachen Homophobie – und „Lesbophobie“, wie man hier sagt – macht nur Stadtluft einigermaßen frei, und die weht ausschließlich in Santiago. In der Provinz haben es die maricones, die tortilleras und wie sie sonst noch abfällig genannt werden, noch besonders schwer. Aber so anders ist das in Deutschland ja auch nicht, allen Diversitätdiskursen zum Trotz. In Berlin, so lese ich, hat der Verein Maneo anlässlich des Homophobie-Tages zu einem „Knutschmarathon“ vor dem Neuköllner Rathaus aufgerufen. Auch dazu gehört immer noch und schon wieder reichlich Mut.

PS: Chiles erste Schwulenzeitschrift heißt übrigens OpusGay.

Donnerstag, 15. Mai 2008

Singverbot

De pie, cantar, que vamos a triunfar,
avanzan ya banderas de unidad.
Y tú vendrás marchando junto a mí,
y así verás tu canto y tu bandera florecer.
La luz de un rojo amanecer
anuncia ya la vida que vendrá.


Das Lied El pueblo unido jamás será vencido war ein akustisches Emblem der Regierung der Unidad Popular, genauer: der Soundtrack zum letzten Aufbäumen der Volksfront vor dem Militärputsch, den viele schon mit Furcht erwarteten, als die Gruppe Quilapayún die Hymne im Juni 1973 zum ersten Mal anstimmte. Auch in den Jahren des Exils war El pueblo unido der krönende Abschluss unzähliger Solidaritätsveranstaltungen, beim Skandieren des (nicht gesungenen) Refrains die linke Faust steil in die Höhe gestreckt.



Rein textlich ist El pueblo unido natürlich linker Kitsch, aber in Kombination mit der Musik - einer Art melancholischer Marsch, der mehr Fatalismus als Triumphalismus verbreitet - mitreißend. Zuletzt hörten wir es auf der 1.-Mai-Kundgebung in Santiago, wo wir auch ein paar Takte mitschnitten. Das gefiel den Kindern gut. So gut, dass sie es seit ein paar Tagen immer wieder laut trällern - wie sie es eben können: El pueblo unido / ará sedá besido heißt B.s leicht veränderte Version, während sich J. immerhin noch streng an den Rhythmus hält: Epéro, enído / auí usá euído!


Jetzt stecken wir in einem Dilemma: Einerseits freuen wir uns über das Interesse unserer Kinder an revolutionärem Liedgut. Andererseits besucht der ältere von beiden eine Bildungseinrichtung, an der sozialistisches Gedankengut nicht unbedingt zur Tradition gehört. Um es vorsichtig auszudrücken. Und El pueblo unido besitzt auch 35 Jahre nach dem Putsch und knapp 20 Jahre nach der Rückkehr zur Demokratie nicht nur einen hohen Wiedererkennungswert, sondern gehört durchaus weiterhin in die Kategorie „polarisierende Symbolik“. Wir haben B. empfohlen, das Lied besser nicht in der Schule zu singen. Wir kommen uns dabei ziemlich blöd vor.


Mittwoch, 14. Mai 2008

Sonderbare Erscheinungen


Das musste jetzt noch sein: Nach längerem Wühlen im Netz habe ich ein Bild wiederentdeckt, das mir vor vielen Jahren schon einmal in irgendeiner chilenischen Zeitschrift begegnet war. Es zeigt Augusto Pinochet im September 1986, kurz nach dem Attentat, das ein Kommando der linksextremen FPMR auf ihn verübt hatte. Dass der Diktator den Kugelhagel und die auf sein Auto abgefeuerten Raketen mit einer leichten Verletzung an der Hand überlebte (im Gegensatz zu fünf Mitgliedern seiner Eskorte) war seiner Ansicht nach nicht nur der Panzerung des Fahrzeugs zu verdanken, sondern ein direkter Gnadenerweis der Jungfrau Maria, unter deren persönlichem Schutz sich der gläubige Katholik immer wähnte. Den Beweis führt er auf diesem Foto der Presse vor: In einem Seitenfenster seines Mercedes haben die Geschosse der Terroristen die Umrisse der Muttergottes mit Jesuskind hinterlassen.


Aber das Bild der Santísima Virgen erscheint in Chile nicht nur auf den Autofenstern von Verbrechern, sondern auch in der abblätternden Farbe von Wänden, auf Hühnereiern oder im Schraubverschluss einer Coca-Cola-Flasche, wie der großartige Pedro Lemebel hier süffisant bemerkt (leider nur auf Spanisch). Sein Text erzählt die monströs absurde, aber wahre Geschichte des Waisenknaben Miguel Ángel, der Anfang der Achtzigerjahre irgendwo in der südchilenischen Provinz Marienerscheinungen hatte - woraufhin abertausende Gläubige auf einen Hügel pilgerten und ein Heiligtum errichteten. Die wenigen, die heute noch dort beten, erinnern sich an Miguel Ángel allerdings nur ungern. Er hat zwischenzeitlich eine mysteriöse Geschlechtsumwandlung vollzogen (Maria ließ ihn zur Frau werden, sagt er bzw. sie), und die Kirche hat ihn bzw. sie schon damals nach eingehender Prüfung als Scharlatan eingestuft. Die Muttergottes verehren darf man mit Erlaubnis der vatikanischen Glaubenskongregation trotzdem auf dem Berg - solange man sich dabei nicht direkt auf die vermeintlichen Erscheinungen bezieht.

Hier ein Fernsehbericht über den mysteriösen Fall:



Dienstag, 13. Mai 2008

Schoenstatt

Nicht nur in der Verehrung der Virgen del Carmen äußert sich der katholische Marienkult in Chile, die Anbetung der Gottesmutter treibt bisweilen Blüten, von denen ich gar nichts ahnte. So steht, ein paar Steinwürfe von unserem Haus in Valle Volcanes entfernt, eine rechtsrheinische Friedhofskapelle auf einem Plateau hoch über Puerto Montt. Der Ort ist exquisit und eignet sich gut, Besuchern einen ersten Blick auf Stadt und Bucht sowie - in der Gegenrichtung - auf die gewaltigen Vulkane zu ermöglichen. Was es mit der merkwürdig vertrauten Architektur des Kirchleins auf sich hat, habe ich erst jetzt erfahren.


Santuario Schoenstatt steht auf den Schildern, die den Weg zur Kapelle weisen. Das "Heiligtum" ist nämlich eine Filiale der Schönstatt-Bewegung - einer marianischen "Erneuerungsbewegung" innerhalb der katholischen Kirche, die Pater Josef Kentenich 1914 in einem Jungen-Internat in Schönstatt gründete, einem Ortsteil der Stadt Vallendar bei Koblenz. Markenzeichen von "Schönstatt", das in mehreren Dutzend Ländern aktiv ist und vom gleichnamigen Ort aus geleitet wird, ist der Bau sogenannter "Schönstattkapellchen", mehr oder weniger exakten Kopien einer Friedhofskapelle, in der Pater Kentenich mit seinen Zöglingen seinerzeit das "Liebesbündnis" einging, eine "Weihe an die Gottesmutter", wie er es nannte.

Jene Kapelle gilt heute als "Urheiligtum" der Bewegung. Im Inneren aller Ableger, ob sie nun in Chile, Tansania oder Australien stehen, hängt dasselbe bonbonbunte Bild einer Maria mit Jesuskind, das sich im Original befindet. Anhänger der Schönstatt-Bewegung haben übrigens ein virtuelles Heiligtum errichtet, einen "realen Gnadenort im Internet", an dem das Gemälde betrachtet werden kann. Ich war recherchehalber dort, laut Counter allerdings ganz allein. In der noch realeren Kapelle von Puerto Montt knieten zwei Frauen, hier wollte ich nicht stören. Trotzdem war mir der Ort sympathisch, weil ich stille Räume mag, egal, welchem Zweck sie dienen. Vielleicht gehe ich nochmal hin.

Montag, 12. Mai 2008

Ungeschützter Datenverkehr

Francisco Vidal, der chilenische Regierungssprecher, ist normalerweise nie um eine Antwort verlegen. Tagein, tagaus rückt er die Politik der Moneda redegewandt in ein vorteilhaftes Licht oder bügelt die handwerklichen Fehler seiner Kollegen aus: Der Sprecher des Kabinetts besitzt in Chile Ministerrang, und der Amtsinhaber hat immerhin auch schon einmal das Innenressort geleitet.


Nur bei einem Thema glaubte Vidal vor ein paar Tagen, mit Ahnungslosigkeit kokettieren zu dürfen: „Von Computern verstehe ich überhaupt nichts. Ich weiß gerade einmal, dass es etwas gibt, was man 'Hacker' nennt. In Sachen Technologie bin ich Analphabet.“ Solche Aussagen könnte man überall auf der Welt aus Politikermund vernehmen, und wahrscheinlich beschreiben sie nicht nur die Realität, sondern dienen auch der Anbiederung beim Volk: Die da oben, so die Botschaft, sind genau so hilflos wie wir, wenn ihnen der Rechner abstürzt.


In diesem Fall ist die vom Regierungssprecher zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit aber besonders peinlich, denn es geht um ein Thema, das in Chile erschreckenderweise gar keines ist: Datenschutz. Auch wenn sich das Land hinter den Anden nicht ganz zu Unrecht einer fortgeschrittenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung rühmt – was den Umgang mit persönlichen Daten angeht, gibt es noch sehr, sehr viel zu tun. Das zeigt der Skandal, den besagter „Hacker“ losgetreten hat: Er hatte ein paar Links in einen Kommentar zum Technologie-Blog FayerWayer gestellt, über die man (jedenfalls bis zu ihrer Entfernung durch die Blogbetreiber) direkten Zugang zu persönlichen Angaben von mehr als sechs Millionen Chilenen hatte. Laut Mercurio stammten sie aus drei Quellen: von der Rekrutierungsbehörde des Militärs, dem Bildungsministerium und der Wahlkommission. Eine Abteilung der Kriminalpolizei zur Bekämpfung von Internetkriminalität soll jetzt klären, ob tatsächlich gehackt wurde und wie persönlich die gewonnenen Daten sind.


Niedlich: So stellt sich der Mercurio einen Hacker und sein Instrumentarium vor. Erinnert mich irgendwie an "Matrix". (Ausriss: El Mercurio)


Der springende Punkt ist: Die Daten unterliegen überhaupt keiner Geheimhaltung, und die meisten können von Unternehmen oder sonstigen Interessenten von den Behörden ganz legal gegen Bares erworben werden. Insofern lag Vidal mehr als falsch, als er kundtat, der Fall sei ein Fall für den Staatsanwalt, nicht für die Regierung. Ein Autor des erwähnten Blogs hat sich die Mühe gemacht, das chilenische Datenschutzgesetz einmal genau durchzulesen. Sein Fazit ist ernüchternd: „Du dachtest, deine persönlichen Daten gehören dir? In Chile ist das nicht der Fall.“


Auch uns wundert hier praktisch nichts mehr, seit wir wochenlang darunter zu leiden hatten, dass sich die Ausstellung unserer RUT verzögerte. Die RUT – Rol Unico Tributario – ist eine neunstellige Identifikations- und Steuernummer, die man ein Leben lang behält und die jeder Chilene im Schlaf aufsagen kann. Aber man lernt sie auch schnell auswendig, denn man wird immer und überall nach ihr gefragt - ob man nun eine Matratze kauft oder einen Eilbrief verschickt, einen Handyvertrag abschließt oder den Montageservice vom Baumarkt ordert. Hat man keine, ist man eine Unperson, ein Niemand. Dann streikt zum Beispiel der Computer in der Matratzenabteilung, weil er ohne RUT die Auslieferung aus dem Lager nicht möglich ist. Weil die Chilenen aber hilfsbereite Menschen sind, hat der Matratzenverkäufer nach langem Hin und Her einfach eine andere RUT eingegeben. Die Matratze wurde dann umgehend geliefert, aber seitdem ruft immer mal wieder jemand von Ripley an und verlangt eine gewisse Señora Yessica zu sprechen. Wie vermuten einen ursächlichen Zusammenhang.


So geht Datenschutz: Korrekt bildtechnisch behandelter Ausländerausweis


Angeblich – wir konnten das nicht überprüfen – erscheinen auf dem Display des Computers (oder wo auch immer) alle im Zusammenhang mit der RUT gespeicherten Daten, auch Anschrift und Telefonnummer sowie das von der Einwohnermeldebehörde digitalisierte Foto. Wundern würde mich das nicht. Einer der Behördengänge beim Kauf unserer camioneta führte mich auf ebenjenes Amt. Auf die bloße Nennung des Autokennzeichens hin druckte mir eine freundliche Dame eine Liste aus, die genauestens aufführte, wer jemals dieses Fahrzeug besessen hatte - mit vollen Namen und Adressen. Das ganze kostete umgerechnet einen Euro, identifizieren oder als künftiger Eigentümer des Wagens ausweisen musste ich mich nicht. Der Beispiele gäbe es noch einige.


Versuch's mal mit Humor: "Bitte lächeln, Sie werden gefilmt." Hier in einem Parkhaus von Puerto Montt.


In Deutschland habe ich mir nie große Gedanken über Datenschutz gemacht. Das ändert sich langsam. Auch die Warnungen vor Überwachungskameras fand ich meistens hysterisch. Hier wird man, zumindest im urbanen Raum, auf Schritt und Tritt gefilmt – und auch noch aufgefordert, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. In unserer Nachbarkommune Puerto Varas gab es vor ein paar Wochen eine heftige Debatte über ein paar Dutzend frisch im Zentrum installierte Kameras. Dabei ging es auch um das Recht am Bild, aber nicht im eigentlichen Sinne: Die Polizei stritt sich mit der Stadtverwaltung darum, wer exklusiv auf die Aufzeichnungen würde zugreifen dürfen. Ich habe das nicht weiter verfolgt, wahrscheinlich tun sie es jetzt beide.


Sonntag, 11. Mai 2008

Guten Appetit

Wer diese aus deutschen Backstuben nach Chile eingeführte Spezialität errät, erhält als Belohnung ein ofenfrisches Stück (Anfahrt nicht inbegriffen).


Samstag, 10. Mai 2008

Der weiße Nebel wunderbar

Gemeinhin wird ja Santiago in den Smog-Rankings der Welt ganz weit oben geführt und gilt somit auch innerhalb Chiles als Gipfel der Luftverschmutzung. Wer das glaubt, kennt Puerto Montt noch nicht. Mit der kalten Jahreszeit verpesten abertausende von mit Brennholz beschickten Kaminöfen die Atmosphäre. Zum Schneiden wird die Luft nach Einbruch der Dunkelheit bzw. Feierabend, wenn in den meisten Häusern wieder kräftig angefeuert wird. Für den Teer in unseren Bronchien und das Raucharoma unserer Wäsche nochmals vielen Dank, EU!

Freitag, 9. Mai 2008

Angebrannt

Chile ist ein katholisches Land. Theoretisch. Zwar gelobten bei der letzten Volkszählung im Jahr 2002 knapp 70 Prozent der Befragten dem Papst die Treue, und im Machtgefüge der chilenischen Gesellschaft besetzt die katholische Kirche weiterhin eine strategische Position. Im realen Leben spielt das aber keine sonderlich bedeutende Rolle. Als ein frommes Volk kann man die Chilenen beim besten Willen nicht bezeichnen, auch wenn sich bisweilen die Frau auf dem Nebenplatz in der micro hastig bekreuzigt, weil der Bus gerade an einer Kirche vorbeirumpelt.


So war es auch kein bekennender Agnostiker (laut Zensus immerhin gut acht Prozent der Bevölkerung), der am Vormittag des 18. April die Statue der Virgen del Carmen, eine Marienfigur in der Kathedrale von Santiago, mit einer Kerze anzündete.* Vielmehr handelte es sich um einen verwirrten jungen Mann, der später in einer anderen Kirche festgenommen wurde, und in dessen Taschen neben einem Feuerzeug religiöse Bildchen gefunden wurden. Den Attentäter steckte man in eine psychiatrische Klinik, für die Wiederherstellung der verkohlten Kleider der Jungfrau Maria, die vom Kirchenpersonal mit einem Gartenschlauch gelöscht worden waren, wird Geld gesammelt. Die chilenischen Bischöfe, die an jenem Tag gerade ein gemeinsames Arbeitstreffen beendeten, feierten am Sonntag darauf eine misa de desagravio, eine Wiedergutmachungsmesse, vielleicht um die „Nationalheilige“ zu besänftigen.


Das war ein gefundenes Fressen für das Satire- und Reportageblatt The Clinic. Es titelte Milagro: Virgen del Carmen se quemó sin calentarse, was so viel wie „Wunder: Die Jungfrau verbrannte, ohne heiß zu werden“ bedeutet. Wobei letzteres Verb im Spanischen zweifelsfrei sexuell zu verstehen ist.


Das konnte die Kirche nicht auf sich sitzen lassen: In einem Leserbrief, nicht an The Clinic, sondern an den rechtskonservativen Mercurio, beklagte sich ein Würdenträger der Erzbistums Santiago bitter über solchen Spott. „Die Titelseite hat die Liebe und den Respekt verletzt, den wir der Jungfrau Maria schuldig sind. Guter Humor: ja; Grobheiten: nein: Blasphemie: niemals!“ Das Leserforum des Mercurio quoll daraufhin regelrecht über – von Beiträgen beleidigter Katholiken ebenso wie Aufrufen zur Mäßigung und zur Verteidigung der Meinungsfreiheit.


Unser Land befindet sich in einem Prozess des moralischen Verfalls“, befindet etwa Hector Precht Bañados, „von der Wiege bis zur Bahre werden den Chilenen ihre Werte madig gemacht. In unserer Gesellschaft werden Gewalt und banale Sexualität verherrlicht, die Korruption triumphiert, der Schein gilt mehr als das Sein, man pflegt einen obsessiven Konsum, die Familie wird nach und nach zerstört, die Verehrung des Vaterlands und seiner Helden wird ins Lächerliche gezogen.“ Hingegen schreibt Xavier Parra Morales an die Adresse der Empörten: „Niemand wird gezwungen, die Titelseiten am Kiosk zu lesen. Schauen Sie einfach woanders hin. Die Kirche für ihren Teil zwingt uns in vielerlei Hinsicht durchaus, uns ihre zweifelhafte Moral zu Eigen zu machen. Ihr Christen wollt immer alles kontrollieren. Eine Karikatur schadet niemandem. Was euch Sorgen macht, ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen aufwachen und merken, dass es weder Sinn macht noch der Gesellschaft gut tut, an Märchen zu glauben.“


Die Redaktion von The Clinic (die so übrigens zu Ehren der London Clinic heißt, in der einst Augusto Pinochet unter Arrest gestellt wurde) hat nichts anbrennen lassen und all diese Briefe in voller Länge abgedruckt. Die Lektüre ist im besten Sinne erhellend.


* Für Neugierige: Die ganze Story steht hier.


Nochmal: Chaitén

Weitere Bilder und Erklärungen auf deutsch bietet heute Spiegel Online. Und so sehen wir den Ausbruch (bei optimalen Sichtbedingungen):




Donnerstag, 8. Mai 2008

Rettung naht

"Rettung naht", titelt der Llanquihue, unsere Provinzchronik, die zurzeit praktisch nur aus Sonderseiten zum Thema Vulkanausbruch besteht: Rettung für rund 400 Haustiere, die ihre Besitzer im inzwischen fast vollständig evakuierten Chaitén zurücklassen mussten. Eine kleine Truppe aus Veterinären und Tierschützern hat bereits mehrere Tonnen Tiernahrung in die Geisterstadt gebracht. Hunde und Katzen sollen nun in der städtische Sporthalle gefüttert und medizinisch betreut werden. Weniger Hoffnung gibt es für mehrere tausend Stück Vieh, vor allem Rinder und Schafe, die in der Umgebung des Vulkans verseuchtes Gras weiden. Experten sagen ein Massensterben in den kommenden Tagen voraus, weil die Asche die Mägen der Tiere langsam verstopft.

"Hunde, Katzen und Kaninchen kämpfen gegen die Wut des Vulkans"
Ausriss Diario El Llanquihue


Noch zittern die Evakuierten: Vielleicht gibt der Vulkan ja doch noch Ruhe und verschont ihre Stadt. Chiles Vulkanologen sind da freilich weniger optimistisch. Eines der besseren Szenarien wäre ihnen zufolge der Ausstoß von Lava, die vermutlich so zähflüssig wäre, dass sie die Stadt gar nicht erst erreicht. Problematisch wären dann nur die durch das glühende Material verursachten Waldbrände. Sollte es hingegen richtig schlimm kommen, bricht die Eruptionssäule in sich zusammen, und pyroklastische Ströme schießen ins Tal herab. Sie könnten die kleine Stadt Chaitén tatsächlich dem Erdboden gleichmachen.

Vor der Gobernación Provincial, der Provinzverwaltung im Zentrum von Puerto Montt, stehen jetzt ständig Trauben von Menschen. Es sind Chaiteninos, deren eigene Behörden hier provisorisch Aufnahme gefunden haben. An Solidaritätsbeweisen mangelt es auch sonst nicht: Die Schulen, an denen in den kommenden Tagen Schüler aus Chaitén unterrichtet werden, sammeln fleißig Lebensmittel für deren Familien, das Multiplex-Kino gewährt den Flüchtlingen freien Eintritt, und einer der wichtigsten Fernsehsender des Landes hat gestern sein Morgenprogramm live aus der Mall von Puerto Montt übertragen. Die Regierung verspricht - wie in solchen Fällen üblich - unbürokratische Hilfe.


Dass die Katastrophe der Stunde, wenn man es einmal so sarkastisch ausdrücken will, nicht der Vulkanausbruch in Chile, sondern ein Sturm in Birma ist, wird hierzulande nicht wahrgenommen. Das ist wohl auch normal so. Wäre gerade wieder einmal die Elbe über ihre Ufer getreten, spielte ein südostasiatischer Zyklon womöglich auch nur eine untergeordnete Rolle in den deutschen Nachrichten.

Wer in Chile dieser Tage ein wenig innehält und über den Ausbruch des Chaitén nachdenkt, muss zu unangenehmen Schlussfolgerungen kommen. Erstens ist das Andenland voll von Vulkanen, aktiven und (mutmaßlich) inaktiven. Zweitens hat kein Experte die aktuelle Eruption vorhergesagt, sie kam völlig überraschend. Drittens ist das Land, sind insbesondere die Städte Chiles in keinster Weise auf einen großen Vulkanausbruch vorbereitet. Andererseits: Wie viel Vorsorge ist unter solchen Voraussetzungen überhaupt möglich, wie viel sinnvoll? Müsste man der Sicherheit zuliebe nicht gleich das ganze Land vorsorglich evakuieren?

Während auch wir uns ein paar düstere Gedanken machen und den Kindern die Naturkatastrophe in weitere Ferne lügen, hat die Aschewolke, die ein gnädiger Wind beständig nach Osten bläst, die Provinz Buenos Aires erreicht. In Bahía Blanca an der Atlantikküste sorgt der Vulkan nach Angaben des Clarín sogar für wirtschaftlichen Aufschwung - zumindest für die Autofensterputzer, die den feinen weißen Staub an der Ampel von den Windschutzscheiben waschen dürfen.

Dienstag, 6. Mai 2008

Vulkan in Sicht

Etwas gruselig ist es schon, mit eigenen Augen den gigantischen grauen Aschepilz zu betrachten, der weit hinten über der Bucht in den Himmel steigt. Die Bewegungen innerhalb der Wolke sind von hier aus mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber das bis zu dreißig Kilometer hohe Gebilde verändert minütlich seine Form, wächst, wird vom Wind abgetrieben und verteilt, quillt von neuem nach oben.

An der Uferpromenade beobachtet kaum jemand das Spektakel, es ist vielleicht doch ein bisschen weit weg und bedarf einer lebhaften Phantasie, um Eindruck zu machen. Vor dem Fernseher ist man zweifelsohne näher dran und kann im Stundentakt Bilder des Ausbruchs betrachten oder verzweifelten Chaiteninos zuhören, die nicht fassen können, dass ihre Häuser, ihre Tiere, alles sich selbst überlassen bleibt. Eine Zwangsevakuierung ist nach chilenischem Recht gar nicht möglich, aber die wenigen, die sich entschlossen haben am Fuß des Chaitén auszuharren, sind mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit lebensmüde - ob man das Wort nun als "verrückt" interpretiert oder, wie im vielfach dokumentierten Fall eines Bauern, der auf die neunzig zugeht und sein Stückchen Land nicht mehr verlassen möchte, auch einmal im Wortsinne.

Viele der Flüchtlinge sind in Turnhallen und anderen öffentlichen Gebäuden von Puerto Montt untergebracht worden, Solidaritätsbekundungen sind allgegenwärtig und durchaus ernst zu nehmen. Die Chilenen werden sich in solchen Situationen wieder einmal bewusst, dass nur der Zufall bzw. die unergründliche Geologie entscheidet, wer als nächster dran ist. Die kleine Tierklinik um die Ecke bittet um Futterspenden für die in Chaitén verbliebenen Haustiere. Man werde es in den kommenden Tagen mit dem Flugzeug in die Stadt bringen, wo die hungrigen Tiere schon aggressive Rudel bilden sollen. Hundefutter spenden, wenn Menschen vor einem Vulkan fliehen, das klingt beim ersten Hören zynisch, aber es ist eben nur eine Facette der Hilfsbereitschaft.

Hier ein apokalyptisches Handy-Video aus Futaleufú, einem kleinen Ort östlich des Vulkans, wo die Wolke die Sonne verdeckt. Aufgenommen wurde es schon vor ein paar Tagen, angeblich um die Mittagszeit.


Asche und Lava

Nachdem der seit knapp zehntausend Jahren unauffällige Vulkan Chaitén in den vergangenen Tagen Asche über die gleichnamige Stadt hat regnen lassen, ist letztere heute Morgen auf Anordnung des Katastrophenschutzes vollständig evakuiert worden - die meisten der rund 4.000 Einwohner waren allerdings schon vorher per Schiff oder Flugzeug in Sicherheit gebracht worden.

Jetzt soll sich die Aktivität des Chaitén verstärkt haben, zum Ascheregen haben sich angeblich glühende Steine und Lava gesellt. Ich habe das zuerst über den deutschen Nachrichtenticker erfahren, der mich per individueller Konfiguration per E-Mail über Ereignisse in Chile informiert. Soll heißen: Hier in Puerto Montt ist alles ruhig, obwohl - ich habe das auf der Karte eben noch einmal überprüft - der Vulkan gerade einmal 150 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Was in etwa der Distanz Frankfurt-Karlsruhe entspricht. Oder Köln-Münster. Oder Kassel-Braunschweig.

Ich werde nachher mal zur Bucht runtergehen und schauen, ob in der Ferne der Rauchpilz zu sehen ist. Oder irgendetwas von den evakuierten Chaiteninos. Auch Douglas Tompkins musste seinen Park räumen.

Eine recht beeindruckende Bildstrecke von der Eruption und den Evakuierungstätigkeiten gibt es hier.

Montag, 5. Mai 2008

Tränengas

„Mir gefallen die Jungs irgendwie“, meint Benjamín, der mit seiner Digitalkamera Aufnahmen von der 1.-Mai-Demo auf der Alameda macht. Aufgerufen hat Chiles Gewerkschaftsverband CUT, gekommen sind Arbeiter und Arbeitslose, Sozialisten und Sozialdemokraten, Kommunisten, Trotzkisten, Humanisten, Indigenen-Vertreter und überhaupt jeder, der eine Fahne halten kann. Nicht dass für eine Mai-Kundgebung im Jahr 2008 halb Chile auf die Straße ginge, aber angesichts des miserablen Organisationsgrades der chilenischen Arbeitnehmerschaft (und der miserablen Bedingungen, sich zu organisieren), machen 10.000 Teilnehmer schon etwas her.


Die Jungs, die Benjamín meint, sind freilich die Störenfriede dieses gesellschaftlichen Ereignisses: junge Männer in Schwarz, viele vermummt, die sich im Anschluss eine erbitterte Straßenschlacht mit den martialisch uniformierten Kampfeinheiten der Polizei liefern – Bilder, wie man sie aus Kreuzberg oder Hamburg kennt. Benjamín, der so nicht heißt, aber diesen Namen vor zwei Jahrzehnten als nom de guerre der Kommunistischen Jugend verwendete, teilt mit den anarcos, wie er die in keiner Partei organisierten Steinewerfer nennt, keine Ideologie. Aber ihre Wut auf die Gesellschaft kann er verstehen: „Die haben doch kaum Chancen, und sie werden von keinem politischen Lager vertreten. Wenn ich sehe, wie die an den Unis, wo sie versuchen zu studieren, abgezockt werden, wundert es mich nicht, dass sie Steine schmeißen.“

Man muss das natürlich so nicht sehen, und viele tun es auch nicht. Ein wenig Nostalgie schwingt wohl in Benjamíns Worten mit, immerhin waren es ja die Jungkommunisten und verwandte Gruppen, die in den Achtzigern Steine gegen das Pinochetregime geworfen haben. Die neue Demokratie ist nun schon fast zwei Jahrzehnte alt, aber wie gerecht geht es in Chile heute tatsächlich zu? Der Vorsitzende der CUT, Arturo Martínez, geißelt in seiner Ansprache die Ausbeutung von Arbeitern durch Subunternehmen – in der Kupferproduktion, dem mit Abstand wichtigsten Exportzweig und Devisenbringer, befinden sich viele von ihnen zurzeit im illegalen Ausstand.


Am Ende wird die Polizei 146 Festnahmen von Randalierern melden – deutlich weniger als in den Jahren zuvor. Wir haben, auch auf die freundliche Warnung anderer Demonstrationsteilnehmer hin, mit den Kindern schon vorher das Weite gesucht. Den beißenden Geruch des Tränengases haben die beiden trotzdem von weitem geschnuppert. Ein für Chile nicht untypischer Geruch.


Vereint wird das Volk übrigens weiterhin siegen - insbesondere mit musikalischer Unterstützung durch unsere Lieblingsgruppe Inti Illimani:




Freitag, 2. Mai 2008

Blut im Bus


Weil der Erste Mai auf einen Donnerstag fällt, bereiten sich die Chilenen ein sandwich zu – unten Feiertag, Brückentag in der Mitte, Wochenende obendrauf. Wir nutzen die willkommene Auszeit für einen Ausflug nach Santiago. Mit dem Flieger dauert die Reise anderthalb Stunden, aber die Busfahrt – 13 Stunden über Nacht – ist bedeutend billiger. Diesmal haben wir auch alles richtig gemacht: Wir besetzen die Plätze 1 bis 4, die asientos panorámicos im Obergeschoss eines der großen Doppeldecker aus brasilianischer Herstellung, die über die Panamericana rollen.

Wir haben nämlich gelernt, dass die bequemen Schlafsitze im Bauch des Busses, auf denen man sich für einen ordentlichen Aufpreis in voller Länge ausstrecken kann, ihren Preis nicht wert sind, zumindest wenn man mit Kindern reist. Das liegt an einer Unsitte, die aus südamerikanischen Reisebussen leider nicht wegzudenken ist: der Zwangsunterhaltung per Video.

Man muss gerechterweise anmerken, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren verbessert hat: Seit DVDs die VHS-Kassetten abgelöst haben, wird man nicht mehr mit verrauschten Bildern gequält, denen längst die Farbe abhanden gekommen ist. Auch die Qualität der Filme selbst ist gestiegen: Statt Kung-Fu-Müll läuft jetzt immerhin der letzte Bond oder "Kill Bill". Mir kann das nur recht sein, denn ich leide unter dem Zwang, alle bewegten Bilder in meinem Blickfeld verfolgen zu müssen. Auf einer Reise durch Ecuador, Peru und Chile musste einmal ich ein unerträgliches Machwerk, in dem ein Familienvater bei einem Autounfall ums Leben kommt und als schlappohriger Hund wiedergeboren wird, exakt dreimal ansehen: Ich konnte einfach nicht anders.

Aber jetzt sind da die Kinder. Gegen „The Departed“ ist nichts einzwenden, aber ist es übertrieben fürsorglich, wenn man einem Drei- und einem Siebenjährigen die Szene lieber vorenthalten möchte, in der Jack Nicholsons Knarre einer jungen Frau eine Fontäne aus Blut und Hirnmasse aus dem Schädel jagt? Ist es nicht. Bloß werden die Blicke der Kleinen genauso magnetisch vom Bildschirm angezogen wie mein eigener. Was tun? Mit Gesprächen ablenken? Sie verkehrt herum auf dem Sessel platzieren? Einen Sichtschutz aus den Vorhängen am Fenster basteln? Eine Kombination aller Methoden funktioniert, aber ein zweites Mal möchte man sich das nicht zumuten. Deshalb nun die Panaoramasitze oben, ganz vorne am Fenster. Sie sind weniger bequem, aber hier ist der Fernseher genau über unseren Köpfen angebracht, und um etwas zu erkennen, müsste man den Hals weit nach hinten verdrehen.

Genau das tue ich, während der Rest der Familie einigermaßen friedlich schläft. Weil ich aber „The Village“ von M. Night Shyamalan schon kenne, gehe ich zwischendurch aufs Klo. Und entdecke, dass sich außer mir praktisch niemand die Mühe macht, den Film zu verfolgen. Fast alle im Bus schlafen, in den Gesichtern das blaue Flackern der Bildschirme. Als das Licht endlich erlöscht, kann ich nicht mehr einschlafen. Aber das ist eine andere Geschichte.